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Peter Kasiske, Probleme des moralischen Prozeduralismus in:

Peter Kasiske

Rechts- und Demokratietheorie im amerikanischen Pragmatismus, page 91 - 98

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4153-6, ISBN online: 978-3-8452-1330-9 https://doi.org/10.5771/9783845213309

Series: Studien zur Rechtsphilosophie und Rechtstheorie, vol. 52

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91 6. Probleme des moralischen Prozeduralismus Der Einwand, die pragmatistische Ethik sei relativistisch und vermöge deshalb die Möglichkeit einer wissenschaftlich objektiven Behandlung moralischer Fragen nicht zu verbürgen, erwies sich somit als nicht durchschlagend. Der moralische Prozeduralismus begegnet jedoch noch vier anderen triftigen Einwänden. Deren erster lautet, dass Deweys Ethik Probleme hat, Kriterien für die richtige Durchführung der moralischen Deliberation anzugeben. Fraglich ist außerdem, ob der pragmatistische Prozeduralismus auch dort weiter hilft, wo es an einem gemeinsamen kulturellen Kontext der Beteiligten fehlt oder wo existenzielle Entscheidungen getroffen werden müssen. Darüber hinaus lässt sich fragen, ob der Prozeduralismus der pragmatistischen Ethik nicht so strukturiert ist, dass er zahlreiche Möglichkeiten ethischer Argumentation von vornherein ausschließt. Der vierte Einwand schließlich betrifft die grundlegende Prämisse der pragmatistischen Moralphilosophie, dass die Behandlung moralischer Probleme nur einen Sonderfall des allgemeinen Forschungsprozesses darstellt. a) Das Kriterienproblem Die entscheidende Frage für einen moralischen Prozeduralismus lautet, welchen Anforderungen die moralische Reflexion genügen muss, damit ihre Resultate den Status einer “warranted assertibility” für sich beanspruchen können. Der Ablauf der moralischen Reflexion entspricht in seiner Abfolge von Situationserfassung, Bestimmung der möglichen Handlungsalternativen, Erfassung und schließlich Abwägung der Handlungskonsequenzen dem allgemeinen Forschungsprozess259. Gerade beim letzten Punkt zeigen sich jedoch die Schwächen von Deweys prozeduralistischer Ethik. Die Abwägung und Bewertung der Konsequenzen wird nämlich oftmals der schwierigste Punkt im Verfahren der moralischen Urteilsbildung sein, weil hier unterschiedliche Wertvorstellungen und Standards der Beteiligten aufeinanderprallen. Umso wichtiger wäre es, näher zu konkretisieren, welchen Anforderungen dieser Abwägungsprozess genügen muss. Deweys Angaben hierzu bleiben jedoch in Anbetracht der zentralen Rolle, die das Verfahren der moralischen Urteilsbildung in seiner Ethik einnimmt, leider eher knapp. Am aufschlussreichsten sind noch Deweys Ausführungen zum Wesen moralischer Deliberation in “Theory of the Moral Life”. Danach besteht sie im wesentlichen aus dem gedanklichen Durchspielen der verschiedenen Handlungsalternativen260. So sollen im Wege des Gedankenexperiments die möglichen Konsequenzen der Handlungsoptionen umfassend ermittelt werden. Weitgehend offen bleibt bei Dewey aber die entscheidende Frage, nach welchen 259 Vgl. die Ausführungen Deweys zur Natur der Sozialforschung, LW 12.492 ff. (Log). 260 “Deliberation is actually an imaginative rehearsal of various courses of conduct.”, Dewey LW 7.275 (TML). 92 Kriterien diese Konsequenzen dann beurteilt werden sollen. Diese Lücke ist indes durchaus folgerichtig, wenn man berücksichtigt, dass die moralische Deliberation nur ein Sonderfall des allgemeinen Forschungsprozesses ist. Denn dieser entwickelt seine Kriterien ja auch im Verlaufe des wissenschaftlichen Fortschritts aus sich selbst heraus261. Ebenso wird auch die moralische "inquiry" als ein sich selbst steuernder, selbstlernender Vorgang gedacht. Allerdings misst Dewey bei der moralischen Deliberation einer Methode besondere Bedeutung bei, die in der allgemeinen wissenschaftlichen Forschung kaum eine Rolle spielt: Die Akteure sollen in moralischen Diskursen stets versuchen, sich in die Lage der anderen Beteiligten hineinzuversetzen und die Situation aus deren Perspektive betrachten. Doch auch wenn Dewey dieses Einfühlen in andere Beteiligte als den “sichersten Weg zur Erlangung moralischer Objektivität” bezeichnet262, beschreibt es doch nur eine bestimmte Art und Weise der Argumentation unter vielen anderen, die nach Dewey in die moralische Reflexion Eingang finden können. Ein inhaltliches Kriterium ist daraus nicht abzuleiten. Der Vorwurf der inhaltsleeren Formalität, den Dewey gegen Kants kategorischen Imperativ gerichtet hat, lässt sich somit auch gegen seine eigene Moraltheorie erheben. Deweys Theorie, dass der Forschungsprozess seine Kriterien und Standards selbst hervorbringt, gemahnt zunächst etwas an den Baron Münchhausen, der sich am eigenen Schopfe aus dem Sumpf zieht. Dewey meint jedoch nicht, dass eine moralische Deliberation ganz automatisch die Kriterien hervorbringt, die gerade für die Rechtfertigung im konkreten Entscheidungsfall entscheidend sind. Vielmehr meint Dewey, dass sich im historischen Verlauf aller Forschungsprozesse sozusagen als Nebenprodukt Kriterien ergeben können, die dann für künftige Forschungen relevant werden können263. Trotzdem bleibt Deweys Position, die für die Kriterien und Standards naturwissenschaftlicher Forschung eine gewisse Plausibilität besitzt (vor allem weil hier durch die ständige Möglichkeit des Experimentierens und Bewährens an den Fakten einer äußeren Realität ein Korrektiv bereit steht, dass tatsächlich eine Selbststeuerung des Forschungsprozesses nahe legt), im Hinblick auf die Frage nach den Kriterien moralischer Rechtfertigung unbefriedigend. Besonders vermisst man in Deweys Ausführungen zur moralischen Deliberation Angaben zu den “Spielregeln”, an die sich die Teilnehmer dabei halten müssen. Denn auch wenn das Ergebnis des moralischen Urteilsverfahrens nicht durch apriorische Prinzipien von vornherein festgelegt ist, so muss doch das Verfahren selbst durch gewisse Regeln eindeutig festgelegt werden. An diesem Punkt ist beispielsweise die Diskursethik von Jürgen Habermas wesentlich ergiebiger264. Hilary Putnam hat zu Recht darauf hingewiesen, dass eine “intelligent inquiry” im Dewey’schen bzw. pragmatistischen Sinne möglichst den Anforderungen an einen herrschaftsfreien Diskurs im Sinne von Habermas genügen 261 Vgl. dazu oben S. 57. 262 Dewey LW 7.270 f. (TML) 263 Dewey LW 12.13 (Log). 264 Vgl. etwa Habermas (1983) S. 97 ff.; Alexy (1978) S. 234 ff. 93 muss265. Das heisst, moralische Deliberation setzt u.a. voraus, dass sich die Teilnehmer als gleichberechtigt anerkennen, dass sie sich gegenseitig zuhören, den Diskurs nicht manipulieren usw. Deweys Prozeduralismus bedarf also sozusagen noch der diskursethischen Ergänzung um die Verfahrensspielregeln der moralischen Deliberation. b) Grenzen des moralischen Prozeduralismus Der moralische Prozeduralismus Deweys wird dort an seine Grenze stoßen, wo ein moralisches Problem auftaucht, das mehrere Beteiligte betrifft, die unterschiedlichen kulturellen Kontexten entstammen. Da die pragmatistische Ethik keine universalisierbaren inhaltlichen ethischen Kriterien bereit hält, wird sie in diesen Fällen nicht ausschließen können, dass die Überschneidungen der jeweiligen Kontexte so gering sind, dass keine ausreichende gemeinsame Grundlage an geteilten Werten und Kriterien vorhanden ist, um die moralische Deliberation zu einem Ergebnis zu bringen, das aus Sicht aller Beteiligten den Status der „warranted assertibility“ für sich beanspruchen kann266. Wenig hilfreich ist der moralische Prozeduralismus auch dort, wo es um Entscheidungen von existentieller Bedeutung geht. Dewey betont ja völlig zu Recht, dass wir mit jeder moralischen Entscheidung gleichzeitig eine Entscheidung darüber treffen, wer wir sind. Doch dazu müssen wir bereits wissen, wer wir sein wollen. Die Antwort auf diese existentielle Frage kann aber ein prozeduraler Ansatz nicht liefern, er setzt sie vielmehr bereits voraus. Putnam erläutert diese Schwachstelle von Deweys Prozeduralismus anhand des bekannten Beispiel Sartres von einem Mann, der sich zwischen den Alternativen entscheiden muss, entweder Résistance-Kämpfer zu werden oder seine gebrechliche Mutter zu pflegen267. Das Risiko, es mit einem derart prozeduralistisch nicht entscheidbaren Problem zu tun zu haben, besteht freilich zu Beginn jeder moralischen Deliberation, nur ist es umso größer, je unterschiedlicher die Kontexte sind, denen die Beteiligten entstammen. Unterschiedliche Kontexte sind aber kein Grund, gar nicht erst in eine moralische Deliberation einzutreten. Sie bieten sogar eine Chance, dass der Lernprozess und die Weiterentwicklung des moralischen Selbst, die für Dewey in jeder moralischen Untersuchung mit enthalten sind, besonders ergiebig ausfällt, weil hier eine besonders große Vielfalt verschiedener Argumente zu erwarten ist268. 265 Putnam (2002) S. 104 f. 266 Ähnlich auch Habermas (2002) S. 301 f., der die Frage stellt, ob eine pragmatistische Wertethik überhaupt mit dem Gedanken der Universalität von Menschenrechten und Demokratie vereinbar ist. Dazu, dass universelle Normen im Pragmatismus nicht in der Ethik sondern in der Struktur eines durch intelligente Forschung angeleiteten Handelns verortet werden können, siehe unten S. 187 ff. 267 Putnam (1997) S. 239 ff.; Westbrook (2000) S. 356. 268 Vgl. auch Joas (2002) 94 c) Grenzen der Umformulierung von Werten und Prinzipien in Hypothesen Deweys moralischer Prozeduralismus geht davon aus, dass der ethische Wert einer Handlung dadurch bestimmt wird, dass sie aus einem Verfahren reflexiver moralischer Deliberation hervorgegangen ist. Dieser Prozeduralismus kann inhaltliche ethischen Positionen, Prinzipien und Werte aus sich heraus nicht begründen. Dewey geht stattdessen davon aus, dass wir in einer moralischen Problemsituation neben unseren ursprünglichen Neigungen und Impulsen stets schon eine Vielzahl von Werten und Prinzipien vorfinden werden, die tatsächlich in der Gemeinschaft präsent sind. Diese bilden dann sozusagen das Rohmaterial, das in das Verfahren moralischer Deliberation eingespeist wird. An dieser Stelle liegt jedoch ein Problem. Die Frage ist nämlich, ob dieser Transformationsprozess, der aus Prinzipien und Werten falsifizierbare moralische Hypothesen macht, sobald sie in das Prozedere der moralischen Deliberation eingebracht werden, sie nicht gerade dadurch ihrer argumentativen Überzeugungskraft beraubt. Führt man derart etwa Kants kategorischen Imperativ als einen bloßen Erfahrungssatz mit Hypothesencharakter ein, so verliert er dadurch gerade seinen kategorischen Charakter und damit den Grund seines Geltungsanspruchs. Übrig bleibt dann nur noch die Idee, Handlungsfolgen hypothetisch zu verallgemeinern. Nun hat Letzteres ja immer noch einen gewissen argumentativen Wert, auch wenn ihm die verpflichtende Kraft fehlt, die dem kategorischen Imperativ bei Kant dadurch zukam, dass er als apriorisch notwendiges moralisches Gesetz konzipiert war. Doch andere ethische Argumentationsfiguren verlieren durch die prozeduralismusgerechte Reduzierung auf Hypothesen gleich gänzlich ihre Geltungskraft. Wird zum Beispiel in einen moralischen Diskurs über die Zulässigkeit staatlicher Folter zur Verhinderung schwerer Straftaten das Argument eingeführt, dies verstoße gegen die Menschenwürde, so bezieht dieser Einwand seine Kraft gerade daraus, dass er sich auf etwas beruft, was nicht lediglich eine falsifizierbare Hypothese darstellt, sondern eine unverfügbare Grundlage des menschlichen Zusammenlebens. Für einen derartigen absoluten Geltungsanspruch ist jedoch im pragmatistischen Prozeduralismus kein Platz. Als bloßer hypothetischer Erfahrungssatz (“Es hat sich bisher bewährt, jedem Menschen eine unveräußerliche Würde zu unterstellen”), losgelöst von seiner deontologischen Verankerung, ist das Menschenwürdeargument aber im moralischen Diskurs faktisch ohne Wert und erschiene als bloßes Vorurteil. Deweys moralischer Prozeduralismus ist so zwar nicht im Stande, Werte und Prinzipien aus sich heraus zu begründen, er schließt aber eine große Anzahl von ihnen, nämlich jene, die auf einem deontologischen Fundament beruhen und sich nicht sinnvoll als Hypothesen reformulieren lassen, von vornherein aus dem Verfahren moralischer Urteilsbildung aus. Gleichwohl ist er aufgrund seiner Unfähigkeit zur Begründung von Inhalten davon abhängig, dass solche von anderer Seite, etwa moralischen Traditionen, materialen Ethiken etc. bereit gestellt werden. Die pragmatistische Ethik verhält sich so gewissermaßen parasitär zu anderen moralphilosophischen Konzepten, auf deren inhaltliche Vorarbeit sie angewiesen bleibt. Dass sie 95 gleichzeitig oft die Geltungsgrundlagen dieser inhaltlichen Positionen unterminiert, indem sie sie nur noch als Erfahrungssätze und Hypothesen gelten lassen will, darin liegt ihr innerer Widerspruch. d) Moralische Urteilsbildung und wissenschaftlicher Forschungsprozess Der Kern der pragmatistischen Moralphilosophie besteht in der Übertragung der experimentellen Methode der Naturwissenschaften auf Fragen der Ethik. Der Pragmatismus bestreitet somit, dass es einen grundsätzlichen Unterschied zwischen der Rechtfertigung wissenschaftlicher Wahrheits- und moralischer Geltungsansprüche gibt. Dieser Ausgangspunkt, der auf die Einebnung des Unterschieds von theoretischer und praktischer Vernunft hinausläuft, ist jedoch nicht unproblematisch. So bestehen etwa Bernhard Williams269 und Jürgen Habermas270 darauf, dass wissenschaftliche und ethische Diskurse nicht denselben Kriterien unterliegen. Williams und Habermas bedienen sich dabei im Kern derselben Argumentation, wenn sie darauf hinweisen, dass die Naturwissenschaft im Gegensatz zur Ethik einen Bezugspunkt hat, der über die Kontexte der Rechtfertigung hinausweise, nämlich die objektive Beschaffenheit der Welt, die sie erklären will. Gegenstand der Naturwissenschaft ist eine Realität, deren Kennzeichen – in den Worten von Peirce – darin besteht, dass sie unabhängig davon existiert, was wir über sie denken. Daher konnte Peirce auch annehmen, dass die verschiedenen Einzelmeinungen über diese Realität auf lange Sicht hin zu einem finalen Konsens hin konvergieren würden. Dies allerdings unter der Voraussetzung, dass die Erforschung der Realität auf experimentellem Wege betrieben wird. Nur wenn die Theorien und Hypothesen immer wieder aufs Neue in experimentellen Handlungsvollzügen an den „brute facts“ der Realität erprobt werden, kann der Forschungsprozess auf einen finalen Konsens hin gelenkt werden. Es ist folglich erst die objektive Beschaffenheit der Welt, die die Konvergenz der Meinungen garantiert. Williams bestreitet nun, dass eine derartige Konvergenz auch für Meinungen über ethische Fragen in derselben Weise möglich sei, weil es für die Gegenstände der Ethik anders als in den Naturwissenschaften so etwas wie die „tatsächliche Beschaffenheit der Dinge“ nicht gibt, die eine Konvergenz auf einen Zielpunkt hin lenken könnte271. Denselben Punkt betont Habermas, wenn er schreibt, dass moralischen Geltungsansprüchen der für wissenschaftliche Wahrheitsansprüche charakteristische Bezug zur objektiven Welt fehle. Letztere könnten sich experimentell bewähren oder an der faktischen Resistenz der objektiven Welt scheitern. Normative Geltungsansprüche hingegen scheitern nicht an der Welt, sondern am „Widerspruch und Aufschrei sozialer Gegenspieler“272, die konkurrierende Geltungsansprüche vertreten. 269 Williams (1999) S. 186 ff. 270 Habermas (1999) S. 271 ff. 271 Williams (1999) S. 191. 272 Habermas (1999) S. 295 f. 96 Aus pragmatistischer Sicht hat sich eine derartige Kritik freilich nur noch nicht radikal genug von den Dualismen der klassischen Philosophie gelöst und bleibt noch in einer irreführenden Dichotomie von Fakten- und Wertwissen gefangen. So macht es aus der naturalistischen Perspektive von Deweys Moralphilosophie nämlich tatsächlich keinen Unterschied, ob sich ein wissenschaftlicher Wahrheitsanspruch in einem Experiment bewährt oder ein Werturteil sich im moralischen Rechtfertigungsdiskurs durchsetzen kann und sich damit in der sozialen Praxis bewährt. Physikalische Zustände und soziale Praktiken sind für Dewey beides Teilaspekte einer Umwelt, mit der wir durch unsere Handlungen interagieren, die wir teils durch diese beherrschen, und an deren Anforderungen wir uns anzupassen haben273. Doch ebenso wie die pragmatistische Reduktion des Wahrheitsbegriffs auf „warranted assertibility“ der alltagssprachlichen Intuition widerspricht, widerstrebt es derselben auch, moralische Richtigkeit allein in der Rechtfertigung in konkreten Kontexten aufgehen zu lassen. Wer einen normativen Geltungsanspruch erhebt, beansprucht mehr, als nur jetzt in der konkreten Situation die besseren Gründe auf seiner Seite zu haben. Vielmehr beinhalten moralische Urteile regelmäßig einen Aspekt der Universalisierbarkeit274. Ihre Überzeugungskraft als moralische Gründe beziehen sie aus dem Anspruch, nicht nur für diesen Fall sondern auch für jeden gleichgelagerten Fall275 richtig zu sein. Sie zielen nicht nur auf die Anerkennung der unmittelbar Betroffenen (wohingegen „warranted assertability“ lediglich die Rechtfertigung vor eben diesen meint276) sondern auf die Anerkennung durch alle. Deweys These, jede moralisch problematische Situation bringe im Prozess der moralischen Reflexion ihr eigenes Gutes hervor, verkennt, dass wir diese Reflexion nur mit Argumenten führen können, die über diese konkrete Situation hinausweisen und dass wir das Ergebnis der Reflexion auch nur dann als moralisch richtig akzeptieren, wenn wir überzeugt sind, dass es auch über die Situation hinaus Gültigkeit beanspruchen kann. Der Pragmatismus weist zwar völlig zurecht auf einen engen Zusammenhang zwischen moralischer Richtigkeit und der konkreten Möglichkeit der Rechtfertigung hin, er geht jedoch fehl in der Annahme, dass sich der Sinn moralischer Geltungsansprüche bereits in dieser erschöpft. Dem Sinngehalt moralischer Argumentation ist eine solche Rekonstruktion der Praxis moralischen Urteilens nicht angemessen. Der 273 Zur naturalistischen Grundlage des Forschungsprozesses Dewey LW 12.40 ff. (Log). Gegen die Argumentation von Williams von einem nichtnaturalistischen sondern wiederum ethnozentrischen Standpunkt aus vgl. auch Rorty (1993) S. 32 ff. 274 Vgl. dazu Habermas (1999) S. 300 ff.; Birnbacher (2003) S. 31 ff. 275 Wobei die Gleichlagerung der Fälle freilich sehr genau spezifiziert sein kann: Die moralische Berechtigung, einem anderen das Rauchen in seiner Gegenwart zu verbieten, mag vielleicht nicht allen Menschen, auch nicht allen Frauen, aber zum Beispiel allen schwangeren Frauen zustehen, nicht aber lediglich der schwangeren Frau X aus M. Entscheidend ist, dass die Urteile durch nicht-singuläre Faktoren begründet werden, vgl. dazu Birnbacher (2003) S. 37. 276 Oder wie bei Rorty jedenfalls die Rechtfertigung vor den Mitgliedern der jeweiligen Bezugsgemeinschaft vgl. Rorty (1988) S. 85. 97 Einwand gegen die pragmatistische Ethik lautet also, dass sie entgegen ihrem Anspruch das Zustandekommen moralischer Urteile nicht zutreffend beschreibt, weil sie nicht berücksichtigt, dass wir durch die Sprache und durch das moralische Vokabular, dem wir uns in unseren moralischen Diskursen bedienen, immer schon viel mehr in Anspruch nehmen, als wir mittels einer lediglich auf „warranted assertibility“ abzielenden Rechtfertigungspraxis einlösen können. Die Praxis moralischen Handelns (d.h. also vor allem der moralische Forschungsprozess), die der Pragmatismus beschreibt, stimmt also nicht überein mit der tatsächlichen Praxis unseres moralischen Sprachgebrauchs. Der Prozeduralismus der pragmatistischen Ethik liefert demnach keine angemessene Rekonstruktion unserer moralischen Praxis. Das schließt jedoch nicht aus, dass eine solche prozeduralistische Betrachtungsweise dort angemessen sein kann, wo es nicht mehr um unbedingte moralische Geltungsansprüche, sondern lediglich um legitimierbare politische Entscheidungsakte geht, nämlich im Verfahren demokratischer Willensbildung. Darauf wird im 2. Teil dieser Arbeit einzugehen sein. 98 VI. Die Stellung des Pragmatismus in der modernen Philosophie Einer zugegebenermaßen groben Einteilung nach lässt sich die Philosophiegeschichte in drei Epochen unterteilen, die man anhand ihrer Methode als Metaphysik, Erkenntnistheorie und Sprachphilosophie, und anhand ihres hauptsächlichen Gegenstandes als Sein, Bewusstsein und Sprache bezeichnen könnte277. Legt man diese Einteilung zu Grunde, hat es zunächst den Anschein, als sei der Pragmatismus nur eine ideengeschichtliche Episode geblieben, ein Irrläufer am Übergang vom erkenntnistheoretischen zum sprachphilosophischen Paradigma. Der klassische Pragmatismus hatte sich auf die Fahnen geschrieben, die klassische Erkenntnistheorie zu überwinden und statt Bewusstsein und Repräsentation nunmehr Handlung und Erfahrung zu den zentralen philosophischen Kategorien zu erklären. Während der Pragmatismus dabei in den USA zunächst einen spektakulären Siegeszug erlebte, der Ende des 19. Jahrhunderts begann und ihn dort dann zur dominierenden philosophischen Denkschule in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts machte, wurde er außerhalb der Vereinigten Staaten lange Zeit praktisch überhaupt nicht rezipiert. Um die Mitte des 20. Jahrhunderts wurde der Pragmatismus dann auch an den amerikanischen Universitäten zunächst durch die analytische Philosophie verdrängt. Nicht der Pragmatismus, sondern der „linguistic turn“ hatte die klassische Erkenntnistheorie ersetzt. Statt Handlung und Erfahrung war nunmehr die Sprache der hauptsächliche Gegenstand philosophischen Nachdenkens. Im letzten Viertel des vergangenen Jahrhunderts kam es dann aber zu einer Wiederentdeckung des Pragmatismus. Philosophen wie Richard Rorty und Hilary Putnam bemühten sich darum, die Kritik am Repräsentationalismus und die Praxisorientierung der pragmatistischen Klassiker erneut für aktuelle Fragen, insbesondere auch der Sozialphilosophie, fruchtbar zu machen. Außerdem war auch in der sprachanalytischen Philosophie eine Art „pragmatistischer Wende“ zu beobachten, die sich in einem Wechsel von eher semantischen hin zu Fragen nach den Regeln des praktischen Gebrauchs von Sprache manifestierte. Pragmatistische Ideen fanden über die Peirce-Rezeption von Karl-Otto-Apel au- ßerdem auch Eingang in die Diskurstheorie von Jürgen Habermas, womit der Pragmatismus erstmals auch einen maßgeblichen Einfluss auf das philosophische Denken diesseits des Atlantiks ausübte. 1. Die Entwicklung des Pragmatismus in den USA In den Vereinigten Staaten kam der Pragmatismus vor allem durch William James und John Dewey in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu großer Verbreitung und Popularität. Diesem steilen Aufstieg folgte dann aber spätestens seit Ende des zweiten Weltkriegs ein rascher Niedergang, der dazu führte, dass der Pragmatismus 277 Vgl. z.B. Habermas (1992) S. 20 f.

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Zusammenfassung

Der klassische Pragmatismus steht für einen amerikanischen Sonderweg in die philosophische Moderne. Auch die Entwicklung des amerikanischen Rechtsdenkens wurde durch den Pragmatismus von C.S. Peirce und John Dewey bis heute maßgeblich geprägt. Strömungen wie der "Legal Realism" oder die "Economic Analysis of Law" wären ohne das gedankliche Fundament der pragmatistischen Philosophie nicht denkbar.

Das Buch zeichnet den Einfluss des Pragmatismus auf die amerikanische Rechtstheorie über einen Zeitraum von 150 Jahren von Oliver Wendell Holmes" "The Common Law" bis zum modernen "Legal Pragmatism" eines Richard Posner nach. Der Verfasser veranschaulicht zudem den engen Zusammenhang, der zwischen der pragmatistischen Rechtstheorie und einem deliberativen Demokratieverständnis besteht. Für die Frage, wie das Spannungsverhältnis zwischen dem Willen des demokratischen Gesetzgebers und der Autonomie des Rechtssystems aufzulösen ist, kann der Pragmatismus neue Perspektiven liefern. Deshalb ist es lohnend, sich auch auf dem alten Kontinent mit ihm auseinanderzusetzen.