Content

Christian Becker, Mittäterschaft im allgemeinen nach Schild in:

Christian Becker

Das gemeinschaftliche Begehen und die sogenannte additive Mittäterschaft, page 72 - 73

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4174-1, ISBN online: 978-3-8452-1326-2 https://doi.org/10.5771/9783845213262

Series: Nomos Universitätsschriften - Recht, vol. 612

Bibliographic information
72 mäßige) Geschehen als Weiterentwicklung zugerechnet werde.192 Somit könne die Abgrenzung zwischen Täter und Teilnehmer systematisch stets nur innerhalb dieses ex-ante-Handlungsunrechts verortet sein.193 Schild fasst die Täterformen des § 25 sämtlich als eine Form des Werkzeuggebrauchs auf.194 Der Täter verwende – bei der unmittelbaren Täterschaft – entweder sich selbst oder ein nichtmenschliches Werkzeug bzw. bei der mittelbaren und bei der Mittäterschaft einen anderen als menschliches Werkzeug, wobei er dieses bei letzterer zur arbeitsteiligen Erfolgsherbeiführung einsetze.195 Schild entwickelt in diesem Zusammenhang auch einen eigenständigen, normativen Handlungsbegriff, wonach der Begriff »Handlung« nicht in einem vor-normativen, phänomenologischen Sinne zu verstehen ist, sondern vielmehr nur in Bezug auf den jeweiligen Tatbestand gebildet werden kann.196 Bei allen Täterschaftsformen sei jeder Einzelne zum Zwecke einer strikten Isolierung innerhalb des Beteiligtenverhältnisses stets nur für die Umsetzung seines eigenen Handlungsprogrammes, das gegebenenfalls jedoch eben die Handlungen anderer einplant, zu bestrafen.197 2. Mittäterschaft im allgemeinen nach Schild Das Handlungsunrecht des Mittäters ist nach Schild die eigene unmittelbare Umsetzung des auf Zusammenarbeit abstellenden Handlungsprogrammes, welche eine Zurechnung des Taterfolges begründe, da bzw. wenn dieser sich als Verwirklichung dieses Programms erweise.198 Im Einzelnen sei ein Handlungsprogramm erforderlich, das einen anderen als Werkzeug einplane, dessen Tätigkeit arbeitsteilig gleichrangig mit dem als eigenen geplanten Beitrag sein soll, weshalb ihre Realisierung dem Planenden als eigene Handlung zugerechnet werden könne.199 »Im Ergebnis« fordert Schild für die Mittäterschaft eine Mitwirkung an der tatbestandlichen Ausführungshandlung und begründet dies mit dem Hinweis auf das gemäß § 25 Abs. 2 erforderliche Handlungsprogramm, welches die Herbeiführung des tatbestandsmäßigen Erfolges durch ein arbeitsteilig gleichrangig tätigwerdendes Werkzeug umfassen müsse.200 Mittäterschaft sei daher überhaupt nur dann möglich, wenn die Tatbestandshandlung »aufgeteilt« werden könne.201 Als Beispiele nennt Schild den Raub gemäß § 249, aber auch den Diebstahl gemäß § 242, da hier die Tatbestandshandlung in Bruch fremden Gewahrsams und Be- 192 A.a.o. 157. 193 A.a.o. Rn. 113. 194 A.a.o. Rn. 284; dazu noch unten C. I. 3. b). 195 A.a.o. Rn. 284. 196 Schild Täterschaft 17 ff. 197 NK – Schild Vorbem §§ 25 ff. Rn. 278 ff. 198 Vgl Schild a.a.o. Rn. 162 sowie § 25 Rn. 84. 199 NK – Schild § 25 Rn. 92. 200 A.a.o. Rn. 94. 201 A.a.o. Rn. 95. 73 gründung neuen Gewahrsams teilbar sei, sowie die Verwirklichung eines Tötungsdeliktes durch mehrere Giftgaben.202 3. »Additive Mittäterschaft« im Besonderen nach Schild Schild lehnt die Figur der »additiven Mittäterschaft« generell ab.203 Er schließt die Unzulässigkeit diese Rechtsfigur als Form der Mittäterschaft daraus, dass es bei der Mittäterschaft, ebenso wie bei anderen Täterschaftsformen, stets um ein das Handlungsprogramm jedes Einzelnen betreffendes Handlungsunrechtsproblem gehe, womit eine nachträgliche Zusammenfügung der einzelnen Tatbeiträge zu einer »Kollektivtat« ausscheide.204 Bei der »additiven Mittäterschaft« sei zwar ein Tatentschluss hinsichtlich eines gemeinschaftlichen Attentats gegeben, nicht aber hinsichtlich eines gemeinschaftlichen Tötens, da vielmehr jeder Einzelne die Tötungshandlung alleine vornehmen solle.205 Für das als »Gesamtprojekt« vorhandene, gemeinschaftliche Attentat fehle es an einem Straftatbestand.206 Das Abstellen der herrschenden Lehre auf die Risikoerhöhung sei unzulässig, da auch der Teilnehmer grundsätzlich das Risiko erhöhe und darüber hinaus, nähme man alleine die Risikoerhöhung als maßgeblich an, bereits unmittelbare Alleintäterschaft bejaht werden müsste.207 Außerdem ist nach der Auffassung von Schild die Risikoerhöhung keine Voraussetzung von Mittäterschaft. Vielmehr sei auch derjenige Mittäter, der von der Bande nur zu Lernzwecken mitgenommen werde und aufgrund seiner Unerfahrenheit das Risiko eines Gelingens der Tat eher vermindere.208 4. Kritik Die Ausführungen von Schild zu den §§ 25 ff. sind sehrt umfangreich und konnten hier nur in ihren Grundzügen dargestellt werden. Gleichwohl sollte die vorstehende Darstellung genügen, um eine Auseinandersetzung mit der von Schild entwickelten Auffassung zur »additiven Mittäterschaft« zu ermöglichen. Es soll dabei nicht unerwähnt bleiben, dass zum einen in Teilaspekten erhebliche Übereinstimmungen mit der von Schild vertretenen Auffassung und dem hier noch zu Entwickelnden bestehen, dass aber zum anderen die Zusammenhänge und die Sy- 202 NK – Schild Vorbem §§ 25 Rn. 347. 203 Vgl. NK – Schild Vorbem §§ 25 Rn. 247 und 303; sowie § 25 Rn. 85. und 94. 204 A.a.o. Rn. 163. 205 A.a.o. Rn. 247. 206 NK – Schild § 25 Rn. 94. 207 NK – Schild Vorbem §§ 25 ff. Rn. 247; zur Frage der Risikoerhöhung eingehend oben A. II. 2. 208 NK – Schild § 25 Rn. 85.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Das Werk behandelt die Abgrenzung von Mittäterschaft und Teilnahme, eine angesichts der Verbreitung des Tatherrschaftsgedankens rückläufige Diskussion. Losgelöst vom Begriff „Tatherrschaft“ wird die Mittäterschaft – anhand der sog. „additiven Mittäterschaft“ – konsequent auf ihre gesetzliche Regelung in § 25 Abs. 2 StGB zurückgeführt. Die entwickelte Lösung, eine teilweise Renaissance der formal-objektiven Theorie, mag dem Einwand fehlender argumentativer Flexibilität und somit mangelnder Praxistauglichkeit ausgesetzt sein. Demgegenüber steht die Rückbesinnung auf eine echte Tatbestandsbezogenheit, die den dahinterstehenden verfassungsrechtlichen Garantien die notwendige Geltung verschafft.