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Manfred E. Streit, Wirtschaftspolitik und Wissen in:

Manfred E. Streit

Reflexionen und Kommentare zur Wirtschaftspolitik, page 27 - 29

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4165-9, ISBN online: 978-3-8452-1474-0 https://doi.org/10.5771/9783845214740

Series: CONTRIBUTIONES JENENSES, vol. 11

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27 B. Methodische und normative Grundlagen 8. Wirtschaftspolitik und Wissen In den vorangegangenen Abschnitten wurden wiederholt die Wissensanforderungen aufgezeigt, welchen der Versuch zu genügen hat, ein marktwirtschaftliches System nach wirtschaftspolitischen Zielen zu steuern oder zu lenken. Folgende Wissenskategorien sind dazu erforderlich: Die Kenntnis von (operationalen) Lenkungszielen; Wissen über die Funktionsweise oder die Eigengesetzlichkeiten des Entscheidungsfeldes, hier des marktwirtschaftlichen Systems; Wissen über die Wirkungsweise der erwogenen Lenkungsmaßnahmen oder Instrumente. Die zweite und letztgenannte Wissenskategorie haben gemeinsam, dass sie Wissen über die Funktionsweise des Systems voraussetzen; denn Aussagen über die Wirkungsweise von Instrumenten beziehen sich auf Gesetzmäßigkeiten, mit denen eine empirisch unwiderlegte Beziehung zwischen den als Lenkungsziele operationalisierten Variablen und solchen erklärenden Variablen aufgezeigt wird, die als Instrumente bzw. Instrumentvariable angesehen und verändert werden können. Die empirische Grundlage einer solchen Ziel- Mittelbeziehung kann im günstigen Fall durch (ökonometrische) Auswertung von statistischen Beobachtungen des Systemablaufs gewonnen werden (vgl. Abschn. 15). Allerdings wäre dabei Skepsis angebracht; denn die Systemeigenschaften stehen einer derart empirischen Fundierung von Lenkungsversuchen entgegen. Das marktwirtschaftliche System ist offen und interaktiv komplex (Abschn. 2.6.0). Seine Komplexität ergibt sich aus dem Zusammenwirken oder der Interaktion einer beträchtlichen Zahl verschiedenartiger Akteure (Marktteilnehmer). Medium der Interaktion ist der indirekte Tausch. Tauschgegenstände sind neben Geld die verschiedenen Handlungs- oder Eigentumsrechte, über welche die Akteure frei verfügen können und die sie zur Realisierung ihrer Wirtschaftspläne einsetzen. Insofern dient der Tausch der Koordination individueller Wirtschaftspläne. Bezogen auf das System kann gesagt werden, dass es sich selbst koordiniert. Zu dieser Selbstkoordination kommt die systemische Selbstkontrolle durch Wettbewerbshandlungen (vgl. Abschn. 9.1.1.4). Durch den Druck des Wettbewerbs werden die Wettbewerber zu kreativen Handlungen in Form von Inventionen bzw. Innovationen angeregt. Ihre Kreativität und deren Folgen bedeuten für das System, dass in seinem Ablauf überraschende und daher unvorhersehbare Ereignisse auftreten können. Damit wird nichts anderes als die Offenheit des interaktiv komplexen Systems beschrieben. Die Folge davon ist, dass es an verlässlichen Kausalitäten oder Ursache- Wirkungsbeziehungen fehlt (STREIT, 1998/2001, S. 141). Soweit es sich dabei um Ziel- Mittelbeziehungen han- 28 delt, wird Lenkungswissen sehr fraglich und ein Mitteleinsatz in seinen Folgen (Hauptund Neben-, Nah- und Fernwirkungen) nicht vorhersehbar, selbst wenn unterstellt würde, dass sich sonst am Systemablauf nicht änderte. Würde dennoch ein Lenkungsversuch unternommen, läge dem eine Anmaßung von Wissen zu Grunde. Als Beispiel kann für das beschriebene Wissensproblem die Theorie der Besteuerung angeführt werden. Nach ihr dürfte bekannt sein, wie unzulänglich das Wissen über die Überwälzung von Steuern, die Inzidenz, ist und welche Modelierungsprobleme bei ihrer Analyse auftreten. Das dürfte z.B. erklären, warum die politische Diskussion über die Besteuerung von Argumenten zur Zahllast, also der formalen Inzidenz, und nur sehr vage zur Traglast einer Steuer, der materiellen Inzidenz, beherrscht wird. Eine Gleichsetzung von Zahl- und Traglast, wie dies häu? g geschieht, steht für eine Anmaßung von Wissen mangels besserer Information. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Wirtschaftspolitik in einem interaktiv komplexen und offenen System wie die Marktwirtschaft durch genuines Unwissen über Ziel- Mittelbeziehungen belastet ist. Das gebietet wirtschaftspolitische Zurückhaltung unbeschadet der politisch ökonomisch erklärbaren Verlockungen, denen Träger der Wirtschaftspolitik nur zu leicht erliegen. Literatur Streit, M.E. (2005), Wissenschaftliche Politikerberatung zwischen Wissensmangel und Opportunismus, in: A. Freytag (Hrsg.): Weltwirtschaftlicher Strukturwandel, nationale Wirtschaftspolitik und politische Rationalität, Köln: Universitätsverlag, S. 30 – 35. Streit, M.E. (2007), Das Wissensproblem der Ökonomik aus Hayekscher Sicht, ORDO, 58, S. 149-156. 29 9. „Neoliberal: Ein politisches Schimpfwort?“ Die mit dem Thema angeworfene Frage ist zu bejahen. Es handelt sich um einen zur Polemik entgleisten Irrtum, der in der Diskussion marktwirtschaftlich orientierter wirtschafts- und sozialpolitischer Reformvorschläge in Deutschland um die Jahrtausendwende und danach immer wieder auftauchte (STREIT, 2006). Der darin enthaltene Irrtum ist ein mehrfacher. Einmal wird damit der Liberalismus als Ideensystem unverstanden in Misskredit gebracht und mit ihm eine in der europäischen Kultur wurzelnde Gesellschaftsvorstellung, welche die individuelle Freiheit und Selbstverantwortung betont. Ihr Ursprung ist im klassischen Athen und -als Übernahme- im römischen Kaiserreich (bei Cicero) zu ? nden. In Deutschland ist das Freiheitsideal mit den Namen Immanuel Kant, Wilhelm von Humboldt und Friedrich Schiller eng verbunden. Der klassische angelsächsische Liberalismus wird auf die schottischen Moralphilosophen Adam Ferguson, Adam Smith, David Hume und John Stuart Mill zurückgeführt. Sie prägten das nationalökonomische, ordnungstheoretische Denken und vertraten eine naturrechtliche Begründung ihrer freiheitlichen Vorstellungen. Hieraus ergab sich auch ihre Forderung nach Privateigentum und Vertragsfreiheit als den institutionellen Grundlagen einer marktwirtschaftlichen Ordnung als einer „Handelnsordnung“ (HAYEK, 1967/2003). Der zweite Irrtum bezieht sich auf diese Ordnung und auf die Forderungen nach marktwirtschaftlich orientierten Reformen. Mit dem Irrtum verbunden ist ein Unverständnis der „Handelnsordnung“ als einer spontanen, ungeplanten Ordnung, die keines Organisators bedarf und die aus dem Zusammenwirken oder der Interaktion vieler Akteure entsteht. Deshalb ist das marktwirtschaftliche Geschehen komplex mit der Folge, dass eine Suche nach an einfachen Kausalitätsbeziehungen orientierten Erklärungen des Geschehens scheitern muss. Die vergebliche Suche verleitet zu Misstrauen und lässt den Eindruck eines chaotischen Geschehens entstehen, in das mit starker (staatlicher) Hand eingegriffen werden soll. Der dritte Irrtum beruht wiederum auf einem Unverständnis marktwirtschaftlichen Geschehens. Mit der Polemik wird unvermittelt die Globalisierung als Bedrohung der sog. sozialen Errungenschaften angeprangert. Im Grunde handelt es sich bei ihr um nichts anderes als um die vielgestaltigen, irritierenden Aspekte eines Wettbewerbsprozesses (vgl. Abschn. 3.4.0), aus dem eine weltwirtschaftliche Arbeitsteilung und eine Verteilung von Produktionsstandorten hervorgehen. Die Bedrohung ergibt sich, weil die wettbewerbliche Standortsuche dazu führt, dass Standortfaktoren wie nationale Steuer-, und Regulierungssysteme bewertet und danach abgewählt werden, was in den von Abwanderung von Investoren und Arbeitskräften betroffenen Ländern Proteste und Misstrauen gegen- über dem Phänomen der Globalisierung hervorruft, einem Phänomen, welches institutionenökonomisch dem Systemwettbewerb (STREIT, KIWIT, 1999/2001) zuzuordnen ist. Kein Geringerer als einer der geistigen Väter des Neoliberalismus, Walter EU- CKEN (1952/1960, S. 374) schrieb in seinen „Grundsätzen der Wirtschaftspolitik“ zum Vorwurf „neoliberal“ folgendes: „Die Prinzipien der Wirtschaftspolitik, die hier vorgestellt werden, werden bisweilen liberal oder neoliberal genannt. Aber diese Be-

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Zusammenfassung

Der Band 11 der Reihe enthält im ersten Teil Reflexionen des Autors zu Themen, die in seinem in 6. Auflage 2005 erschienenen Lehrbuch zur Theorie der Wirtschaftspolitik auftreten.

Im zweiten Teil findet sich eine Reihe von Kommentaren des Autors zur Ordnungspolitik in Deutschland, die zwischen 1987 und 2008 in überregionalen Tageszeitungen erschienen sind.

Der Autor ist Professor Emeritus am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena.