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Christian Becker, Die Lösung der vorliegenden Fallgruppe unter Zugrundelegung der Ganzheitstheorie in:

Christian Becker

Das gemeinschaftliche Begehen und die sogenannte additive Mittäterschaft, page 68 - 69

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4174-1, ISBN online: 978-3-8452-1326-2 https://doi.org/10.5771/9783845213262

Series: Nomos Universitätsschriften - Recht, vol. 612

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68 VII. »Additive Mittäterschaft« bei Schmidhäuser Auch bei Schmidhäuser finden sich Ausführungen zur »additiven Mittäterschaft«. Wiederum ist zunächst die allgemein von ihm zugrunde gelegte Täterschaftskonstruktion darzustellen. 1. Die ganzheitliche Betrachtung nach Schmidhäuser Schmidhäuser ist der Auffassung, dass ein abstrakt-allgemeiner Begriff zur Abgrenzung von Täterschaft und Teilnahme angesichts der zu regelnden Materie nicht entwickelt werden kann.176 Die Grenze könne vielmehr nur phänomenologisch anhand von Fallgruppen und Beispielen aufgezeigt werden.177 Der von Schmidhäuser selbst so bezeichnete »Ganzheitsgedanke« meint demnach, »dass nur aus der Gesamtheit der objektiven und subjektiven Umstände des Tatgeschehens beantwortet werden kann, wer Täter und wer Teilnehmer ist, wobei sich nicht von vorneherein sagen lässt, welches der Momente des Tatgeschehens, die die Ganzheit ausmachen, nun den Ausschlag für die Entscheidung gibt(oder: welche der Momente den Ausschlag geben).«178. Dabei unterscheidet Schmidhäuser grundsätzlich zwischen »objektiv-äußeren« und »subjektiv-seelischen« Momenten, wobei folgende Momente179 beispielhaft aufgezählt werden: Die Gegenwart des Beteiligten am Tatort, die zeitliche Nähe des Einsatzes zum Erfolg, das Gewicht des Einsatzes für die Herbeiführung des Erfolges, die Gestaltung des Tatablaufs nach Ort und Zeit, das Maß der Beherrschung des Geschehens, die Intensität der Tatvorbereitung, das Maß an Individualität des Tatbeitrags, die Notwendigkeit der Mitwirkung und die Ersetzbarkeit des Beteiligten, das spezielle Handlungsziel, die Verabredung über die Art der Teilung der Verbrechensbeute, die Raffinesse in der Planung der Tat, die Auswahl des Tatobjekts, die Stärke der Persönlichkeit im Verhältnis zu anderen Mitwirkenden, die Freiwilligkeit oder Unfreiwilligkeit in der Unterordnung eigenen Strebens unter fremden Entschluss, das Anheimstellen der Ausführung der Tat und das Sich-Führen-Lassen von einem anderen. 2. Die Lösung der vorliegenden Fallgruppe unter Zugrundelegung der Ganzheitstheorie Es liegt im Wesen der von Schmidhäuser vertretenen ganzheitlichen Betrachtung, dass sie nicht zu einer abstrakten Lösung der »additiven Mittäterschaft« führen 176 Schmidhäuser AT 10/163 ff.; ders. Stree / Wessels – FS S. 343 ff. 177 A.a.o. 10/ 163. 178 Schmidhäuser Stree / Wessels – FS S. 343. 179 Schmidhäuser AT 10/166. 69 kann. Ob der ganzheitlichen Betrachtung zur Abgrenzung von Täterschaft und Teilnahme gefolgt werden kann, so dass die vorliegende Fallgruppe stets nur anhand des Einzelfalles zu lösen wäre, ist sogleich unter 3. zu erörtern. Vorweg seien noch einige Äußerungen Schmidhäusers zur vorliegenden Fallgruppe angeführt. Er nimmt offenbar an, dass eine Mittäterschaft aller Beteiligten regelmäßig nicht in Betracht komme.180 Hat lediglich ein Schütze einen tödlichen Schuss ausgeführt, so habe nur er eine zurechenbare Tötungshandlung vorgenommen. Eine Mittäterschaft käme nur in Betracht, wenn von einem Beteiligten zusätzlich zur eigentlichen Tathandlung »sonstige Beiträge von gleichrangigem Gewicht« geleistet würden. 3. Kritik In der Auseinandersetzung mit Schmidhäusers Ganzheitstheorie wird eine im Zusammenhang mit der Tatherrschaftslehre bereits angedeutete Problematik deutlich. Es dürfte unstreitig sein, dass eine allgemeine Abgrenzung von Täterschaft und Teilnahme nicht dergestalt stattfinden kann, dass anhand eines von den einzelnen Straftatbeständen vollständig abstrahierten Maßstabes eine präzise Grenzziehung für jeden konkreten Einzelfall stets vorgegeben ist. Dies resultiert primär daraus, dass Täterschaft als solche, also abstrakt nicht vorkommen kann, sondern dass sie immer nur in Bezug auf einen im Besonderen Teil umschriebenen Straftatbestand auftritt. Die Grenzziehung muss somit immer in einem bestimmten Maße mit Blick auf den jeweils konkret in Rede stehenden Straftatbestand erfolgen. Bedeutet dies jedoch auch zugleich, dass daneben eine allgemeine Täterschaftsdogmatik entbehrlich ist? Man könnte diese Konsequenz ziehen und das Erfordernis eines allgemein-abstrakten Täterschaftsbegriffes negieren, indem man die Frage nach der Beteiligungsform als Problem des Besonderen Teils auffasst.181 Oder man könnte im Sinne von Schmidhäuser die Abgrenzung von Täterschaft und Teilnahme als eine Frage des Einzelfalles auffassen, zu deren Beantwortung lediglich beispielhaft aufgezählte, nicht abschließende Kriterien herausgearbeitet werden können. Auch dies ist in letzter Konsequenz die Negation einer abstrakt-allgemeinen Täterschaftsdogmatik. Schmidhäusers Betrachtungsweise wird entgegengehalten, sie ermögliche eine unkontrollierbare Beliebigkeit bei der Bestimmung von Täterschaft, was zu einer nicht hinnehmbaren Rechtsunsicherheit führe.182 Dieser Einwand wirkt zunächst naheliegend. Das macht aber seine genaue Prüfung nicht entbehrlich. Schmidhäuser hat seine Auffassung gegen diese Kritik auch damit verteidigt, dass andere Auffassungen, insbesondere die Tatherrschaftslehre, keinen erhöhten Erkenntnisgewinn brächten und tatsächlich unter dem Deckmantel eines vermeintlich die Abgrenzung erleichternden 180 Schmidhäuser a.a.o. 10/62; er hält die Annahme von Mittäterschaft für »fragwürdig«, wobei offenbar »additive« und »alternative« Mittäterschaft gleich behandelt werden. 181 In diese Richtung Freund AT § 10 Rn. 66 ff., 164; dazu s. unten C. II. 1. f) (2) (e). 182 In diesem Sinne etwa Küpper GA 1986, 437 (444); Roxin AT II § 25 V Rn. 34.

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Zusammenfassung

Das Werk behandelt die Abgrenzung von Mittäterschaft und Teilnahme, eine angesichts der Verbreitung des Tatherrschaftsgedankens rückläufige Diskussion. Losgelöst vom Begriff „Tatherrschaft“ wird die Mittäterschaft – anhand der sog. „additiven Mittäterschaft“ – konsequent auf ihre gesetzliche Regelung in § 25 Abs. 2 StGB zurückgeführt. Die entwickelte Lösung, eine teilweise Renaissance der formal-objektiven Theorie, mag dem Einwand fehlender argumentativer Flexibilität und somit mangelnder Praxistauglichkeit ausgesetzt sein. Demgegenüber steht die Rückbesinnung auf eine echte Tatbestandsbezogenheit, die den dahinterstehenden verfassungsrechtlichen Garantien die notwendige Geltung verschafft.