Content

Sascha Ziemann, Untersuchungsgegenstand in:

Sascha Ziemann

Neukantianisches Strafrechtsdenken, page 19 - 21

Die Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus und ihre Rezeption in der Strafrechtswissenschaft des frühen 20. Jahrhunderts

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4210-6, ISBN online: 978-3-8452-1595-2 https://doi.org/10.5771/9783845215952

Series: Studien zur Rechtsphilosophie und Rechtstheorie, vol. 53

Bibliographic information
19 Einführung I. Untersuchungsgegenstand Neukantianische Rechtsphilosophie ist ein rechter Dauerbrenner in der Rechtsphilosophie, gehören doch zwei der wichtigsten deutschsprachigen Rechtsphilosophen des 20. Jahrhunderts – Gustav Radbruch und Hans Kelsen – zu den Anhängern dieser philosophischen Denkrichtung.1 Weitgehend unerforscht ist dagegen, dass sich der Neukantianismus auch auf die dogmatische Rechtswissenschaft und insbesondere auf die Strafrechtsdogmatik ausgewirkt hat. Die Strafrechtsgeschichtsschreibung begnügt sich häufig mit der Feststellung, dass die Philosophie des Neukantianismus im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts großen, wenn nicht sogar beherrschenden Einfluss auf Methode und System des damaligen Strafrechts hatte2, ohne dies jedoch im Einzelnen näher zu beleuchten. Dieser Einfluss ist bis heute spürbar, auch wenn er nicht immer offen zu tage tritt3. Es lässt sich sogar behaupten, dass die heutige Methodendiskussion im Strafrecht ohne den Diskussionszusammenhang des „neukantianischen Strafrechtsdenkens“, wie es hier genannt werden soll, nur schwer zu verstehen ist4. 1 Siehe nur den Sammelband von Robert Alexy u. a. (Hrsg.), Neukantianismus und Rechtsphilosophie, Baden-Baden 2002. 2 Siehe z. B. Wolf, Große Rechtsdenker 4. Aufl. 1964 (»philosophische Erneuerung der Strafrechtstheorie«, aaO., S. 717); Eb. Schmidt, Geschichte der deutschen Strafrechtspflege, 1965 (»wirkte in die Strafrechtsdogmatik tief hinein«, aaO., § 324 [S. 390/391]); Wieacker, Privatrechtsgeschichte 2. Aufl. 1967 (»lange fast unbestrittene Herrschaft«, aaO., S. 587); Fikentscher, Methoden des Rechts, Bd. III, 1976 (von »erheblicher, lange andauernder Bedeutung«, aaO., S. 289); Jescheck/Weigend, Strafrecht AT, 5. Aufl. 1996 (die »Denkweise dieser Epoche« wurde dadurch »wesentlich bestimmt«, aaO., S. 204); Roxin, Strafrecht AT, Bd. 1, 4. Aufl. 2006 (»in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts einflußrei[ch]«, aaO., § 7 Rn. 21). 3 Eine Ausnahme ist Roxin, der sich in seinem Strafrechtslehrbuch ausdrücklich zum Ziel setzt, unter anderem »die neukantianischen […] Ansätze der Zwischenkriegszeit […] auszuarbeiten und in inhaltlich neuer Form weiterzuführen.« (Roxin, Strafrecht AT/1, 4. Aufl. 2006, § 7 Rn. 27). Ähnlich auch Schünemann, der das von ihm vertretene zweckrationale Strafrechtssystem als »Fortentwicklung des Neukantianismus« versteht (Schünemann, Einführung in das strafrechtliche Systemdenken, in: ders. [Hrsg.], Grundfragen des modernen Strafrechtssystems, 1984, S. 51). Hierzu auch unten Schlussbetrachtung >S. 143 ff.<. 4 Ebenso Larenz für das Verhältnis von Neukantianismus und juristischer Methodenlehre allgemein (s. Larenz, Methodenlehre, 6. Aufl. 1991, S. 85). – Die vorliegende Arbeit versteht sich dabei als neukantianische Erweiterung der auf Kant bezogenen These von Naucke, demzufolge die »Strafrechtsdogmatik des 19. und Einführung 20 Die Breite des Themas macht allerdings einige Beschränkungen notwendig. Diese betreffen zunächst die Philosophie des Neukantianismus (s. § 1–3 der Arbeit). Die Arbeit beschränkt sich im Folgenden auf die Südwestdeutsche Schule des philosophischen Neukantianismus (mit ihren Hauptvertretern Wilhelm Windelband, Heinrich Rickert und Emil Lask). Andere neukantianische Richtungen, wie zum Beispiel die Marburger Schule des Neukantianismus (Hauptvertreter: Hermann Cohen, Paul Natorp) oder das neukantianische Werk Rudolf Stammlers, müssen zurückstehen, auch wenn sie sich ebenfalls auf das Strafrecht ausgewirkt haben.5 Weitere Beschränkungen betreffen die strafrechtliche Rezeption des Südwestdeutschen Neukantianismus (s. § 4–6 der Arbeit). Die Ausführungen zur strafrechtsmethodischen und strafrechtsdogmatischen Umsetzung der neukantianischen Philosophie können allenfalls Grundlinien skizzieren6. Der Forschungsstand zum Einfluss des Südwestdeutschen Neukantianismus auf das Strafrecht ist recht bescheiden7: die vereinzelt vorhandenen Arbeiten widmen sich Einzelaspekten und setzen überwiegend keinen Schwerpunkt auf die spezifisch neukantianischen Zusammenhänge ihrer Forschungsthemen: neben wissenschaftsbiographischen Studien zu Strafrechtsgelehrten, die hier zu den Neukantianern in der Strafrechtswissenschaft gezählt werden8, finden sich 20. Jahrhunderts« »nicht verstehbar« sei »ohne den Sprachgebrauch der kantischen reinen Moralphilosophie« (Naucke, Die Dogmatisierung von Rechtsproblemen, in: ders., Über die Zerbrechlichkeit des rechtsstaatlichen Strafrechts, 2000, S. 12). Naucke hält gleichwohl eine »Untersuchung der sich an Kant anschließenden, insbesondere der neukantischen Rechtsdogmatiken« für »dringend« (Naucke, aaO., S. 117 Fußn. 22, Hervorh. im Orig.). 5 Hier ist insbesondere das strafrechtliche Werk des Stammler-Schülers Alexander Graf zu Dohna zu nennen. Zu ihm s. Escher, Neukantianische Rechtsphilosophie, 1992 sowie unten § 5 FN 633, 654. 6 Nähere Hinw. s. § 5 II 1 >S. 102 ff.<. 7 Einen guten Überblick bietet immerhin Schünemann, Einführung in das strafrechtliche Systemdenken, in: ders. (Hrsg.), Grundfragen des modernen Strafrechtssystems, 1984, S. 24 ff.; weit. Hinw. zum Forschungsstand s. § 5 II 1 >S. 102 ff.<. – Weitaus besser bestellt ist dagegen das Forschungsfeld zum Einfluss Kants auf das Strafrecht (wenn auch häufig unter Beschränkung auf die Straf- und Strafrechtstheorie und die Rechtsphilosophie Kants). S. hier vor allem Naucke, Über den Einfluß Kants, in: ders., Über die Zerbrechlichkeit des rechtsstaatlichen Strafrechts, 2000, S. 131–156, sowie jüngst Avrigeanu, Ambivalenz und Einheit, 2006. Dass bei der Beschäftigung mit Kantischen Lehren die neukantianische Perspektive häufig übergangen wird, lässt sich nur durch die bewusste Reduzierung Kants auf den Ethiker erklären. Dieses verengte Kant-Bild soll in der vorliegenden Untersuchung korrigiert werden, indem auch und vor allem der Erkenntnis- und Wissenschaftstheoretiker Kant in den Blick genommen werden soll. 8 Z. B. Fontaine, Max Grünhut, 1998; Saar, in: ders. u. a. (Hrsg.), Recht als Erbe und Aufgabe, 2005 (über Erich Schwinge); Escher, Neukantianische Rechtsphilosophie, 1992 (über Alexander Graf zu Dohna); Ziemann, in: Jahrbuch der Juristischen Zeitgeschichte, Bd. 4 (2003), S. 395–425 (über Max Ernst Mayer). Einführung 21 dogmengeschichtliche Untersuchungen zu Gegenständen der Allgemeinen Verbrechenslehren, die auch die Epoche neukantianischen Strafrechtsdenkens behandeln9. II. Erkenntnisinteresse der Arbeit Das Erkenntnisinteresse der Arbeit ist zuallererst systematisch – und zwar in zweifacher Hinsicht. Systematisch angelegt ist zunächst die Darstellung des Einflusses des Südwestdeutschen Neukantianismus auf die Strafrechtswissenschaft. Insbesondere am Beispiel der neukantianischen Wertphilosophie, dem Kernstück des Südwestdeutschen Neukantianismus, soll untersucht werden, in welchem Umfang und auf welche Weise neukantianische Lehren Eingang in der Strafrechtswissenschaft gefunden haben. Ich werde dabei zu zeigen versuchen, dass die strafrechtliche Rezeption des Südwestdeutschen Neukantianismus und insbesondere der neukantianischen Wertphilosophie mit einer tiefgreifenden Transformation der ursprünglichen Lehre verbunden ist, die die allgemein behauptete konzeptionelle Nähe des damaligen Strafrechtsdenkens zum Neukantianismus in einem differenzierteren Licht erscheinen lässt. Die Einsicht, dass der Südwestdeutsche Neukantianismus in der Strafrechtswissenschaft nur in transformierter Form rezipiert worden ist, führt freilich nicht zwingend zu der Behauptung einer niederen Güte der Argumentation10. So sind beispielsweise die neukantianischen Ansätze von Gustav Radbruch11 und Hans Kelsen12 für die Rechtsphilosophie, von Georg 9 Z. B. Achenbach, Schuldlehre 1974 (zur Schuldlehre); Roxin, Täterschaft und Tatherrschaft, 4. Aufl. 1984 (zur Täterlehre); Amelung, Rechtsgüterschutz und Schutz der Gesellschaft, 1972 u. Amelung, Der Einfluß des südwestdeutschen Neukantianismus, in: Alexy u. a. (Hrsg), Neukantianismus und Rechtsphilosophie, 2002, S. 363–373 (zur Rechtsgutslehre); Cardenal Motraveta, El tipo penal en Beling y los neokantianos, 2002 (zur Tatbestandslehre, mit ausführlicher Würdigung der neukantianischen Grundlagen der Tatbestandslehre). 10 Meist abschätzig als »Juristenphilosophie« bezeichnet (sehr polemisch: Rottleuthner, KJ 1970, S. 476–478; differenzierend und insb. hinsichtlich des Neukantianismus zuversichtlich: Kersting, Neukantianische Rechtsbegründung, in: Alexy u. a. [Hrsg], Neukantianismus und Rechtsphilosophie, 2002, S. 24/25 mit Fußn. 7). 11 Siehe z. B. Paulson, Ein „starker Intellektualismus“: Badener Neukantianismus und Rechtsphilosophie, in: Senn/Puskás (Hrsg.), Rechtswissenschaft als Kulturwissenschaft?, 2008, S. 83–103; U. Neumann, Wissenschaftstheorie der Rechtswissenschaft, in: Paulson/Stolleis (Hrsg.), Hans Kelsen, 2005, S. 35–55. 12 Z. B. Paulson, Konstitutive und methodologische Formen. Zur Kantischen und neukantischen Folie der Rechtslehre Hans Kelsens, in: Heinz/Krijnen (Hrsg.), Kant im Neukantianismus, 2007, S. 149–165, U. Neumann, Wissenschaftstheorie der Rechtswissenschaft, in: Paulson/Stolleis (Hrsg.), Hans Kelsen, 2005, S. 35–55.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Die Zeit zwischen 1900 und 1933 gilt vielen als eine Glanzperiode strafrechtlicher Begriffs- und Systembildung, die trotz ihres gewaltsamen Endes bis heute den exzellenten Ruf der deutschen Strafrechtsdogmatik in aller Welt nährt. Ein Garant hierfür war die erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Fundierung, die nach einem Weg zwischen den Klippen des naiven Naturalismus oder Formalismus suchte und sich vor allem mit der Philosophie des Südwestdeutschen Neukantianismus verbindet. Die Zusammenhänge eines „neukantianischen Strafrechtsdenkens“ liegen jedoch noch immer weitgehend im Dunkeln.

Die Arbeit stößt in diese Forschungslücke. Sie beginnt mit der Rekonstruktion des wertphilosophischen Begründungsprogramms des Neukantianismus. Im Mittelpunkt steht die These, dass Wertungen, obwohl sie auf den ersten Blick subjektiv und relativ erscheinen, doch implizit mit einem Anspruch auf objektive und absolute Geltung auftreten.

Die weiteren Ausführungen widmen sich der strafrechtlichen Umsetzung dieser These, wobei nachgewiesen wird, dass sie mit einer tiefgreifenden Transformation verbunden war, welche die gemeinhin behauptete neukantianische Prägung in einem differenzierteren Licht erscheinen lässt.