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Anna-Miria Fuerst, Medizinisches contra soziales Behinderungsmodell in:

Anna-Miria Fuerst

Behinderung zwischen Diskriminierungsschutz und Rehabilitationsrecht, page 48 - 50

Ein Vergleich zwischen Deutschland und den USA

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4207-6, ISBN online: 978-3-8452-1797-0 https://doi.org/10.5771/9783845217970

Series: Beiträge zum ausländischen und vergleichenden öffentlichen Recht, vol. 27

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48 2. Kapitel: Was ist Behinderung? A. Allgemeines Begriffsverständnis Das Wort Behinderung wird im deutschen Sprachraum erst seit relativer kurzer Zeit, nämlich seit dem Ende des 1. Weltkrieges, dazu gebraucht, um die Situation von Menschen mit einer Funktionsstörung medizinischen Ursprungs zu bezeichnen. Zunächst waren die Begriffe „Behinderter“ und „Krüppel“ synonym – Behinderung meinte also ausschließlich eine körperliche Schädigung111. Später differenzierte sich der Terminus Behinderung aus, um die diversen möglichen Schädigungsebenen bzw. die spezifische Funktionsstörung näher zu benennen. So ist heute von körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen, im pädagogischen Kontext auch von Lernbehinderungen die Rede. Die Auffassung darüber, welche Faktoren das Phänomen Behinderung (englisch disability) maßgeblich verursachen, beeinflusst die genaue begriffliche Konturierung. Die Debatte ist mittlerweile vollständig internationalisiert, so dass die folgenden Ausführungen sowohl für den deutschen als auch den U.S.-amerikanischen Sprachgebrauch gelten. Zunächst sollen die zwei möglichen Extrempositionen kurz geschildert werden, um dann das heute vorherrschende kombinierte Modell vorzustellen. I. Medizinisches contra soziales Behinderungsmodell Das medizinische Modell versteht das Phänomen Behinderung als alleinige Folge von biologisch gearteten Defiziten. Damit wird das Individuum zum hauptsächlichen Problemträger – entsprechend müssen Problemlösungsstrategien auch beim Menschen mit Behinderung selber ansetzen112. Hingegen versteht das soziale Modell in seiner radikalen Ausprägung das Phänomen Behinderung als politisch-soziales Konstrukt. Menschen mit Behinderung sind demnach in erster Linie eine politische Minderheit, was diesem Modell im englischen Sprachkreis auch den Namen minority group model verschafft hat. Problemträger ist die behindernde, also von Barrieren 111 Welti, Behinderung, 2005, S. 55 f. 112 Waddington, Disability, 1995, S. 33 f.; Crossley, 74 Notre Dame L. Rev. (1999), 621, 649 ff.; Straßmair, Der besondere Gleichheitssatz, 2002, S. 167 ff.; vgl. auch für die Sonderpädagogik Reichenbach, Anspruch behinderter Schülerinnen und Schüler, 2001, S. 125 f. 49 geprägte, Umwelt, auf die das Individuum trifft. Lösungsstrategien müssen bei einer Veränderung der Umweltbedingungen ansetzen113. Keines der beiden Modelle taugt als befriedigende Erklärung des Lebenssachverhaltes Behinderung. Das medizinische Modell beschreibt zwar eine notwendige, aber eben keine hinreichende Bedingung, die für die Annahme einer Behinderung vorliegen muss114. Notwendig ist ein medizinisch-biologisches Defizit deshalb, um die Besonderheit der Behinderung gegenüber anderen persönlichen Merkmalen wie Geschlecht oder Hautfarbe zum Ausdruck zu bringen. Allerdings wirken sich nicht alle medizinisch-biologischen Defizite in einem Maße aus, dass von einer Behinderung gesprochen werden muss. Vielmehr spielen Aspekte wie Kultur sowie die Organisation von Gesellschaft und Arbeitswelt eine entscheidende Rolle. So würden bestimmte Lernbehinderungen, namentlich Lese- und Rechtschreibschwächen, in einer nichtalphabetisierten Gesellschaft und Arbeitswelt keine Rolle spielen115. Auch das „Hören von Stimmen“ muss nicht unbedingt als psychische Behinderung gelten, sondern kann in einem entsprechenden kulturell-religiösen Umfeld eine besondere spirituelle Gabe sein. Das soziale Modell in seiner Reinform ist vor allem als politisch motivierte Gegenbewegung zu einer medizinisch-defizitären Sicht auf Behinderung entstanden116. Ganz offensichtlich wirkt eine rein defizitorientierte Betrachtungsweise für die Betroffenen als Stigmatisierung, zumal wenn sie entscheidende Umweltfaktoren ausblendet. Ferner leistet ein rein medizinisch-biologisches Defizitmodell politischen Bestrebungen nach Klassifizierung und Aussonderung bestimmter Menschengruppen Vorschub, was insbesondere während des dritten Reiches in Deutschland die bekannten schrecklichen Folgen hatte, sich aber bereits in den evolutionär inspirierten, sozialdarwinistischen Gesellschaftstheorien des 19. Jahrhunderts niederschlug117. Angesichts dieses Befundes war es natürlich naheliegend, die gesellschaftlichen Faktoren, die bei der Manifestation von Behinderungen eine Rolle spielen, besonders intensiv herauszustellen, um einerseits politisch unerwünschte Folgen zu vermeiden und andererseits eine verstärkt auf subjektiven Rechten basierende Politik zur Verbesserung der sozialen Bedingungen für Menschen mit Behinderung entwickeln zu können. Dennoch kann das soziale Model keinen Alleinerklärungsanspruch geltend machen, weil es die medizinischen Probleme, die Menschen mit bestimmten Behinderungen überwiegend betreffen, nicht thematisiert. Überdies 113 Waddington, Disability, 1995, S. 34; Buch, Grundrecht der Behinderten, 2001, S. 42 ff.; Scotch, 21 Berkeley J. Emp. & Lab. L. (2000), 213, 214 ff.; Crossley, 74 Notre Dame L. Rev. (1999), 621, 653 ff. 114 Besonders klar Leder, Diskriminierungsverbot, 2006, S. 119. 115 S. auch Reichenbach, SGb 2002, 485, 487. 116 Für die USA vgl. Scotch, 21 Berkeley J. Emp. & Lab. L. (2000), 213, 214 ff.; aus deutscher Sicht Straßmair, Der besondere Gleichheitssatz, 2002, S. 169 f. 117 Aus U.S.-amerikanischer Sicht etwa Baynton, Forbidden Signs, 1996, S. 37 ff. mit einer Darstellung, wie evolutionäres Denken die Behandlung von gehörlosen Menschen und Gebärdensprache in den USA Ende des 19. Jahrhunderts beeinflusste; allgemein Hofstadter, Social Darwinism, 1944. 50 kann es deren Hilfsbedürftigkeit im Sinne eines Angewiesenseins auf andere Menschen bei täglichen Verrichtungen trotz einer weitgehend barrierefrei gestalteten Umwelt nicht befriedigend erklären. II. Kombiniertes Behinderungsmodell Da sowohl das medizinische als auch das soziale Modell wichtige Faktoren des Phänomens Behinderung herausarbeiten, liegt es auf der Hand, beide Modelle miteinander zu kombinieren. Zum ersten kann so eine umfassende Erklärung von Behinderung erreicht werden. Zum zweiten muss man sich nicht aufgrund des Begriffsverständnisses auf ein bestimmtes Reaktionskonzept gegenüber dem Lebenssachverhalt Behinderung festlegen, sondern bleibt offen für vielfältige Strategien. Anhand der international standardisierten Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) soll das heute gängige kombinierte Modell von Behinderung aufgezeigt werden. Dann wird dieses Modell in der Begrifflichkeit vorgestellt, die in der Rechts- und Sozialwissenschaft heute üblich ist. 1. Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Einen besonders aktuellen, international bedeutsamen Niederschlag hat die Erkenntnis, dass Behinderung (disability) ein komplexes, multifaktorielles Geschehen in und um einen Menschen ist, in der International Classification of Functioning, Disability and Health (Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit – ICF) gefunden. Diese Klassifikation ist im Mai 2001 von der 54. Vollversammlung der WHO verabschiedet worden118 und liegt seit 2005 in ihrer endgültigen deutschen Übersetzung vor119. Die ICF ist ein praxisnahes Instrument, das in einheitlicher und standardisierter Form einen Rahmen zur Beschreibung von Gesundheitszuständen und mit Gesundheit zusammenhängenden Zuständen zur Verfügung stellt120. Die ICF verlässt das eher defizitorientierte Krankheitsfolgenmodell, welches die WHO noch im vorangegangenen Klassifikationssystem International Classification of Impairments, Disabilities and Handicaps (ICIDH) von 1980 vertreten hatte121. Danach war Behinderung eine Kausalkette von Schädigung (impairment), Funktionsbeeinträchtigung (disability) und sozialer Beeinträchtigung (handicap), wobei die medizinisch-biologische Schädigung an erster Stelle stand und die funktionale 118 Resolution WHA 54.21. 119 Deutschsprachige Veröffentlichung durch das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI), Köln, Stand Oktober 2005 (http://www.dimdi.de/dynamic/de/klassi/downloadcenter/icf/endfassung/icf_endfassung-2005-10-01.pdf). 120 ICF (deutsche Fassung), 1., S. 9. 121 Resolution WHA 29.35.

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Zusammenfassung

Die Untersuchung geht der Frage nach, wie sich gleichheitsrechtlich geprägtes, modernes Antidiskriminierungsrecht für Menschen mit Behinderung und das traditionell sozialrechtlich geprägte Recht der beruflichen Rehabilitation zueinander verhalten. Als Vorbild eines speziellen antidiskriminierungsrechtlichen Regulierungsmodells zur verbesserten beruflichen Integration von Behinderten werden immer wieder die USA genannt, wo man seit den 1970er Jahren Erfahrungen mit diesem Ansatz sammeln konnte.

Eine umfassende Analyse der historischen Entwicklung sowie der gesellschaftspolitischen und verfassungsrechtlichen Grundannahmen des U.S.-amerikanischen Sozialsystems macht jedoch deutlich, dass das Antidiskriminierungsrecht dort häufig nur als Lückenbüßer dient.

Dieser Befund kann nicht ohne Konsequenz für das sozialstaatlich beeinflusste deutsche Rechtssystem sein. Zwar liefert der Rechtsvergleich mit den USA wichtige Anhaltspunkte für ein vertieftes Verständnis der europäischen antidiskriminierungsrechtlichen Vorgaben insbesondere für das Merkmal Behinderung. Allerdings werden auch die Grenzen dieses Ansatzes gegenüber der klassischen beruflichen Rehabilitation deutlich.

Die Arbeit wurde mit dem Zarnekow-Förderpreis 2009 ausgezeichnet.