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Peter Kasiske, Kritik an der liberalen Demokratietheorie in:

Peter Kasiske

Rechts- und Demokratietheorie im amerikanischen Pragmatismus, page 135 - 142

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4153-6, ISBN online: 978-3-8452-1330-9 https://doi.org/10.5771/9783845213309

Series: Studien zur Rechtsphilosophie und Rechtstheorie, vol. 52

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135 gischer Pragmatismus zusammen gehören. In einem 1919 publizierten Aufsatz mit dem Titel "Philosophy and Democracy" vertritt Dewey diese These ganz explizit. Wenn die Welt von einem pragmatistischen Standpunkt aus betrachtet wird, so erscheint sie als unstet und dynamisch, im ständigen Wechsel begriffen. Realität ist dann nicht mehr das unveränderliche Objekt, das es durch die Vernunft zu erkennen gilt, sondern es ist etwas, was durch menschliches Handeln gestaltet werden kann und muss412. Ein solches Verständnis von Wirklichkeit aber ist es, das für Dewey notwendig auch der Demokratie zugrunde liegt: "A philosophy animated, be it unconsciously or consciously, by the strivings of men to achieve democracy will construe liberty as meaning a universe in which there is real uncertainty and contingency, a world which is not all in, and never will be, a world which in some respect is incomplete and in the making, and which in these respects may be made this way or that according as men judge, prize, love and labor."413 Demokratie und Pragmatismus gehören daher für Dewey notwendig zusammen. Allerdings setzt Dewey dabei ein ganz spezifisches Verständnis von Demokratie voraus, das im folgenden näher untersucht werden soll. 3. Kritik an der liberalen Demokratietheorie Dewey entwickelt sein eigenen Konzept der Demokratie vor allem in Auseinandersetzung mit den Ideen und Argumenten des politischen Liberalismus. Dewey bezeichnet sich zwar selbst gleichfalls als einen Liberalen, doch damit bezieht er sich lediglich auf eine Übereinstimmung in einzelnen sachpolitischen Fragen, etwa das Engagement für einen Ausbau des Wohlfahrtstaats oder das Eintreten für eine stärkere politische Kontrolle des Industriekapitals. Was den Liberalismus als eine politische Philosophie angeht, so vertritt Dewey an entscheidenden Punkten einen radikal entgegen gesetzten Standpunkt. Auch er bejaht individuelle Freiheit und Demokratie als die elementaren Grundwerte gesellschaftlicher Ordnung. Doch fällt seine Interpretation dieser Begriffe gänzlich anders aus als die der Vordenker des klassischen Liberalismus. a) Die politische Philosophie des klassischen Liberalismus Der Liberalismus war zu Zeiten Deweys die dominierende politische Philosophie in der amerikanischen Gesellschaft. Keine Idee hat die Institutionen des amerikanischen Gemeinwesens stärker geprägt. Das Konzept unverfügbarer Grundrechte des Individuums entspringt ebenso dem Liberalismus wie die Figur des Gesellschafts- 412 Weil sie untrennbar mit zweckgebundenem menschlichen Verhalten verbunden ist, ist Wirklichkeit daher kein wertfreier und objektiver Begriff: ""reality" is a term of value or choice", MW 11.44 (Philosophy and Democracy, 1919 = PD). 413 Dewey MW 11.50 (PD). 136 vertrages als Legitimationsmodell staatlicher Herrschaft414. Seit Hobbes, über Locke, Rousseau, Kant und Fichte bis hin zu den Vertragstheoretikern der jüngsten Zeit wie Rawls, Nozick und Buchanan hat sich der politische Liberalismus als die einflussreichste Denkrichtung in der politischen Theorie des westlichen Kulturkreises behauptet. Sein gedankliches Fundament ist ein normativer Individualismus, d.h. die Auffassung, dass sich politisches Handeln letztlich immer nur durch seinen Bezug auf die von diesem Handeln betroffenen Individuen rechtfertigen lässt415. Staat und Gemeinschaft erscheinen in diesem Modell als ambivalent: Einerseits sind sie notwendige Voraussetzung dafür, dass ein Raum der Sicherheit und Ordnung geschaffen werden kann, in dem die individuelle Freiheit erst zur Entfaltung gelangen kann. Andererseits bedeuten staatliche Macht und gemeinschaftlicher Anpassungsdruck auch eine stete Bedrohung der individuellen Freiheit. An diesem Spannungsverhältnis entzündet sich die Diskussion um den politischen Liberalismus, der sich vor allem dadurch auszeichnet, dass er sich im Streit zwischen Gemeinschafts- und Individualinteressen konsequent auf die Seite des Individuums schlägt. Der normative Individualismus und damit der Vorrang des Individuums vor den Ansprüchen von Staat und Gemeinschaft manifestiert sich nicht zuletzt in der Theorie vom Gesellschaftsvertrag, dem klassischen liberalen Modell zur Rechtfertigung staatlicher Herrschaftsausübung. Denn in ihm leitet sich die Autorität des Staates ab aus der freiwilligen Übereinkunft der Staatsbürger, der autonome Wille der Individuen ist es somit, der den Staat erst ins Leben ruft. Der Staat verdankt sich dem Individuum, das somit im Zentrum des politischen Denkens steht und nicht bloß als Teil einer vorgegeben Ordnung erscheint, die sich in den staatlichen Herrschaftsstrukturen verkörpert. Der normative Individualismus erklärt auch die zentrale Rolle, die den subjektiven Grundrechten im liberalen Gesellschaftsmodell zukommt. Sie sind das zentrale Instrument, um die Vorrangstellung der Individual- vor den Gemeinschaftsinteressen zu gewährleisten und den Bürger gegenüber staatlichen Eingriffen abzuschirmen. Auch die liberale Demokratietheorie wird durchzogen von dem Gegensatz zwischen Individuum und Staat. Aus liberaler Sicht besteht der entscheidende Vorzug der demokratischen Regierungsform darin, dass sie eine größtmögliche Kontrolle staatlicher Macht ermöglicht und so deren Missbrauchsmöglichkeiten beschränkt. Die demokratische Partizipation des Bürgers dient primär der regelmäßigen Kontrolle der staatlichen Machtausübung, die ausschließlich in den Dienst der Sicherung der individuellen Freiheitssphären gestellt ist. Es geht also nicht mehr darum, durch Teilhabe an der politischen Willensbildung eine gemeinsame res publica zu verwirklichen, sondern darum, staatliche Machtausübung effektiv zu kontrollieren und zu begrenzen416. Die Vorstellung eines öffentlichen Gemeinwohls als eines moralischen Ideals, das es zu verwirklichen gilt, ist dem Liberalismus suspekt. Denn der normative Individualismus beinhaltet die Vorstellung, dass die Verwirklichung des guten 414 Zum Gesellschaftsvertrag vgl. Kersting (1994) S. 11 ff. 415 Vgl. dazu von der Pfordten (2005); Talisse (2005) S. 16 ff. 416 Vgl. Honneth (1999) S. 42 f. 137 Lebens in den privaten Zuständigkeitsbereich des Individuums fällt. Diese Idee der moralischen Autonomie ist für den politischen Liberalismus konstitutiv. Nicht die Gemeinschaft gibt die Ziele vor, an denen sich die individuelle Lebensgestaltung auszurichten hat, sondern jeder Bürger hat das Recht, seine eigene Vorstellung von einem guten Leben zu entwickeln und zu verwirklichen. Der für den Liberalismus zentrale Begriff der Freiheit bedeutet so in einem positiven Sinne die Möglichkeit, seine eigene Vorstellung vom guten Leben zu verwirklichen. Diese Freiheit wird lediglich begrenzt durch die Freiheit der Mitbürger, gleichfalls ihre Ziele zu verwirklichen417. In Bezug auf Staat und Gemeinschaft tritt die Freiheit indes in erster Linie als negative Freiheit in Erscheinung, als die Abwesenheit von äußerem Zwang in Gestalt staatlicher Einmischung und Bevormundung418. Entsprechend konzipiert der Liberalismus die politischen Grundrechte der Bürger in erster Linie als Abwehrrechte gegenüber dem Staat, während die Rechte des Bürgers auf politische Teilhabe und Partizipation vergleichsweise nachrangig sind419. b) Deweys Kritik am normativen Individualismus Deweys politische Philosophie ist über weite Strecken ein Gegenentwurf zu diesem klassisch liberalen Demokratieverständnis. Schon in seiner ersten Arbeit zur politischen Philosophie, "The Ethics of Democracy" unterwirft Dewey die Demokratietheorie des Liberalismus einer scharfen und grundsätzlichen Kritik. Dewey kritisiert die liberale Lehre vom Gesellschaftsvertrag zunächst mit dem Argument, diese gehe von falschen Voraussetzungen über die Natur des Menschen und der von ihm gebildeten Gemeinschaften aus. Die Vorstellung der liberalen Philosophen, der natürliche Zustand der menschlichen Gemeinschaft sei der einer blo- ßen Ansammlung von Einzelindividuen ohne soziale Beziehungen, die erst eines kollektiven Willensaktes bedürften, um eine politische Gemeinschaft zu werden, sei irrig420. Das Individuum sei realiter immer bereits in soziale Zusammenhänge eingebunden: "An individual cannot be opposed to the association of which he is an integral part nor can the association be set against its integrated members."421. 417 Vgl. etwa Mill in "On Liberty": "The only Freedom which deserves the name ist hat of pursuing our own good in our own way, so long as we do not deprive others of theirs", Mill (1859) S. 17. Ausführlich hierzu mit weiteren Nachweisen aus den Klassikern des Liberalismus Talisse (2005) S. 18 f. 418 Vgl. etwa Hayek (1960) S. 424. 419 Habermas (1992) S. 327 ff. 420 Dewey EW 1.231 (The Erhics of Democracy, 1888 = ED): "The essence of the "Social Contract" theory is not the idea of the formulation of a contract; it is the idea that men are mere individuals, without any social relations until they form a contract." 421 Dewey LW 2.354 (The Public and its Problems, 1927 = PP). 138 Wird es aus diesen Zusammenhängen herausgelöst und wie in der liberalen Theorie zu einem isolierten Einzelwesen erklärt, so habe man es lediglich mit einer abstrakten Fiktion zu tun, die nichts mit der menschlichen Wirklichkeit zu tun hat: "the non-social individual is an abstraction arrived at by imagining what man would be if all his human qualities were taken away. Society, as a real whole, is the normal order, and the mass as an aggregate of isolated units is the fiction."422. Dewey bemüht hier ein klassisches Argument gegen den Liberalismus, das dem politischen Aristotelismus entstammt, wonach der Mensch angemessen nur als "zoon politikon" gedacht werden kann, der als soziales Wesen seine menschlichen Qualitäten überhaupt erst in der Gemeinschaft entfalten kann. Nach dieser Auffassung ist bereits die entscheidende Prämisse des Liberalismus verfehlt, wonach das Individuum ursprünglicher sei als die von ihm gebildeten Gemeinschaften. Nach der Auffassung Deweys, die er mit den politischen Aristotelikern teilt, sind Individuum und Gemeinschaft vielmehr gleich ursprünglich. Beide sind untrennbar aufeinander bezogen, weshalb der fundamentale Gegensatz zwischen beiden, den der Liberalismus behauptet, mehr eine theoretische Fiktion denn eine politische Wirklichkeit darstellt423. Dieses falsche Verständnis der sozialen Natur des Menschen führt die Vertreter des Individualismus nach Dewey zwangsläufig auch zu einem verkürzten Verständnis von Gesellschaft und Demokratie. Der normative Individualismus des liberalen Denkens hat zur Folge, dass das politische Denken in einem Dualismus gefangen bleibt, der Gemeinschaft und Individuum nur als Gegensätze denken kann. Da in diesem Modell die Grundrechte des Individuums vorrangig sind, erscheint ein am Interesse der Gemeinschaft ausgerichtetes politisches Handeln vor allem als potentielle Bedrohung der Freiheitsrechte des Individuums. In "Individualism Old and New" hat Dewey 1929 diesen Individualismus des traditionellen liberalen Denkens mit Blick auf die Erfordernisse der modernen amerikanischen Industriegesellschaft als antiquiert kritisiert. Weil er den Dualismus zwischen Individuum und Gemeinschaft zementiere, führe er zu einer Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung des Laissez-Faire, in der jeder Versuch staatlicher Steuerung, insbesondere auf dem Gebiet der Wirtschaft als unzulässiger Eingriff in individuelle Freiheitssphären denunziert wird. Dem Liberalismus wohne die Tendenz inne, Individualismus und Freiheit vor allem auf Eigentum und ökonomische Handlungsfreiheit zu reduzieren und so gesellschaftliche Ungleichheit zu fördern und zu rechtfertigen: "there is a perversion of the whole idea of individualism of a pecuniary culture. It has become the source of inequality and oppressions"424. 422 Dewey EW 1.232 (ED). 423 Vgl. dazu insbesondere die Ausführungen Deweys in "The Public and ist Problems", LW 2.289 ff. 424 Dewey LW 5.49 (Individualism Old and New, 1929). 139 Unverkennbar spricht aus dieser Kritik Deweys der Geist des "Progressivism", der angetreten war, die sozialen Exzesse eines Laissez-Faire-Kapitalismus in der US-Gesellschaft zu beseitigen. c) Die Kritik am liberalistischen Demokratieverständnis Dass er von falschen empirischen Prämissen über die soziale Natur des Menschen ausgeht und seine Legitimierung einer fragwürdigen Wirtschaftsordnung sind jedoch für Dewey nicht die schwerwiegendsten Mängel des Liberalismus. Deweys Hauptkritikpunkt ist vielmehr der, dass der von den liberalen Denkern propagierte Individualismus letztlich zu einem verzerrten und verkürzten Verständnis von Demokratie führe425. Bereits in "The Ethics of Democracy" taucht dieser Argumentationsstrang bei Dewey auf. Danach führt die Fixierung des klassischen Liberalismus auf das Individuum dazu, dass die Gesellschaft lediglich als eine anonyme und unorganisierte "Masse", als eine bloße Ansammlung von Individuen begriffen wird. Demokratie erscheint aus dieser Perspektive lediglich als Organisation von Herrschaft, die anhand der Mehrheitsregel durch eine Wählerstimmenarithmetik regelt, wer die Masse der Einzelbürger repräsentieren und in ihrem Namen politische Entscheidungen treffen soll426. In "The Public and ist Problems" beschreibt Dewey dann, wie sich unter dem Einfluss einer Ökonomie des freien Marktes dieses liberalistische Demokratieverständnis noch weiter verengte. Nach Dewey führte die nicht zuletzt durch den Utilitarismus geprägte moderne Nationalökonomie dazu, dass das Gesetz von Angebot und Nachfrage buchstäblich in den Rang eines unabänderlichen Naturgesetzes erhoben wurde, obwohl es sich auf einen durchaus künstlichen Sachverhalt bezog, nämlich die von Menschen bewusst etablierte Praxis des Güteraustauschs. Da die unsichtbare Hand des Marktes langfristig dazu führen sollte, dass die Verfolgung der individuellen kommerziellen Eigeninteressen zur maximierten Wohlfahrt der Gesellschaft insgesamt führte, lag es nahe, das freie Spiel der Marktkräfte von künstlichen, d.h. insbesondere politischen, Einflüssen freizuhalten. Für Dewey bedeutete diese Auffassung indes eine fatale Synthese aus Volkswirtschaft und Naturrecht, die dazu führte, dass dem Staat beinahe jegliches Recht abgesprochen wurde, sich in Belange der Wirtschaft einzumischen. Der Bürger wurde so als ein individualistischer Nutzenmaximierer begriffen, dessen persönliches Gewinnstreben zugleich auch die Grundlage für die Wohlfahrt der Gesamtgesellschaft war. Legt man aber ein solches Bild von Bürger und Staat zugrunde, so muss die wichtigste Aufgabe des politischen Systems darin bestehen, den staatlichen Einfluss auf die individuellen Betätigungen möglichst gering zu halten. Zudem unterstellt dieses Modell auch den Regierenden, dass sie nicht in erster Linie am Gemeinwohl, sondern gleichfalls vor allem an der Befriedigung ihrer persönlichen Interessen interessiert sind. Die politi- 425 "a skew, deflection, and distortion in democratic forms", Dewey LW 2.294 (PP). 426 Dewey EW 1.232 f (ED). Dazu auch Honneth (1999) S. 44 f. 140 schen Institutionen müssen daher für den Liberalismus allein daraufhin ausgerichtet sein, die Amtsinhaber zu kontrollieren und Machtmissbrauch vorzubeugen427. Deweys Beschreibung dieses liberal-ökonomistischen Demokratieverständnisses liest sich so fast wie eine Kurzzusammenfassung zu Schumpeters erst 15 Jahre später veröffentlichten Gedanken in "Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie", mit denen die ökonomistische Demokratietheorie eine ihrer konsequentesten Ausprägungen erfahren hat. Für Dewey erschöpft sich der Gehalt der demokratischen Idee im Liberalismus darin, Institutionen bereit zu stellen, die die Macht des Staates und seiner Amtsträger beschränken. Die Souveränität des Volkes besteht nach dem liberalen Demokratieverständnis so vor allem in der Befugnis, die wichtigsten Amtsträger durch Mehrheitswahl bestimmen und sie gegebenenfalls auch wieder abwählen zu können. Dewey bestreitet zwar nicht, dass Machtkontrolle eine wichtige Funktion demokratischer Institutionen darstellt. Er wendet sich jedoch dagegen, sie auf diese Funktion zu reduzieren. Und genau dies wirft er dem politischen Liberalismus vor. Die Verengung von Demokratie auf Wahlrecht und Mehrheitsregel ist für Dewey dabei ein Missverständnis, dem nicht nur die liberalen Befürworter der Demokratie erliegen, sondern das auch die Grundlage für die Demokratiekritik etwa des Nationalsozialismus bildet428. Allerdings erkannte Letzterer nach Deweys Ansicht zumindest deutlicher die Konsequenzen, zu denen ein solches Demokratieverständnis auf lange Sicht hin führen musste: nämlich die Desintegration der Gesellschaft429. Denn wenn im Gefolge einer individualistischen Staatstheorie die politische Rolle der Bürger auf die gelegentliche Wahl ihrer Repräsentanten beschränkt wurde, so war es kein Wunder, wenn deren Engagement und Identifikation mit den Belangen des Gemeinwesens zum Erliegen kam, bis schließlich auch das nach liberaler Auffassung politisch so zentrale Wahlrecht von immer weniger Wahlberechtigten auch tatsächlich wahrgenommen wurde430. Dewey hat diesen Vorgang einprägsam als das "Erlöschen der Öffentlichkeit" ("Eclipse of Public") bezeichnet431. Die Philosophie des individualistischen Liberalismus führte so in Kombination mit den nicht zuletzt durch sie selbst entfesselten Kräften des Industriekapitalismus zwar zu einer "großen Gesellschaft" ("Great Society"), jedoch nicht zu einer "großen Gemeinschaft" ("Great Community")432. Dewey bestreitet nicht die Verdienste des politischen Liberalismus um die Emanzipation des Individuums von den Zwängen einer autoritären Ordnung. Doch habe seine Fixierung auf die negative Freiheit des 427 Dewey LW 2.291 ff. (PP). 428 Dewey MW 8.442 f. (GP). 429 Dewey LW 2.298. (PP). 430 Dewey LW 2.308 f. (PP). 431 Dewey LW 2.304. (PP). Die deutsche Übersetzung "Öffentlichkeit" ist eigentlich zu eng, denn der von Dewey im original verwendete Begriff "public" meint eher das demokratische Gemeinwesen insgesamt, also das, was die römische Antike mit "res publica" bezeichnet hat. 432 "The Great Society created by steam and electricity may be a society, but it is no community.", Dewey LW 2.296 (PP). 141 Individuums und sein Misstrauen gegenüber allen Formen der sozialen Assoziation dazu geführt, dass die Idee des demokratischen Gemeinwesens verkürzt und entleert wurde. Der dadurch heraufbeschworene Verlust der Öffentlichkeit hatte zusammen mit der neuen kapitalistischen Wirtschaftsordnung zur Folge, dass das Individuum nunmehr erneut in seiner Freiheit und Autonomie bedroht war: "The same forces which have brought about the forms of democratic government, general suffrage, executives and legislators chosen by majority vote, have also brought about conditions which halt the social and humane ideals that demand the utilization of government as the genuine instrumentality of an inclusive and fraternally associated public."433. d) Die Erneuerung des Liberalismus Trotz dieser Kritik am klassischen Liberalismus plädiert Dewey aber nicht dafür, die liberalen Ideen gänzlich aufzugeben. Freiheit und Individualität sind auch für Dewey die zentralen Güter, um deren Verwirklichung das politische Denken kreisen sollte. Allerdings ist seiner Auffassung nach die Art und Weise, wie das klassische liberale Denken diese Werte interpretiert hat, den politischen und sozialen Herausforderungen des 20. Jahrhunderts nicht mehr angemessen. Solange die politische Hauptaufgabe des Liberalismus darin bestand, das Individuum gegenüber einem autoritären Obrigkeitsstaat zu emanzipieren, war es folgerichtig, Freiheit vor allem negativ als Abwesenheit von äußerem Zwang zu charakterisieren und den intrinsischen Wert subjektiver Individualität gegenüber althergebrachten sozialen Ordnungsvorstellungen hervorzuheben. Nachdem der Liberalismus aber seine Emanzipationsziele erreicht und die alte autoritäre Staatsordnung beseitigt hatte, sieht er sich nun vor die Herausforderung gestellt, selbst ein neues tragfähiges Modell sozialer Integration und staatlicher Ordnung zu entwickeln434. Dabei muss er berücksichtigen, dass Freiheit und Individualität nunmehr nicht mehr in erster Linie durch staatliche Autorität gefährdet sind, sondern durch die ökonomischen Zwänge des Industriekapitalismus435. Um den veränderten sozialen Bedingungen Rechnung zu tragen, ist es daher erforderlich, Freiheit und Individualität neu zu bestimmen und ihnen einen positiven statt eines nur mehr negativen Bedeutungsgehalt zu geben. Für den Liberalismus stellt sich also nach Dewey jetzt vor allem die Frage "Freiheit wozu?", nachdem der klassische Liberalismus sich allein auf die Frage "Freiheit wovon?" konzentriert hatte. Entsprechend kann auch Demokratie nicht mehr lediglich als ein spezifischer Modus von Herrschaftsverteilung begriffen werden: 433 Dewey LW 2.303 (PP). 434 Vgl. hierzu Deweys Argumentation in "Liberalism and Social Action" (LSA, 1935), LW 11.23 ff. 435 Dewey LW 11.27, 39 f. (LSA). 142 "The problem of democracy becomes the problem of that form of social organization, extending to all the areas and ways of living, in which the powers of individuals shall not be merely released from mechanical external constraint but shall be fed, sustained and directed."436. Es geht also darum, aus der "Great Society" nunmehr eine "Great Community" werden zu lassen437. Dazu aber bedarf der Liberalismus vor allem auch der Ergänzung um eine Demokratietheorie, die der identitäts- und gemeinschaftsstiftenden Kraft demokratischer Willensbildungsprozesse besser gerecht wird, als das auf Majoritätsprinzip und Machtkontrolle reduzierte Demokratieverständnis des klassischen politischen Liberalismus. Wie sieht nun aber Deweys Alternative zum klassischen Liberalismus konkret aus? Bei der Lektüre von Deweys Arbeiten zur politischen Theorie stellt sich heraus, dass zwar Deweys Kritik und Ablehnung des Liberalismus bereits in seinen frühen Schriften Gestalt angenommen hatte, dass aber seine Vorstellung davon, welches alternative Verständnis von Freiheit und Demokratie ihn ersetzen sollte, sich im Laufe der Zeit erheblich gewandelt hat. Während Dewey zu Beginn seine Begriffe von Freiheit und Demokratie noch ausschließlich aus seiner Moraltheorie ableitete, die um den zentralen Begriff des "Wachstums" ("growth") der individuellen Persönlichkeit kreiste, verstanden sowohl als ein Recht auf als auch als normative Pflicht zur individuellen Selbstverwirklichung, kam in seinen späteren Arbeiten ein weiterer Begründungsstrang hinzu: Dewey betonte nun die Überlegenheit demokratischer Willensbildungsprozesse bei der Erkenntnis und Bewältigung sozialer Probleme. An die Seite eines primär ethisch gerechtfertigten Demokratiekonzepts trat so eine epistemologische Rechtfertigung der Demokratie. 4. Demokratie als Voraussetzung von "Self-Realization" Deweys ethisch fundierte Demokratietheorie nimmt ihren Ausgangspunkt von seiner Moralphilosophie, die den Begriff der "Self-Realization" in den Mittelpunkt stellt438. Auf seiner Grundlage versucht Dewey, den zentralen Wert des Liberalismus, die Freiheit, neu zu bestimmen. a) Deweys Neubestimmung des Freiheitsbegriffs Für den klassischen Liberalismus war Freiheit vor allem die Abwesenheit von äußerem Zwang, der das individuelle Handeln hätte einengen können. Doch für Dewey war diese negative Interpretation des Freiheitsbegriffs zu eng und die Hauptursache dafür, dass sich ein fehlgeleiteter Individualismus entwickeln konnte, der dazu führte, dass mit der Entstehung des kapitalistischen Wirtschaftssystems die individuelle 436 Dewey LW 11.25 (LSA). 437 Dazu Wegmarshaus (2001) S. 162 ff. 438 Dazu oben S. 84 ff.

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References

Zusammenfassung

Der klassische Pragmatismus steht für einen amerikanischen Sonderweg in die philosophische Moderne. Auch die Entwicklung des amerikanischen Rechtsdenkens wurde durch den Pragmatismus von C.S. Peirce und John Dewey bis heute maßgeblich geprägt. Strömungen wie der "Legal Realism" oder die "Economic Analysis of Law" wären ohne das gedankliche Fundament der pragmatistischen Philosophie nicht denkbar.

Das Buch zeichnet den Einfluss des Pragmatismus auf die amerikanische Rechtstheorie über einen Zeitraum von 150 Jahren von Oliver Wendell Holmes" "The Common Law" bis zum modernen "Legal Pragmatism" eines Richard Posner nach. Der Verfasser veranschaulicht zudem den engen Zusammenhang, der zwischen der pragmatistischen Rechtstheorie und einem deliberativen Demokratieverständnis besteht. Für die Frage, wie das Spannungsverhältnis zwischen dem Willen des demokratischen Gesetzgebers und der Autonomie des Rechtssystems aufzulösen ist, kann der Pragmatismus neue Perspektiven liefern. Deshalb ist es lohnend, sich auch auf dem alten Kontinent mit ihm auseinanderzusetzen.