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Peter Kasiske, Moralität als Reflexionsprozess in:

Peter Kasiske

Rechts- und Demokratietheorie im amerikanischen Pragmatismus, page 78 - 84

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4153-6, ISBN online: 978-3-8452-1330-9 https://doi.org/10.5771/9783845213309

Series: Studien zur Rechtsphilosophie und Rechtstheorie, vol. 52

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78 das Glück aller Menschen für jeden Einzelnen ein erstrebenswertes Gut sein müsse214. Schließlich ist der Utilitarismus aus pragmatistischer Sicht noch mit einem weiteren Makel behaftet: Denn auch er hält mit dem Nützlichkeitsprinzip an der Idee eines unwandelbaren höchsten moralischen Gutes fest, das von außen her an die Situation herangetragen wird. Für Dewey hingegen besteht die Aufgabe der Moralphilosophie nicht darin, ein höchstes Gut zu bestimmen, das für alle moralischen Fragen ein Entscheidungskriterium liefern kann, so wie dies im Utilitarismus das Prinzip der „greatest happiness of the greatest number“ übernimmt215. Ein derartiges Unternehmen wäre nur ein weiterer Ausdruck einer von vornherein zum Scheitern verurteilten "Suche nach Gewissheit". Anstatt von der Existenz eines vorgegebenen höchsten Guts auszugehen, besteht Dewey darauf, dass jede Situation, in der sich ein moralisches Problem stellt, einzigartig ist und ihr jeweils eigenes Gutes hervorbringt216. Ebenso wie wissenschaftliche Wahrheit nichts ist, was der konkreten Forschungssituation bereits unveränderlich vorgegeben wäre, sondern erst aus dieser heraus anhand der experimentellen Bewährung entsteht, ist auch moralische Richtigkeit nicht etwas, was gefunden oder aus einem Katalog akzeptierter Regeln deduziert, sondern etwas, was erst in der konkreten Situation durch intelligentes Handeln hervorgebracht werden muss217. Die Aufgabe einer Theorie der Moral besteht daher für Dewey nicht darin, ein „summum bonum“ oder einen kategorischen Imperativ zu bestimmen, der als definitiver letztgültiger Maßstab für die moralische Beurteilung einer Handlung unabhängig von der konkreten Situation dienen könnte, sondern darin, anzugeben, durch welches Verfahren wir in konkreten Problemsituationen zu moralisch richtigen Urteilen gelangen. 3. Moralität als Reflexionsprozess Wie bei den Utilitaristen nimmt auch Deweys Entwurf einer pragmatistischen Moralphilosophie seinen Ausgang von der empirischen Tatsache, dass Menschen Bedürfnisse und Neigungen haben, dass sie bestrebt sind, diesen nachzukommen und dass ihre Befriedigung als „gut“ empfunden wird. 214 Dewey EW 3.275 f. (Out) bezugnehmend auf die Argumentation von Mill (1863) S. 61. 215 Dewey MW 12.183 (RiP). Gegenstand von Deweys Kritik ist dabei immer Handlungsutilitarismus Benthams und Mills, nicht der Regelutilitarismus, wie er später etwa von R.F. Harrod vertreten wurde; vgl. zu dieser Unterscheidung etwa Scarre (1996) S. 122 ff. 216 Dewey MW 12.173 (RiP). 217 Vgl. dazu auch Hook (1950) S. 198. 79 a) Der Unterschied von "desired" und "desirable" Anders als Bentham und Mill ist Dewey indes nicht der Auffassung, dass etwas allein schon deshalb, weil es begehrt und genossen wird, dadurch bereits zu einem Gut im moralischen Sinne wird218. Für ihn ist vielmehr die Unterscheidung zwischen dem Gewünschten („the desired“) und dem Wünschenswerten („the desirable“) zentral219. Nur das Letztere ist für ihn Gegenstand der Ethik. Dabei zeichnet sich das Wünschenswerte gegenüber dem bloß Gewünschten dadurch aus, dass es durch einen Prozess der Reflexion zustande gekommen ist. Während wir von dem Gewünschten nur wissen, dass es begehrt wird, und seine Verschaffung einen unmittelbaren Genuss bedeutet, lässt sich von dem, was wünschenswert ist, regelmäßig auch sagen, mit welchen Mitteln und zu welchen Kosten es erreicht werden kann und wie es sich zu anderen Werten verhält. Dieser Reflexionsprozess moralischer Deliberation, der das anfangs bloß Gewünschte transformiert zu etwas, das auch wünschenswert ist, steht im Zentrum von Deweys Theorie der Moral220. Er folgt dabei grundsätzlich denselben Regeln wie der Prozess wissenschaftlicher Forschung, denn auch moralisches Urteilen ist für Dewey letztlich nur ein spezieller Anwendungsfall der allgemeinen Logik der Forschung221. Hier wie dort geht es um die Auflösung als problematisch empfundener Situationen, letztlich also wieder um Umweltanpassung, die dem grundlegenden Schema des belief-doubt-belief folgt. Und ebenso wie bei naturwissenschaftlicher Forschung steht im Mittelpunkt auch hier die Berücksichtigung der möglichen Konsequenzen verschiedener Handlungsalternativen im Hinblick auf die Erreichung bestimmter Zwecke. b) Die Rolle von Prinzipien und Werten Prinzipien und Werte sind auch in diesem Rahmen bedeutsam, doch ist ihre Funktion hier eine andere als in der klassischen Moralphilosophie. Letztere sah in Werten vor allem Zwecke, die in sich selbst wertvoll waren und daher auch um ihrer selbst willen angestrebt wurden. Dagegen vertritt Dewey die Auffassung, dass auch Werte nie als Zwecke an sich selbst, sondern immer in Relation zur aktuellen Problemsituation und anderen Zwecken betrachtet werden müssen. Für ihn gibt es daher keinen Dualismus zwischen selbstzweckhaften Zielen einerseits und den Mitteln zu ihrer 218 Dewey verkennt dabei selbstverständlich nicht, dass z.B. auch Mill keineswegs jeden Lustgewinn gleich für moralisch wertvoll erachtet. Allerdings ist Dewey der Auffassung, dass sich Mills Differenzierung zwischen hohen und niederen Genüssen nicht aus seinem allzu simplen, einzig auf Lust/Unlust-Empfindungen abstellenden Handlungsbegriff ableiten läßt, vgl. Dewey EW 3.256 f., 260 (Out). 219 Vgl. Dewey LW 4.207 (QfC); MW 5.241 ff. (Theory of the Moral Life, first ed. 1908). Zur Bedeutung dieser Unterscheidung auch Joas (1999) S. 169 f. 220 Zur diesbezüglichen Entwicklung von Deweys Denken vgl. Honneth (2000) S. 119 ff.; Welchman (1995) S. 135 ff. 221 Vgl. Dewey MW 12.173 (RiP); LW 4.206 (QfC). 80 Erreichung andererseits. Dewey spricht stattdessen von einem Kontinuum zwischen Zielen und Mitteln222. Das soll bedeuten, dass etwas, das zunächst ein Handlungsziel abgegeben hat, im nächsten Schritt wieder als Mittel zu einem anderen Ziel dienen kann. Umgekehrt kann etwas, was zunächst als bloßes Mittel eingesetzt wurde, selbst Zielcharakter annehmen. So mag ein Rechtsanwalt zunächst die Untersuchung einer komplizierten Rechtsfrage ausschließlich als Mittel verfolgen, um in einem konkreten Fall die Interessen seines Mandanten durchzusetzen. Entdeckt er dabei bei sich ein wissenschaftliches Erkenntnisinteresse, so wird aber die Untersuchung der Rechtsfrage selbst zum Ziel, dessen Erreichung aus sich heraus eine Befriedigung verschafft, unabhängig davon, dass es auch ein Mittel zum Gewinn eines Rechtstreits sein kann. Deweys pragmatistische Moralphilosophie kennt also keine absoluten, selbstzweckhaften, Endziele, sondern lediglich Nahziele (“ends-in-view”), deren Funktion es ist, das Handeln in einer konkreten Situation anzuleiten und zu organisieren223. Diese Ziele entstehen dabei als Resultat intelligenten und kreativen Reflektierens über die problematische Ausgangssituation. Sie resultieren zunächst aus den unmittelbaren Impulsen und Neigungen des Handelnden, wie sie sich in der konkreten problematischen Situation ergeben. Im Prozess der Reflexion wird sich der Handelnde dann jedoch zunehmend bewusst, welche Konsequenzen mit dieser Zwecksetzung verbunden sind und welche Opfer er gegebenenfalls erbringen müsste, um sie zu erreichen. Dies führt dann gegebenenfalls auch zu einer Revidierung des zunächst verfolgten Zwecks oder seiner Unterordnung unter ein übergeordnetes „inclusive good“, das den ursprünglichen Zweck langfristig in sich integrieren kann224. In den Reflexionsprozess finden dabei auch bereits bestehende Wertorientierungen, Regeln und Prinzipien Eingang. So kann ein Teil der moralischen Reflexion z.B. durchaus darin bestehen, zu prüfen, ob der ins Auge gefassten Handlung eine im Sinne des kategorischen Imperativs verallgemeinerbare Maxime zugrunde liegt225, ob sie der goldenen Regel entspricht oder dergleichen. Allerdings haben diese Regeln und Prinzipien bei Dewey nicht mehr die Rolle von apriorisch notwendigen Vorgaben, die unabhängig von der konkreten Situation universale Geltung beanspruchen können und unter die der Tatbestand der konkreten Situation lediglich noch subsumiert werden müsste. Sie haben hier stattdessen den Charakter von bewährten Erfahrungssätzen, deren Befolgung in der Vergangenheit zu wünschenswerten Konsequenzen geführt hat226. Damit ist ihre Rolle vergleichbar mit der von Hypothesen im wissenschaftlichen Forschungsprozess. Wie jene bilden sie Werk- 222 Vgl. Dewey LW 13.227 ff. (ToV). 223 Vgl. Dewey LW 13.234 f. 224 LW 7.210 (TML). 225 Dewey MW 5.283 f. (Theory of the Moral Life, first ed. 1908). 226 Vgl. Dewey LW 13.219 (ToV): “The desirable, or the object which should be desired (valued), does not descend out of a priori blue nor descend as an imperative from a moral Mount Sinai. It presents itself because past experience has shown that hasty action upon uncriticized desire leads to defeat and possibly to catastrophe.”; vgl. dazu auch Honneth (2000) S. 129 f., Joas (1999) S. 169. 81 zeuge, die die Untersuchung eines konkreten Problems erleichtern, wobei sie durch die Resultate ihrer Anwendung wiederum selbst geprüft und gegebenenfalls revidiert werden227. Ebenso wie wissenschaftliche Hypothesen stehen auch moralische Werte und Prinzipien somit unter einem steten Falsifikationsvorbehalt. Sie müssen sich in jeder Situation aufs Neue bewähren und können keinen Anspruch auf apriorische und universale Geltung erheben. c) Die kritische Funktion der Moralphilosophie Dewey versucht in seiner Theorie der Moral, Werte und Prinzipien sozusagen wieder zurück auf den Boden der Tatsachen zu holen. Sie sind nicht mehr länger in einer deontologischen Sphäre jenseits der empirischen Wirklichkeit verortet, sondern untrennbar mit praktischen Handlungsvollzügen verbunden, anhand deren Erfolg sie ihre Berechtigung erweisen müssen. Dewey sieht die Aufgabe der pragmatistischen Moralphilosophie daher auch weniger im Begründen und Rechtfertigen von Werten, sondern vor allem in deren Kritik, d.h. der Überprüfung, ob ein an ihnen ausgerichtetes Handeln tatsächlich noch zu wünschenswerten Konsequenzen führt228. Seiner Ansicht nach liegt die wesentliche Schwäche der vorherrschenden Moralphilosophie seiner Zeit darin, dass sie nicht in der Lage ist, ihre einmal etablierten Werte kritisch in Frage zu stellen. Damit aber steht sie dem Fortschritt und der Anpassung an sich wandelnde Umweltbedingungen im Wege. Deweys Kritik richtet sich dabei ebenso gegen eine rationalistische Ethik, die von apriorisch erkennbaren Werten bzw. Prinzipien ausgeht, wie gegen den Utilitarismus, dem Dewey vorwirft, die Missstände einer kapitalistischen Sozialordnung zu verdecken, weil sein Nützlichkeitsprinzip dazu tendiert, materielle Nutzenvorteile absolut zu setzen und nichtmaterielle Zwecke in den Hintergrund treten zu lassen229. Beide kranken aus seiner Sicht daran, dass sie nicht genügend Raum dafür bieten, einmal getroffene Wertentscheidungen auch wieder falsifizieren und revidieren zu können. Der pragmatistischen Moralphilosophie, wie Dewey sie propagiert, geht es also vor allem um die Beschreibung eines rationalen Verfahrens moralischer Entscheidungsfindung. Es handelt sich folglich um eine prozeduralistische Ethik, die den spezifisch moralischen Gehalt einer Handlung nicht ausschließlich an deren Motivation durch richtige Prinzipien aber auch nicht ausschließlich an der Nützlichkeit ih- 227 Dewey LW 7.280 (TML): “A moral principle, then, is not a command to act or forbear acting in a given way: it is a tool for analyzing a special situation, the right or wrong being determined by the situation in its entirety, and not by the rule as such.”; vgl. dazu auch LW 13.232 ff. (Theory of Valuation); LW 4.209 f. (QfC). 228 Vgl. Dewey LW 1.298 (EaN). 229 Dewey MW 12.182 ff., insb. 184 (RiP). In „Human Nature and Conduct“ wirft Dewey dem Utilitarismus vor, seine Betonung der überragenden Rolle des Nützlichkeitsprinzips habe der Entwicklung Vorschub geleistet, das Gute als eine quantifizierbare Größe zu betrachten und so die Ethik zunehmend auf ökonomistische Kosten-Nutzen-Kalküle zu reduzieren, Dewey MW 14.147 ff.; dazu auch Fesmire (2003) S. 75 f. 82 rer Folgen, sondern im Prozess der moralischen Reflexion verortet. Es ist dieser Prozess der kritischen Reflexion, der einem Urteil seine moralische Richtigkeit verleiht, und nicht der Umstand, dass sein Ergebnis inhaltlich mit vorgegebenen Werten oder Prinzipien übereinstimmt. d) Das Kontinuum von Zielen und Mitteln Dieser prozeduralistische Charakter der pragmatistischen Ethik wirft jedoch auch Fragen auf. So fordert die pragmatistische Moraltheorie zwar, alle möglichen Wertvorstellungen und Zwecke in die Reflexion miteinzubeziehen und zueinander in Relation zu setzen, die vor dem Hintergrund der konkreten Problemsituation relevant erscheinen. Sie kann jedoch weder Zwecke und Wertvorstellungen selbst begründen, noch inhaltliche Kriterien dafür liefern, was wertvolle Zwecke ausmacht oder untereinander mehr- oder weniger vorzugswürdig erscheinen lässt. Dewey selbst weist explizit auf diese Beschränkung seiner reflexiven Moraltheorie hin: “The difference between customary and reflective morality is precisely that definite precepts, rules, definitive injunctions and prohibitions issue from the former, while they cannot proceed from the latter. ... Moral theory can (i) generalize the types of moral conflicts which arise, thus enabling a perplexed and doubtful individual to clarify his own particular problem by placing it in a larger context; it can (ii) state the leading ways in which such problems have been intellectually dealt with by those who have thought upon such matters; it can (iii) render personal reflection more systematic and enlightened, suggesting alternatives that might otherwise be overlooked, and stimulating greater consistency in judgment. But it does not offer a table of commandments in a catechism in which answers are as definite as are the questions which are asked. It can render personal choice more intelligent, but it cannot take the place of personal decision, which must be made in every case of moral perplexity.”230. Die pragmatistische Moralphilosohie stellt somit zunächst nur eine Anleitung bereit, um schon vorhandene Wertvorstellungen und Zwecksetzungen möglichst effizient und effektiv zur Geltung zu bringen. Das Verfahren moralischer Reflexion, wie Dewey es im Auge hat, leistet jedoch mehr, als sozusagen nur eine Anleitung zur effizienteren Realisierung bereits vorhandener Zielvorstellungen beizusteuern. Denn auch wenn es Werte selbst nicht begründen kann, so schafft es doch die Voraussetzungen, bereits bestehende moralische Überzeugungen zu korrigieren oder auch zu gänzlich neuen Wertvorstellungen zu gelangen, indem es die Akteure auffordert, über ihre Ziele und die zu deren Verwirklichung nötigen Mittel kritisch zu reflektieren und diese in Relation zu anderen möglichen Zwecken zu setzen. Zwar ist für Dewey die unmittelbare Quelle von Werten und Zwecken zunächst in den unmittelbaren Wünschen und Interessen des Individuums verortet. Daraus folgt jedoch kein Hedonismus231, der die Moral dem Lustprinzip unterordnet. Vielmehr geht Dewey davon aus, dass diese Wünsche und Interessen ganz entscheidend ihre 230 Dewey LW 7.165 f. (TML); vgl. auch MW 12.177 f. (RiP). 231 So aber Löffelholz (1961) S. 52. 83 Qualität verändern, wenn sie erst im Laufe des Reflexionsprozesses kritisch untersucht und in Beziehung zueinander sowie zu ihren möglichen Konsequenzen gesetzt werden. Auch bei der Transformation dessen was ursprünglich gewünscht (“desired”) wird in das was in einem ethischen Sinne wünscheswert (“desirable”)ist, kommt jene denotative Methode zum Zuge, die Dewey in “Experience and Nature” beschrieben hat, wonach die Primärerfahrung durch Reflexion in Relation zur Umwelt gesetzt und dadurch in ihrer Bedeutung erweitert wird. Ebenso wie sich bei der Erfahrung natürlicher Gegenstände deren Charakter durch den Prozess der Erfahrung modifiziert wird, haben auch jene Werte, die das Resultat eines Reflexionsprozesses unserer ursprünglichen und unmittelbaren Antriebe sind, einen gänzlich anderen Charakter als diese. Dewey geht dabei davon aus, dass sich im Zuge des Reflexionsprozesses auch neue Zielvorstellungen ergeben können, etwa wenn eingesehen wird, dass durch die Verfolgung eines langfristigen Zieles, wie z.B. Loyalität oder Zuverlässigkeit, sich eine auf Dauer zufriedenstellendere Befriedigung von Bedürfnissen nach Wohlstand, Sicherheit oder Anerkennung erreichen lässt. Auch solche von Dewey als “inclusive goods”232 bezeichneten Ziele höherer Reflexionsstufe, die durch den Reflexionsprozess erst “entdeckt” werden, sind aber aus Zwecken abgeleitet, die ihre Wurzeln letztlich in umittelbaren sinnlichen Bedürfnissen und Trieben haben. Die naturalistische Perspektive bleibt so gewahrt: Reflektiertes moralisches Handeln und Handeln aus spontanem natürlichem Impuls sind keine einander entgegen gesetzten Kategorien, sondern zwischen beiden besteht eine Kontinuität. 232 Dewey LW 7.210 (TML). 84 4. Moralisches Handeln als “Self-Realization” Für die pragmatistische Moralphilosophie Deweys resultiert der moralische Wert eines Urteils daraus, dass es das Ergebnis einer kritischen Reflexionprozesses ist. Dieser Prozess gehorcht dabei denselben Kriterien wie jeder andere wissenschaftliche Forschungsprozess. Wenn es aber auch in der Ethik aber vor allem um Fragen der umfassenden Situationsanalyse, Folgenprognose und –abwägung geht, was unterscheidet dann noch moralische Probleme wie etwa die Frage ob eine Abtreibung moralisch richtig oder falsch ist, von rein technischen Alltagsentscheidungen, wie etwa der, ob es ratsam ist, sich Winterreifen anzuschaffen? Um dem spezifischen Sinngestalt ethischer Fragestellungen gerecht zu werden, bedarf der ethische Prozeduralismus Deweys folglich noch einer Ergänzung, die erklären kann, was ein Problem überhaupt erst zu einem spezifisch moralischen Problem macht. a) Das neoaristotelische Verständnis von Selbstverwirklichung in Deweys Frühwerk An dieser Stelle kommt eine weitere Komponente von Deweys Ethik ins Spiel, die dieser über die Analyse instrumenteller Zweck-Mittel-Relationen hinaus eine weitere Funktion zuweist. Nach Dewey sind nämlich moralische Probleme dadurch gegenüber anderen ausgezeichnet, dass wir mit ihrer Lösung zugleich auch immer eine Entscheidung darüber treffen, welche Art von Person wir sein wollen: “Superficially, the deliberation which terminates in choice is concerned with weighing the values of particular ends. Below the surface, it is a process of discovering what sort of being a person most wants to become.”233. Ethik steht damit über die Verwirklichung situationsbedingter Zielsetzungen hinaus immer auch im Dienste einer authentischen Selbstverwirklichung der Person. Es ist dieser Selbstbezug, der ethischen Problemen ihr besonderes Gepräge gibt und sie von rein technischen Fragen unterscheidet. Bereits in den frühen “Outlines of a Critical Theory on Ethics” hat Dewey hierin das Element gesehen, das moralischem Handeln seine spezifische Qualität verleiht234. In dieser frühen Arbeit trägt Deweys Konzept der Selbstverwirklichung ("Self-Realization") noch – beeinflusst v.a. durch die Arbeiten von T.H. Green - neoaristotelische und neohegelianische Züge235. Dewey sah im Rückgriff auf Hegel und Aristoteles eine Möglichkeit, moralisches Handeln – anders als etwa Kant - nicht als etwas zu begreifen, was den Neigungen der menschlichen Natur notwendig entgegengesetzt ist. Stattdessen konnte moralisches Handeln als ein Medium verstanden werden, in dem sich das menschliche Selbst erst seiner wahren Natur gemäß realisiert. Dahinter steckt eine teleologische Metaphysik 233 Dewey LW 7.287 (TML). 234 Dewey EW 3.301 ff. (Out) 235 Zu diesen Ursprüngen vgl. Welchman S. 90 f.

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References

Zusammenfassung

Der klassische Pragmatismus steht für einen amerikanischen Sonderweg in die philosophische Moderne. Auch die Entwicklung des amerikanischen Rechtsdenkens wurde durch den Pragmatismus von C.S. Peirce und John Dewey bis heute maßgeblich geprägt. Strömungen wie der "Legal Realism" oder die "Economic Analysis of Law" wären ohne das gedankliche Fundament der pragmatistischen Philosophie nicht denkbar.

Das Buch zeichnet den Einfluss des Pragmatismus auf die amerikanische Rechtstheorie über einen Zeitraum von 150 Jahren von Oliver Wendell Holmes" "The Common Law" bis zum modernen "Legal Pragmatism" eines Richard Posner nach. Der Verfasser veranschaulicht zudem den engen Zusammenhang, der zwischen der pragmatistischen Rechtstheorie und einem deliberativen Demokratieverständnis besteht. Für die Frage, wie das Spannungsverhältnis zwischen dem Willen des demokratischen Gesetzgebers und der Autonomie des Rechtssystems aufzulösen ist, kann der Pragmatismus neue Perspektiven liefern. Deshalb ist es lohnend, sich auch auf dem alten Kontinent mit ihm auseinanderzusetzen.