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Christian Becker, Tatherrschaft des Kollektivs und »additive Mittäterschaft« in:

Christian Becker

Das gemeinschaftliche Begehen und die sogenannte additive Mittäterschaft, page 57 - 57

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4174-1, ISBN online: 978-3-8452-1326-2 https://doi.org/10.5771/9783845213262

Series: Nomos Universitätsschriften - Recht, vol. 612

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57 sonderen Teils.137 Eine mittäterschaftsbegründende Teilhabe des Einzelnen an der Tatherrschaft des Kollektivs sei dann anzunehmen, wenn »dessen Beitrag aufgrund des objektiven Zusammenhangs mit den übrigen Beiträgen die Tatherrschaft des Kollektivs hinsichtlich des Gesamterfolgs der Rechtsgutsbeeinträchtigung mit begründet«.138 2. Tatherrschaft des Kollektivs und »additive Mittäterschaft« Gössel erachtet im hier untersuchten Attentats-Fall alle Schüsse als Ausdruck der kollektiven Tatherrschaft, an der somit jeder einzelne Schütze durch Abgabe seines Schusses teilhabe.139 Auf die Frage der Wesentlichkeit des Tatbeitrages komme es nicht an, da die Teilhabe an der kollektiven Tatherrschaft allein maßgeblich sei.140 3. Kritik Gössel versteht den von ihm vertretenen Mittäterschaftsbegriff als »auf der Grundlage der materiell-objektiven Täterschaftslehre« beruhend.141 Ebenfalls hält er den Begriff der »funktionellen Tatherrschaft« im Zusammenhang mit der Mittäterschaft für zutreffend.142 Für die Konstruktion einer Tatherrschaft des Kollektivs benötigt er jedoch nicht die Konstruktion der ex-ante-Wesentlichkeit des Einzelbeitrages, so dass seine Auffassung zunächst nicht den soeben gegen die herrschende Lehre dargelegten Bedenken ausgesetzt ist. Gleichwohl kann der von Gössel vertretenen Auffassung zur hier untersuchten Fallgruppe nicht gefolgt werden. Es bleibt schon generell unklar, was unter einer Tatherrschaft des Kollektivs zu verstehen ist bzw. worauf sich eine solche überhaupt beziehen muss.143 Dies wird bei der »additiven Mittäterschaft« in besonderem Maße deutlich. Die kausale Erfolgsherbeiführung kann hier als Bezugspunkt der Tatherrschaft des Kollektivs nicht gemeint sein, denn sie beherrschen nur diejenigen Beteiligten, die zu ihr auch tatsächlich und nachweisbar beitragen. Angenommen sämtliche 20 Schützen würden das Opfer verfehlen, so dass dieses mit dem Leben davonkäme. In diesem Fall läge kein vollendetes Tötungsdelikt vor, so dass sicher niemand auf den Gedanken käme, eine Tatherrschaft des Attentäterkollektivs hinsichlich eines solchen Tötungsdeliktes anzunehmen. Trifft nun aber einer der 137 A.a.o. Rn. 6. 138 A.a.o. Rn. 26. 139 A.a.o. Rn. 37, 38. 140 A.a.o. Rn. 38. 141 A.a.o. Rn. 8. 142 A.a.o. Rn. 5. 143 Wie später unter C. II. 1. f) (c) noch zu zeigen sein wird, ist dies eine generelle Schwäche sämtlicher Varianten der Tatherrschaftslehre.

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Zusammenfassung

Das Werk behandelt die Abgrenzung von Mittäterschaft und Teilnahme, eine angesichts der Verbreitung des Tatherrschaftsgedankens rückläufige Diskussion. Losgelöst vom Begriff „Tatherrschaft“ wird die Mittäterschaft – anhand der sog. „additiven Mittäterschaft“ – konsequent auf ihre gesetzliche Regelung in § 25 Abs. 2 StGB zurückgeführt. Die entwickelte Lösung, eine teilweise Renaissance der formal-objektiven Theorie, mag dem Einwand fehlender argumentativer Flexibilität und somit mangelnder Praxistauglichkeit ausgesetzt sein. Demgegenüber steht die Rückbesinnung auf eine echte Tatbestandsbezogenheit, die den dahinterstehenden verfassungsrechtlichen Garantien die notwendige Geltung verschafft.