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Sascha Ziemann, Erkenntnisinteresse der Arbeit in:

Sascha Ziemann

Neukantianisches Strafrechtsdenken, page 21 - 22

Die Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus und ihre Rezeption in der Strafrechtswissenschaft des frühen 20. Jahrhunderts

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4210-6, ISBN online: 978-3-8452-1595-2 https://doi.org/10.5771/9783845215952

Series: Studien zur Rechtsphilosophie und Rechtstheorie, vol. 53

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Einführung 21 dogmengeschichtliche Untersuchungen zu Gegenständen der Allgemeinen Verbrechenslehren, die auch die Epoche neukantianischen Strafrechtsdenkens behandeln9. II. Erkenntnisinteresse der Arbeit Das Erkenntnisinteresse der Arbeit ist zuallererst systematisch – und zwar in zweifacher Hinsicht. Systematisch angelegt ist zunächst die Darstellung des Einflusses des Südwestdeutschen Neukantianismus auf die Strafrechtswissenschaft. Insbesondere am Beispiel der neukantianischen Wertphilosophie, dem Kernstück des Südwestdeutschen Neukantianismus, soll untersucht werden, in welchem Umfang und auf welche Weise neukantianische Lehren Eingang in der Strafrechtswissenschaft gefunden haben. Ich werde dabei zu zeigen versuchen, dass die strafrechtliche Rezeption des Südwestdeutschen Neukantianismus und insbesondere der neukantianischen Wertphilosophie mit einer tiefgreifenden Transformation der ursprünglichen Lehre verbunden ist, die die allgemein behauptete konzeptionelle Nähe des damaligen Strafrechtsdenkens zum Neukantianismus in einem differenzierteren Licht erscheinen lässt. Die Einsicht, dass der Südwestdeutsche Neukantianismus in der Strafrechtswissenschaft nur in transformierter Form rezipiert worden ist, führt freilich nicht zwingend zu der Behauptung einer niederen Güte der Argumentation10. So sind beispielsweise die neukantianischen Ansätze von Gustav Radbruch11 und Hans Kelsen12 für die Rechtsphilosophie, von Georg 9 Z. B. Achenbach, Schuldlehre 1974 (zur Schuldlehre); Roxin, Täterschaft und Tatherrschaft, 4. Aufl. 1984 (zur Täterlehre); Amelung, Rechtsgüterschutz und Schutz der Gesellschaft, 1972 u. Amelung, Der Einfluß des südwestdeutschen Neukantianismus, in: Alexy u. a. (Hrsg), Neukantianismus und Rechtsphilosophie, 2002, S. 363–373 (zur Rechtsgutslehre); Cardenal Motraveta, El tipo penal en Beling y los neokantianos, 2002 (zur Tatbestandslehre, mit ausführlicher Würdigung der neukantianischen Grundlagen der Tatbestandslehre). 10 Meist abschätzig als »Juristenphilosophie« bezeichnet (sehr polemisch: Rottleuthner, KJ 1970, S. 476–478; differenzierend und insb. hinsichtlich des Neukantianismus zuversichtlich: Kersting, Neukantianische Rechtsbegründung, in: Alexy u. a. [Hrsg], Neukantianismus und Rechtsphilosophie, 2002, S. 24/25 mit Fußn. 7). 11 Siehe z. B. Paulson, Ein „starker Intellektualismus“: Badener Neukantianismus und Rechtsphilosophie, in: Senn/Puskás (Hrsg.), Rechtswissenschaft als Kulturwissenschaft?, 2008, S. 83–103; U. Neumann, Wissenschaftstheorie der Rechtswissenschaft, in: Paulson/Stolleis (Hrsg.), Hans Kelsen, 2005, S. 35–55. 12 Z. B. Paulson, Konstitutive und methodologische Formen. Zur Kantischen und neukantischen Folie der Rechtslehre Hans Kelsens, in: Heinz/Krijnen (Hrsg.), Kant im Neukantianismus, 2007, S. 149–165, U. Neumann, Wissenschaftstheorie der Rechtswissenschaft, in: Paulson/Stolleis (Hrsg.), Hans Kelsen, 2005, S. 35–55. Einführung 22 Jellinek13 für die Staatsrechtslehre oder von Max Weber14 für die Soziologie allesamt Zeugnisse eigenständigen wissenschaftlichen Denkens, die den fachphilosophischen Ansätzen ihrer Zeit inhaltlich in nichts nachstehen. Systematisch ist die Untersuchung zudem hinsichtlich der Rekonstruktion des wertphilosophischen Begründungsprogramms als Kernstück des Südwestdeutschen Neukantianismus. Die Darstellung der neukantianischen Wertphilosophie verfolgt hier einen im Schwerpunkt argumentativen Ansatz. Das heißt: Ziel der Arbeit ist es, den Argumentationsgang der neukantianischen Wertphilosophie so begründungsstark wie möglich zu rekonstruieren. Innersystematische Entwicklungen der neukantianischen Wertphilosophie werden dabei allerdings weitestgehend ausgeblendet15. III. Gang der Darstellung Der weitere Gang der Arbeit ist folgendermaßen. Zunächst werden die Grundlinien der Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus dargestellt (Erster Teil. Die Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus in ihren Grundlinien, § 1–3). Anschließend folgt ein Überblick über die Rezeption des Südwestdeutschen Neukantianismus in der damaligen Strafrechtswissenschaft (Zweiter Teil. Neukantianisches Strafrechtsdenken: Die Rezeption des Südwestdeutschen Neukantianismus in der Strafrechtswissenschaft des frühen 20. Jahrhunderts, § 4– 6). Den Abschluss der Arbeit bildet ein kurzer Blick auf das Erbe des Neukantianischen Strafrechtsdenkens in der Strafrechtswissenschaft der Gegenwart (Schlussbetrachtung: Das Erbe des Südwestdeutschen Neukantianismus in der Strafrechtswissenschaft der Gegenwart). 13 Hierzu nur Lepsius, Georg Jellineks Methodenlehre, in: Paulson/Schulte (Hrsg.), Georg Jellinek, 2000, S. 309–343. 14 Siehe nur Loos, Zur Wert- und Rechtslehre Max Webers, 1970, Merz-Benz, Max Weber und Heinrich Rickert, 1990/2007, Oakes, Die Grenzen kulturwissenschaftlicher Begriffsbildung, 1990. 15 Für einen Überblick siehe z. B. Häußer, Transzendentale Reflexion, 1989 sowie jüngst Wapler, Werte und das Recht, 2008.

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Zusammenfassung

Die Zeit zwischen 1900 und 1933 gilt vielen als eine Glanzperiode strafrechtlicher Begriffs- und Systembildung, die trotz ihres gewaltsamen Endes bis heute den exzellenten Ruf der deutschen Strafrechtsdogmatik in aller Welt nährt. Ein Garant hierfür war die erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Fundierung, die nach einem Weg zwischen den Klippen des naiven Naturalismus oder Formalismus suchte und sich vor allem mit der Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus verbindet. Die Zusammenhänge eines „neukantianischen Strafrechtsdenkens“ liegen jedoch noch immer weitgehend im Dunkeln.

Die Arbeit stößt in diese Forschungslücke. Sie beginnt mit der Rekonstruktion des wertphilosophischen Begründungsprogramms des Neukantianismus. Im Mittelpunkt steht die These, dass Wertungen, obwohl sie auf den ersten Blick subjektiv und relativ erscheinen, doch implizit mit einem Anspruch auf objektive und absolute Geltung auftreten.

Die weiteren Ausführungen widmen sich der strafrechtlichen Umsetzung dieser These, wobei nachgewiesen wird, dass sie mit einer tiefgreifenden Transformation verbunden war, welche die gemeinhin behauptete neukantianische Prägung in einem differenzierteren Licht erscheinen lässt.