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Peter Kasiske, Die Pragmatismus-Rezeption in Deutschland und Europa in:

Peter Kasiske

Rechts- und Demokratietheorie im amerikanischen Pragmatismus, page 103 - 109

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4153-6, ISBN online: 978-3-8452-1330-9 https://doi.org/10.5771/9783845213309

Series: Studien zur Rechtsphilosophie und Rechtstheorie, vol. 52

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103 seinem Ausscheiden aus dem Universitätsbetrieb weiter verbreiten und fortentwickeln konnten, dürfte darüber hinaus die rasche Verdrängung seiner Ansichten aus der universitären Philosophie gefördert haben289. Hinzu kam, dass seine Art des Philosophierens sich nicht wirklich als Gegenstand der akademischem Ausbildung zukünftiger professioneller Philosophen eignete, weil sie – anders als die analytische Philosophie – zu untechnisch war und kaum Ansätze bot, die so etwas wie eine objektive Leistungsbewertung durch die Lehrenden zuliessen290. 2. Die Pragmatismus-Rezeption in Deutschland und Europa In Deutschland und Europa wurde der Pragmatismus zunächst vor allem als eine neue Form von Wahrheitstheorie wahrgenommen. Es waren vor allem die Arbeiten von James, die in Europa gelesen wurden, wohingegen Peirce offenbar kaum zur Kenntnis genommen wurde. Vor allem James pointierte Ausführungen zum Wahrheitsbegriff in „Der Pragmatismus“ (bereits ein Jahr nach seinem Erscheinen in den Vereinigten Staaten ins Deutsche übersetzt) führten dazu, dass der Pragmatismus in Europa zunächst als eine platte Nützlichkeitsphilosophie rezipiert wurde, nach der man alles für wahr halten durfte, was gerade als nützlich erschien. Was die nichtrepräsentationalistische Erkenntnistheorie, die dem Pragmatismus zugrunde lag, anging, so fand eine tiefere Auseinandersetzung mit ihr regelmäßig gar nicht erst statt, sondern sie wurde umstandslos mit aller Schärfe zurückgewiesen, wobei die Kritiker selbstgewiss auf dem Boden genau jener Bewusstseinsphilosophie argumentierten, deren dualistische Grundpositionen der Pragmatismus gerade überwinden wollte291. a) Die Rezeption des Pragmatismus bei Max Scheler und der kritischen Theorie Mit Max Schelers „Erkenntnis und Arbeit“ erschien dann 1926 ein Werk, das die deutsche Sicht auf den Pragmatismus für längere Zeit prägen sollte. Scheler verkürzte den Pragmatismus zwar nicht auf eine Nützlichkeitstheorie der Wahrheit, und er hielt auch das pragmatistische Bestreben für berechtigt, die dualistische Bewusstseinsphilosophie zu überwinden, er warf dem Pragmatismus jedoch vor, ein einseitig instrumentalistisches Verständnis von Wissen zu propagieren: er sei ein „Versuch, alles Wissen bewusst und einseitig auf Arbeitswissen zurückzuführen“292. Damit verabsolutiere der Pragmatismus ein instrumentelles „Arbeitswissen“ zugunsten von „Bildungs- und Erlösungswissen“, die allein für Scheler „wirkliche Philosophie und 289 Dazu Kuklick (2001) S. 225 f. 290 Ryan (1995) S. 351. 291 Instruktiv zur Pragmatismusrezeption in Deutschland Joas (1992) S. 114 ff.; Oehler (1994) S. XXVII ff. 292 Scheler (1960) S. 211. 104 Metaphysik“ sind293. Damit liefert Schelers Pragmatismuskritik natürlich gerade ein Musterbeispiel für jene Auffassung, die Dewey in „A Quest for Certainty“ kritisiert hatte, wonach auf Praxis gerichtetes Wissen per se minderwertig sei gegenüber dem Wissen einer „reinen“, weil nur auf theoretische Erkenntnis ausgerichteten Metaphysik. Schelers Lektüre der pragmatistischen Klassiker war dabei über weite Strecken oberflächlich und einseitig. Peirce kommt bei ihm kaum, Dewey überhaupt nicht vor. Vor allem stützt er sich auf James’ „Der Pragmatismus“, ohne jedoch zur Kenntnis zu nehmen, dass es gerade James nicht nur um ein instrumentalistisches „Arbeitswissen“ ging, sondern vor allem auch um einen neuen Blick auf Religion und Moral, also jenen Bereich, der für Scheler dem „Bildungs- und Erlösungswissen“ vorbehalten sein sollte. Dass Scheler sich nicht wirklich eingehend mit dem Pragmatismus beschäftigt hatte, zeigt sich, wenn er die Wahrheitstheorien von Peirce und James in einen Topf wirft294, und er einen wesentlichen Einfluss von Karl Marx auf die Pragmatisten unterstellt295. Schelers Pragmatismuskritik bildete auch die Grundlage für die Beurteilung des Pragmatismus durch die Frankfurter Schule. Horkheimer erblickte in ihm vor allem einen „neuen Angriff auf die Metaphysik“296 in Form einer weiteren Spielart des Positivismus297, die letztlich auf die Abschaffung des philosophischen Denkens ziele298. Nach dem Urteil Horkheimers markierte der Pragmatismus den Prototyp einer lediglich „instrumentellen Vernunft“, die zwar die zweckmäßige Rationalisierung aller menschlichen Lebensbereiche befördert, aber zum Ideal einer vernünftigen Gesellschaft nichts beitragen kann, weil sie – im Gegensatz zu einer „Kritischen Theorie“ - schon gar nicht mehr in der Lage ist, ein solches Ideal philosophisch zu formulieren und zu begründen. Die lediglich instrumentell gebrauchte Vernunft wird verabsolutiert in dem, was Horkheimer als „traditionelle“ im Gegensatz zur „kritischen“ Theorie bezeichnet. Sie macht sich zum Werkzeug gesellschaftlicher Kräfte, ohne fähig zu sein, diese Kräfte zu erkennen oder in Frage zu stellen, nicht zuletzt dadurch, dass sie im Bemühen um Objektivität Wertfragen als unwissenschaftlich brandmarkt und so schon von vornherein dem wissenschaftlichen Diskurs entzieht299. Eine derartige Kritik mag nun gegenüber etwa dem logischen Positivismus mit seiner Verengung der Philosophie auf Logik und Sprachkritik eine gewisse Berechtigung haben, wie der aus dieser Frage resultierende „Positivismusstreit“ belegt300. Gegenüber dem Pragmatismus greift Horkheimers Kritik indes zu kurz301. 293 Scheler (1960) S. 382. 294 Scheler (1960) S. 219. 295 Scheler (1960) S. 222. Zu den Verzerrungen von Schelers Pragmatismus-Rezeption auch Joas (1992) S. 125 ff.; Oehler (1994) S. XXXI ff.; Stikkers (2004) S. 51 ff. 296 So der Titel eines Aufsatzes von Horkheimer in der „Zeitschrift für Sozialforschung“ von 1937, nachgedruckt in Horkheimer (1968) S. 82 ff. 297 Horkheimer (1990) S. 51 Fn. 29. 298 Horkheimer (1990) S. 55. 299 Vgl. Horkheimer (1968) S. 155 ff. 300 Dazu umfassend Dahms (1994), insb. S. 404 ff. 105 Dass wissenschaftliche Erkenntnis immer von Wertungen durchdrungen und damit immer auch eine soziale und politische Relevanz hat, ist für den Pragmatismus ebenso eine Selbstverständlichkeit, wie der Befund, dass die Philosophie im Dienst der politischen Emanzipation des Subjekts und der Demokratisierung der Gesellschaft zu stehen hat. Dass die kritische Theorie dem Pragmatismus mit solchem Unverständnis und grundsätzlicher Ablehnung gegenübertrat, war dabei keineswegs selbstverständlich. Zum einen hatten die führenden Köpfe der Frankfurter Schule während der nationalsozialistischen Diktatur lange Jahre des Exils in den Vereinigten Staaten verbracht. Dies zu einer Zeit, als dort der Pragmatismus in vollster Blüte stand. Es standen also alle Türen für einen gegenseitigen Dialog offen. Diese Chance blieb jedoch ungenutzt302. Horkheimer, Adorno und die meisten anderen in die Staaten emigrierten Mitglieder der Frankfurter Schule zeigten wenig Interesse an einer Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen amerikanischen Philosophie und widmeten sich stattdessen lieber der Weiterentwicklung ihrer eigenen aus der alten Welt mitgebrachten Ideen zu einer kritischen Gesellschaftstheorie. Dabei gab es durchaus Berührungspunkte zwischen Pragmatismus und kritischer Theorie. Ausgehend von der beiden gemeinsamen zentralen Einsicht, dass es so etwas wie ein interesseloses Wissen nicht geben kann, teilten die Frankfurter speziell mit Dewey die Auffassung, dass die Philosophie Werkzeug gesellschaftlicher Kritik und politischer Emanzipation und Reform sein sollte303. Auch über die Richtung, in die diese Reformen gehen sollten, dürften sich der linksliberale Dewey und die neomarxistischen Vordenker der kritischen Theorie zumindest im Grundsatz einig gewesen sein. Was den Pragmatismus jedoch in den Augen der Frankfurter Schule als Mitstreiter im Ringen um eine kritische Gesellschaftstheorie diskreditieren musste, war der Umstand, dass er sich als Verbündeten für diesen Kampf ausgerechnet die experimentelle Methode der modernen Naturwissenschaft ausgesucht hatte. Für Horkheimer und Adorno war aus dieser Richtung kein Beistand zu erwarten. Der Geist der Naturwissenschaften war für sie nicht ein Mittel zur Befreiung des Menschen von den Fesseln unkritisierter Tradition und des Vorurteils, sondern ein wirkmächtiges Mittel zu dessen Knechtung: „Indem der Pragmatismus versucht, die Experimentalphysik zum Prototyp aller Wissenschaft zu machen und alle Sphären des geistigen Lebens nach den Techniken des Laboratoriums zu modeln, ist er das Pendant zum modernen Industrialismus, für den die Fabrik der Prototyp des menschlichen Daseins ist und der alle Kulturbereiche nach der Fließbandproduktion oder nach dem rationalisierten Bürobetrieb modelt.“304. 301 Kritisch zu Horkheimers Einschätzung des Pragmatismus auch Oehler (1994) S. XXXII f.; Suhr (2005) S. 184 ff. 302 Dazu auch Joas (1992) S. 96 ff. 303 Zu den Gemeinsamkeiten von Kritischer Theorie und Pragmatismus auch Brunkhorst (2001) S. 145 ff.; Kettner (1998) S. 48 Fn. 13. 304 Horkheimer (1990) S. 56; vgl. auch die Kritik am Bacon’schen experimentellen Erfahrungswissen in der „Dialektik der Aufklärung“ (Horkheimer/Adorno (1987) S. 26 ff. Ähn- 106 Ein differenzierteres Urteil zum Pragmatismus aus Sicht der Frankfurter Schule findet sich bei Ludwig Marcuse, der sich insbesondere mit Deweys Denken vertieft beschäftigt und auseinandergesetzt hat305. Marcuse sieht anders als Horkheimer im Pragmatismus nicht lediglich eine Nützlichkeitsphilosophie als weitere Spielart des Positivismus am Werk, und er erkennt auch das politische Emanzipationsinteresse, dass sich in Deweys Philosophie verbirgt. Doch auch Marcuse ist die innige Verbindung von Philosophie und naturwissenschaftlicher Methode im Pragmatismus suspekt und er hält Deweys Glauben an die Möglichkeit eines durch wissenschaftliche Methode und Erziehung vermittelten sozialen Fortschritts für naiv306. b) Die Rezeption des Pragmatismus bei Eduard Baumgarten Die Geschichte der Pragmatismus-Rezeption in Deutschland wäre unvollständig ohne die Berücksichtigung der Arbeiten von Eduard Baumgarten. Er hatte den zweiten Band seines Werks über „Die geistigen Grundlagen des amerikanischen Gemeinwesens“ aus dem Jahr 1938 ganz dem amerikanischen Pragmatismus, v.a. James und Dewey gewidmet. Baumgarten lässt dem Pragmatismus dabei in vieler Hinsicht mehr Gerechtigkeit widerfahren als dies dessen übrige kontinentaleuropäischen Rezipienten getan haben. Insbesondere erkennt Baumgarten, dass der Kern des pragmatistische Wahrheitsbegriff nicht in der Gleichsetzung von Wahrheit mit subjektiver Nützlichkeit sondern in der Betonung des Prozesses der Verifikation liegt307. In seiner Deweyinterpretation zeigt Baumgarten auch ein tiefgehendes Verständnis für die zentrale Rolle der Demokratie in Deweys Werk308. Umso bemerkenswerter ist, dass der überzeugte Nationalsozialist Baumgarten eine Wahlverwandschaft zwischen Pragmatismus und Nationalsozialismus herzustellen versucht. Baumgarten erkennt in der pragmatistischen Erkenntnistheorie mit ihrer Betonung des aktiven Handelns eine antiintellektualistische Philosophie der Tat, in dem bei Dewey herausgehobenen Gemeinschaftsbezug des Selbst sieht er sich an den altgermanischen Genossenschaftswillen erinnert309. Die pragmatistische Überzeugung, dass die Welt im Erkennen nicht bloß abgebildet sondern in erster Linie gestaltet wird, ist für ihn „germanischer Glaube überhaupt und altansässig im Blut und in der Sprache der Deutschen.“310. Baumgarten war dabei nicht der einzige, der im Pragmatismus eine dem Faschismus verwandte Geistesbewegung sah. Auch die Pragmatismusdeutungen von Arnold Gehlen und Georges Sorel tendierten dazu, im Pragmatismus eine liche Vorbehalte gegenüber dem instrumentalistischen Denken der Naturwissenschaften finden sich auch bei Habermas (1968) S. 48 ff. 305 Marcuse (1994) S. 121 ff. 306 Marcuse (1994) S. 150 ff. 307 Baumgarten (1938) S. 192 f. 308 Baumgarten (1938) S. 313 ff.; dazu auch Vogt (2002) S. 188 ff. 309 Baumgarten (1938) S. 328. 310 Baumgarten (1934) S. 102. 107 faschismusnahe „Ideologie der Tat“ (Joas) zu erkennen311. Dabei verkürzten diese Deutungen jedoch den Handlungsbegriff des Pragmatismus in entscheidender Weise. Für Dewey und die Pragmatisten war ja entscheidend, dass das Handeln angeleitet war von intelligenter Reflexion. Es geht ihm also gerade nicht um den heroischen Akt, wie er etwa bei Georges Sorel glorifiziert wird, und der nicht aus rationaler Überlegung sondern aus einem im Kern irrationalen Willensentschluss erwächst312. Zwar nahm der Pragmatismus ebenso wie Sorel und andere faschistische Vordenker die rationalistische Vernunftphilosophie ins Visier. Anders als jene verfolgte er jedoch nicht das Ziel, den mit der Aufklärung eingeleiteten Rationalisierungsprozess wieder rückgängig zu machen und zu einem mythischen Denken zurückzukehren. Im Gegenteil, dem Pragmatismus ging es darum, den mit der naturwissenschaftlichen Revolution der Renaissance begonnenen Aufklärungsprozess zu vollenden, indem die experimentelle Denkweise der Naturwissenschaften auch auf Philosophie und Sozialwissenschaften ausgedehnt wird. Diese Vollendung der Aufklärung war für die Pragmatisten dabei nur im Umfeld einer demokratisch verfassten Gesellschaft möglich. Dieser Zusammenhang wird von Sorel, Gehlen und anderen Autoren geflissentlich ausgeblendet. Eduard Baumgarten hat den intrinsischen Zusammenhang zwischen Pragmatismus und Demokratie zwar gesehen, er hat diesen Zusammenhang jedoch auf die spezifisch amerikanische Form der Demokratie beschränkt, die er vom europäischen Demokratieverständnis scharf unterschied, und die er höchst eigenwillig interpretierte: Baumgarten sah in der amerikanischen Demokratie eine Art von Pioniergeist und „Frontier“-Spirit geprägtem Kommunitarismus verkörpert, der dem liberalen Individualismus der europäischen Demokraten entgegen gesetzt war313, ohne auch die in der amerikanischen politischen Kultur stark ausgeprägten individualistischen Züge angemessen zu berücksichtigen. c) Pragmatismusrezeption bei Karl-Otto Apel und Jürgen Habermas Nach dem zweiten Weltkrieg fand eine Beschäftigung mit dem Pragmatismus – von vereinzelten Ausnahmen abgesehen – in Deutschland zunächst praktisch nicht statt. Das Pragmatismusbild wurde weiterhin vor allem durch die Studien Horkheimers aus den 30er Jahren geprägt. In den sechziger Jahren kam es dann aber bei Jürgen Habermas und Karl-Otto Apel zu einer intensiven Beschäftigung mit den Arbeiten 311 Dazu Joas (1992) S. 129 ff. sowie umfassen Vogt (2002). 312 Vgl. etwa Sorels Schrift „Über die Gewalt von Gewalt“ von 1908, dort S. 250 f. Aus ähnlichem Geiste heraus beschreibt auch Carl Schmitt das Wesen des heroischen Handelns: „Die Kraft zum Handeln und zu einem großen Heroismus, alle große geschichtliche Aktivität, liegt in der Fähigkeit zum Mythus. ... Aus der Tiefe echter Lebensinstinkte, nicht aus einem Räsonnement oder einer Zweckmäßigkeitserwägung, entspringen der große Enthusiasmus, die große moralische Dezision und der große Mythus.“, Schmitt (1988) S. 11. Zum Ganzen auch Vogt (2002) S. 103 ff. 313 Baumgarten (1934) S. XI ff.; dazu Vogt (2002) S. 189 ff., der von einer “antidemokratischen Heroisierung der Demokratie” bei Baumgarten spricht. 108 von Peirce. Habermas widmete Peirce 1968 ein ausführliches Kapitel in seiner Studie „Erkenntnis und Interesse“314, und verortet ihn dabei zunächst noch – ganz in der Tradition der Frankfurter Schule – als Positivisten315. In Peirces Gedanken einer wissenschaftlichen Kommunikationsgemeinschaft, deren Bemühungen auf lange Sicht zu wahren Ergebnissen führen würden, erkennt Habermas jedoch bereits einen Ansatz zur Überwindung eines lediglich instrumentellen hin zu einem kommunikativen Verständnis von Forschung und Handlung316. Peirces Modell der Forschergemeinschaft wird so bei ihm ebenso wie bei Karl-Otto Apel zum Vorbild für das Konzept einer idealen Kommunikationsgemeinschaft, die eine zentrale Rolle in Habermas’ und Apels Diskurstheorie spielt. Dass Habermas und Apel sich bei ihrer Pragmatismus-Rezeption auf Peirce beschränkten und nicht auch James und Dewey in ihre Forschungen miteinbezogen, war kein Zufall. Habermas und Apel ging es in der Diskurstheorie darum, die klassische Transzendentalphilosophie in ein transzendentalpragmatisches Modell kommunikativen Handelns zu überführen, in dem nicht mehr die Kategorien des transzendentalen Subjekts, sondern die unhintergehbaren Voraussetzungen menschlicher Verständigungspraxis das Fundament bilden, von dem aus sich dann epistemologische Wahrheits- und normative Geltungsansprüche ableiten lassen317. Habermas und Apel zielen – ganz in der Tradition der Aufklärung – noch auf Letztbegründungen ab, zumindest aber auf den Nachweis der Alternativlosigkeit ihres Ansatzes318. Für ein solches Projekt war Peirce als Gewährsmann geeigneter als James und Dewey, weil er zwar das repräsentationalistische Erkenntnismodell verabschiedet hatte, aber mit der regulativen Idee einer durch die Forschungsgemeinschaft auf lange Sicht hin erkennbaren objektiven Realität doch noch an der Möglichkeit einer transzendentalen Verankerung von Objektivität und Wahrheitskriterien festhielt. Der Pragmatismus von James und vor allem Dewey hingegen war darauf angelegt, die Transzendentalphilosophie zugunsten eines radikalen Empirismus ganz zu überwinden319, der auf Letztbegründungen und die „Suche nach Gewissheit“ ganz zu verzichten können meinte. Der Forschungsprozess ist bei ihnen nur noch ein kontinuierlicher evolutionärer Anpassungsvorgang an sich wandelnde natürliche und soziale Umweltbedingungen. Dass dieser Prozess über die konkrete erfolgreiche Umweltanpassung hinaus teleologisch auf ein Endziel hin zusteuern müsste, ist für Dewey und James im Gegensatz zu Peirce nicht mehr das Entscheidende320. 314 Habermas (1973) S. 116. 315 Vgl. auch den Vorwurf der szientistischen Verkürzung bei Apel (1973) S. 12 f.; 316 Habermas (1973) S. 175 ff. 317 Habermas spricht von dem „Moment der Unbedingtheit“, das in die faktischen Verständigungsprozesse eingebaut sei, Habermas (1985) S. 375. 318 Zur Zurückweisung des Letztbegründungsanspruchs durch Habermas vgl. ders. (1983) S. 104 ff. 319 Joas (1992) S. 139. 320 Vgl. dazu oben S. 64 f. 109 3. Die Wiederentdeckung des Pragmatismus Nachdem der Pragmatismus etwa um die Mitte des 20. Jahrhunderts zunächst fast vollständig aus den Philosophy-Departments der amerikanischen Universitäten verschwunden war, die nun fest in der Hand von Vertretern der analytischen Philosophie waren, wurde er ab Mitte der 70er Jahre langsam wieder neu entdeckt. Dieses „Revival of Pragmatism“321 wurde vor allem ermöglicht durch die Krise, in die nun ihrerseits auch die analytische Philosophie geraten war, als immer deutlicher wurde, dass ihre wissenschaftstheoretischen Grundlagen fragwürdig waren322. Dies führte zu der Einsicht, dass das Unterfangen der sprachanalytischen Philosophie, die klassischen Probleme der Philosophie nicht mehr unter Bezug auf Kategorien wie Erfahrung oder Bewusstsein zu untersuchen, sondern sie als Probleme des richtigen philosophischen Sprachgebrauches zu rekonstruieren323, diese Probleme nicht lösen konnte, sondern sie allenfalls auf eine andere Ebene verschob. Philosophen wie Richard Rorty und Hilary Putnam, deren Denken sich zunächst unter dem Einfluss der analytischen Philosophie entwickelt hatte, begannen darauf hin, sich wieder dem Pragmatismus zuzuwenden. a) Richard Rortys Anleihen bei John Dewey Richard Rorty ist dabei wahrscheinlich derjenige, der am meisten für die Wiederentdeckung der pragmatistischen Philosophie getan hat. In „Der Spiegel der Natur“ nennt er Dewey, Heidegger und Wittgenstein die drei bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts324. Deweys Verdienst sieht Rorty vor allem darin, dass er radikal mit den repräsentationalistischen Auffassungen der Erkenntnistheorie gebrochen hat, und der Philosophie nicht mehr eine Sonderstellung als Fundamentalwissenschaft zuerkennt, die über ein privilegiertes Wissen bzgl. der Möglichkeiten und Bedingungen von Erkenntnis gebietet325. Rortys Dewey-Rezeption beschränkt sich jedoch weitgehend auf diesen kritischen Teil von dessen Philosophie. Deweys Ver- 321 So der Titel einer von Morris Dickstein herausgegebenen repräsentativen Aufsatzsammlung, die sich mit neopragmatistischen Entwicklungen in Philosophie, Recht und Kultur beschäftigt. 322 Entscheidende Schritte in dieser Entwicklung waren neben W.V. Quines bereits 1951 erschienenem Aufsatz „Two Dogmas of Empiricism“ v.a. Wilfrid Sellars „Empiricism and the Philosophy of Mind“ von 1956 und Thomas Kuhns „The Structure of Scientific Revolutions“ von 1962. Während Quine die für die analytische Philosophie zentrale Unterscheidung zwischen analytischen und synthetischen Urteilen kritisierte, und Sellars die Differenzierung zwischen dem empirisch Gegebenen und dem begrifflich Gedachten in Frage stellte, legte Kuhn die historische Bedingtheit und damit Kontingenz des wissenschaftlichen Weltbildes offen. Zu Quine und Sellars vgl. auch Sandbothe (2000) S. 109 ff. 323 Rorty (1981) S. 284. 324 Rorty (1981) S. 15. 325 Rorty (1981) S. 15 f.

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References

Zusammenfassung

Der klassische Pragmatismus steht für einen amerikanischen Sonderweg in die philosophische Moderne. Auch die Entwicklung des amerikanischen Rechtsdenkens wurde durch den Pragmatismus von C.S. Peirce und John Dewey bis heute maßgeblich geprägt. Strömungen wie der "Legal Realism" oder die "Economic Analysis of Law" wären ohne das gedankliche Fundament der pragmatistischen Philosophie nicht denkbar.

Das Buch zeichnet den Einfluss des Pragmatismus auf die amerikanische Rechtstheorie über einen Zeitraum von 150 Jahren von Oliver Wendell Holmes" "The Common Law" bis zum modernen "Legal Pragmatism" eines Richard Posner nach. Der Verfasser veranschaulicht zudem den engen Zusammenhang, der zwischen der pragmatistischen Rechtstheorie und einem deliberativen Demokratieverständnis besteht. Für die Frage, wie das Spannungsverhältnis zwischen dem Willen des demokratischen Gesetzgebers und der Autonomie des Rechtssystems aufzulösen ist, kann der Pragmatismus neue Perspektiven liefern. Deshalb ist es lohnend, sich auch auf dem alten Kontinent mit ihm auseinanderzusetzen.