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Peter Kasiske, Die Wiederentdeckung des Pragmatismus in:

Peter Kasiske

Rechts- und Demokratietheorie im amerikanischen Pragmatismus, page 109 - 112

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4153-6, ISBN online: 978-3-8452-1330-9 https://doi.org/10.5771/9783845213309

Series: Studien zur Rechtsphilosophie und Rechtstheorie, vol. 52

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109 3. Die Wiederentdeckung des Pragmatismus Nachdem der Pragmatismus etwa um die Mitte des 20. Jahrhunderts zunächst fast vollständig aus den Philosophy-Departments der amerikanischen Universitäten verschwunden war, die nun fest in der Hand von Vertretern der analytischen Philosophie waren, wurde er ab Mitte der 70er Jahre langsam wieder neu entdeckt. Dieses „Revival of Pragmatism“321 wurde vor allem ermöglicht durch die Krise, in die nun ihrerseits auch die analytische Philosophie geraten war, als immer deutlicher wurde, dass ihre wissenschaftstheoretischen Grundlagen fragwürdig waren322. Dies führte zu der Einsicht, dass das Unterfangen der sprachanalytischen Philosophie, die klassischen Probleme der Philosophie nicht mehr unter Bezug auf Kategorien wie Erfahrung oder Bewusstsein zu untersuchen, sondern sie als Probleme des richtigen philosophischen Sprachgebrauches zu rekonstruieren323, diese Probleme nicht lösen konnte, sondern sie allenfalls auf eine andere Ebene verschob. Philosophen wie Richard Rorty und Hilary Putnam, deren Denken sich zunächst unter dem Einfluss der analytischen Philosophie entwickelt hatte, begannen darauf hin, sich wieder dem Pragmatismus zuzuwenden. a) Richard Rortys Anleihen bei John Dewey Richard Rorty ist dabei wahrscheinlich derjenige, der am meisten für die Wiederentdeckung der pragmatistischen Philosophie getan hat. In „Der Spiegel der Natur“ nennt er Dewey, Heidegger und Wittgenstein die drei bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts324. Deweys Verdienst sieht Rorty vor allem darin, dass er radikal mit den repräsentationalistischen Auffassungen der Erkenntnistheorie gebrochen hat, und der Philosophie nicht mehr eine Sonderstellung als Fundamentalwissenschaft zuerkennt, die über ein privilegiertes Wissen bzgl. der Möglichkeiten und Bedingungen von Erkenntnis gebietet325. Rortys Dewey-Rezeption beschränkt sich jedoch weitgehend auf diesen kritischen Teil von dessen Philosophie. Deweys Ver- 321 So der Titel einer von Morris Dickstein herausgegebenen repräsentativen Aufsatzsammlung, die sich mit neopragmatistischen Entwicklungen in Philosophie, Recht und Kultur beschäftigt. 322 Entscheidende Schritte in dieser Entwicklung waren neben W.V. Quines bereits 1951 erschienenem Aufsatz „Two Dogmas of Empiricism“ v.a. Wilfrid Sellars „Empiricism and the Philosophy of Mind“ von 1956 und Thomas Kuhns „The Structure of Scientific Revolutions“ von 1962. Während Quine die für die analytische Philosophie zentrale Unterscheidung zwischen analytischen und synthetischen Urteilen kritisierte, und Sellars die Differenzierung zwischen dem empirisch Gegebenen und dem begrifflich Gedachten in Frage stellte, legte Kuhn die historische Bedingtheit und damit Kontingenz des wissenschaftlichen Weltbildes offen. Zu Quine und Sellars vgl. auch Sandbothe (2000) S. 109 ff. 323 Rorty (1981) S. 284. 324 Rorty (1981) S. 15. 325 Rorty (1981) S. 15 f. 110 such, eine naturalistische Metaphysik zu konzipieren, lehnt Rorty dagegen ebenso ab wie sein Unternehmen, die experimentelle Methode der modernen Naturwissenschaften zu einem universalen Problemlösungsschema zu erklären, das auf alle wissenschaftlichen, ethischen und politischen Fragen Anwendung finden kann326. Für Rorty besteht die grundlegende Einsicht, die durch den Pragmatismus vermittelt wird, stattdessen gerade darin, dass die Aufgabe der Philosophie nicht mehr darin bestehen kann, ein Fundament sicheren Wissens bereit zu stellen, von dem aus sich die Berechtigung wissenschaftlicher Wahrheits- oder moralischer Geltungsansprüche beurteilen lässt. Stattdessen plädiert Rorty für eine „bildende“ Philosophie, die nur mehr noch eine „therapeutische“ Zielsetzung verfolgt, indem sie nicht mehr versucht, das Gespräch der Philosophie zu einem systematischen Abschluss zu bringen, sondern nur noch, es weiter in Gang zu halten, um auf diesem Wege neue Vokabulare der Selbstbeschreibung etablieren, die sich als fruchtbarer erweisen als ihre Vorbilder327. Mit einem solchen Philosophieverständnis entfernt Rorty sich indes sehr weit von seinem pragmatistischen Vorbild Dewey. Es ist daher nicht erstaunlich, dass die Berechtigung von Rortys Bezugnahme auf den Pragmatismus von seinen Kritikern bisweilen in Zweifel gezogen wurde328, und auch Rorty selbst hat zugestanden, dass er dann, wenn er von Dewey spricht, nicht unbedingt immer den historischen Dewey im Auge hat, sondern eher einen hypothetischen Dewey, der so argumentiert, wie Dewey nach Meinung Rortys argumentiert haben sollte329. Rorty trennt von den klassischen Pragmatisten vor allem eines: Peirce, James und Dewey waren sich dar- über einig, dass die Philosophie einer Erneuerung bedurfte, bei der die experimentelle Methode der modernen Naturwissenschaften das vielversprechendste Verfahren darstellt, jene Überzeugungen zu bilden, die unser Handeln anleiten können. Daher war es für sie konsequent, deren Denken auch auf die Philosophie zu übertragen. Rorty dagegen sieht die Hauptaufgabe der „bildenden“ Philosophen gerade darin, zu verhindern, dass die Philosophie „auf dem sicheren Pfad einer Wissenschaft zu wandeln beginnt.“330. Peirce und Dewey waren noch davon überzeugt, dass so etwas wie wissenschaftliche Objektivität möglich war, wenn sie nur nicht mehr in den Kategorien einer repräsentationalistischen Erkenntnistheorie, sondern auf der Grundlage eines an praktischem experimentellem Handeln orientierten Verständnisses von wissenschaftlicher Forschung gefasst wurde. Anders Rorty: Er plädiert dafür, das Ideal wissenschaftlicher Objektivität insgesamt aufzugeben und stattdessen anzuerkennen, dass unsere grundlegenden Überzeugungen dessen, was rational und moralisch richtig ist, nicht in einer ahistorischen Vernunft, wie sie sich in abgewandelter Form auch in Deweys Modell des Forschungsprozesses verkörpert, sondern allen- 326 Vgl. Rorty (1982) S. 85 ff.; ders. (1994) S. 26 ff.; ders. (2000) S. 29 ff. Zu Rortys Kritik auch Jörke (2003) S. 60 ff. 327 Vgl. Rorty (1981) S. 396 ff.; ders. (1992) S. 30 ff.; 328 Vgl. zum Beispiel Campbell (1984); Allen (2000), Kloppenberg (2000) S. 76 ff. insb. Fn. 43.; Westbrook (2000) S. 341 ff. 329 Rorty (2000) S. 23. 330 Rorty (1981) S. 403. 111 falls in der Solidarität der Mitglieder ethnozentrisch verfasster Gemeinschaften zu finden ist331. b) Der Neopragmatismus Hilary Putnams Derartig radikale Schlussfolgerungen ist Hilary Putnam, ein weiterer Wegbereiter der pragmatistischen Renaissance, nicht zu ziehen bereit332. Für ihn ist der Pragmatismus vor allem deswegen attraktiv, weil er zwar einerseits Pluralismus und Fallibilismus in der wissenschaftlichen Forschung einen zentralen Stellenwert einräumt, andererseits aber auch den erkenntnistheoretischen Skeptizismus zurückweist333. Putnam sieht also, anders als Rorty, und darin den klassischen Pragmatisten näher als dieser, im Pragmatismus eine Denkrichtung, die es gerade erlaubt, auch unter postmodernen Bedingungen noch die Möglichkeit von wissenschaftlicher Objektivität zu bejahen. Dass wir sinnvoll von der Möglichkeit einer objektiven Welt reden können, bedeute nicht, dass uns diese Welt nur eine einzig mögliche Art ihrer Beschreibung aufzwinge, sondern lediglich, dass es Sachverhalte gibt, die vorliegen, unabhängig davon ob wir dies glauben oder nicht334. Was verbindet den Neopragmatismus von Rorty und Putnam noch mit den Auffassungen der pragmatistischen Klassiker? Legt man die fünf Elemente zugrunde, die oben als die Kennzeichen der pragmatistischen Philosophie ausgemacht worden sind335, so stellt man fest, dass der Neopragmatismus vor allem an die Kritik von Peirce und Dewey an Repräsentationalismus und Skeptizismus anknüpft. Der Versuch, die Philosophie vor allem auf einen komplexen Begriff von Handlung und eine einheitliche Theorie wissenschaftlicher Forschung zu gründen336, ist hingegen auch bei Putnam und Rorty einem Ansatz gewichen, der in Übereinstimmung mit dem „linguistic turn“ die Sprache in den Mittelpunkt rückt. So ist der Neopragmatismus weniger eine der sprachanalytischen Philosophie entgegen gesetzte Denkrichtung, sondern eher der Versuch, einen grundsätzlich sprachanalytischen Ansatz mit pragmatistischen Einsichten zu kombinieren. 331 Rorty (1988) S. 31 ff. Zu den Folgen dieser Position für die politische Philosophie vgl. unten S. 193 ff. 332 Vgl. für seine Kritik an Rorty und dessen Relativismus etwa Putnam (1993) S. 96 ff.; ders. (2004) S. 143. 333 Putnam (1995) S. 10, 31; ders. (1997) S. 227. 334 Vgl. zu Putnams Verhältnis zur pragmatistischen Tradition auch Bernstein (2002) S. 33 ff.; Nagl (1998) S. 146 ff.; Waschkuhn (2001) S. 127 ff. 335 Oben S. 43. 336 Aus der pragmatistischen Theorie der Forschung übernimmt der Neopragmatismus allerdings den Gedanken, dass Forschung einen Prozess öffentlicher Kooperation beschreibt sowie die daraus resultierenden Konsequenzen, dass sich Fakten- und Werterkenntnis nicht strikt trennen lassen und das Erfordernis einer „democratization of inquiry“, vgl. Putnam (2002) S. 104 f. 112 4. Die pragmatische Wende der analytischen Philosophie Dass Rorty und Putnam ursprünglich Vertreter der analytischen Philosophie waren, ist symptomatisch für die „pragmatische Wende des linguistic turn“337. Die linguistische Wende hatte das Augenmerk darauf gerichtet, dass sich unser Denken ausschließlich im Medium der Sprache vollzieht. Daraus resultierte die Einsicht, dass statt der klassischen erkenntnistheoretischen Fragestellung, wie Bewusstsein und Welt aufeinander bezogen sind, die Frage eher lauten musste, wie sich Sprache und Welt zueinander verhalten. a) Analytische Philosophie und Repräsentationalismus In ihren Anfängen ging die analytische Philosophie, insbesondere der logische Positivismus, dabei davon aus, dass die logischen Strukturen der Sprache die logischen Strukturen der Welt isomorph abbildeten. Bei aller Kritik, die die analytische Philosophie an der traditionellen Metaphysik übte, blieb sie so doch zunächst noch den repräsentationalistischen Prämissen von deren Erkenntnistheorie verhaftet. Erkenntnis wurde nach wie vor als ein Vorgang der Abbildung verstanden, nur dass jetzt nicht mehr unser Bewusstsein die Welt abbildet, sondern diese Aufgabe von unseren Begriffen und Sätzen übernommen wurde. Die sprachanalytische Philosophie hoffte, die klassischen Probleme der Philosophie dadurch lösen oder zumindest als Scheinprobleme entlarven zu können, dass sie die Bedeutungen von Begriffen und Sätzen analysierte und diese zu klären versuchte. Das Problem war jedoch, dass sich allein durch diesen semantischen Ansatz338 nicht das Problem in den Begriff bekommen ließ, wie es die Sprache überhaupt fertig brachte, sich auf die Welt zu beziehen, wie also Wahrheit im Sinne einer Übereinstimmung von Satz und Wirklichkeit überhaupt erklärbar sein sollte. Die Analyse des repräsentationalistischen Verständnisses von Erkenntnis und Wahrheit führt so zu dem Ergebnis, dass es sich als genau die Art von metaphysischer Verwirrung entpuppt, die zu beseitigen die analytische Philosophie angetreten war339. Um den Bezug von Sprache und Welt zu erklären, schien es vielversprechender, zu untersuchen, wie dieser Bezug durch den Gebrauch unserer Begriffe und Sätze konkret hergestellt wird. Diese Fragestellung ließ sich durch einen rein semantischen Ansatz jedoch nicht in den Griff bekommen. Hilary Putnam brachte dies in seinem Aufsatz „The Meaning of Meaning“ folgendermaßen auf den Punkt: 337 Vgl. Sandbothe 2000 S. 96 ff. 338 Zur Unterscheidung von semantischem und pragmatischem Ansatz in der Sprachphilosophie vgl. auch Brandom (2000) S. 29 ff.; Peregrin (2005) S. 89 ff. 339 Vgl. dazu Putnam (1982) S. 75 ff.; Wellmer (2000) S. 254 f.. Ähnlich auch Rortys Kritik am repräsentationalistischen Erkenntnismodell in ders. (1992) S. 23 ff.; dazu auch Welsch (2000) S. 178 ff.

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References

Zusammenfassung

Der klassische Pragmatismus steht für einen amerikanischen Sonderweg in die philosophische Moderne. Auch die Entwicklung des amerikanischen Rechtsdenkens wurde durch den Pragmatismus von C.S. Peirce und John Dewey bis heute maßgeblich geprägt. Strömungen wie der "Legal Realism" oder die "Economic Analysis of Law" wären ohne das gedankliche Fundament der pragmatistischen Philosophie nicht denkbar.

Das Buch zeichnet den Einfluss des Pragmatismus auf die amerikanische Rechtstheorie über einen Zeitraum von 150 Jahren von Oliver Wendell Holmes" "The Common Law" bis zum modernen "Legal Pragmatism" eines Richard Posner nach. Der Verfasser veranschaulicht zudem den engen Zusammenhang, der zwischen der pragmatistischen Rechtstheorie und einem deliberativen Demokratieverständnis besteht. Für die Frage, wie das Spannungsverhältnis zwischen dem Willen des demokratischen Gesetzgebers und der Autonomie des Rechtssystems aufzulösen ist, kann der Pragmatismus neue Perspektiven liefern. Deshalb ist es lohnend, sich auch auf dem alten Kontinent mit ihm auseinanderzusetzen.