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Peter Kasiske, Moralisches Handeln als “Self-Realization” in:

Peter Kasiske

Rechts- und Demokratietheorie im amerikanischen Pragmatismus, page 84 - 87

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4153-6, ISBN online: 978-3-8452-1330-9 https://doi.org/10.5771/9783845213309

Series: Studien zur Rechtsphilosophie und Rechtstheorie, vol. 52

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84 4. Moralisches Handeln als “Self-Realization” Für die pragmatistische Moralphilosophie Deweys resultiert der moralische Wert eines Urteils daraus, dass es das Ergebnis einer kritischen Reflexionprozesses ist. Dieser Prozess gehorcht dabei denselben Kriterien wie jeder andere wissenschaftliche Forschungsprozess. Wenn es aber auch in der Ethik aber vor allem um Fragen der umfassenden Situationsanalyse, Folgenprognose und –abwägung geht, was unterscheidet dann noch moralische Probleme wie etwa die Frage ob eine Abtreibung moralisch richtig oder falsch ist, von rein technischen Alltagsentscheidungen, wie etwa der, ob es ratsam ist, sich Winterreifen anzuschaffen? Um dem spezifischen Sinngestalt ethischer Fragestellungen gerecht zu werden, bedarf der ethische Prozeduralismus Deweys folglich noch einer Ergänzung, die erklären kann, was ein Problem überhaupt erst zu einem spezifisch moralischen Problem macht. a) Das neoaristotelische Verständnis von Selbstverwirklichung in Deweys Frühwerk An dieser Stelle kommt eine weitere Komponente von Deweys Ethik ins Spiel, die dieser über die Analyse instrumenteller Zweck-Mittel-Relationen hinaus eine weitere Funktion zuweist. Nach Dewey sind nämlich moralische Probleme dadurch gegenüber anderen ausgezeichnet, dass wir mit ihrer Lösung zugleich auch immer eine Entscheidung darüber treffen, welche Art von Person wir sein wollen: “Superficially, the deliberation which terminates in choice is concerned with weighing the values of particular ends. Below the surface, it is a process of discovering what sort of being a person most wants to become.”233. Ethik steht damit über die Verwirklichung situationsbedingter Zielsetzungen hinaus immer auch im Dienste einer authentischen Selbstverwirklichung der Person. Es ist dieser Selbstbezug, der ethischen Problemen ihr besonderes Gepräge gibt und sie von rein technischen Fragen unterscheidet. Bereits in den frühen “Outlines of a Critical Theory on Ethics” hat Dewey hierin das Element gesehen, das moralischem Handeln seine spezifische Qualität verleiht234. In dieser frühen Arbeit trägt Deweys Konzept der Selbstverwirklichung ("Self-Realization") noch – beeinflusst v.a. durch die Arbeiten von T.H. Green - neoaristotelische und neohegelianische Züge235. Dewey sah im Rückgriff auf Hegel und Aristoteles eine Möglichkeit, moralisches Handeln – anders als etwa Kant - nicht als etwas zu begreifen, was den Neigungen der menschlichen Natur notwendig entgegengesetzt ist. Stattdessen konnte moralisches Handeln als ein Medium verstanden werden, in dem sich das menschliche Selbst erst seiner wahren Natur gemäß realisiert. Dahinter steckt eine teleologische Metaphysik 233 Dewey LW 7.287 (TML). 234 Dewey EW 3.301 ff. (Out) 235 Zu diesen Ursprüngen vgl. Welchman S. 90 f. 85 des Selbst, wonach das Selbst im Dienste der Verwirklichung eines Ideals des guten Lebens, der “eudaimonia” steht236. Der Maßstab dessen, was das gute Leben ausmachen soll, ist dabei kein individueller, sondern immer ein öffentlicher, auf Gemeinschaft bezogener: “In the Realization of individuality there is found also the needed realization of some community of persons of which the individual is a member; and conversely, the agent who duly satisfies the community in which he shares, by that same conduct satisfies himself”237. Der Gedanke, dass moralisches Handeln seinem Wesen nach Selbstverwirklichung bedeutet, die aber immer nur Verwirklichung innerhalb einer konkreten Gemeinschaft sein kann, stellt somit außerdem eine Verknüpfung zwischen individuellen und öffentlichen Zwecken her. Ein moralisches Selbst ist daher nichts, was ein Individuum monologisch privat für sich allein entwerfen könnte, sondern es entwickelt sich immer in Interaktion mit der konkreten Gemeinschaft, in der sich das Individuum bewegt. Deshalb müssen die Ziele der Selbstverwirklichung letzten Endes weitgehend deckungsgleich sein mit den Werten der Gemeinschaft. Schon deshalb lässt sich gegen Deweys Moralphilosophie nicht einwenden, sie berücksichtige ausschließlich individuelle Wertentscheidungen238, so dass sich dadurch auch die moralischen Konzepte von Rassisten, Pädophilen oder anderen antisozialen Charakteren rechtfertigen ließen, die bewusst einen “bösen” Selbstentwurf entwickeln möchten239. b) Self-Realization als Prozess Deweys frühe Ausführungen zum Konzept der moralischen “self-realization” lassen ihn zunächst wie einen Proto-Kommunitaristen erscheinen, bei dem die moralische Entwicklung in der Realisierung von Werten besteht, die von der Gemeinschaft vorgegeben werden. Dieses Modell verträgt sich jedoch schlecht mit der Dynamik und Offenheit von Deweys späterem pragmatischen Denken, insbesondere seinem oben bereits skizzierten moralischem Prozeduralismus, der ja vor allem auch die kritische Überprüfung der gesellschaftlich tradierten Wertvorstellungen zur Konsequenz hat240. Bereits 1891 hat Dewey sich daher in “Self-Realization as the moral ideal” von einer teleologischen und kommunitaristischen Lesart von Selbstrealisierung distan- 236 Dazu mit ausdrücklichem Verweis auf Aristoteles Dewey EW 3.260. 237 Dewey EW 3.322 (Out). 238 So etwa Löffelholz (1961) S. 52. 239 Vgl. zu dieser Problematik Deweys Ausführungen in "Experience and Education" (LW 13.19), wonach die Self-Realization sich sozialkonform entfalten muss weil sie sich sonst auf lange Sicht Wachstumsmöglichkeiten verschliesst, die ihr nur die Gemeinschaft bieten kann. Ähnlich - allerdings bezogen auf Gruppen und nicht auf Individuen - argumentiert Dewey in "The Public and its Problems" (LW 2.328). Kritisch dazu aber Festenstein (1997) S. 61 f. 240 Zu diesem Spannungsverhältnis ausführlich Honneth (2000) S. 116 ff. 86 ziert241. “Self-Realization” soll nunmehr nicht mehr teleologisch als eine Entfaltung des Selbst auf ein vorgegebenes Ideal hin verstanden werden. Stattdessen soll jetzt gewissermaßen der Prozess der Selbstentfaltung selbst das Ziel sein. Dieser Prozess erfolgt zwar immer im Hinblick auf ein angestrebtes Ideal, doch hat dieses Ideal nun nicht mehr den Charakter eines apriori vorgegebenen metaphysischen Endzustands. Stattdessen hat der angestrebte Selbstentwurf als “working ideal” einen ähnlichen Status wie eine naturwissenschaftliche Hypothese, die experimentelles Handeln anleitet, im Prozess der Forschung aber selbst auch ständiger Revision unterworfen ist242. Self-Realization ist somit nun zu einen ergebnisoffenen dynamischen Prozess geworden, der nicht mehr durch ein statisches Endziel charakterisiert wird. Dewey versteht Self-Realization nunmehr nicht mehr in einem teleologisch-metaphysischen Sinne, sondern naturalistisch. Self-Realization erscheint als ein Analogon zur natürlichen Entfaltung des Organismus in Interaktion mit seiner Umwelt. Es handelt sich um einen evolutionären Prozess, und wie alle Evolution ist er nicht auf ein vorab festgelegtes Endziel ausgelegt, sondern ergebnisoffen. Entscheidend ist die Dynamik des Wandels, die zu ständig neuen Anpassungsleistungen an die Umwelterfordernisse führt. Im Unterschied zur übrigen Natur, in der sich dieser Prozess des Wandels blind nach dem Prinzip von "Try and Error" vollzieht, indem endlose Variationen ausprobiert werden, die sich entweder als überlebenstauglich erweisen oder untergehen, ist der Mensch indes in der Lage, diesen Prozess bewusst zu steuern. Das Instrument hierzu ist für Dewey die wissenschaftliche Methode, die es erlaubt, Umweltanpassung zielgerichtet vorzunehmen, indem Handlungen reflektiert und ihre möglichen Konsequenzen in Rechnung gestellt werden. Der Gedanke, dass durch moralisches Handeln das Wachstum oder die Reifung des Selbst befördert werden, zieht sich von nun an durch Deweys moralische Schriften. So heißt es in der 1932 zusammen mit Tufts veröffentlichten Ausgabe von “Ethics”: “It is in the quality of becoming that virtue resides. We set up this and that end to be reached, but the end is growth itself.”243. Der Gedanke der “Self-Realization” liefert Dewey das normative Moment, durch das moralisches Handeln sich über technisch-instrumentelle Zweck-Mittel- Erwägungen hinaus spezifisch auszeichnet: Moralisches Handeln beinhaltet immer auch eine Entscheidung darüber, was wir für eine Person sein wollen und leistet so einen Beitrag zur Formung der Identität des Handelnden. Ein wirklich inhaltliches Kriterium für die Abwägung von Handlungskonsequenzen lässt sich indes auch aus dem Konzept der Self-Realization nicht ableiten. Wenn der letztendliche Zweck allen moralischen Handelns aber in einem “Wachstum des Selbst” besteht, so ist diese Ziel inhaltlich viel zu vage und abstrakt, als dass es in 241 Dewey EW 4.43 ff. 242 Dewey EW 4.53. 243 Dewey LW 7.306 (TML) (Hervorhebungen im Original); vgl. auch MW 12.281(RiP); zur zentralen Bedeutung von “growth” bei Dewey auch Rockefeller (1991) S. 421 ff.; Festenstein (1997) S. 52 ff.; Jörke (2003) S. 59, 147 ff. 87 konkreten moralischen Problemkonstellationen wirklich eine Orientierungshilfe beisteuern könnte. Dies ist aber auch nicht sein Zweck in Deweys Theoriekonstruktion. Seine Funktion besteht stattdessen vor allem auch darin, durch die Betonung des Umstands, dass sich das Selbst immer in Interaktion mit seiner sozialen Umwelt bildet244, eine Verbindung zwischen individuellen und gemeinschaftlichen Interessen und Zielsetzungen herzustellen. 5. Die Frage des Relativismus Wie gezeigt folgt aus dem prozeduralen Charakter von Deweys pragmatistischer Moralphilosophie, dass sie lediglich ein rationales Verfahren angeben kann, vorhandene Werte am effektivsten zur Geltung zu bringen. Demgegenüber ist sie nicht imstande, selbst Werte zu begründen oder Kriterien dafür anzugeben, welche Werte Vorrang vor anderen genießen sollten. Man hat der pragmatistischen Wertphilosophie deshalb vorgeworfen, inhaltsleer zu sein und einem schrankenlosen Werterelativismus das Wort zu reden245. Aus der Ablehnung eines Wertabsolutismus und dem Verzicht auf ethische Letztbegründungen allerdings den Schluss zu ziehen, die pragmatistische Ethik sei letztlich subjektivistisch und mache Werte zu einer reinen Glaubenssache246, ist jedoch verfehlt. a) Die Objektivität moralischer Werte Dem Pragmatismus ging es gerade nicht darum, Wertentscheidungen zu einer subjektiven Privatangelegenheit zu erklären, die sich objektiver Nachprüfbarkeit entzieht. Sein Anliegen bestand im Gegenteil gerade darin, auch Wertfragen wieder einer wissenschaftlichen Behandlung zugänglich zu machen. Anders jedoch als etwa Kant, sah er das Kriterium für Wissenschaftlichkeit nicht darin, dass vernunftnotwendige Prinzipien begründet und daraus dann deduktiv konkrete Handlungsanleitungen abgeleitet werden. Ein derartiges Verlangen nach Letztbegründung ist für Dewey lediglich Ausdruck jener „Suche nach Gewissheit“, die aus pragmatistischer Sicht ohnehin zur Erfolglosigkeit verurteilt ist und daher aufgegeben werden sollte. Aufgabe einer pragmatistischen Ethik kann es deshalb nicht sein, in rationalistischer Manie quasi aus dem Nichts heraus ein Wertesystem zu erschaffen. Ein solches Unterfangen wäre ebenso sinnlos wie Descartes’ Versuch, durch radikalen Zweifel zu einem Fundament absolut sicheren Wissens zu gelangen. 244 "Selfhood is not something which exists apart from association and intercourse.“, Dewey LW 7.298 (TML). 245 Vgl. z.B. Löffelholz (1961) S. 52 f.; Rea-Frauchiger (2006) S. 29; Reich (1967) S. 40 ff.; Tamanaha (2006) S. 63 f. 246 So aber Rea-Frauchinger (2006), S. 29; Reich (1967) S. 41.

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References

Zusammenfassung

Der klassische Pragmatismus steht für einen amerikanischen Sonderweg in die philosophische Moderne. Auch die Entwicklung des amerikanischen Rechtsdenkens wurde durch den Pragmatismus von C.S. Peirce und John Dewey bis heute maßgeblich geprägt. Strömungen wie der "Legal Realism" oder die "Economic Analysis of Law" wären ohne das gedankliche Fundament der pragmatistischen Philosophie nicht denkbar.

Das Buch zeichnet den Einfluss des Pragmatismus auf die amerikanische Rechtstheorie über einen Zeitraum von 150 Jahren von Oliver Wendell Holmes" "The Common Law" bis zum modernen "Legal Pragmatism" eines Richard Posner nach. Der Verfasser veranschaulicht zudem den engen Zusammenhang, der zwischen der pragmatistischen Rechtstheorie und einem deliberativen Demokratieverständnis besteht. Für die Frage, wie das Spannungsverhältnis zwischen dem Willen des demokratischen Gesetzgebers und der Autonomie des Rechtssystems aufzulösen ist, kann der Pragmatismus neue Perspektiven liefern. Deshalb ist es lohnend, sich auch auf dem alten Kontinent mit ihm auseinanderzusetzen.