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Peter Kasiske, Die Entwicklung des Pragmatismus in den USA in:

Peter Kasiske

Rechts- und Demokratietheorie im amerikanischen Pragmatismus, page 98 - 103

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4153-6, ISBN online: 978-3-8452-1330-9 https://doi.org/10.5771/9783845213309

Series: Studien zur Rechtsphilosophie und Rechtstheorie, vol. 52

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98 VI. Die Stellung des Pragmatismus in der modernen Philosophie Einer zugegebenermaßen groben Einteilung nach lässt sich die Philosophiegeschichte in drei Epochen unterteilen, die man anhand ihrer Methode als Metaphysik, Erkenntnistheorie und Sprachphilosophie, und anhand ihres hauptsächlichen Gegenstandes als Sein, Bewusstsein und Sprache bezeichnen könnte277. Legt man diese Einteilung zu Grunde, hat es zunächst den Anschein, als sei der Pragmatismus nur eine ideengeschichtliche Episode geblieben, ein Irrläufer am Übergang vom erkenntnistheoretischen zum sprachphilosophischen Paradigma. Der klassische Pragmatismus hatte sich auf die Fahnen geschrieben, die klassische Erkenntnistheorie zu überwinden und statt Bewusstsein und Repräsentation nunmehr Handlung und Erfahrung zu den zentralen philosophischen Kategorien zu erklären. Während der Pragmatismus dabei in den USA zunächst einen spektakulären Siegeszug erlebte, der Ende des 19. Jahrhunderts begann und ihn dort dann zur dominierenden philosophischen Denkschule in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts machte, wurde er außerhalb der Vereinigten Staaten lange Zeit praktisch überhaupt nicht rezipiert. Um die Mitte des 20. Jahrhunderts wurde der Pragmatismus dann auch an den amerikanischen Universitäten zunächst durch die analytische Philosophie verdrängt. Nicht der Pragmatismus, sondern der „linguistic turn“ hatte die klassische Erkenntnistheorie ersetzt. Statt Handlung und Erfahrung war nunmehr die Sprache der hauptsächliche Gegenstand philosophischen Nachdenkens. Im letzten Viertel des vergangenen Jahrhunderts kam es dann aber zu einer Wiederentdeckung des Pragmatismus. Philosophen wie Richard Rorty und Hilary Putnam bemühten sich darum, die Kritik am Repräsentationalismus und die Praxisorientierung der pragmatistischen Klassiker erneut für aktuelle Fragen, insbesondere auch der Sozialphilosophie, fruchtbar zu machen. Außerdem war auch in der sprachanalytischen Philosophie eine Art „pragmatistischer Wende“ zu beobachten, die sich in einem Wechsel von eher semantischen hin zu Fragen nach den Regeln des praktischen Gebrauchs von Sprache manifestierte. Pragmatistische Ideen fanden über die Peirce-Rezeption von Karl-Otto-Apel au- ßerdem auch Eingang in die Diskurstheorie von Jürgen Habermas, womit der Pragmatismus erstmals auch einen maßgeblichen Einfluss auf das philosophische Denken diesseits des Atlantiks ausübte. 1. Die Entwicklung des Pragmatismus in den USA In den Vereinigten Staaten kam der Pragmatismus vor allem durch William James und John Dewey in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu großer Verbreitung und Popularität. Diesem steilen Aufstieg folgte dann aber spätestens seit Ende des zweiten Weltkriegs ein rascher Niedergang, der dazu führte, dass der Pragmatismus 277 Vgl. z.B. Habermas (1992) S. 20 f. 99 weitgehend aus den Hörsälen der amerikanischen Philosophy-Departments verschwand. a) Der Aufstieg des Pragmatismus bei William James und John Dewey Der eigentliche Begründer des Pragmatismus, Charles Saunders Peirce, blieb Zeit seines Lebens ein akademischer Außenseiter. Nie auf einen regulären Lehrstuhl berufen blieb sein Wirkungskreis zunächst auf Harvard und den Metaphysical Club beschränkt. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde der Pragmatismus erst durch F.C.S. Schiller und William James bekannt. Vor allem die Veröffentlichung von James’ an der University of California in Berkeley gehaltenen Vorlesungen zum Pragmatismus im Jahr 1898 machte die neue Denkrichtung in ganz Nordamerika populär. Dazu dürfte vor allem beigetragen haben, dass James sich in diesem Band, anders als Peirce, nicht auf wissenschaftstheoretische Fragestellungen beschränkt, sondern durch das pragmatistische Denken gerade auch Probleme von Moral und Religion in ein neues Licht zu rücken versucht. Dass James bisweilen polemischer Stil für den Leser um einiges zugänglicher war als die akademische, um gedankliche Subtilität bemühte, Schreibweise von Peirce, trug wohl ebenfalls zum Erfolg des Werkes und seiner ungewöhnlich großen Breitenwirkung bei. James’ Arbeiten waren es auch, die die Entwicklung des Denkens von John Dewey maßgeblich beeinflussten. Zwar hatte Dewey während seiner Zeit an der Johns Hopkins University auch bei Peirce Vorlesungen über mathematische Logik gehört, doch es waren vor allem William James Arbeiten zur Psychologie, die Deweys Denken in pragmatistische Bahnen lenkten, indem sie ihm die Möglichkeit eines in Biologie und Evolutionstheorie verwurzelten Verständnisses des menschlichen Geistes aufzeigten, das nicht mehr der dualistischen Trennung zwischen Geist und Körper verhaftet blieb, sondern eine naturalistische Auffassung ermöglichte, die Bewusstsein lediglich als eine bestimmte Funktion menschlichen Handelns deutete278. Als Professor in Chicago und später an der Columbia University in New York war Dewey bestrebt, den Pragmatismus zum Ausgangspunkt einer umfassenden Erneuerung der Philosophie zu machen. Dabei gelang es ihm mit großem Erfolg, die politische und Sozialphilosophie für pragmatistische Gedanken zu erschließen. Dazu trug auch bei, dass Dewey sein Wirken nicht auf fachphilosophische Kreise beschränkte, sondern sich auch aktiv durch eine Vielzahl von Beiträgen an der Diskussion tagespolitischer Fragen beteiligte. Sein Engagement für Demokratie und soziale Gerechtigkeit machten ihn dabei zu einem der führenden Vertreter des linksliberalen Progressive Movement, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts politische und soziale 278 Dewey betont in einer autobiographischen Skizze selbst den Einfluss von James auf sein Denken, LW 5.157 f. James’ „Priciples of Psychology“ von 1890 beeinflusste vor allem Deweys wichtigen Aufsatz „The Reflex Arc Concept in Psychology“ von 1896, EW 5.96 ff. Vgl. zum Einfluss von James auf Dewey auch Westbrook (1991) S. 66 ff; Rockefeller (1991) S. 198 f. 100 Reformen einforderte279. In den 20er und 30er Jahren schließlich genoss Dewey in den Vereinigten Staaten ein Renommee und eine Bekanntheit als Intellektueller, wie sie vielleicht nur noch mit der Popularität von Jean-Paul Sartre im Europa der Nachkriegszeit verglichen werden kann. Zu dieser Zeit war der Pragmatismus die vorherrschende Denkrichtung in den Philosophy-Departments der US-Universitäten. Darüber hinaus übte er aber auch eine große Anziehungskraft auf die noch jungen sozialwissenschaftlichen Fakultäten aus. Deweys Vision einer intelligent gesteuerten Gesellschaft, die sich gezielt wissenschaftlicher Methoden bedient, um den sozialen Fortschritt des demokratischen Gemeinwesens zu befördern, schmeichelte den Sozialwissenschaftlern, indem sie die Möglichkeiten eines „social engineering“ und damit Bedeutung von deren Profession hervorhob. Für Soziologen und Ökonomen, die um eine philosophische Fundierung ihrer noch jungen Disziplinen als empirische Sozialwissenschaften bemüht waren, übte der Pragmatismus Deweys eine große Anziehungskraft aus, weil er die Möglichkeit eines den Anforderungen wissenschaftlicher Rationalität genügenden philosophischen Zugangs zu sozialen und politischen Fragestellungen propagierte. Auf Deweys Einfluss auf die Bewegung des Legal Realism wird später noch einzugehen sein280. Eine große Wirkung entfaltete Dewey in den Erziehungswissenschaften, einem Gebiet, dem von jeher sein besonderes Interesse galt und dem er mit „Democray and Education“ eines seiner Hauptwerke widmete281. b) Das vorläufige Verschwinden des Pragmatismus nach 1945 Angesichts der großen Popularität Deweys und der Dominanz des Pragmatismus im intellektuellen Leben der Vereinigten Staaten zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ist sein rascher Niedergang umso erstaunlicher. Bereits zum Zeitpunkt von Deweys Tod im Jahr 1952 spielte der Pragmatismus praktisch keine Rolle mehr an den Universitäten der USA, wo zwischenzeitlich die analytische Philosophie ihren Siegeszug angetreten hatte. Eine Entwicklung, die vor allem durch die Emigration führender Vertreter des logischen Positivismus aus Europa beschleunigt worden war. Auf der Flucht vor Krieg und nationalsozialistischer Verfolgung waren Philosophen aus dem Umfeld des Wiener Kreises wie Rudolph Carnap, Hans Reichenbach oder Carl Gustav Hempel in die Vereinigten Staaten emigriert und fanden an den dortigen Universitäten neue Wirkungsstätten282. Binnen weniger Jahre gelang es dann der analytischen Philosophie, den Pragmatismus als führende philosophische Denkrichtung abzulösen. Wie konnte das geschehen? Pragmatisten und Logische Positivisten verband zunächst dasselbe Ziel, nämlich die Philosophie auf das sichere 279 Vgl. zu Deweys politischem Engagement v.a. Westbrook (1991), Kloppenberg (1986) S. 349 ff. Zu Deweys Rolle innerhalb des Progressivismus siehe auch unten S. 126 ff. 280 Dazu unten S. 259 f. 281 Dazu Bohnsack (2005) S. 61 ff., 123 ff.; Johnston (2006) S. 192 ff. 282 Dazu Kuklick (2001) S. 232 ff.; West (1989) S. 182 ff. 101 Fundament einer wissenschaftlichen Methode zu stellen. Doch während sich der Pragmatismus hierfür an den experimentellen Methoden der empirischen Naturwissenschaften orientierte, sahen die logischen Positivisten Wissenschaftlichkeit vor allem in Mathematik und Logik verkörpert. Ihr Interesse richtete sich daher auch weniger auf den Prozess der Erfahrung, sondern auf die logischen Strukturen, die ihrer Auffassung nach der Welt zugrunde lagen. Im Gegensatz zum Pragmatismus hielt der logische Positivismus an einer repräsentationalistischen Auffassung von Erkenntnis fest283. Allerdings war das Medium, das die Abbildung bewerkstelligte, nun nicht mehr, wie im klassischen Empirismus, das Bewusstsein, sondern die Sprache. Die logischen Positivisten kritisierten ebenso wie die Pragmatisten die klassische Metaphysik. Doch während jene ihr ein falsches, nämlich repräsentationalistisches, Verständnis von Erkenntnis und Erfahrung vorhielten, warfen die logischen Positivisten ihr einen fehlerhaften Sprachgebrauch vor. Nach ihrer Auffassung handelte es sich bei den meisten Problemen der Metaphysik um bloße Scheinprobleme, die dadurch beseitigt werden konnten, dass man die sprachlichen Unklarheiten vermied, auf denen sie beruhten. Dementsprechend sah der logische Positivismus die Hauptaufgabe der Philosophie in der Sprachkritik. Sein Ziel war es, die philosophische Fachsprache so zu gestalten, dass sie die logische Struktur der Welt exakt abbildete, so dass metaphysische Scheinprobleme gar nicht erst entstehen konnten. Entsprechend formalistisch und technisch war die Art und Weise, wie die logischen Positivisten ihre Philosophie betrieben. Formale Logik und Linguistik spielten eine zentrale Rolle und förderten eine Professionalisierung und Abschottung des Philosophiebetriebes gegenüber anderen, insbesondere sozialwissenschaftlichen Disziplinen. Dieser Rückzug der Philosophie in ihr eigenes akademisches Schneckenhaus, in dem sie sich nur noch mit sich selbst beschäftigte, war genau das Gegenteil dessen, was sich Dewey unter der Rolle der Philosophie vorgestellt hatte, nämlich ein Instrument zur Rationalisierung und Reform sozialer und politischer Institutionen284. Die Anziehungskraft von analytischer Philosophie und logischem Positivismus, und damit letztlich der Grund, weshalb sie den Pragmatismus zunächst so vollständig verdrängen konnten, beruhte wohl darauf, dass sie einerseits ein modernes Ideal wissenschaftlicher Rationalität postulierten, andererseits aber auch den Anspruch erhoben, der Philosophie dennoch ein – wenn auch schmales - unerschütterliches Fundament an apriorischen Gewissheiten verschaffen zu können. Auch die analytische Philosophie befand sich noch auf jener „Suche nach Gewissheit“, die für Dewey der klassische Irrweg des philosophischen Denkens war und der nur verlassen werden konnte, wenn der Anspruch auf apriorisches Wissen fallen gelassen wurde. Dessen Anziehungskraft war jedoch jedenfalls um die Mitte des vorigen Jahrhunderts noch groß genug, um die Mehrheit der akademischen Philosophen in den Vereinigten Staaten auf die Seite der analytischen Philosophie zu ziehen. 283 Dies wird besonders deutlich an der v.a. von G.E. Moore und Bertrand Russell vertretenen Theorie der Sinnesdaten, vgl. z.B. Russell (1973) S. 13 ff. 284 Vgl. Dewey MW 12.94 (RiP); LW 4.249 f. (QfC). 102 Vor allem dürfte zum Verschwinden des Pragmatismus aber auch der im Zuge der großen Depression und des zweiten Weltkrieges eingetretene Wandel im politischen Klima der Vereinigten Staaten beigetragen haben. Der philosophische Pragmatismus war geradezu amalgamiert mit jenem progressivistischen Liberalismus285, der bis zum ersten Weltkrieg eine der wichtigsten politischen Strömungen in den Vereinigten Staaten bildete und für den der Pragmatismus einen theoretischen Überbau lieferte286. Die Erfahrungen der großen Depression und der beiden Weltkriege diskreditierten jedoch den Optimismus und Fortschrittsglauben, der dem Progressivism zugrunde lag. Auch machte die anfängliche Zuversicht hinsichtlich der Möglichkeiten eines durch die modernen Sozialwissenschaften angeleiteten „social engineering“ einer skeptischeren Haltung Platz, nachdem sich dessen reale Erkenntnisund Steuerungsmöglichkeiten als allzu begrenzt erwiesen hatten. Zusammen mit dem Progressivismus gerieten auch der Pragmatismus und sein wichtigster Vordenker, John Dewey, in die Kritik. Deweys Fortschritts- und Wissenschaftsoptimismus geriet in den Ruf naiv zu sein, seine Verbindung mit konkretem politischem Engagement galt vielen bald schon als unwissenschaftlich. In der Öffentlichkeit genoss Dewey zwar weiterhin höchstes Ansehen als „Americas Philosopher“287, doch an den Universitäten galten seine Ansichten zunehmend als antiquiert und gegenüber dem strengen logischen Formalismus der analytischen Philosophie als wissenschaftlich minderwertig. Und denjenigen, die an einer politisch relevanten Philosophie interessiert waren, waren Deweys auf bedächtige Reform statt Revolution abzielende Gedanken oft nicht radikal genug, weshalb sie sich stattdessen etwa dem Existenzialismus Sartres oder der Frankfurter Schule zuwandten. Der zweite Weltkrieg und der kalte Krieg danach produzierten zudem ein gesellschaftliches und politisches Klima, das wieder mehr an absoluten Prinzipien und Werten, die der kommunistischen Ideologie entgegengesetzt werden konnten, als an den komplexen und falliblen pluralistischen Diskussionsprozessen eines demokratischen Experimentalismus interessiert war288. Dass Dewey es außerdem nicht wirklich verstanden hatte, so etwas wie eine pragmatistische Schule zu begründen und entsprechend ausgerichtete Institutionen im amerikanischen Universitätsbetrieb zu etablieren, die seine Ansichten auch nach 285 Wobei Liberalismus hier in dem Sinne verstanden wird, wie dieser Begriff in den Vereinigten Staaten gebraucht wird. Nämlich als eine politische Bewegung, deren inhaltliche Ziele – Beschränkung der Macht der großen Industriekonzerne, Ausbau des Wohlfahrtstaates, weitgehender Pazifismus - man in Europa eher als klassisch sozialdemokratisch bezeichnen würde. 286 Kuklick (2001) S. 197. Vgl. dazu auch die umfassende Studie von Kloppenberg „Uncertain Victory“ von 1986 über die Verbindung pragmatischen Denkens mit sozialdemokratischer Politik im „progressive movement“, sowie die ähnlich gelagerte Studie von Ryan (1995). Kritisch zur Rolle Deweys im Progressivism hingegen Vogt (2002) S. 99. 287 Zu Deweys Rolle als öffentlicher Intellektueller vgl. auch Ryan (1995) S. 19 ff. sowie unten S. 132 ff. 288 Hoy (1998) S. 4 f.; Menand (2001) S. 439 ff. Insoweit ist es vielleicht kein Zufall, dass die Beschäftigung mit dem Pragmatismus seit dem Ende des kalten Krieges wieder deutlich zunahm. 103 seinem Ausscheiden aus dem Universitätsbetrieb weiter verbreiten und fortentwickeln konnten, dürfte darüber hinaus die rasche Verdrängung seiner Ansichten aus der universitären Philosophie gefördert haben289. Hinzu kam, dass seine Art des Philosophierens sich nicht wirklich als Gegenstand der akademischem Ausbildung zukünftiger professioneller Philosophen eignete, weil sie – anders als die analytische Philosophie – zu untechnisch war und kaum Ansätze bot, die so etwas wie eine objektive Leistungsbewertung durch die Lehrenden zuliessen290. 2. Die Pragmatismus-Rezeption in Deutschland und Europa In Deutschland und Europa wurde der Pragmatismus zunächst vor allem als eine neue Form von Wahrheitstheorie wahrgenommen. Es waren vor allem die Arbeiten von James, die in Europa gelesen wurden, wohingegen Peirce offenbar kaum zur Kenntnis genommen wurde. Vor allem James pointierte Ausführungen zum Wahrheitsbegriff in „Der Pragmatismus“ (bereits ein Jahr nach seinem Erscheinen in den Vereinigten Staaten ins Deutsche übersetzt) führten dazu, dass der Pragmatismus in Europa zunächst als eine platte Nützlichkeitsphilosophie rezipiert wurde, nach der man alles für wahr halten durfte, was gerade als nützlich erschien. Was die nichtrepräsentationalistische Erkenntnistheorie, die dem Pragmatismus zugrunde lag, anging, so fand eine tiefere Auseinandersetzung mit ihr regelmäßig gar nicht erst statt, sondern sie wurde umstandslos mit aller Schärfe zurückgewiesen, wobei die Kritiker selbstgewiss auf dem Boden genau jener Bewusstseinsphilosophie argumentierten, deren dualistische Grundpositionen der Pragmatismus gerade überwinden wollte291. a) Die Rezeption des Pragmatismus bei Max Scheler und der kritischen Theorie Mit Max Schelers „Erkenntnis und Arbeit“ erschien dann 1926 ein Werk, das die deutsche Sicht auf den Pragmatismus für längere Zeit prägen sollte. Scheler verkürzte den Pragmatismus zwar nicht auf eine Nützlichkeitstheorie der Wahrheit, und er hielt auch das pragmatistische Bestreben für berechtigt, die dualistische Bewusstseinsphilosophie zu überwinden, er warf dem Pragmatismus jedoch vor, ein einseitig instrumentalistisches Verständnis von Wissen zu propagieren: er sei ein „Versuch, alles Wissen bewusst und einseitig auf Arbeitswissen zurückzuführen“292. Damit verabsolutiere der Pragmatismus ein instrumentelles „Arbeitswissen“ zugunsten von „Bildungs- und Erlösungswissen“, die allein für Scheler „wirkliche Philosophie und 289 Dazu Kuklick (2001) S. 225 f. 290 Ryan (1995) S. 351. 291 Instruktiv zur Pragmatismusrezeption in Deutschland Joas (1992) S. 114 ff.; Oehler (1994) S. XXVII ff. 292 Scheler (1960) S. 211.

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Zusammenfassung

Der klassische Pragmatismus steht für einen amerikanischen Sonderweg in die philosophische Moderne. Auch die Entwicklung des amerikanischen Rechtsdenkens wurde durch den Pragmatismus von C.S. Peirce und John Dewey bis heute maßgeblich geprägt. Strömungen wie der "Legal Realism" oder die "Economic Analysis of Law" wären ohne das gedankliche Fundament der pragmatistischen Philosophie nicht denkbar.

Das Buch zeichnet den Einfluss des Pragmatismus auf die amerikanische Rechtstheorie über einen Zeitraum von 150 Jahren von Oliver Wendell Holmes" "The Common Law" bis zum modernen "Legal Pragmatism" eines Richard Posner nach. Der Verfasser veranschaulicht zudem den engen Zusammenhang, der zwischen der pragmatistischen Rechtstheorie und einem deliberativen Demokratieverständnis besteht. Für die Frage, wie das Spannungsverhältnis zwischen dem Willen des demokratischen Gesetzgebers und der Autonomie des Rechtssystems aufzulösen ist, kann der Pragmatismus neue Perspektiven liefern. Deshalb ist es lohnend, sich auch auf dem alten Kontinent mit ihm auseinanderzusetzen.