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Manfred E. Streit, Ordnungsökonomik und Systemtheorie in:

Manfred E. Streit

Reflexionen und Kommentare zur Wirtschaftspolitik, page 13 - 15

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4165-9, ISBN online: 978-3-8452-1474-0 https://doi.org/10.5771/9783845214740

Series: CONTRIBUTIONES JENENSES, vol. 11

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13 A1. Ordnung 2. Ordnungsökonomik und Systemtheorie In den vorangegangenen Abschnitten (Teil 1)standen die Ordnungsprobleme gesellschaftlichen Wirtschaftens im Vordergrund. Ordnungen gesellschaftlichen Wirtschaftens können als Muster verstanden werden, die als Folgen von wirtschaftlichen Handlungen individueller Akteure entstehen (STREIT, 2001, 11). Aus einer systemtheoretischen Sicht verstand HAYEK (2003, 38) unter Ordnung „einen Zustand, in dem verschiedenartige Elemente in großer Zahl so aufeinander bezogen sind, dass die Kenntnis eines räumlichen und zeitlichen Teils des Ganzen uns erlaubt, richtige Erwartungen, hinsichtlich des Übrigen zu bilden oder zumindest Erwartungen, die sich mit erheblicher Wahrscheinlichkeit als richtig herausstellen.“ Die große Anzahl verschiedenartiger Elemente, die aufeinander bezogen sind, also interagieren, kennzeichnet ein System im Sinne einer „Anzahl von in Wechselwirkung stehenden Elementen“, wie es der Nestor der Allgemeinen Systemtheorie, Ludwig von BERTALANFFY (1949, 113, zit. n. STREIT, 2004, 33) de? nierte. Ökonomisch gesehen resultiert die Wechselwirkung oder Interaktion in einem marktwirtschaftlichen System aus den Tauschhandlungen der Akteure. Es ist ein System von organisierter (interaktionaler) Komplexität. Seine Komplexität ergibt sich aus der Interaktion einer Vielzahl unterschiedlicher Akteure. Deren Verhalten wird durch Institutionen, d.h. durchsetzbare Regeln (konkret: des Privatrechts), beschränkt, was die Bildung von Erwartungen über ihr Verhalten erleichtert. Soweit sich die Akteure durch Tauschhandlungen oder Transaktionen bei der Realisierung ihrer individuellen Wirtschaftspläne koordinieren, bedeutet dies, dass das System sich selbst koordiniert. Zur Selbstkoordination durch Transaktionen kommt simultan die systemische Selbstkontrolle durch Wettbewerbshandlungen als Folge der individuellen Suche nach dem bestmöglichen Transaktionspartner und Transaktionsobjekt. Hieraus ergeben sich nicht nur Anreize, transaktionsrelevantes Wissen zu erwerben und es mit persönlichem Geschick zum ökonomischen Überleben zu nutzen. Vielmehr geben die Transaktionen Informationen an andere weiter und zwar in der „verschlüsselten Form“ (HAYEK, 2003, 268) von Preisen. Wenn diese die Akteure unter Berücksichtigung ihrer persönlichen Umstände entschlüsseln und zu weiteren Transaktionen nutzen, tragen sie zur Verbreitung handlungsrelevanter Information bei. Die Vorteilhaftigkeit der Entschlüsselung kann durchaus auf Irrtümern anderer beruhen. Diese geraten durch die ausgelösten Transaktionen unter Druck, den Irrtum zu korrigieren. Im Ergebnis kontrolliert und korrigiert sich das System selbst. Eine weitere Eigenschaft des marktwirtschaftlichen Systems ergibt sich daraus, dass die Akteure bei ihren Wettbewerbshandlungen kreativ sein können. Inventionen und aus ihrer Anwendung resultierende Innovationen beinhalten überraschende Handlungen, die das System offen sein lassen. Dies wiederum hat zur Folge, dass Kausali- 14 täten im Systemgeschehen von einem Beobachter kaum aufgespürt werden können. Das lässt marktwirtschaftliche Systeme, die in diesem Sinne offen und interaktiv komplex sind, analytisch schwer zugänglich erscheinen. Wer sich ihnen mit einem Vorverständnis von Ordnung als einem systematisch herbeigeführten Ergebnis nähert, wie es für eine Organisation typisch ist, müsste das marktwirtschaftliche Geschehen und seine Ordnung als Chaos missdeuten, wie dies Friedrich Engels tat, als er diese Ordnung durch eine planmäßige, bewusste Organisation ersetzt wissen wollte. Literatur Bertalanffy, L.V. (1949), Zu einer allgemeinen Systemlehre, Biologia Generalis, Bd. 19, S. 114- 129. Hayek, F.A. (2003), Recht, Gesetz und Freiheit, Gesammelte Schriften in deutscher Sprache, Bd. B4, hrsg. v. V. Vanberg, Tübingen, Mohr Siebeck. Streit, M.E. (2001), Ordnungsökonomik, in ders. (Hrsg.): Jenaer Beiträge zur Institutionsökonomik und Wirtschaftspolitik, Contributiones Jenenses; Bd. 8, Baden-Baden: Nomos, S. 1-59. Streit, M.E. (2003/2004), Von der Ordnungsökonomik zur Systemtheorie, in: ders. (Hrsg.), Jenaer Beiträge zur Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik, Contributiones Jenenses; Bd. 9, Baden-Baden: Nomos, S. 11-30. 15 3. Wirtschaftsordnung und Wettbewerbsfolgen Mit der Ordnungsfrage nach Kontrolle und Sanktion wurden der Wettbewerb (Abschn. 3.3) und dessen Wirkungen angesprochen, nämlich der Ausgleich von Knappheitsunterschieden, der Anreiz zu Neuerungsleistungen und die machtbegrenzende Kontrolle der Wahrnehmung wirtschaftlicher Freiheitsrechte. Systemtheoretisch gesehen bewirkt Wettbewerb eine Selbstkontrolle des marktwirtschaftlichen Systems. Die wettbewerbliche Selbstkontrolle wird durch das Recht gesichert. Ein Wettbewerbsrecht ist notwendig, weil nicht ausgeschlossen werden kann, dass – Wettbewerber durch unfaire Praktiken statt durch bessere Leistungen am Markt verdrängt werden; – die Vertragsfreiheit von Akteuren zur Beschränkung von Wettbewerbshandlungen durch andere missbraucht wird; – die wechselseitige Abhängigkeit von Akteuren zu einer einseitigen degeneriert, wenn Monopolstellungen langfristig erhalten bleiben, ohne dass neue Substitute entstehen. Wenn die systemische Selbstkontrolle wirksam sein soll, ist Wissen über alternative Verwendungsmöglichkeiten von Ressourcen erforderlich. Aus dieser wissensorientierten Sicht ist Wettbewerb ein Prozess, in dessen Verlauf – Wissen über Substitutionsmöglichkeiten (d.h. Alternativkosten) entdeckt und verbreitet wird; – Kontrolle über die Verwendung von Handlungsrechten durch aktuelle und potentielle Tauschpartner ausgeübt wird; – Anreize zur Überprüfung der bisherigen Verwendung von Handlungsrechten durch pekuniäre externe Effekte von Transaktionen gegeben werden (STREIT 1992/2008) Wettbewerb wird von dem durch Wettbewerbshandlungen Betroffenen i.d.R negativ beurteilt, was sie zu wettbewerbswidrigen Abwehrreaktionen veranlasst. Auch die häu? gen Klagen und angesonnenen Abwehrmaßnahmen gegenüber dem, was Globalisierung genannt wird, sind so zu deuten. Im Grunde verbirgt sich hinter diesem Phänomen die wettbewerbliche Suche nach einer bestmöglichen weltweiten Verteilung von Produktionsstandorten sowie – damit verbundenen – Anlagemöglichkeiten für Kapital. Mit dieser Suche werden Unterschiede zwischen den nationalen Wirtschaftsverfassungen als Standortbedingungen für weltweit agierende Investoren aufgespürt und genutzt. Die Nutzung und die damit verbundenen vielfach beklagten Faktorwanderungen sind Symptome dafür, was als internationaler Standortwettbewerb bezeichnet wird. Da die ihn auslösenden Unterschiede zwischen den nationalen Wirtschaftsverfassungen Unterschiede zwischen Institutionensystemen sind, kann das Phänomen auch als institutioneller bzw. Systemwettbewerb (STREIT, KIWIT, 1999/2001) be-

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Zusammenfassung

Der Band 11 der Reihe enthält im ersten Teil Reflexionen des Autors zu Themen, die in seinem in 6. Auflage 2005 erschienenen Lehrbuch zur Theorie der Wirtschaftspolitik auftreten.

Im zweiten Teil findet sich eine Reihe von Kommentaren des Autors zur Ordnungspolitik in Deutschland, die zwischen 1987 und 2008 in überregionalen Tageszeitungen erschienen sind.

Der Autor ist Professor Emeritus am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena.