Content

Manfred E. Streit, Verteilungsprobleme – dubiose wirtschaftspolitische Anlässe in:

Manfred E. Streit

Reflexionen und Kommentare zur Wirtschaftspolitik, page 25 - 27

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4165-9, ISBN online: 978-3-8452-1474-0 https://doi.org/10.5771/9783845214740

Series: CONTRIBUTIONES JENENSES, vol. 11

Bibliographic information
25 A3. Verteilung 7. Verteilungsprobleme – dubiose wirtschaftspolitische Anlässe Unterschiede zwischen persönlichen Markteinkommen und die damit verbundenen Unterschiede zwischen sozioökonomischen Positionen von Individuen und Gruppen sind immer wieder Anlässe für politische Eingriffe mit dem Ziel der Angleichung, begründet mit klärungsbedürftigen Gerechtigkeitsvorstellungen. Die politische Zustimmung, auf die solche Interventionen stoßen, dürfte auf einem Motiv beruhen, welches sich kon? iktträchtig durch die Geschichte der Menschheit zieht, dem Neid. Selbst geringe Unterschiede zwischen Markteinkommen lösen ihn aus. Nur wenig überzeugend wird er mit dem Hinweis auf extrem niedrige Einkommen und damit verbundene Armut relativiert, wenn nicht bemäntelt. Ein Angleichungsversuch, wie geartet auch immer, kann erst wirksam sein, wenn die ursachentherapeutische Frage beantwortet wurde, wie es zu beobachtbaren Einkommensunterschieden überhaupt gekommen ist. Wie dargelegt (Abschn. 5.1.1), wurde das in einer Periode erzielte Markteinkommen eines Individuums von vielen anderen Individuen mitbestimmt, die aus Selbstinteresse bemüht waren, den ökonomischen Umständen Rechnung zu tragen, die sie für ihr Wirtschaften als relevant ansahen und die nur sie kennen konnten. Die so entstandenen Einkommen sind transitorische Teilergebnisse einer Handelnsordnung (HAYEK 1967/2003), die sich aus dem Zusammenwirken vieler Marktteilnehmer und deren Transaktionen unter wandelbaren Bedingungen ergibt. Als solche sind sie ebenso wenig endgültig wie die Umstände, aus denen sie hervorgingen. Jedoch unterscheiden sie sich wesentlich von Einkommen in einer geplanten Ordnung oder Organisation. Dort gehen sie aus der Verteilung des Organisationsertrags unter den Mitgliedern der Organisation durch die Organisationsspitze hervor. Insofern ist es dubios, wenn im Falle einer marktwirtschaftlichen oder ungeplanten Ordnung eine Verteilung von Einkommen thematisiert wird. Zumindest liegt dem eine falsche Vorstellung von beiden Arten der Ordnung zu Grunde (STREIT, 2006a). Wie bereits betont, muss bei verteilungspolitischen Interventionen zunächst die ursachentherapeutische Frage nach Gesetzmäßigkeiten der Entstehung von Unterschieden zwischen persönlichen Markteinkommen beantwortet werden. In einem marktwirtschaftlichen System, das komplex ist, weil viele verschiedene Akteure durch Transaktionen zusammenwirken und das zudem auch offen ist, weil die Akteure einfallsreich und damit überraschend handeln können, ein solches System kann nicht mit Ursache- Wirkungsbeziehungen oder Kausalitäten abgebildet werden (STREIT, 1998/2001, 141), die Variable enthalten, welche als Instrumente zur Steuerung nutzbar sind. Deshalb fehlt es auch an Ansatzpunkten für Interventionen in verteilungspolitischer Absicht. 26 Literatur Hayek, F.A. (1967/2003), Rechtsordnung und Handelnsordnung – Aufsätze zur Ordnungs-Ökonomik, Gesammelte Schriften in deutscher Sprache, Bd. A4, hrsgg. v. M.E. Streit, Tübingen: Mohr Siebeck, S. 35-73. Streit, M.E. (2006), Die Verteilung und Umverteilung von Markteinkommen – Anmerkungen zu einem provozierendem Phänomen, WiSt, Heft 7, S. 409-411. Streit, M.E. (2006a), Ordnungsökonomik; in: ders. (Hrsg.): Jenaer Beiträge zur Institutionsökonomik und Wirtschaftspolitik, Contributiones Jenenses; Bd. 8, Baden-Baden: Nomos, S. 11-60. Streit, M.E. (1994/2001), Die Marktwirtschaft, ein offenes und komplexes System; in: ders. (Hrsg.): Jenaer Beiträge zur Institutionenökonomik und Wirtschaftspolitik, Contributiones Jenenses, Bd. 8, Nomos: Baden-Baden: Nomos, S.139-151. 27 B. Methodische und normative Grundlagen 8. Wirtschaftspolitik und Wissen In den vorangegangenen Abschnitten wurden wiederholt die Wissensanforderungen aufgezeigt, welchen der Versuch zu genügen hat, ein marktwirtschaftliches System nach wirtschaftspolitischen Zielen zu steuern oder zu lenken. Folgende Wissenskategorien sind dazu erforderlich: Die Kenntnis von (operationalen) Lenkungszielen; Wissen über die Funktionsweise oder die Eigengesetzlichkeiten des Entscheidungsfeldes, hier des marktwirtschaftlichen Systems; Wissen über die Wirkungsweise der erwogenen Lenkungsmaßnahmen oder Instrumente. Die zweite und letztgenannte Wissenskategorie haben gemeinsam, dass sie Wissen über die Funktionsweise des Systems voraussetzen; denn Aussagen über die Wirkungsweise von Instrumenten beziehen sich auf Gesetzmäßigkeiten, mit denen eine empirisch unwiderlegte Beziehung zwischen den als Lenkungsziele operationalisierten Variablen und solchen erklärenden Variablen aufgezeigt wird, die als Instrumente bzw. Instrumentvariable angesehen und verändert werden können. Die empirische Grundlage einer solchen Ziel- Mittelbeziehung kann im günstigen Fall durch (ökonometrische) Auswertung von statistischen Beobachtungen des Systemablaufs gewonnen werden (vgl. Abschn. 15). Allerdings wäre dabei Skepsis angebracht; denn die Systemeigenschaften stehen einer derart empirischen Fundierung von Lenkungsversuchen entgegen. Das marktwirtschaftliche System ist offen und interaktiv komplex (Abschn. 2.6.0). Seine Komplexität ergibt sich aus dem Zusammenwirken oder der Interaktion einer beträchtlichen Zahl verschiedenartiger Akteure (Marktteilnehmer). Medium der Interaktion ist der indirekte Tausch. Tauschgegenstände sind neben Geld die verschiedenen Handlungs- oder Eigentumsrechte, über welche die Akteure frei verfügen können und die sie zur Realisierung ihrer Wirtschaftspläne einsetzen. Insofern dient der Tausch der Koordination individueller Wirtschaftspläne. Bezogen auf das System kann gesagt werden, dass es sich selbst koordiniert. Zu dieser Selbstkoordination kommt die systemische Selbstkontrolle durch Wettbewerbshandlungen (vgl. Abschn. 9.1.1.4). Durch den Druck des Wettbewerbs werden die Wettbewerber zu kreativen Handlungen in Form von Inventionen bzw. Innovationen angeregt. Ihre Kreativität und deren Folgen bedeuten für das System, dass in seinem Ablauf überraschende und daher unvorhersehbare Ereignisse auftreten können. Damit wird nichts anderes als die Offenheit des interaktiv komplexen Systems beschrieben. Die Folge davon ist, dass es an verlässlichen Kausalitäten oder Ursache- Wirkungsbeziehungen fehlt (STREIT, 1998/2001, S. 141). Soweit es sich dabei um Ziel- Mittelbeziehungen han-

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Der Band 11 der Reihe enthält im ersten Teil Reflexionen des Autors zu Themen, die in seinem in 6. Auflage 2005 erschienenen Lehrbuch zur Theorie der Wirtschaftspolitik auftreten.

Im zweiten Teil findet sich eine Reihe von Kommentaren des Autors zur Ordnungspolitik in Deutschland, die zwischen 1987 und 2008 in überregionalen Tageszeitungen erschienen sind.

Der Autor ist Professor Emeritus am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena.