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Lina Barbara Böcker, Geschichte in:

Lina Barbara Böcker

Computerprogramme zwischen Werk und Erfindung, page 39 - 40

Eine wettbewerbsorientierte Analyse des immaterialgüterrechtlichen Schutzes von Computerprogrammen unter besonderer Berücksichtigung von Open Source-Software

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4188-8, ISBN online: 978-3-8452-1950-9 https://doi.org/10.5771/9783845219509

Series: Wirtschaftsrecht und Wirtschaftspolitik, vol. 229

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39 Zweites Kapitel: Technische und begriffliche Vorfragen Angesichts der technischen Prägung der untersuchten Materie und begrifflicher Unklarheiten in der bestehenden Diskussion sind zunächst einige Vorfragen zu klären.53 Dazu gehört in erster Linie eine Eingrenzung des Untersuchungsgegenstandes, aber auch die Analyse verschiedener Entwicklungs- und Vertriebsmodelle sowie die Klärung ökonomischer Besonderheiten, die bei der Ausgestaltung des Schutzes berücksichtigt werden müssen. A. Was sind Computerprogramme? I. Geschichte Die Wurzeln dessen, was heute unter einem Computerprogramm verstanden wird, reichen weiter zurück als man auf den ersten Blick vermuten mag, nämlich bis zum Jahre 1842.54 Ada Lovelace55 erstellte damals eine Vorschrift für die Berechnung von Bernoulli-Zahlen56 für die mechanische Analytical Engine von Charles Babbage. Da die Maschine nie zu Ende gebaut wurde, gab es für dieses erste Computerprogramm keine maschinelle Einsatzmöglichkeit. Es musste von Hand ausgeführt werden. Nahezu ein Jahrhundert später57 entwarf Konrad Zuse die Rechenmaschinen Z1 und Z3, die in der Lage waren, Befehlsfolgen auf so genannten Lochstreifen selbstständig zu verarbeiten.58 Die Recheninformationen wurden dabei in die Streifen eingestanzt und von der Maschine gelesen. Jeder Lochstreifen enthielt eine Rechenoperation und eine Speicheradresse. Diese ersten „Computer“ beherrschten die vier Grundrechenarten und Quadratwurzelberechnungen auf binären Gleitkommazahlen. Gleiches konnte der 1944 in Harvard entwickelte Mark I, der oft als Beispiel für die erste begriffliche und tatsächliche Trennung von Hard- und Software herhalten 53 Diese Vorgehensweise ist in der informationsrechtlichen Literatur mittlerweile üblich. Aus diesem Grunde soll dieser Teil im Rahmen der vorliegenden Arbeit möglichst kurz gefasst werden. 54 Zur Entstehungsgeschichte auch Ohst, Computerprogramm und Datenbank, 2003, S. 5. 55 Ada Lovelace war die erste bekannte Programmiererin. Vgl. dazu auch ausführlich Plant, Nullen + Einsen, 2000. 56 Bernoulli-Zahlen sind eine Folge rationaler Zahlen, die in der Mathematik in verschiedenen Zusammenhängen auftreten, zum Beispiel als Entwicklungskoeffizienten trigonometrischer, hyperbolischer und anderer Funktionen. Benannt wurden sie nach ihrem Entdecker Jakob Bernoulli. 57 Von 1936-1941. 58 Vgl. Alex/Flessner/Mons/Zuse, Konrad Zuse: Der Vater des Computers, 2000. 40 muss. In wirtschaftlicher Hinsicht hat diese erst sehr viel später, nämlich in den 1980er Jahren stattgefunden. Zuse wiederum ist auch der Erfinder der ersten höheren Programmiersprache „Plankalkül“, die bereits so funktionierte wie die meisten der heutigen Sprachen: Die durchzuführenden Rechenoperationen des Computers wurden in einer menschenlesbaren Sprache geschrieben und anschließend in eine maschinenlesbare Form übersetzt. Arbeitsspeicher enthielten die damaligen Rechner noch nicht. Der erste Rechner, der einen solchen besaß, war der auf John von Neumann zurückgehende EDVAC aus dem Jahre 1945.59 Er enthielt einen Quecksilberverzögerungsspeicher für 1024 Fest- und Gleitkommazahlen mit jeweils 44 Bit und geht seinerseits auf die sog. Turing-Maschine von Alan Turing zurück.60 Zusätzlich konnte bei diesem Rechner jede Speicherzelle statt einer Zahl auch einen Befehl aufnehmen. Erstmals war es so möglich, die notwendigen Befehle für den Ablauf des Rechners in einen Arbeitsspeicher zu übertragen und immer wieder abzurufen, ohne sie neu eingeben zu müssen. Erst Ende der 1950er Jahre gab es dann die ersten „Compiler“, die Quelltexte in Maschinenbefehle übersetzen konnten, welche anschließend in den Speicher geladen und abgearbeitet werden konnten. Zur gleichen Zeit entstanden auch die ersten standardisierten höheren Programmiersprachen, wie etwa Fortran, COBOL, ALGOL und LISP, die durch die entsprechenden Übersetzungsprogramme (Compiler) auch auf unterschiedlichen Rechnern angewendet werden konnten. Einige Programme von damals sind heute noch einsatzfähig. Moderne Rechner haben zwei Hauptbestandteile, die für das Ablaufen eines Computerprogramms notwendig sind: Ein Speicher für das Programm und die Daten, der auch ein gemeinsamer Speicher sein kann, und ein Schaltwerk – die sog. Zentraleinheit oder CPU – das Daten aus dem Speicher liest, modifiziert oder in den Speicher schreibt. Programme sind dabei in einer binären Darstellung, also im sog. Maschinencode, im Speicher abgelegt und die jeweiligen Symbole bestimmten Bitfolgen zugeordnet. Die Symbolfolge eines Programms ist prozessorspezifisch und steuert die Aktionen der Maschine.61 II. Elemente eines Computersystems Ein Computersystem besteht hauptsächlich aus zwei Komponenten: Der Hardware, also alldem, was man anfassen kann, und der Software. Diese kann wiederum in System- und Anwendungssoftware unterteilt werden.62 59 Vgl. John von Neumann, First Draft of a Report on the EDVAC, 1945, abrufbar unter http://www.virtualtravelog.net/entries/2003-08-TheFirstDraft.pdf. 60 Horns, GRUR 2001, 1, 6. 61 Ausführlich zum Ganzen Horns, GRUR 2001, 1, 6. 62 Vgl. a. Pres, Gestaltungsformen urheberrechtlicher Softwarelizenzverträge, 1994, S. 10.

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Zusammenfassung

Die vorliegende Arbeit will langjährige Missverständnisse und Schwierigkeiten des immaterialgüterrechtlichen Schutzes von Computerprogrammen endgültig ausräumen. Die Betrachtung aus wettbewerbsorientiertem Blickwinkel auf der Grundlage der technischen und ökonomischen Besonderheiten ist – soweit ersichtlich – die erste Untersuchung, die sowohl das Urheber- als auch das Patentrecht einbezieht und dabei eine umfassende Neuregelung vorschlägt.

Dr. Lina Barbara Böcker befasst sich im Rahmen ihrer Tätigkeit am Institut für Wirtschafts-, Wettbewerbs- und Regulierungsrecht an der Freien Universität Berlin in erster Linie mit wettbewerbsrechtlichen Problemen des Immaterialgüterrechtsschutzes und allgemeinem Zivilrecht.