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Peter Kasiske, Philosophie und Politik in:

Peter Kasiske

Rechts- und Demokratietheorie im amerikanischen Pragmatismus, page 131 - 135

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4153-6, ISBN online: 978-3-8452-1330-9 https://doi.org/10.5771/9783845213309

Series: Studien zur Rechtsphilosophie und Rechtstheorie, vol. 52

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131 2. Philosophie und Politik Dewey sieht den Kern der pragmatistischen Philosophie darin, dass sie den Dualismus von Theorie und Praxis hinter sich gelassen hat396. Stattdessen besteht er darauf, dass theoretische Reflexion und praktisches Handeln stets untrennbar miteinander verwoben sind. Theorie gewinnt ihren Sinn erst daraus, dass sie auf mögliche Handlungen und deren Konsequenzen bezogen ist, und rationales Handeln muss immer angeleitet sein von theoretischer Reflexion. Vor diesem Hintergrund ist es für Dewey selbstverständlich, dass politische Philosophie und politische Praxis zusammen gehören. Politisches Handeln bedarf der philosophischen Aufklärung und Anleitung, und politische Theorie ist kein Selbstzweck um der reinen Erkenntnis willen, sondern muss immer ihre praktischen sozialen Auswirkungen im Auge behalten und sich an ihnen messen lassen. Auch im Hinblick auf die politische Theorie propagiert Dewey somit einen Experimentalismus, in dem Theorie und Praxis eine Einheit bilden. Wie noch weiter auszuführen sein wird, folgt für Dewey nicht zuletzt aus dieser experimentalistischen Grundhaltung die Vorzugswürdigkeit einer demokratischen Verfassung des Gemeinwesens397. Die erkenntnistheoretischen Grundpositionen des Pragmatismus schlagen so unmittelbar auf die politische Theorie durch. Besonders deutlich wird dieser Zusammenhang von Philosophie und Politik in einer kurzen Schrift Deweys mit dem Titel "German Philosophy and Politics", die erstmals im Jahr 1916 erschien und 1942 angesichts des 2. Weltkriegs und des Nationalsozialismus nochmals überarbeitet wurde. a) Die politische Bedeutung von Kants Moralphilosophie Dewey versucht darin, Erscheinungsformen der deutschen Politik im 20. Jahrhundert, zunächst die aggressive Machtpolitik des wilhelminischen Kaiserreichs, später auch den Nationalsozialismus, ideengeschichtlich als Konsequenzen bestimmter Positionen der deutschen Philosophie zu deuten. Dabei sieht Dewey die philosophische Wurzel des politischen Übels nicht bei den üblichen Verdächtigen, also weder in der Staatsphilosophie Hegels noch in den Übermenschenphantasien Nietzsches, sondern bereits in den Prämissen der idealistischen Philosophie Immanuel Kants. Dewey macht insbesondere die Kantische Moralphilosophie für die deutsche Kriegspolitik verantwortlich398. Er führt dabei die Kritik weiter, die er bereits in sei- 396 Dazu oben S. 53 ff. 397 Dazu unten S. 152 ff. 398 In "German Philosophy and Politics" geht Dewey nicht auf die historischen und politischen Ursachen des 1. Weltkriegs ein, sondern setzt darin schlicht voraus, dass es die Westmächte sind, die in diesem Konflikt die Sache der Vernunft und der Zivilisation vertreten. Zu den politischen Aspekten hat sich Dewey jedoch in zahlreichen, nicht an ein philosophisches Fachpublikum, sondern an eine breite Öffentlichkeit gerichteten Beiträgen und Aufsätzen geäußert, in denen er sich u.a. vehement für das Interventionsbestreben Woodrow Wilsons 132 nen früheren moralphilosophischen Arbeiten an der kantischen Ethik geäußert hatte399. Kant hatte sie als eine Pflichtenlehre konzipiert, nach der verbindliche Pflichten allein der Vernunft entspringen konnten. Die Berücksichtigung empirischer Zwecke, Neigungen und Bedürfnisse war damit von vornherein ausgeschlossen. Zudem war Kants Pflichtbegriff ein ausschließlich formaler. Aus Deweys Sicht musste eine solche vollkommen empiriefreie Ethik zu verhängnisvollen Konsequenzen führen. Denn da der kantische Pflichtbegriff in Gestalt des kategorischen Imperativs lediglich die Form vorgab, stellte sich die Frage, wie er inhaltlich gefüllt werden konnte. Dewey hielt es für nahe liegend, dass hier der Staat in diese Bresche sprang: "the gospel of a Duty devoid of content naturally lent itself to the consecration and idealization of such specific duties as the existing national order might prescribe ... Concretely what the State commands is the congenial outer filling of a purely inner sense of duty."400. So führte für Dewey der kategorische Imperativ der kantischen Pflichtenethik geradewegs in den Kadavergehorsam einer "Kasernenhofmoral"401, in der der Wille der staatlichen Obrigkeit zur unbedingten Pflicht werden konnte. Gerade weil diese Ethik für ihre Begründung von allen empirischen Zwecken absah, fehlte ihr das kritische Potential, um bestehende Pflichten auf ihre Sinn- und Zweckhaftigkeit hin überprüfen zu können. Entgegen ihrem Anspruch ist Kants Ethik für Dewey daher keine Ethik der Vernunft, sondern sie führt umgekehrt gerade zu einer Knebelung der Intelligenz. Denn bei Dewey entfaltet sich die moralische Vernunft nicht, indem sie Pflichten aus einem kategorischen Imperativ ableitet, sondern dadurch, dass sie die Konsequenzen von Handlungen erfasst und zu bestehenden empirischen Zwecken in Relation setzt402. Nun ist die von Dewey geäußerte Kritik an der Kantischen Moralphilosophie, wonach diese zu einem unkritischen Kadavergehorsam führt, nicht unbedingt originell und ihre Berechtigung mehr als zweifelhaft403. Allerdings bleibt Dewey mit seiner Kritik hier nicht stehen, sondern er geht deutlich tiefer, indem er die aus seiner Sicht fatalen Konsequenzen der kantischen Morallehre zurückführt auf Ursachen, die bereits in der dualistischen Struktur der kantischen Erkenntnistheorie verwurzelt sind. Für Dewey ist deren wesentlichstes Merkmal, dass sie eine strikte Trennung der Sphären von Theorie und Praxis postuliert, wobei der durch praktisches experimentelles Handeln erworbenen Erfahrung nur die Rolle eines untergeordneten Erkenntnisinstruments zukommt, während das vernunftnotwendige apriorische Wissen, das unabhängig von der Erfahrung besteht, die höchste Form der Erkenntnis darstellt404. stark machte, vgl. etwa MW 10.256 ff.; 10.271 ff. Umfassend zu Deweys Haltung während des 1. Weltkriegs Westbrook (1991) S. 195 ff. 399 Dazu oben S. 75 ff. 400 Dewey MW 8.164 (German Philosophy and German Politics, 1916 = GP). 401 "the categorical imperative calls up the drill sergeant", Dewey MW 8.166 (GP). 402 Dewey MW 8.164 (GP). 403 Dazu Höffe (1992) S. 171 f. 404 Vgl. dazu oben S. 50 f. 133 Gerade diese Sicherheit und Gewissheit, die das apriorische Wissen zu ermöglichen scheint, ist für Dewey jedoch nicht nur in epistemologischer405 sondern auch in politischer Hinsicht fragwürdig. Denn eben weil es Absolutheit beansprucht und scheinbar keiner weiteren Überprüfung mehr bedarf, nachdem es einmal notwendig bewiesen worden ist, führt diese Art des Wissens zu Starrheit und Rigorosität des Denkens. Experimentelle Nachprüfbarkeit und Diskutierbarkeit haben bei apriorischen Gewissheiten keinen Platz und werden zunehmend ersetzt durch Glauben und Dogmatik. Dewey glaubt, das spezifische Sendungsbewusstsein, universale Humanität und Vernunft zu verkörpern406, das er für ein Kennzeichen des deutschen Nationalcharakters hält, sei ein unmittelbarer Ausfluss dieser philosophischen Vorliebe für apriorische Vernunfterkenntnis. Weil diese Erkenntnis sich aber experimenteller Nachprüfbarkeit und Diskussion enthoben glaubt, führt von ihr aus für Dewey ein schnurgerader Weg hin zum politischen Fanatismus: "truths of pure reason have a paradoxical way, in the end, of escaping from the arbitrament of reasoning. They evade the logic of experience, only to become, in the phrase of a recent writer, the spoil of a "logic of fanaticism."407. b) Die Philosophie des a priori als Wegbereiterin des Totalitarismus "German Philosophy and Politics" erschien erstmalig 1915. Im Jahr 1942, als Deutschland den USA erneut als der Urheber politischen Verhängnisses entgegentrat, verfasste Dewey eine Ergänzung unter dem Titel "The One-World of Hitler's National Socialism", in der er auch den Nationalsozialismus als eine geistige Spätfolge verfehlter philosophischer Grundüberzeugungen zu deuten versuchte. Dabei sieht er im Nationalsozialismus nicht nur ein weiteres Beispiel für eine fanatische Weltanschauung, der die Anhänger des Apriori-Rationalismus nach seiner Ansicht so leicht anheim fallen. Er deutet den Nationalsozialismus vor allem als einen fehlgeleiteten Versuch, jene künstliche Spaltung zwischen innerer und äußerer Welt, zwischen Natur und Subjekt, zwischen Theorie und Praxis zur Aufhebung zu bringen408. Hitlers Konzept einer organischen Volksgemeinschaft und eines Verständnisses von Politik als einem biologischen Kategorien folgenden Kampf um das Dasein zwischen verschiedenen Rassen sind für Dewey Ausdruck dieses Gedankens der Wiederherstellung einer verloren gegangenen Einheit zwischen Natur und Zivilisation, zwischen Individuum und Gemeinschaft. In ihrer philosophischen Zielsetzung, nämlich in der Überwindung der Dualismen, erscheinen so Pragmatismus und 405 Vgl. dazu oben S. 45 ff. 406 Dewey MW 8.154 ff. (GP). 407 Dewey MW 8.159. (GP). 408 "In short, it was Hitler's mission to overcome that division between the "inner" and the "outer," the ideal and the actual, between spiritual faith and the hard realities of action which had constituted "The Two Worlds of Germany,", Dewey MW 8.429. 134 Nationalsozialismus geradezu als Wahlverwandte409. Freilich unterscheiden sie sich grundlegend in den Mitteln, mit denen sie dieses Ziel verfolgen. Für Dewey ist die Schaffung einer politischen Einheit nur im Wege demokratischer Kommunikationsprozesse sinnvoll denkbar. Totalitäre Ideologien wie der Nationalsozialismus entarten für ihn hingegen zwangsläufig in Fanatismus, Gewalt und Unterdrückung, weil sie im Gegensatz zu einer lebendigen Demokratie nicht in der Lage sind, ihre inhaltlichen Positionen anhand der Bewährung an Erfahrung und öffentlicher Diskussion stets aufs Neue hin kritisch zu prüfen und veränderten Erfordernissen anzupassen. Obwohl sie deren dualistische Strukturen überwinden will, ist die nationalsozialistische Weltanschauung so immer noch geprägt vom Erbe der kantischen Apriori- Philosophie. Deren Suche nach absoluter Gewissheit begünstigt für Dewey eine totalitäre Denkweise, während sie demokratisch verfassten Willensbildungsprozessen im Wege steht, deren Ergebnisse nicht Gewissheit beanspruchen, sondern hypothetischen Charakter haben und somit grundsätzlich durch praktische Erfahrung falsifizierbar sind. Die Irrwege deutscher Politik im 20. Jahrhundert sind so für Dewey letztlich das Resultat jener verfehlten "Suche nach Gewissheit", die sich in der abendländischen Philosophietradition so verhängnisvoll ausgewirkt hat. Deweys Ausführungen, die 1915 ganz klar in der Absicht verfasst wurden, das politische Ziel eines Kriegseintritts der USA zu befördern, mögen weder in historischer noch in philosophiegeschichtlicher Hinsicht besonders überzeugend erscheinen410. Ob die Dualismen der kantischen Philosophie und das Beharren auf der Möglichkeit apriorischer Erkenntnis tatsächlich zwangsläufig dem Totalitarismus den Weg ebneten, bleibt fraglich, zumal Deweys Ausführungen hierzu weitestgehend spekulativ sind und er konkrete Belege dafür, wie sich Kantisches Denken im Imperialismus des Kaiserreichs oder in der nationalsozialistischen Weltanschauung niedergeschlagen haben, schuldig bleibt411. Interessant ist jedoch die Kehrseite von Deweys Postulat eines Zusammenhangs von Philosophie und Politik: Denn ebenso wie er einen Zusammenhang zwischen traditioneller dualistischer Erkenntnisphilosophie und antidemokratischer Politik behauptet, postuliert Dewey auch, dass politische Demokratie und epistemolo- 409 Ähnliche Parallelen zieht auch Vogt (2002) S. 14. 410 Was selbst eingefleischte Deweyaner bereitwillig zugeben, vgl. etwa Hook (1979) S. XVIII ff.. Kritisch auch Honneth (2000b) S. 34 f. "German Philosophy and Politics" war eine der wenigen Schriften Deweys, die bereits früh in deutscher Übersetzung vorlagen. Dass sie in Westdeutschland, wo man sich nach den Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus gerade wieder zurück auf die Kantische Philosophie als Ausdruck humanen und zivilisierten Denkens besinnen wollte, auf entschiedene Ablehnung stieß (vgl. etwa Ebbinghaus (1968) S. XX f.), verwundert daher nicht. 411 Weniger zweifelhaft als die von Dewey konstruierte gedankliche Verwandtschaft von kantischer Philosophie und totalitärer Ideologie erscheint aber der Befund, dass die idealistische Philosophie eine Geisteshaltung in Deutschland befördert hat, die den vermeintlich ewigen Werten der Kultur den Vorzug vor den Niederungen der Politik, insbesondere des demokratischen Parlamentarismus gab. Eindrucksvollstes Zeugnis hierfür sind vielleicht Thomas Manns "Betrachtungen eines Unpolitischen" von 1918. Vgl. dazu dazu Lepenies (2007) S. 71 ff. 135 gischer Pragmatismus zusammen gehören. In einem 1919 publizierten Aufsatz mit dem Titel "Philosophy and Democracy" vertritt Dewey diese These ganz explizit. Wenn die Welt von einem pragmatistischen Standpunkt aus betrachtet wird, so erscheint sie als unstet und dynamisch, im ständigen Wechsel begriffen. Realität ist dann nicht mehr das unveränderliche Objekt, das es durch die Vernunft zu erkennen gilt, sondern es ist etwas, was durch menschliches Handeln gestaltet werden kann und muss412. Ein solches Verständnis von Wirklichkeit aber ist es, das für Dewey notwendig auch der Demokratie zugrunde liegt: "A philosophy animated, be it unconsciously or consciously, by the strivings of men to achieve democracy will construe liberty as meaning a universe in which there is real uncertainty and contingency, a world which is not all in, and never will be, a world which in some respect is incomplete and in the making, and which in these respects may be made this way or that according as men judge, prize, love and labor."413 Demokratie und Pragmatismus gehören daher für Dewey notwendig zusammen. Allerdings setzt Dewey dabei ein ganz spezifisches Verständnis von Demokratie voraus, das im folgenden näher untersucht werden soll. 3. Kritik an der liberalen Demokratietheorie Dewey entwickelt sein eigenen Konzept der Demokratie vor allem in Auseinandersetzung mit den Ideen und Argumenten des politischen Liberalismus. Dewey bezeichnet sich zwar selbst gleichfalls als einen Liberalen, doch damit bezieht er sich lediglich auf eine Übereinstimmung in einzelnen sachpolitischen Fragen, etwa das Engagement für einen Ausbau des Wohlfahrtstaats oder das Eintreten für eine stärkere politische Kontrolle des Industriekapitals. Was den Liberalismus als eine politische Philosophie angeht, so vertritt Dewey an entscheidenden Punkten einen radikal entgegen gesetzten Standpunkt. Auch er bejaht individuelle Freiheit und Demokratie als die elementaren Grundwerte gesellschaftlicher Ordnung. Doch fällt seine Interpretation dieser Begriffe gänzlich anders aus als die der Vordenker des klassischen Liberalismus. a) Die politische Philosophie des klassischen Liberalismus Der Liberalismus war zu Zeiten Deweys die dominierende politische Philosophie in der amerikanischen Gesellschaft. Keine Idee hat die Institutionen des amerikanischen Gemeinwesens stärker geprägt. Das Konzept unverfügbarer Grundrechte des Individuums entspringt ebenso dem Liberalismus wie die Figur des Gesellschafts- 412 Weil sie untrennbar mit zweckgebundenem menschlichen Verhalten verbunden ist, ist Wirklichkeit daher kein wertfreier und objektiver Begriff: ""reality" is a term of value or choice", MW 11.44 (Philosophy and Democracy, 1919 = PD). 413 Dewey MW 11.50 (PD).

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References

Zusammenfassung

Der klassische Pragmatismus steht für einen amerikanischen Sonderweg in die philosophische Moderne. Auch die Entwicklung des amerikanischen Rechtsdenkens wurde durch den Pragmatismus von C.S. Peirce und John Dewey bis heute maßgeblich geprägt. Strömungen wie der "Legal Realism" oder die "Economic Analysis of Law" wären ohne das gedankliche Fundament der pragmatistischen Philosophie nicht denkbar.

Das Buch zeichnet den Einfluss des Pragmatismus auf die amerikanische Rechtstheorie über einen Zeitraum von 150 Jahren von Oliver Wendell Holmes" "The Common Law" bis zum modernen "Legal Pragmatism" eines Richard Posner nach. Der Verfasser veranschaulicht zudem den engen Zusammenhang, der zwischen der pragmatistischen Rechtstheorie und einem deliberativen Demokratieverständnis besteht. Für die Frage, wie das Spannungsverhältnis zwischen dem Willen des demokratischen Gesetzgebers und der Autonomie des Rechtssystems aufzulösen ist, kann der Pragmatismus neue Perspektiven liefern. Deshalb ist es lohnend, sich auch auf dem alten Kontinent mit ihm auseinanderzusetzen.