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Stefan Fritz, Zusammenfassung und Ausblick in:

Stefan Fritz

Stifterwille und Stiftungsvermögen, page 184 - 186

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4166-6, ISBN online: 978-3-8452-1999-8 https://doi.org/10.5771/9783845219998

Series: Schriftenreihe zum Stiftungswesen, vol. 41

Bibliographic information
184 G. Zusammenfassung und Ausblick In der Praxis können insbesondere der Abschied vom strikten Verständnis der Vermögenserhaltung und der Ertragspflicht zu erheblichen Erleichterungen für Stiftungen bei der Vermögensverwaltung führen, sofern der Stifter dies will. Ein Umdenken in diese Richtung eröffnet insbesondere Kapitalstiftungen den Zugang zu modernen Anlagemethoden und befreit sie von ökonomisch unsinnigen Zwängen aufgrund missverstandener Grundsätze. Das falsche Verständnis des Gebots der sicheren Anlage als Ausschluss jeglichen Risikos zeitigt in der Praxis regelmäßig folgende Ergebnisse. Die Anlage ausschließlich in vermeintlich »sichere« Rentenwerte führt zu einer erheblichen Erhöhung des Gesamtrisikos im Portfolio, weil den festverzinslichen Wertpapieren im Portfolio keine Anlagen mit geringer Korrelation gegenüberstehen. Das für jedes Portfoliomanagement elementare Diversifizierungsgebot wird außer Acht gelassen. Verändert sich die Situation an den Kapitalmärkten zuungunsten der Rentenpapiere, drohen empfindliche Kurs- und damit Substanzverluste.782 Die Übergewichtung von festverzinslichen Wertpapieren (ver-)führt häufig auch zum Verzicht auf eine aktive Anlagestrategie. Üblicherweise behalten die Stiftungen im Sinne einer "Anlagepolitik der ruhigen Hand" ihre Renten nach dem »Buy-and-hold-Prinzip« bis zum Ende der jeweiligen Laufzeit. Ob danach eine gleichwertige oder bessere Wiederanlage gelingt, bleibt dem Zufall überlassen – je nachdem, welche Zinssituation bei Auslauf des Vorgänger-Papiers gerade herrscht.783 Das Portfolio wird auf diese Weise insgesamt dem Spiel der Rentenmärkte ausgeliefert.784 Ein falsch verstandenes Spekulationsverbot hält Stiftungen davon ab, ihr Portfolio ausreichend auch in Aktien oder alternative Investments zu streuen. Dabei könnten Stiftungen aufgrund ihres zeitlich nahezu unbegrenzten Anlagehorizonts wesentlich besser von den langfristigen Wertsteigerungen etwa am Aktienmarkt785 profitieren als Privatanleger. Im Unterschied zu diesen sind Stiftungen wesentlich seltener dazu gezwungen, zeitweilige Kursverluste zu realisieren, da sie – von Verbrauchsstiftungen abgesehen – ohnehin nicht auf den Grundstock zugreifen müssen – beziehungsweise dürfen. Die unreflektierte Angst vor Währungsrisiken786 und räumlich weit entfernten Investments veranlasst Stiftungen dazu, sich bei der Anlage auf deutsche Werte oder solche im Euro-Raum zu beschränken. Das wichtige Prinzip der größtmöglichen Risikostreuung bleibt dabei außer Acht. 782 Benke, Stiftung&Sponsoring 2/1999, 13. 783 Ähnlich Haase-Theobald/Lehnert, Stiftung&Sponsoring 5/2006, 40. 784 Vgl. Koppenhöfer, Deutsche Stiftungen 3/2003, 38. 785 Vgl. hierzu etwa Lampe, Stiftung&Sponsoring 1/2007, Beilage Rote Seiten, S.4. 786 Instruktiv hierzu Benke, Die Stiftung 7/2008, 76. 185 Das Vermögenserhaltungsgebot wird absolut gesetzt. Sind wertsteigernde Elemente im Portfolio vorhanden, und übersteigt deren Wertzuwachs das zum Vermögenserhalt erforderliche Maß, so verhindert eine (zu) strenge Auslegung des Vermögenserhaltungsgebots, dass der Überschuss in Form zur Zweckverwirklichung eingesetzt wird.787 Das Gebot der ertragbringenden Anlage wird zu eng dahingehend ausgelegt, dass jedes einzelne Investment Erträge ausschütten muss. Die Konzentration auf ertragbringende Werte lässt Stiftungen weiterhin zur Vernachlässigung der Vermögenserhaltung tendieren. Werden die Erträge in voller Höhe zur Zweckverwirklichung eingesetzt, findet aufgrund des schleichenden Kaufkraftverlusts unzweifelhaft Kapitalverzehr statt. Selbst die Rücklagenbildung im steuerlich zulässigen Maße kann auf lange Sicht den realen Kapitalerhalt nicht gewährleisten.788 Anstatt von vorneherein wertsteigernde Elemente ins Grundstockvermögen aufzunehmen, beschränken sich viele Stiftungen bei der Vermögenserhaltung alleine auf die insuffiziente Rücklagenbildung. Wie bei der Stiftungskonzeption die Vermögensanlage, so bleibt umgekehrt bei den Anlageentscheidungen häufig der Stiftungszweck außer Betracht. Zahlreiche Kapitalstiftungen wissen nicht, ob und inwieweit ihre Investments inhaltlich mit dem Stiftungszweck vereinbar sind oder ihn im Gegenteil konterkarieren. Und wo ein Bewusstsein hinsichtlich der Zweckdimension des Vermögens vorhanden ist, befürchten viele Verantwortliche, sie müssten für eine nachhaltige Anlage auf Rendite verzichten und würden damit gegen Stiftungsrecht verstoßen. Eine moderne Anlagemethodik setzt hingegen nicht bei angeblich gebotenen Ertrags- oder Vermögenserhaltungspflichten an. Sie versucht vielmehr, den Stifterwillen dadurch bestmöglich zu erfüllen, dass sie im Rahmen einer definierten Anlagestrategie durch eine geeignete Mischung werterhöhender und ertragbringender Investments die Voraussetzungen zur bestmöglichen Erfüllung des Stifterwillens bei geringstmöglichem Risiko schafft. Werden die Anlageziele trotz einer entsprechenden Zusammensetzung des Portfolios im ersten Schritt nicht erreicht, so stehen über die variablen Rücklagen Korrekturmöglichkeiten zur Verfügung. Vom Stifter hängt es dabei insbesondere ab, ob die Vermögenserhaltung oder die Zweckverwirklichung Priorität haben soll. Beide Varianten sollen nachfolgend beispielhaft skizziert werden. Im ersten Fall – Priorität der Vermögenserhaltung – enthält das Portfolio in angemessenem Umfang wertsteigernde Instrumente, insbesondere Aktien, um inflationsbedingte Kaufkraftverluste durch eine nachhaltige Wertentwicklung von vorneherein auszugleichen. Obergrenzen für die Auswahl der Anlageinstrumente und ihres jeweiligen Anteils am Gesamtportfolio in dieser Anlagegruppe bilden das definierte Maximalrisiko und das Spekulationsverbot.789 Soweit die im jeweiligen Betrachtungszeitraum erzielten Wertsteigerungen die definierte Teuerungsrate übersteigen, können diese als Umschichtungsrücklagen realisiert und neben den vorhandenen Erträgen zu Gunsten der Zweckverwirklichung mit eingesetzt werden. Rei- 787 Vgl. Wilkes, Stiftung&Sponsoring 3/2000, Beilage Rote Seiten, S.20 f. 788 Vgl. z.B. Benke, Die Bank 1997, 654 (656); Nagel, 7.4.2. 789 Siehe hierzu näher oben, S.116 ff. 186 chen die vermögensimmanenten Wertsteigerungen hingegen nicht aus, ist die erforderliche Summe im Rahmen des steuerlich Möglichen aus den Erträgen in eine freie Rücklage einzustellen und dem Grundstock zuzuführen. Geht hingegen die Zweckverwirklichung dem Vermögenserhalt vor, hat sich die Anlage insgesamt an der Erwirtschaftung der benötigten Zielausschüttung zu orientieren.790 Diese muss jedoch nicht ausschließlich mittels Zins- und Dividendenerträgen erwirtschaftet werden. Zusätzlich kommt auch die Ausschüttung realisierter Kursgewinne in Betracht. Die Zusammensetzung des Portfolios verfolgt dabei ein definiertes Risiko-Rendite- Verhältnis. Daneben können derivative Zusatzerträge durch weitere Anlageinstrumente, etwa Covered Calls791 erzielt werden. Sofern sich das angestrebte Ertragsziel durch die ertragbringenden Anlagen beziehungsweise die weiteren Instrumente nicht erreichen lässt, kann die Vermögenssubstanz herangezogen werden. Dann sind die Umschichtungsrücklagen zu Gunsten einer Ausschüttung aufzulösen. Dem Stifter steht es ebenfalls frei, Vermögenserhalt und Zweckverwirklichung in ihrer Priorität gleich zu gewichten. In diesem Fall könnte er etwa anordnen, dass die jeweils erzielte Gesamtrendite zu gleichen Teilen auf die beiden Ziele verteilt werden soll – gegebenenfalls unter Berücksichtigung der Vorgaben des Gemeinnützigkeitsrechts. In jedem der beschriebenen Fälle verfolgt die Anlage in sich konsistent nur ein Ziel – die bestmögliche Verwirklichung des Stifterwillens und damit das oberste Prinzip des Stiftungswesens. Vermögenserhaltung und Erträge erhalten daher ihre Legitimität nicht durch einen scheinbaren Status als nicht nachweisbare »Grundsätze« der Vermögensanlage für Stiftungen, sondern fußen unmittelbar auf dem Fundament des Stiftungsrechts. Vor diesem Hintergrund erscheint es fragwürdig, wenn heute einige Autoren und Berater den Stiftern noch immer nahe legen, auf konkrete Regelungen zum Stiftungsvermögen zu verzichten.792 Wie in anderen Lebens- und Rechtsbereichen, so bedingen sich auch im Stiftungsrecht Freiheit und Verantwortung gegenseitig. Der aus staatlicher Obhut emanzipierte Stifter hat nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, Leben und Charakter der Stiftung nach seinem Willen aber weitsichtig, auszugestalten.793 Dies gilt auch und besonders im Hinblick auf das Stiftungsvermögen. Nur dann kann er auch von den Stiftungsorganen erwarten, dass diese das anvertraute Vermögen aktiv bewirtschaften und nicht lediglich wie im eingangs zitierten biblischen Gleichnis sicher, aber wirkungslos verwahren. 790 Vgl. Formulierungsbeispiel einer Stiftungssatzung im Anhang. 791 Vgl. oben, S.104. 792 Vgl. z.B. Carstensen, ZSt 2005, 90 (94). 793 Jakob, Schutz der Stiftung, S.129.

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Zusammenfassung

Die jüngste Finanzkrise hat in zahlreichen Stiftungsdepots deutliche Spuren hinterlassen und die Diskussion über die konkreten Anforderungen an das Vermögensmanagement von Stiftungen neu entfacht. Dabei zeigt sich, dass zentrale Begriffe wie Vermögenserhaltung, ertragbringende Anlage oder Wirtschaftlichkeit in der Praxis nach wie vor unterschiedlich interpretiert werden.

Das Werk untersucht zunächst die bundes- und landesgesetzlichen Vorgaben zum Stiftungsvermögen, um anschließend den Gestaltungsspielraum des Stifters und des Stiftungsmanagements herauszuarbeiten. Ihnen obliegt es, die Art der Vermögensverwendung festzulegen – einschließlich des Erhaltungskonzepts. An den Anlagezielen Wert, Ertrag, Risiko und vor allem Zweck hat sich jede einzelne Anlage- und Umschichtungsentscheidung zu orientieren.

Dieses Buch enthält das rechtliche und ökonomische Basiswissen für alle Praktiker, die selbst Verantwortung für Stiftungsfinanzen tragen oder Stiftungen in Vermögensfragen beraten.

Der Autor ist im gehobenen Privatkundensegment einer großen Geschäftsbank für die Beratung von Stiftern und Stiftungen verantwortlich und verfügt über langjährige Praxiserfahrung in diesem Segment.