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Peter Kasiske, Der Dualismus von Fakten und Werten in:

Peter Kasiske

Rechts- und Demokratietheorie im amerikanischen Pragmatismus, page 72 - 75

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4153-6, ISBN online: 978-3-8452-1330-9 https://doi.org/10.5771/9783845213309

Series: Studien zur Rechtsphilosophie und Rechtstheorie, vol. 52

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72 V. Pragmatistische Ethik Das zentrale Element des pragmatistischen Programms zur Erneuerung der Philosophie war die Überwindung des Dualismus von Theorie und Praxis durch den Nachweis, dass wissenschaftliche Forschung ihrem Wesen nach nicht auf die kontemplative Erkenntnis vorgegebener Gegenstände gerichtet ist, sondern ihren Sinn erst durch den Bezug auf interessegeleitetes experimentelles Handeln erfährt. Wenn die Wahrheit also in den Worten von James „eine Form des Guten“ ist190, dann muss umgekehrt auch gelten, dass die Frage nach dem Guten mit denselben Mitteln beantwortet werden kann, mit denen auch nach wissenschaftlicher Wahrheit geforscht wird. Für den Pragmatismus geht es daher in Ethik und Moralphilosophie darum, jene wissenschaftliche Methode, die sich in den Naturwissenschaften so erfolgreich bewährt hat, auch für die Lösung moralischer Probleme fruchtbar zu machen191. Insbesondere John Dewey hat sich in seinem Werk bemüht, dieses Programm umzusetzen. Für die Darstellung der pragmatistischen Moralphilosophie wird daher hier in erster Linie auf seine Arbeiten zurückgegriffen, sowie auf einige Beiträge von Hilary Putnam, der in jüngster Zeit versucht hat, in Anlehnung an Dewey Grundlinien einer pragmatistischen Ethik zu entwerfen192. 1. Der Dualismus von Fakten und Werten Seit David Humes Feststellung, dass sich aus einer „Ist“-Aussage keine „Sollen“- Aussage ableiten lässt193, war die Überzeugung, dass zwischen Fakten und Werten ein unüberwindbarer Graben klafft, zentral für weite Teile der abendländischen Moralphilosophie. Dies gilt für Kant ebenso wie für Max Weber und den Großteil der analytischen Philosophie, insbesondere den logischen Positivismus. Die Zementierung dieses Dualismus hatte weitreichende Folgen, insbesondere bedeutete sie, dass die Erkenntnis von Werten anderen Anforderungen genügen musste als die von Fakten. Die empirischen und experimentellen Methoden der Naturwissenschaften erschienen daher als unpassende Instrumente für die Beschäftigung mit Werten. Zunehmend galt bereits der Versuch, Werte zu begründen und zu rechtfertigen, als unwissenschaftlich. Die Ethik verlor zunehmend ihre Berechtigung als wissenschaftlich seriöse philosophische Teildisziplin und wurde dazu verurteilt, als nonkognitivistische Disziplin weiter zu existieren, deren Urteile einer Objektivität im 190 James (1907) S. 48. 191 „Experimental empiricism in the field of ideas of good and bad is demanded to meet the conditions of the present situation“, Dewey LW 4.206 (QfC); vgl. auch MW 12.174 (RiP). 192 Putnam (2002); ders. (2005). Eine pragmatistische Moralphilosophie findet sich daneben aber vor allem auch im Werk von G.H. Mead, dazu ausführlich Joas (1989) S. XXII ff.; 120 ff. 193 Hume (1739/40) S. 211 f. 73 wissenschaftlichen Sinn nicht fähig sein sollten194. Insbesondere für die Vertreter des logischen Positivismus waren ethische Probleme in einem wissenschaftlichen Sinne gar nicht wahrheitsfähig, weil sie es statt mit Tatsachen mit Werten zu tun hätten, die einer empirischen Verifizierung nicht zugänglich seien195. Dewey und die Pragmatisten hingegen waren der Überzeugung, dass gerade auch die Ethik von der Anwendung jener Methoden, die sich in der modernen Naturwissenschaft bewährt hatten, profitieren könne und dass sich auch ethische Fragen mit wissenschaftlicher Objektivität behandeln ließen. Um die Ethik als Teilbereich einer wissenschaftlich betriebenen Philosophie zu reetablieren, war es zunächst nötig, jenen Dualismus von Fakten und Werten zu überwinden, der die Grundlage dafür bildete, Fakten- und Werterkenntnis völlig unterschiedlich zu behandeln. Bereits die pragmatistischen Einsichten Deweys in die Natur der Erfahrung und des Prozesses der „Inquiry“ hatten ja ergeben, dass die strikte Trennung zwischen praktischer und theoretischer Vernunft nur die Folge jener fehlgeleiteten Ansicht war, die Erkenntnis als einen bloßen Abbildungsvorgang zu begreifen versuchte. Für den Pragmatismus hingegen war wissenschaftliches Forschen ohne einen Bezug zu experimentellem Handeln nicht denkbar und war deshalb auch nie ausschließlich theoretischer Natur, sondern beinhaltete immer zugleich auch eine praktische, handlungsbezogene Komponente. Das bedeutet, dass der Forschungsprozess stets angeleitet wird durch spezifische menschliche Zwecksetzungen196. Dementsprechend werden wissenschaftliche Ergebnisse gewonnen und interpretiert vor dem Hintergrund dieser Zwecksetzungen. Und bereits durch diese Zwecksetzungen kommen zwangsläufig Wertvorstellungen mit ins Spiel. So beinhaltet schon das Postulat, die Wissenschaft habe die Erforschung der Wahrheit zu betreiben, eine Wertaussage, nämlich darüber, dass die Wahrheit einen Wert verkörpert, nach dem die Wissenschaft streben soll. Auch die Methoden der Wissenschaft implizieren in vielfacher Weise Wertungen. So werden Forschungsergebnisse etwa danach beurteilt, ob sie “relevant” sind, Theorien z.B. danach ob sie “einfach” und damit vorzugswürdig gegenüber komplexeren Erklärungen sind. Dass es sich bei 194 Zu dieser Entwicklung vgl. Putnam (2002) S. 225 ff. 195 Vgl. z.B. Ayer (1970) S. 135 ff.; Reichenbach (1968) S. 309 ff.; Schlick (1994) S. 235 ff. 196 Vgl. Dewey MW 3,17 ff. (Logical Conditions of a Scientific Treatment of Morality, 1903): “First, every judgment is in its concrete reality an act of attention, and, like all attention, involves the functioning of an interest or end and the deploying of habits and impulsive tendencies (which ultimately involve motor adjustments) in the service of that interest. Hence it involves selection as regards both the object of attention and the standpoint and mode of "apperceiving" or interpreting. Change the interest or end, and the selected material (the subject of the judgment) changes, and the point of view from which it is regarded (and consequently the kind of predication) changes also.”. Dass diese Feststellung auch für die Naturwissenschaften Gültigkeit hat, wird aus folgender Stelle (MW 3.38) deutlich: “all determination of objects as objects (including the sciences which construct physical objects) has reference to change of experience, or experience as activity; and when this reference passes from abstraction to application (from negative to positive), has reference to conscious control of the nature of the change (i.e. conscious change), and thereby gets ethical significance.”. Vgl dazu auch Sleeper (1986) S. 173 ff. 74 den genannten Beispielen nicht um moralische, sondern gewissermaßen um epistemische Werte handelt, ändert nichts an der Tatsache, dass es sich dabei um Ausdrücke handelt, die etwas Erstrebenswertes und Vorzugswürdiges – eben Werte – beinhalten197. Aus dieser Perspektive kann es so etwas wie rein deskriptive Urteile, die völlig frei von jeglichen Wertungen wären, gar nicht geben, weil wir die Gegenstände der Forschung nie einfach nur beschreiben (das wäre ja dasselbe wie Abbilden), sondern im Erkenntnisprozess immer erst aktiv konstruieren. Eine strikte Dichotomie von Fakten und Wertungen kann schon aus diesem Grund nicht aufrecht erhalten werden. Wenn der Pragmatismus betont, dass auch die Erkenntnis von Fakten immer schon von Wertungen durchdrungen ist, so geht es dabei nicht darum, die Unterscheidung zwischen Fakten und Werten für gänzlich sinnlos zu erklären. Diese Differenzierung ist in vielerlei Hinsicht auch für den Pragmatisten nützlich und unentbehrlich. Der Pragmatismus beharrt lediglich darauf, diese Unterscheidung nicht zu einer unüberwindbaren ontologischen Differenz zu hypostasieren198, zu einem strikten Dualismus von Sein und Sollen, der beide Sphären ebenso rigoros voneinander trennen will, wie dies in der klassischen Erkenntnistheorie mit Theorie und Praxis geschah. Stimmt man dem Pragmatismus darin zu, dass der Forschungsprozess auch bei der Ermittlung objektiver Fakten an jeder Stelle von Wertungen durchdrungen ist und sich keineswegs auf die bloße Feststellung von Tatsachen beschränkt, so ist damit jedoch noch nicht die Möglichkeit wissenschaftlicher Objektivität im Hinblick auf moralische Urteile bewiesen. Stattdessen ließe sich auch der Schluss ziehen, dass, wenn naturwissenschaftliche Forschung untrennbar mit Wertungen verbunden ist, diese eben ihrerseits auch keinen Anspruch auf Objektivität erheben kann. Die pragmatistische Argumentation hätte dann nicht die Möglichkeit objektiver Urteile über moralische Fragen sondern die Unmöglichkeit objektiver Faktenbestimmung überhaupt erwiesen. Entscheidend ist somit, welches Verständnis von Objektivität zugrunde gelegt wird. Für den Pragmatismus setzt die Möglichkeit von Objektivität dabei lediglich voraus, dass wir zu Urteilen gelangen können, über die intersubjektive Einigkeit herstellbar ist. Es geht nicht um Wahrheit in einem absoluten Sinn, sondern wiederum um “warranted assertibility”. Richtige moralische Urteile müssen daher nicht in dem Sinne wahr sein, dass sie mit apriorisch notwendigen Prinzipien oder Normen übereinstimmen, sondern es reicht aus, wenn sie in der konkreten Situation gerechtfertigt behauptet werden können. Ob ein Urteil diesen Status der warranted assertibility für sich beanspruchen kann, hängt dabei davon ab, ob es ein bestimmtes Verfahren der Urteilsbildung durchlaufen hat. Die pragmatistische Moralphilosophie wie 197 Zur Rolle epistemischer Werte in der Wissenschaftstheorie Putnam (1982) S. 173 ff.; ders. (2002) S. 30 ff.; Kuhn (1977) S. 330 ff. 198 Putnam (2002) S. 9 ff.; Tamanaha (1997) S. 50 ff.; vgl. auch die Ausführungen Deweys zur Natur von Werten in LW 1.295 ff. (EaN). 75 Dewey sie entworfen hat, ist daher eine im Kern prozedurale Ethik, der es in erster Linie um den Reflexionsprozess geht, der mit moralischem Handeln verbunden ist. Dewey entwickelt sein Konzept einer prozeduralen Ethik dabei in Abgrenzung zu den beiden wichtigsten Denkrichtungen der modernen Moralphilosphie, der kantischen deontologischen Pflichtenlehre einerseits und dem Utilitarismus andererseits. 2. Die Kritik an der Kantischen Moralphilosophie und am Utilitarismus Ebenso wie die Philosophie der Erkenntnis befand sich auch die Moralphilosophie seiner Zeit für Dewey noch in einem gleichsam vormodernen Stadium, vergleichbar dem der Naturwissenschaften vor dem Durchbruch der experimentellen Methode. Dies galt aus seiner Sicht sowohl für die vor allem durch Kant geprägte Tradition einer deontologischen Pflichtenethik als auch für utilitaristische Auffassungen im Gefolge Jeremy Benthams. a) Deweys Kritik an der kantischen Moralphilosophie Immanuel Kants Moralphilosophie erhob den Anspruch, eine „Metaphysik der Sitten“ zu sein. Ihr erklärtes Ziel war es, die obersten Prinzipien moralischen Handels auszumachen. Für Kant konnten dies nur solche sein, die allein in reiner Vernunft begründet waren und daher apriorische Geltung für sich beanspruchen konnten. Von Erfahrungswissen und empirischer Anthropologie musste diese Metaphysik der Sitten rein gehalten werden, da diese immer nur ein Wissen a posteriori und nicht a priori verbürgen konnten199. Für Dewey und den Pragmatismus war es aber gerade diese Unabhängigkeit von jeglicher Empirie, die Kants Auffassung wissenschaftlich unhaltbar machte. Die Suche nach apriorisch gültigen obersten Prinzipien der Sittlichkeit war nichts anderes als ein weiteres Kapitel jenes aussichtslosen Unterfangens, das Dewey als „Die Suche nach Gewissheit“ kritisiert hatte. Das Streben nach absoluter apriorischer Gewissheit war für ihn auch auf dem Gebiet der Ethik eine Illusion, und diejenigen, die vorgeben, sie zu besitzen, versuchten für Dewey lediglich, ihre bestehenden moralischen Vorurteile als vernunftnotwendige Prämissen auszugeben, um sie auf diese Weise gegen Kritik und Falsifizierung zu immunisieren200. Ebenso wie im Bereich der Naturwissenschaften war für Dewey auch auf dem Gebiet der Moral apriorisches Wissen unmöglich, weil auch moralische Prinzipien nicht einer reinen Vernunft entsprangen, sondern eine Basis in der kontingenten und sich stetig wandelnden empiri- 199 Vgl. Kant AA IV, 389f.; ebd. 411: „... daß alle sittlichen Begriffe völlig a priori in der Vernunft ihren Sitz und Ursprung haben und ... daß sie von keinem empirischen und darum bloß zufälligen Erkenntnisse abstrahiert werden können; daß in dieser Reinigkeit ihres Ursprungs eben ihre Würde liege“ 200 Vgl. Dewey MW 12.173 f. (RiP); LW 4.211 f. (QfC).

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Zusammenfassung

Der klassische Pragmatismus steht für einen amerikanischen Sonderweg in die philosophische Moderne. Auch die Entwicklung des amerikanischen Rechtsdenkens wurde durch den Pragmatismus von C.S. Peirce und John Dewey bis heute maßgeblich geprägt. Strömungen wie der "Legal Realism" oder die "Economic Analysis of Law" wären ohne das gedankliche Fundament der pragmatistischen Philosophie nicht denkbar.

Das Buch zeichnet den Einfluss des Pragmatismus auf die amerikanische Rechtstheorie über einen Zeitraum von 150 Jahren von Oliver Wendell Holmes" "The Common Law" bis zum modernen "Legal Pragmatism" eines Richard Posner nach. Der Verfasser veranschaulicht zudem den engen Zusammenhang, der zwischen der pragmatistischen Rechtstheorie und einem deliberativen Demokratieverständnis besteht. Für die Frage, wie das Spannungsverhältnis zwischen dem Willen des demokratischen Gesetzgebers und der Autonomie des Rechtssystems aufzulösen ist, kann der Pragmatismus neue Perspektiven liefern. Deshalb ist es lohnend, sich auch auf dem alten Kontinent mit ihm auseinanderzusetzen.