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Chryssoula Pentheroudakis, Dokumentationsmanagement und -vernetzung in:

Chryssoula Pentheroudakis

Urheberrechtlicher Wandel und die kollektive Wahrnehmung in der Informationsgesellschaft, page 318 - 319

Grundlagen, Wesen und Perspektiven der kollektiven Wahrnehmung mit rechtsvergleichenden Beiträgen zu ausgewählten EU-Urheberrechtssystemen

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4185-7, ISBN online: 978-3-8452-1380-4 https://doi.org/10.5771/9783845213804

Series: Nomos Universitätsschriften - Recht, vol. 619

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318 vom 18. Oktober 2005. Demnach wird die Tauglichkeit des bisherigen Systems von Gegenseitigkeitsvereinbarungen und seine Ausweitung auf die Online-Verwertung durch Zusatzvereinbarungen in Frage gestellt sowie den Verwertungsgesellschaften der Vorschlag unterbreitet, sich vom (im Offline-Bereich sonst beizubehaltenden) Modell der Gegenseitigkeitsvereinbarungen als Regelungsrahmen für eine länder- übergreifende Lizenzierung abzuwenden. Die Kommissionsempfehlung entfaltet zwar keine verbindliche Wirkung, stellt aber klar, welche Merkmale des alten Systems seiner Anpassung an die neuen technischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten im Wege stehen. Von einer gemeinschaftsweiten Regelung und einer allgemein als notwendig erkannten Kontrolle dieses Systems - mit Auswirkungen zumindest für den Offline-Bereich - wurde allerdings bisher abgesehen. Derzeit richtet sich das Augenmerk primär darauf, inwiefern es sämtlichen Beteiligten gelingen wird, das traditionelle, nunmehr lückenhafte Modell der Vergabe territorial begrenzter Lizenzen für sämtliche Rechte aus der Online-Verwertung, welches den Nutzer zu vertraglichen Vereinbarungen mit den einzelnen Verwertungsgesellschaften zwingt, durch neue Lizenzierungsmodelle zu ersetzen und somit die Praxis der kollektiven Rechtewahrnehmung an die Bedürfnisse der Online-Wirtschaft anzupassen – unter Berücksichtigung sowohl der Interessen von Rechteinhabern als auch von kommerziellen und nicht-kommerziellen Nutzerkreisen. Trotz kritischer Haltung der Kommission gegenüber den von den Verwertungsgesellschaften praktizierten Lizenzierungsmodellen darf schließlich nicht verkannt werden, dass die IFPI-Simulcasting-Vereinbarung einen erfolgreichen Schritt seitens der Verwertungsgesellschaften auf dem Weg zu einer effizienten One-stop-shop- Lizenzierung im Online-Bereich darstellt – auch wenn er sich nur auf die Simulcasting-Sparte sowie den kommerziellen Nutzerkreis der Sendeunternehmen beschränkt. E. Dokumentationsmanagement und -vernetzung Um die Teilnahme am elektronischen Geschäftsverkehr mit Werken zu ermöglichen und eine effiziente Einnahme und Verteilung der Abgaben zu gewährleisten, sehen die Verwertungsgesellschaften eine Notwendigkeit in der systematischen Registrierung des Werkrepertoires in digitalisierten Datenbanken sowie in der Archivierung der Dokumente aus dem Lizenzierungsvorgang. Vor allem die musikalischen Verwertungsgesellschaften pflegen die weltweite Vernetzung ihrer Datenbanken, um den Nutzern einen kontrollierten und identifizierbaren Zugang sicherzustellen, und bauen zugleich EDV-Systeme auf, die eine qualitativ bessere und rationellere Abrechnung der Auslandsnutzungen ermöglichen werden. Führende Verwertungsgesellschaften, wie die GEMA und BUMA/STEMRA, haben bereits ihren Internetauftritt um einen Lizenzshop erweitert, welcher der weitgehend automatisierten Lizenzierung von Webradio, Podcasting und Mitglieder-Webseiten dient. Auch auf internationaler Ebene arbeitet die Dachorganisation der Verwertungsgesellschaften CISAC daran, die technischen Aktivitäten zwischen den Verwer- 319 tungsgesellschaften zu koordinieren und gemeinsame Arbeitsmittel („Tools“) zwischen diesen Gesellschaften einzuführen, um auf solche Weise ihre Zusammenarbeit auf diesem Gebiet zu fördern. Zu diesem Zweck hat sie ein weltweites digitales Informationssystem ausgearbeitet, das „Common Information System“ (CIS), dem im Bereich der Musik eine dezentrale Vernetzung lokaler und regionaler Dokumentationssysteme zugrunde liegt. Dieses System soll auf der Basis verbindlicher Regeln und Standards der Identifizierung und Abrechnung von Werken dienen. Die Bemühungen der CISAC widmen sich im selben Rahmen der Entwicklung des sog. IPI-Systems („Interested Parties Identifier“), das durch Identifizierung des jeweiligen Urhebers bzw. der jeweiligen Verwertungsgesellschaft die Zuordnung der anfallenden Vergütungen ermöglicht – auch ohne genaue elektronische Identifizierung des benutzten Werks. Mithilfe dieses Registrierungssystems vergibt die Verwertungsgesellschaft jedem ihrer Mitglieder eine IPI-Nummer, die einem Datenpaket über Urhebereigenschaften, wahrgenommene Rechte und ökonomische Nutzungen entspricht und künftig bei der Werknutzung den vergütungsberechtigten Urheber schnell erkennbar macht. Zur Effizienzsteigerung einer weltweiten Werkdokumentation wird des Weiteren zusammen mit den Nutzern an einem Instrumentarium („International Standard Work Code“, ISWC) gearbeitet, das eine international einheitliche Nummerierung musikalischer Werke zugunsten der Online-Lizenzierung gewährleistet. Zur elektronischen Identifizierung soll die Anbringung von Wasserzeichen in den mit den Verwertern abzuschließenden Verträgen verhelfen.305 5. Abschnitt: Wertende Betrachtung der Organisationen kollektiver Wahrnehmung in Europa In den im Rahmen der vorliegenden Arbeit untersuchten EU-Mitgliedstaaten operieren derzeit weit mehr als 130 Organisationen im Bereich der kollektiven Wahrnehmung von Urheberrechten, die zumeist eine klare Spezialisierung nach Werkart bzw. nach einzelnen Urheberrechtsbefugnissen (z.B. mechanische Vervielfältigungsrechte) aufweisen. Gemeinsames Anliegen der Verwertungsgesellschaften ist, den Urhebern und Leistungsschutzberechtigten bessere Verwaltungsmöglichkeiten bei der Erwirtschaftung ihrer Rechte anzubieten und zugleich als zentrale Stellen zu fungieren, an die sich Nutzer und Werkvermittler zum Lizenzerwerb wenden können. Mittels der Institution der kollektiven Wahrnehmung wird nämlich eine effizientere Kontrolle über eine nicht überschaubare Anzahl von Werknutzungen erzielt, die jedem Berechtigten die ihm dafür zustehende angemessene Vergütung sicherstellen soll. 305 Becker, in: Prütting/Reinbothe/Schöfisch/Becker/Junker/Gerth/Schäfer (Hrsg.), Die Entwicklung des Urheberrechts im europäischen Rahmen, 1999, S. 53, 62; Kreile/Becker, FS Schricker, 2005, S. 387, 390 f.

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Zusammenfassung

Die Anpassung der kollektiven Wahrnehmung von Urheberrechten durch die Verwertungsgesellschaften an das digitale Zeitalter gewinnt zunehmend an Brisanz. Diese rechtsvergleichende Studie nimmt den Urheberrechtswandel in vielen Ländern Europas unter die Lupe, um anschließend die rechtlichen Rahmenbedingungen und die Wahrnehmungspraxis ausgewählter Verwertungsgesellschaften zu untersuchen. Nachgezeichnet werden dabei die Konturen einer gemeinschaftsweiten Rechtewahrnehmung, vor allem im Bereich der Online-Lizenzierung. Dazu wird der Frage nach Handlungsoptionen für eine gestärkte Rolle der Verwertungsgesellschaften in einer stets wandelnden Medienlandschaft nachgegangen.