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Lina Barbara Böcker, Größen- und Verbundvorteile in:

Lina Barbara Böcker

Computerprogramme zwischen Werk und Erfindung, page 75 - 76

Eine wettbewerbsorientierte Analyse des immaterialgüterrechtlichen Schutzes von Computerprogrammen unter besonderer Berücksichtigung von Open Source-Software

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4188-8, ISBN online: 978-3-8452-1950-9 https://doi.org/10.5771/9783845219509

Series: Wirtschaftsrecht und Wirtschaftspolitik, vol. 229

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75 Auch dies führt zu einer Wechselhemmung, da er den Lernprozess erneut durchlaufen müsste. Folge dieser Lock-in-Effekte können insbesondere im Zusammenhang mit den vorher beschriebenen Netzwerkeffekten Monopole oder Quasimonopole sein, d. h. die ohnehin bestehenden Konzentrationstendenzen auf den Softwaremärkten werden verstärkt. Eine angemessene Ausgestaltung des geistigen Eigentums an Computerprogrammen ist hier unabdingbar, und zwar insbesondere im Hinblick auf die Herstellung von Interoperabilität und die Möglichkeit der Schaffung anderer, ähnlich funktionierender Programme. IV. Größen- und Verbundvorteile 1. Angebotsseite Aufgrund subadditiver Kostenstrukturen entstehen im Computerprogrammsektor starke Größen- und Verbundvorteile.251 Zwar geht die erstmalige Produktion mit hohen Fixkosten einher,252 allerdings ist die Vervielfältigung billig und ohne Qualitätsverlust zu bewerkstelligen, d. h. Programme sind unendlich skalierbar. Das führt zu degressiven Durchschnittskostenverläufen und damit hohen Skalenerträgen bzw. Gewinnmargen: Je mehr Einheiten produziert werden, desto niedriger sind die durchschnittlichen Kosten pro Einheit. Darüber hinaus ist jede Kopie mit dem Original identisch, kann also selbst als Kopiervorlage dienen. Dadurch werden Kapazitätsgrenzen innerhalb der Produktion aufgehoben.253 Weiterhin ist so auch eine weltweite, gleichzeitige Herstellung des Gutes möglich,254 was seine schnelle Verbreitung vereinfacht. Ebenso vorteilhaft für den Anbieter wie die hohen Skalenerträge sind die Verbundvorteile, die sich bei der Softwareproduktion ergeben.255 Da es sich bei Computerprogrammen um sog. rekombinierbare Produkte handelt,256 ist die Wiederverwendung von Code oder Codebestandteilen für neue Programme möglich,257 Folgeentwicklungen bauen häufig auf bereits bestehenden Programmen auf (sequentielle Innovation).258 Auf diese Weise können die grundsätzlich hohen Entwicklungskosten gesenkt werden und damit die Gewinne eines Unternehmens gesteigert werden. 251 Mundhenke, in: Bärwolff/Gehring/Lutterbeck, Open Source Jahrbuch 2005, S. 143, 144. 252 Kalwey u.a., MICE Economic Research Studies, Bd. 4, 2003, S. S. 20. 253 Solche können sich dann höchstens noch im Rahmen des Vertriebs ergeben. 254 Kalwey u.a., MICE Economic Research Studies, Bd. 4, 2003, S. S. 21. 255 Kalwey u.a., MICE Economic Research Studies, Bd. 4, 2003, S. S. 20. 256 v. Engelhardt, Die ökonomischen Eigenschaften von Software, 2006, S. 11ff. 257 Diese Tatsache hat zur so genannten komponentenbasierten Entwicklung geführt, die auf eben diesen Bausteinen basiert. Vgl. dazu Sommerville, Software-Engineering, 2007, S. 475ff. 258 Dazu Blind et al., Softwarepatente, 2003, S. 55, 102; Sommerville, Software-Engineering, 2007, S. 452ff. 76 Es ist auf den Märkten für Computerprogramme auch ohne Schutz durch das geistige Eigentum aufgrund der beschriebenen Effekte als Anbieter einfach, schnell eine dominierende Marktposition zu erlangen. Wegen des hohen Fixkostenanteils ist es auch kostengünstiger, wenn wenige Anbieter den gesamten nachgefragten Output herstellen als viele kleine Anbieter, d. h. es besteht eine Tendenz zu natürlichen Monopolen.259 Dieser Tendenz muss durch einen adäquat ausgestalteten Schutz durch Immaterialgüterrechte begegnet werden. Die Gefahr einer Verstärkung von Monopolisierungstendenzen droht insbesondere bei einem zu weiten oder zu lang andauernden Schutz. 2. Nachfrageseite Auf der Nachfrageseite besteht währenddessen Nichtrivalität im Konsum. Nutzer sind durch die qualitätsverlustfreie Vervielfältigung in der Lage, ein Programm gleichzeitig selbst zu verwenden und es weiterzugeben. Ausschließbarkeit aus Sicht des Anbieters ist nicht gegeben, da zahlungsunwillige Konsumenten das Produkt nicht nur von ihm, sondern auch von jedem anderen Besitzer eines Exemplars bekommen können. Die Ausschließbarkeit von Konsumenten ist aber eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass überhaupt Märkte entstehen können. Sie wird im Bereich der Computerprogramme einerseits durch immaterialgüterrechtliche Schutzrechte erreicht,260 andererseits durch technische Kopierschutzmaßnahmen. Eine Besonderheit stellen diesbezüglich Open Source-Programme dar, die immaterialgüterrechtliche Schutzrechte gerade nicht dazu verwenden, nicht zahlungswillige Benutzer auszuschließen, sondern dafür, die Unentgeltlichkeit der Programme zu sichern.261 V. Sehr hohe Innovationsdynamik Neben den herausgearbeiteten Monopolisierungstendenzen verfügt der Computerprogrammsektor auch über eine hohe Innovationsdynamik, die einhergeht mit der beschriebenen Möglichkeit der schnellen und flächendeckenden Bereitstellung von 259 Von natürlichen Monopolen spricht man dann, wenn ein einziges Unternehmen aufgrund von economies of scale/scope die Nachfrage nach seinem Angebot zu niedrigeren Preisen befriedigen kann, als dies mehrere Unternehmen tun könnten. Vgl. dazu Knieps, Wettbewerbsökonomie, 2005, S. 21ff. Besonders ausgeprägt ist dies in den realen Netzwirtschaften, d. h. Energie, Telekommunikation etc. Vgl. dazu Säcker, Der Independent System Operator, 2007, S. 4. 260 Immaterialgüterrechte als Eigentumsrechte sorgen für eine effiziente Nutzung eines Gutes, indem sie den Konsum dieses Gutes beschränken. Vgl dazu v. a. Lehmann, GRUR Int. 1983, 356, 360f. 261 Dazu Kalwey u.a., MICE Economic Research Studies, Bd. 4, 2003, S. 16ff. Zur Funktion der Immaterialgüterrechte im Wirtschafts- und Wettbewerbssystem vgl. unten Drittes Kapitel, A.

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Zusammenfassung

Die vorliegende Arbeit will langjährige Missverständnisse und Schwierigkeiten des immaterialgüterrechtlichen Schutzes von Computerprogrammen endgültig ausräumen. Die Betrachtung aus wettbewerbsorientiertem Blickwinkel auf der Grundlage der technischen und ökonomischen Besonderheiten ist – soweit ersichtlich – die erste Untersuchung, die sowohl das Urheber- als auch das Patentrecht einbezieht und dabei eine umfassende Neuregelung vorschlägt.

Dr. Lina Barbara Böcker befasst sich im Rahmen ihrer Tätigkeit am Institut für Wirtschafts-, Wettbewerbs- und Regulierungsrecht an der Freien Universität Berlin in erster Linie mit wettbewerbsrechtlichen Problemen des Immaterialgüterrechtsschutzes und allgemeinem Zivilrecht.