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Peter Kasiske, Die pragmatische Wende der analytischen Philosophie in:

Peter Kasiske

Rechts- und Demokratietheorie im amerikanischen Pragmatismus, page 112 - 116

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4153-6, ISBN online: 978-3-8452-1330-9 https://doi.org/10.5771/9783845213309

Series: Studien zur Rechtsphilosophie und Rechtstheorie, vol. 52

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112 4. Die pragmatische Wende der analytischen Philosophie Dass Rorty und Putnam ursprünglich Vertreter der analytischen Philosophie waren, ist symptomatisch für die „pragmatische Wende des linguistic turn“337. Die linguistische Wende hatte das Augenmerk darauf gerichtet, dass sich unser Denken ausschließlich im Medium der Sprache vollzieht. Daraus resultierte die Einsicht, dass statt der klassischen erkenntnistheoretischen Fragestellung, wie Bewusstsein und Welt aufeinander bezogen sind, die Frage eher lauten musste, wie sich Sprache und Welt zueinander verhalten. a) Analytische Philosophie und Repräsentationalismus In ihren Anfängen ging die analytische Philosophie, insbesondere der logische Positivismus, dabei davon aus, dass die logischen Strukturen der Sprache die logischen Strukturen der Welt isomorph abbildeten. Bei aller Kritik, die die analytische Philosophie an der traditionellen Metaphysik übte, blieb sie so doch zunächst noch den repräsentationalistischen Prämissen von deren Erkenntnistheorie verhaftet. Erkenntnis wurde nach wie vor als ein Vorgang der Abbildung verstanden, nur dass jetzt nicht mehr unser Bewusstsein die Welt abbildet, sondern diese Aufgabe von unseren Begriffen und Sätzen übernommen wurde. Die sprachanalytische Philosophie hoffte, die klassischen Probleme der Philosophie dadurch lösen oder zumindest als Scheinprobleme entlarven zu können, dass sie die Bedeutungen von Begriffen und Sätzen analysierte und diese zu klären versuchte. Das Problem war jedoch, dass sich allein durch diesen semantischen Ansatz338 nicht das Problem in den Begriff bekommen ließ, wie es die Sprache überhaupt fertig brachte, sich auf die Welt zu beziehen, wie also Wahrheit im Sinne einer Übereinstimmung von Satz und Wirklichkeit überhaupt erklärbar sein sollte. Die Analyse des repräsentationalistischen Verständnisses von Erkenntnis und Wahrheit führt so zu dem Ergebnis, dass es sich als genau die Art von metaphysischer Verwirrung entpuppt, die zu beseitigen die analytische Philosophie angetreten war339. Um den Bezug von Sprache und Welt zu erklären, schien es vielversprechender, zu untersuchen, wie dieser Bezug durch den Gebrauch unserer Begriffe und Sätze konkret hergestellt wird. Diese Fragestellung ließ sich durch einen rein semantischen Ansatz jedoch nicht in den Griff bekommen. Hilary Putnam brachte dies in seinem Aufsatz „The Meaning of Meaning“ folgendermaßen auf den Punkt: 337 Vgl. Sandbothe 2000 S. 96 ff. 338 Zur Unterscheidung von semantischem und pragmatischem Ansatz in der Sprachphilosophie vgl. auch Brandom (2000) S. 29 ff.; Peregrin (2005) S. 89 ff. 339 Vgl. dazu Putnam (1982) S. 75 ff.; Wellmer (2000) S. 254 f.. Ähnlich auch Rortys Kritik am repräsentationalistischen Erkenntnismodell in ders. (1992) S. 23 ff.; dazu auch Welsch (2000) S. 178 ff. 113 „Traditional semantic theory leaves out only two contributions to the determination of extension – the contribution of society and the contribution of the real world!”340. Gefragt war deshalb nunmehr eine Wende hin zur Sprachpragmatik, zur Untersuchung der Praxis sprachlicher Kommunikation. b) Die Wende zur Sprachpragmatik Einen wichtigen Schritt in dieser Entwicklung markiert Donald Davidsons Aufsatz „Was ist eigentlich ein Begriffsschema“ aus dem Jahr 1974. Davidson versuchte darin nachzuweisen, dass der traditionellen Philosophie, insbesondere der analytischen, ein Dualismus zugrunde liegt, den er – in Anspielung auf Quines berühmten Aufsatz „Two Dogmas of Empiricism“ – als das „dritte Dogma des Empirismus“ bezeichnet341. Dieser Dualismus ist nach Davidson der von Schema und Inhalt. Die Vorstellung nämlich, dass es einerseits ein ordnendes System (in der kantischen Philosophie die Kategorien des transzendentalen Subjekts, in der analytischen Philosophie die Sprache) gebe, andererseits, etwas das geordnet werden müsse (das rohe Material der Anschauung bzw. die Sinneserfahrung, die Welt). Davidson kommt nun zu dem Ergebnis, dass die Annahme eines solchen Dualismus problematisch ist, weil sich auf seiner Grundlage nicht erklären lässt, wie wir überhaupt zwischen verschiedenen Begriffsschemata unterscheiden können342. Davidsons Kritik der Vorstellung vom ordnenden Begriffsschema leistet für die Kritik der analytischen Philosophie dasselbe wie Peirces Kritik der kantischen Erkenntnisphilosophie. So wie Peirce darlegte, dass der Begriff eines „Ding an sich“ und damit einer nichterkennbaren Realität jenseits der Erfahrung sinnlos ist, führt Davidsons Argumentation zu dem Ergebnis, dass die Annahme einer uninterpretierten Welt, auf die ein Begriffsschema angewendet wird, in sich widersprüchlich ist. Ebenso wie Peirce geht es Davidson dabei darum, die Unmittelbarkeit unseres Zugangs zur Welt wieder herzustellen, indem er eine repräsentationalistische Auffassung von Sprache zurückweist343. Auch Davidsons nichtrepräsentationalistischer Gegenentwurf dazu, wie Sprache eigentlich gebraucht wird, trägt pragmatistische Züge. Etwa dann, wenn er vorschlägt, „die Grenze ... zwischen dem Können einer Sprache und dem Sichauskennen in der Welt insgesamt“ zu beseitigen344. Sprachliche Kompetenz dient so nicht mehr dem in einem repräsentationalistischen Sinn verstandenen Ordnen von Erfahrungen, sondern hat den Charakter einer Art von Know-How, um mit der Umwelt und anderen Menschen zu interagieren345. Damit nähert sich Davidsons Position Deweys Auffas- 340 Putnam (2004b) S.62. 341 Davidson (1986) S. 270. 342 Davidson (1986) S. 281 f. Zu Davidsons Argumentation auch Sandbothe (2001) S. 180 ff. 343 Davidson (1986) S. 282. 344 Davidson (1986) S. 226. 345 Davidson (1990) S. 225; dazu auch Rorty (1994) S. 976. 114 sung der operationalen Natur der Begriffe an346. Auch Davidsons Konzept der Triangulation, wonach die Identifizierung von Gegenständen des Denkens auf einer sozialen Grundlage beruht, weil nämlich die Bedeutung eines Begriffs dadurch bestimmt wird, dass mindestens zwei Akteure sich darauf einigen, dass ein gemeinsam beobachteter Gegenstand durch ein bestimmtes Zeichen repräsentiert werden soll347, trägt pragmatische Züge. Maßgeblich für die Bedeutung eines Begriffes oder Satzes ist nämlich nicht mehr wie im logischen Positivismus die logische Tiefenstruktur der Sprache oder empirische Evidenz, sondern die Begriffsbedeutung wird maßgeblich durch die soziale Praxis bestimmt, also die Art und Weise, wie der Begriff tatsächlich gebraucht wird. Auch wenn Davidson sich zum Teil einer pragmatistisch anmutenden Argumentation bedient, beruft er sich nicht ausdrücklich auf die pragmatistischen Klassiker als Gewährsmänner für seine Ansichten und er weist auch eine Vereinnahmung als Neopragmatist ausdrücklich zurück348. Aber auch wenn große Unterschiede zwischen Davidsons Ansichten und Deweys Instrumentalismus verbleiben, so bleibt auch Davidson ein Beispiel dafür, wie sich die analytische Philosophie zunehmend der Praxis des Sprechens zuwendet. Ein Vorbild für eine sprachpragmatische Wende innerhalb der analytischen Philosophie lässt sich auch im Werk von Ludwig Wittgenstein finden. Wittgenstein hatte im „Tractatus Logico-Philosophicus“ zunächst noch eine repräsentationalistische Position vertreten, wonach der Satz ein Bild der Wirklichkeit sei349. Spätestens in den Philosophischen Untersuchungen entwirft er dann jedoch eine Gebrauchstheorie der Bedeutung, die den Sinn eines Begriffes oder eines Satzes nicht mehr an einer Übereinstimmung zwischen dem Satz und der Wirklichkeit im Hinblick auf eine beiden gemeinsame logische Form festmacht, sondern daran, wie der Begriff bzw. Satz tatsächlich gebraucht wird350. Natürlich ginge es zu weit, allein aufgrund dessen Wittgenstein schon zu einem verkappten Pragmatisten zu erklären351. Festzustellen ist jedoch ein breiter Trend in der modernen analytischen Philosophie, sich von repräsentationalistischen Vorstellungen über die Funktion von Sprache und Erkenntnis zu verabschieden und stattdessen die praktischen Handlungskontexte, innerhalb deren Sprache gebraucht wird, in den Mittelpunkt zu stellen. Dies aber ist genau die Akzentverschiebung, die seit Peirce im Zentrum der pragmatistischen Philosophie steht. Denn dass sich Bedeutung nur in Bezug auf eine Handlungspraxis sinnvoll verstehen lässt, ist seit der pragmatischen Maxime von Peirce der Kern pragmatistischen Denkens352. Rorty hat zu dieser Entwicklung der analytischen Phi- 346 Dewey LW 4.112 ff.; 12.459 (Log). 347 Davidson (1993) S. 81 ff. 348 Davidson (1990) S. 16. 349 Wittgenstein (1922) 4.01. 350 Vgl. dazu von Savigny (1998) S. 8 ff.; Vossenkuhl (1995) S. 136 ff. 351 Gegen eine derartige Vereinnahmung z.B. Cavell (1998) S. 75 ff. 352 Diese Wende der analytischen Philosophie hin zur Sprachpragmatik zeigt sich auch im Werk von Robert Brandom, wie sich schon aus dem Untertitel seines Buches "Between Saying and Doing" (2008) ergibt: "Towards an Analytic Pragmatism". Brandom weist frei- 115 losophie hin zur Sprachpragmatik pointiert angemerkt, dass James und Dewey bereits am Ende des dialektischen Weges warteten, den die analytische Philosophie eingeschlagen hatte353. c) Der Pragmatismus als Mittelweg zwischen Metaphysik und Postmoderne Der Pragmatismus weist so einen Weg zu einer Alternative zwischen einer unhaltbar gewordenen repräsentationalistischen Metaphysik und einer radikalisierten postmodernen Sprachphilosophie, in der sich Sätze nur noch auf andere Sätze beziehen und die Wirklichkeit allenfalls noch als Text begriffen werden kann, der sich beliebig dekonstruieren lässt354. Demgegenüber beharrt der Pragmatismus darauf, dass es mit dem Prozess der Forschung tatsächlich einen Zugang zur Welt gibt, mit der wir uns diese in einer Art und Weise erschließen können, in der Begriffe wie Wahrheit und Realität noch einen Sinn ergeben, der über die bloße Kohärenz von Sätzen mit Kontexten hinausgeht. Allerdings kann man den klassischen Pragmatisten vorwerfen, unterschätzt zu haben, inwieweit auch der Zugang, den die Praxis der Forschung zur Welt eröffnet, noch bestimmt bleibt durch die Möglichkeiten und Grenzen der Sprache, derer wir uns bedienen müssen, um die Regeln der Forschung zu formulieren und ihre Ergebnisse zu interpretieren. Ebenso wie der „Linguistic Turn“ auf die pragmatistische Einsicht in die Bedeutung der konkreten Verständigungspraxis angewiesen ist, kann sich der Pragmatismus, für den der öffentliche, d.h. auf Verständigung gerichtete Aspekt der Forschung ja ein ganz entscheidender ist, sich nicht der sprachanalytischen Lektion entziehen, dass Verständigung immer durch das Medium der Sprache vermittelt wird. Im klassischen Pragmatismus war diese Einsicht immer etwas zu kurz gekommen, stattdessen hatten James und Dewey einen mehr oder weniger unmittelbaren Zugriff auf die Welt durch praktisches Handeln proklamiert, ohne dem Umstand ausreichend Beachtung zu schenken, dass wir bei der Erschliessung der Welt - insbesondere dann, wenn dies wie im auch aus Sicht des Pragmatismus bedeutsamsten Fall in Form kooperativer Forschung gemeinsam mit anderen geschiet - unweigerlich auf das Werkzeug der Sprache angewiesen sind. Die Tatsache, dass auch die experimentelle Forschungspraxis keinen uneingeschränkt vorsprachlichen Zugang zur Welt gewährleisten kann, vergrößert dann jedoch die Bedeutung, die der diskursiven Rechtfertigung, dem „reasoning“ im Sinne lich zurecht auf die erheblichen Unterschiede zwischen seinem „rationalistischem Pragmatismus“ und dem Pragmatismus von James und Dewey hin, die vor allem darin bestehen, dass Brandom deren instrumentalistisches Verständnis von Bedeutung und Wahrheit ablehnt, vgl. Brandom (2000) S. 45 ff.; ders. (2001) S. 37 ff.. Diese Differenzen werden durch den inflationären Gebrauch der Bezeichnung „Neopragmatismus“ für jegliche Auffassung, die die Rolle der Praxis gegenüber der Theorie betont, leider zu oft verwischt. 353 Rorty (1982) S. XVIII. 354 Vgl. das berühmte Diktum von Derrida (1974) S. 276, wonach es nichts außerhalb des Textes gebe. 116 Deweys, bei der Herstellung von „warranted assertibility“ zukommen muss. Da diese diskursive Rechtfertigung vor einem öffentlichen Forum zu erfolgen hat, eröffnet sich an dieser Stelle vor allem die Frage, wie diese Öffentlichkeit normativ verfasst sein muss, um bestmögliche Standards der Rechtfertigung zu garantieren. Die pragmatistische Theorie der Forschung als einem Prozess öffentlicher Kooperation und Rechtfertigung hat folglich schon immer einen sozialen Bezug und ist insoweit auch nicht normativ neutral. Dieser Zusammenhang zwischen Forschungspraxis und Demokratie ist der Gegenstand des zweiten Abschnitts dieser Arbeit.

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Zusammenfassung

Der klassische Pragmatismus steht für einen amerikanischen Sonderweg in die philosophische Moderne. Auch die Entwicklung des amerikanischen Rechtsdenkens wurde durch den Pragmatismus von C.S. Peirce und John Dewey bis heute maßgeblich geprägt. Strömungen wie der "Legal Realism" oder die "Economic Analysis of Law" wären ohne das gedankliche Fundament der pragmatistischen Philosophie nicht denkbar.

Das Buch zeichnet den Einfluss des Pragmatismus auf die amerikanische Rechtstheorie über einen Zeitraum von 150 Jahren von Oliver Wendell Holmes" "The Common Law" bis zum modernen "Legal Pragmatism" eines Richard Posner nach. Der Verfasser veranschaulicht zudem den engen Zusammenhang, der zwischen der pragmatistischen Rechtstheorie und einem deliberativen Demokratieverständnis besteht. Für die Frage, wie das Spannungsverhältnis zwischen dem Willen des demokratischen Gesetzgebers und der Autonomie des Rechtssystems aufzulösen ist, kann der Pragmatismus neue Perspektiven liefern. Deshalb ist es lohnend, sich auch auf dem alten Kontinent mit ihm auseinanderzusetzen.