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Sascha Ziemann, Stichwort: „Neukantianismus“ in:

Sascha Ziemann

Neukantianisches Strafrechtsdenken, page 23 - 25

Die Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus und ihre Rezeption in der Strafrechtswissenschaft des frühen 20. Jahrhunderts

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4210-6, ISBN online: 978-3-8452-1595-2 https://doi.org/10.5771/9783845215952

Series: Studien zur Rechtsphilosophie und Rechtstheorie, vol. 53

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23 Erster Teil Die Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus in ihren Grundlinien Im ersten Teil der Arbeit sollen die Grundlinien der Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus dargestellt werden. Dieses Unternehmen stößt auf einige Schwierigkeiten, die bei den weiteren Ausführungen beachtet werden müssen. Eine erste Schwierigkeit liegt darin, dass das Theorieprogramm des Südwestdeutschen Neukantianismus keine geschlossene Gestalt gefunden hat. Dies gilt sowohl für den klassischen Neukantianismus der Schulhäupter Wilhelm Windelband und Heinrich Rickert als auch für Vertreter des jüngeren Neukantianismus wie etwa Emil Lask.16 Die im Folgenden darzustellenden „Grundlinien“ der Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus verkörpern damit zwar wesentliche Charakterzüge der Südwestdeutschen Schule, erheben aber keinen Anspruch auf deren vollständige Rekonstruktion17. Eine weitere Schwierigkeit ist darin zu sehen, dass nicht alle Lehren des (Südwestdeutschen) Neukantianismus im eigentlichen inhaltlichen Sinne neukantianisch sind. In typologischer Absicht besehen, lassen sich innerhalb des neukantianischen Theorieprogramms zwei Argumentationsstränge unterscheiden: einen tendenziell kantischen bzw. kantianischen sowie einen tendenziell neukantianischen Argumentationsstrang. Der kantianische Argumentationsstrang ist – im Wesentlichen – lediglich eine begriffliche Neuauflage der Lehren Kants und bietet keine eigentliche inhaltliche Weiterentwicklung. Ein Beispiel für das kantianische Erbe des Neukantianismus ist dessen erkenntnistheoretische Grundlegung18. Der neukantianische Argumentationsstrang des Neukantianismus bietet dagegen – im Wesentlichen – eine inhaltliche Neu- und Weiterentwicklung des Kantischen Erbes. Für den Fall des Südwestdeutschen Neukantianismus verspricht insbesondere die transzendentale Kultur- und Wertphilo- 16 Zum Systemgedanken im Südwestdeutschen Neukantianismus s. Krijnen, in: Alexy u. a. (Hrsg.), Neukantianismus und Rechtsphilosophie, 2002, S. 467–481 (am Beispiel Heinrich Rickerts). 17 Einen beachtlichen Beitrag zur historischen und systematischen Rekonstruktion der neukantianischen Wertphilosophie lieferte jüngst Wapler, Werte und das Recht, 2008. 18 Hier als „Grundlegungscharakter“ der Erkenntnistheorie bezeichnet. Für Einzelheiten s. § 3 I. >S. 33 ff.<. Erster Teil 24 sophie eine spezifisch neukantianische Neu- und Weiterentwicklung des Kantischen Gedankenguts19. § 1 Südwestdeutscher Neukantianismus als Begriff I. Stichwort: „Neukantianismus“ Was bedeutet die Bezeichnung „Neukantianismus“?20 In der Philosophiegeschichtsschreibung versteht man unter „Neukantianismus“ eine philosophische Schule, die ihre Ursprünge in der Mitte des 19. Jahrhunderts hat und in der Zeit zwischen Jahrhundertwende und Ausbruch des Ersten Weltkriegs zur beherrschenden Universitätsphilosophie in Deutschland wird21. Nach Einschätzung von Habermas war sie sogar zu dieser Zeit »die einzige Philosophie von Weltgeltung«22. Die Bezeichnung „Schule“ ist hierbei in einem weiten Sinne zu verstehen: Die neukantianische Bewegung war äußerst vielgestaltig23 und bekämpfte sich in Detailfragen gelegentlich auch untereinander24. Diese Rivalität beschränkte sich nicht auf Streitigkeiten zwischen den Schulen25, sondern zeigte sich auch innerhalb des Schulzusammenhangs26. So ist etwa die geistige Verwandtschaft zwi- 19 Diese eigenständige Leistung des Südwestdeutschen Neukantianismus wird einerseits als „Kulturaspekt“ (§ 3 II. >S. 56 ff.<), andererseits unter der Überschrift „Legitimationsaspekt“ (§ 3 III. >S. 70 ff.<) behandelt. 20 Das Feld der Literatur zum Neukantianismus ist mittlerweile gut bestellt. Für eine allgemeine Einführung in den Neukantianismus s. vor allem Pascher, Einführung, 1997; Ollig, Neukantianismus, 1979 sowie den Artikel »Neukantianismus« von Holzhey im Historischen Wörterbuch der Philosophie (hrsg. von Ritter u. a., Bd. 6, 1984, Sp. 747–754). Eine Textsammlung mit Schlüsseltexten des Neukantianismus findet sich bei Ollig, Neukantianismus, 1982). 21 Philosophiegeschichtlich Köhnke, Entstehung, 1986; kurze Übersicht bei Pascher, Einführung, 1997, S. 33 ff. 22 Habermas, Der philosophische Diskurs der Moderne, 1985, S. 170. 23 Oesterreich (1951), Teil 4, §§ 36–42, S. 417 ff. unterscheidet beispielsweise sieben Varianten des Neukantianismus. 24 Kurze Hinw. bei Marck, Am Ausgang des jüngeren Neukantianismus (1949), in: Ollig (Hrsg.), Materialien zur Neukantianismus-Diskussion, 1987, S. 20. 25 Rickert bemerkt an einer Stelle, dass er den Marburger Cohen »nur zum Teil« verstehe (Rickert, System der Philosophie. Erster Teil, 1921, Vorwort, S. X). 26 Wie bereits einführend bemerkt, kann auf die innersystematische Entwicklung des (südwestdeutschen) Neukantianismus nicht näher eingegangen werden. Für eine erste Übersicht s. die Arbeit von Wapler, Werte und das Recht, 2008. Die Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus 25 schen Rickert und seinem Lehrer Windelband nicht so eng, wie es gelegentlich in der Sekundärliteratur anklingt. So empfand Rickert das Denken von Windelband, »bei aller Bewunderung und Verehrung«, »sowohl zu metaphysisch als auch zu psychologisch«27. Zum Begriff „Neukantianismus“. Der Neologismus „Neukantianismus“ leitet sich aus dem Wesenszug dieser Schulrichtung ab, an die Lehren Immanuel Kants anzuknüpfen und diese für die philosophische Diskussion wiederzubeleben. Inwieweit das Kantische Erbe dabei zu Recht in Anspruch genommen wurde und in welchem Umfang andere Einflüsse hinzugekommen sind (wie etwa der Einfluss Hegels28 oder Fichtes29), soll zu einem späteren Zeitpunkt näher untersucht werden. Zumindest dem Selbstverständnis nach sehen sich die Neukantianer als Nachfolger und Vollender Kants30. Heinrich Rickert etwa hält zwar »(v)iele Teile der kritischen Philosophie« des Königsberger Philosophen für »wissenschaftlich überholt«, sieht aber trotzdem im Kantischen Kritizismus die »Grundlage für positive Weiterarbeit“31. In gleicher Weise äußert sich Wilhelm Windelband, indem er anlässlich des hundertsten Todestages von Kant im Jahre 1904 programmatisch fragt: »wie müssen wir Kant recht verstehen, um über ihn hinauszugehen?«32. II. Stichwort: „Südwestdeutscher Neukantianismus“ Mit dem geographischen Zusatz „Südwestdeutsch“ wird eine von zwei Hauptströmungen des Neukantianismus33 bezeichnet, die Südwestdeutsche oder Badi- 27 Siehe z. B. Rickert, System der Philosophie, Erster Teil, 1921, Vorwort, S. XI. 28 Hierzu jüngst Krijnen, Selbsterkenntnis und Systemgliederung: Hegel und der südwestdeutsche Neukantianismus, in: Fulda/Krijnen (Hrsg.), Systemphilosophie als Selbsterkenntnis, 2006, S. 113–132; s. auch Wiegand, Unrichtiges Recht, 2004, S. 27 ff. – Für eine Stellungnahme seitens der Neukantianer siehe z. B. Windelbands Rede »Die Erneuerung des Hegelianismus« von 1910 (in: Windelband, Präludien, Bd. 1, 9. Aufl. 1924, S. 273–289). 29 Hierzu etwa Stolzenberg, Fichte im Neukantianismus, in: Alexy u. a. (Hrsg.), Neukantianismus und Rechtsphilosophie, 2002, S. 421–434; Heinz, Die Fichte- Rezeption in der südwestdeutschen Schule des Neukantianismus, in: Schrader (Hrsg.), Fichte im 20. Jahrhundert, 1997, S. 109–129. 30 Die Bezeichnung „Neukantianer“ wird von den Neukantianern nicht verwendet. Rickert beispielsweise sieht sich als „Kantianer“, wenn auch nicht in einem strengen Schulsinne. S. hierzu die persönlichen Bemerkungen von Rickert, Kant als Philosoph der modernen Kultur, 1924, Vorwort, S. VII ff. 31 Rickert, Kant als Philosoph der modernen Kultur, 1924, Vorwort, S. VIII. 32 Windelband, Nach hundert Jahren (1904), in: Windelband, Präludien, Bd. 1, 9. Aufl. 1924, S. 148. 33 Die zweite Hauptströmung des Neukantianismus ist die „Marburger Schule“. Zu ihr gehören die Philosophen Hermann Cohen und Paul Natorp aus Marburg. Zur

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Zusammenfassung

Die Zeit zwischen 1900 und 1933 gilt vielen als eine Glanzperiode strafrechtlicher Begriffs- und Systembildung, die trotz ihres gewaltsamen Endes bis heute den exzellenten Ruf der deutschen Strafrechtsdogmatik in aller Welt nährt. Ein Garant hierfür war die erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Fundierung, die nach einem Weg zwischen den Klippen des naiven Naturalismus oder Formalismus suchte und sich vor allem mit der Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus verbindet. Die Zusammenhänge eines „neukantianischen Strafrechtsdenkens“ liegen jedoch noch immer weitgehend im Dunkeln.

Die Arbeit stößt in diese Forschungslücke. Sie beginnt mit der Rekonstruktion des wertphilosophischen Begründungsprogramms des Neukantianismus. Im Mittelpunkt steht die These, dass Wertungen, obwohl sie auf den ersten Blick subjektiv und relativ erscheinen, doch implizit mit einem Anspruch auf objektive und absolute Geltung auftreten.

Die weiteren Ausführungen widmen sich der strafrechtlichen Umsetzung dieser These, wobei nachgewiesen wird, dass sie mit einer tiefgreifenden Transformation verbunden war, welche die gemeinhin behauptete neukantianische Prägung in einem differenzierteren Licht erscheinen lässt.