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Anna-Miria Fuerst, Kombiniertes Behinderungsmodell in:

Anna-Miria Fuerst

Behinderung zwischen Diskriminierungsschutz und Rehabilitationsrecht, page 50 - 52

Ein Vergleich zwischen Deutschland und den USA

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4207-6, ISBN online: 978-3-8452-1797-0 https://doi.org/10.5771/9783845217970

Series: Beiträge zum ausländischen und vergleichenden öffentlichen Recht, vol. 27

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50 kann es deren Hilfsbedürftigkeit im Sinne eines Angewiesenseins auf andere Menschen bei täglichen Verrichtungen trotz einer weitgehend barrierefrei gestalteten Umwelt nicht befriedigend erklären. II. Kombiniertes Behinderungsmodell Da sowohl das medizinische als auch das soziale Modell wichtige Faktoren des Phänomens Behinderung herausarbeiten, liegt es auf der Hand, beide Modelle miteinander zu kombinieren. Zum ersten kann so eine umfassende Erklärung von Behinderung erreicht werden. Zum zweiten muss man sich nicht aufgrund des Begriffsverständnisses auf ein bestimmtes Reaktionskonzept gegenüber dem Lebenssachverhalt Behinderung festlegen, sondern bleibt offen für vielfältige Strategien. Anhand der international standardisierten Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) soll das heute gängige kombinierte Modell von Behinderung aufgezeigt werden. Dann wird dieses Modell in der Begrifflichkeit vorgestellt, die in der Rechts- und Sozialwissenschaft heute üblich ist. 1. Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Einen besonders aktuellen, international bedeutsamen Niederschlag hat die Erkenntnis, dass Behinderung (disability) ein komplexes, multifaktorielles Geschehen in und um einen Menschen ist, in der International Classification of Functioning, Disability and Health (Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit – ICF) gefunden. Diese Klassifikation ist im Mai 2001 von der 54. Vollversammlung der WHO verabschiedet worden118 und liegt seit 2005 in ihrer endgültigen deutschen Übersetzung vor119. Die ICF ist ein praxisnahes Instrument, das in einheitlicher und standardisierter Form einen Rahmen zur Beschreibung von Gesundheitszuständen und mit Gesundheit zusammenhängenden Zuständen zur Verfügung stellt120. Die ICF verlässt das eher defizitorientierte Krankheitsfolgenmodell, welches die WHO noch im vorangegangenen Klassifikationssystem International Classification of Impairments, Disabilities and Handicaps (ICIDH) von 1980 vertreten hatte121. Danach war Behinderung eine Kausalkette von Schädigung (impairment), Funktionsbeeinträchtigung (disability) und sozialer Beeinträchtigung (handicap), wobei die medizinisch-biologische Schädigung an erster Stelle stand und die funktionale 118 Resolution WHA 54.21. 119 Deutschsprachige Veröffentlichung durch das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI), Köln, Stand Oktober 2005 (http://www.dimdi.de/dynamic/de/klassi/downloadcenter/icf/endfassung/icf_endfassung-2005-10-01.pdf). 120 ICF (deutsche Fassung), 1., S. 9. 121 Resolution WHA 29.35. 51 sowie soziale Beeinträchtigung aus ihr resultierten122. Der neuen Klassifikation ICF liegt nun ein bio-psycho-soziales Modell zugrunde, wonach Behinderung der Zustand ist, der im Zusammenwirken von einem Gesundheitsproblem (biologische Aspekte) mit personenbezogenen Faktoren (psychologische und soziale Aspekte) oder Umweltfaktoren (soziale Aspekte) entsteht. Allgemein können die personenbezogenen Faktoren und die Umweltfaktoren auch als Kontextfaktoren bezeichnet werden123. Die Behinderung selber setzt sich – insofern der vorangegangenen Klassifikation vergleichbar – aus drei Komponenten zusammen, nämlich der Schädigung von Körperfunktionen und -strukturen124 (impairment of body functions and structures), der Aktivitätsbeeinträchtigung (activitiy limitation) und der Partizipationsbeeinträchtigung (participation restriction)125. Diese drei Komponenten sind jedoch nicht kausal miteinander verbunden, sondern stehen in einer prozesshaften Wechselwirkung zueinander – Aktivität und Partizipation werden also nach der ICF nicht wegen der Schädigung gestört, sondern die Störung ergibt sich im Zusammenspiel aus Schädigung und den Kontextfaktoren126. Vorrangiges Ziel der ICF ist es, die Kommunikation zwischen Fachleuten im Gesundheits- und Sozialwesen, insbesondere in der Rehabilitation, und den Menschen mit Beeinträchtigungen ihrer Funktionsfähigkeit zu verbessern127. Außerhalb des Forschungs- und Statistikbereichs128 sind Hauptanwender dieser Klassifikation praktizierende Ärzte129, die in aller Regel als erste Fachleute mit den Gesundheitsproblemen und den damit zusammenhängenden Beeinträchtigungen ihrer Patienten konfrontiert werden und diese dann für den weiteren Weg in die Rehabilitation begutachten müssen. Konkret funktioniert die ICF so, dass auf Grundlage des ermittelten Gesundheitsproblems sowohl die Umweltfaktoren (Kontextfaktoren)130 als auch die 122 Neumann, NVwZ 2003, 897. 123 Beispiele für Kontextfaktoren sind etwa Wohnsituation, Arbeitsplatz, Verkehrswesen, Gesetze und die sich daraus ergebenden Barrieren (Umweltfaktoren) sowie Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, Alter, Erziehungshintergrund, Ausbildung etc. und sich daraus ergebende besondere Einstellungen zum Gesundheitsproblem und der Umwelt (personenbezogene Faktoren). Zum Ganzen ICF (deutsche Fassung), 4.3., S. 21 f. 124 Hierzu gehören auch Gene, das Nervensystem und das Gehirn, so dass sich auch geistige und seelische Behinderungen anhand von körperlichen Strukturen abbilden lassen. 125 ICF (deutsche Fassung), 4.1. und 4.2., S. 17 ff. 126 Neumann, NVwZ 2003, 897, 899. – Zweifel am Kausalmodell wurden bereits zuvor in den Standard Rules on the Equalization of Opportunities for Persons with Disabilities der 48. Generalversammlung der Vereinten Nationen (Res. 48/96 v. 20.12.1993) geäußert, denen im Gegensatz zur ICF jedoch noch ein zweigliedriger Behinderungsbegriff mit den Elementen Schädigung (impairment) und gestörte Partizipation an der Umwelt (handicap) zugrunde lag. Vgl. dazu Welti, Behinderung, 2005, S. 63 f. 127 So der 2006 von der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (BAR) herausgegebene ICF-Praxisleitfaden, Kapitel 1.4., S. 12. 128 Vgl. ICF (deutsche Fassung), 2.1., S. 11. 129 ICF-Praxisleitfaden der BAR, Einleitung, S. 6. 130 Die personenbezogenen Faktoren gehen zwar in die Betrachtung ein, können jedoch nicht adäquat klassifiziert werden. Daher stellt die ICF kein eigenes Kodierungssystem für diese Kontextfaktoren bereit. Dazu ICF (deutsche Fassung), 4.3. a.E. (S. 22). 52 Beeinträchtigung von Körperfunktion und -struktur, Aktivität sowie Partizipation nach einem komplexen Kodierungssystem spezifiziert werden131. Daraus ergibt sich dann ein alle Behinderungskomponenten umfassendes Gesamtbild, das als Grundlage für die Bestimmung von Zielen und Maßnahmen der Rehabilitation dienen kann132. 2. Relationaler Behinderungsbegriff In der sozial- und rechtswissenschaftlichen Literatur firmiert das Modell der ICF als relationaler Behinderungsbegriff133. Damit soll zum Ausdruck kommen, dass Behinderung weder durch ein rein medizinisch-individuelles Problem noch ausschließlich durch soziale Faktoren hervorgerufen wird, sondern erst im komplexen Zusammenspiel aller Komponenten entsteht. Weiterhin soll die Relationalität zum Ausdruck bringen, dass Behinderung kein statischer Zustand, sondern ein dynamischer Prozess ist. Insbesondere durch die Änderung von Kontextfaktoren kann das Ausmaß einer Behinderung zu- oder abnehmen – oder gar ganz verschwinden134. Etwa würde eine lückenlos gebärdensprachlich ausgerichtete Umwelt gehörlose Menschen so gut integrieren, dass sie ohne jede Partizipationsbeeinträchtigung kommunizieren könnten135. III. Bedeutung des Begriffswandels für den Paradigmenwechsel in der Behindertenpolitik Das Verständnis von Behinderung ist grundlegend für die Ausrichtung der Behindertenpolitik. Bereits in der Einführung kam zur Sprache, dass ein medizinischdefizitorientiertes Behinderungsverständnis eher zu einer leistungsbasiertsozialrechtlichen Politik, ein vorwiegend soziales Verständnis hingegen eher zu einer gleichheitsbasiert-bürgerrechtlich ausgerichteten Behindertenpolitik führen wird136. Das kombinierte Behinderungsmodel hat den Vorteil, dass es offen für vielfältige Politikansätze ist. Gerade die Relationalität macht deutlich, dass alles mit 131 Zum Kodierungssystem s. ICF (deutsche Fassung), Anhang 2, S. 150 ff. 132 Fallbeispiele ICF (deutsche Fassung), Anhang 4, S. 167 ff. 133 Buch, Grundrecht der Behinderten, 2001, S. 44 f. m.Nw.; Welti, Behinderung, 2005, S. 80 f.; aus der englischsprachigen Literatur Waddington, Disability, 1995, S. 34 f.: „adapted model of disability“. 134 Waddington, Disability, 1995, S. 35. 135 Ein fast ideales Umfeld bot seit ihrer Besiedelung im 17. Jahrhundert bis ins 19. Jahrhundert hinein die Insel Martha’s Vineyard vor der Küste Massachusetts, wo sich eine genetisch verursachte Gehörlosigkeit in der isoliert lebenden insularen Bevölkerung so weit verbreitet hatte, dass eine Bilingualität von Englisch und Gebärdensprache auch unter der hörenden Bevölkerung weit verbreitet war, Groce, Sign Language, 1985, bes. S. 50 ff. 136 Oben S. 27 f.

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Zusammenfassung

Die Untersuchung geht der Frage nach, wie sich gleichheitsrechtlich geprägtes, modernes Antidiskriminierungsrecht für Menschen mit Behinderung und das traditionell sozialrechtlich geprägte Recht der beruflichen Rehabilitation zueinander verhalten. Als Vorbild eines speziellen antidiskriminierungsrechtlichen Regulierungsmodells zur verbesserten beruflichen Integration von Behinderten werden immer wieder die USA genannt, wo man seit den 1970er Jahren Erfahrungen mit diesem Ansatz sammeln konnte.

Eine umfassende Analyse der historischen Entwicklung sowie der gesellschaftspolitischen und verfassungsrechtlichen Grundannahmen des U.S.-amerikanischen Sozialsystems macht jedoch deutlich, dass das Antidiskriminierungsrecht dort häufig nur als Lückenbüßer dient.

Dieser Befund kann nicht ohne Konsequenz für das sozialstaatlich beeinflusste deutsche Rechtssystem sein. Zwar liefert der Rechtsvergleich mit den USA wichtige Anhaltspunkte für ein vertieftes Verständnis der europäischen antidiskriminierungsrechtlichen Vorgaben insbesondere für das Merkmal Behinderung. Allerdings werden auch die Grenzen dieses Ansatzes gegenüber der klassischen beruflichen Rehabilitation deutlich.

Die Arbeit wurde mit dem Zarnekow-Förderpreis 2009 ausgezeichnet.