Content

Peter Kasiske, Wahrheit, Verifkation und „Warranted assertibility“ in:

Peter Kasiske

Rechts- und Demokratietheorie im amerikanischen Pragmatismus, page 64 - 68

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4153-6, ISBN online: 978-3-8452-1330-9 https://doi.org/10.5771/9783845213309

Series: Studien zur Rechtsphilosophie und Rechtstheorie, vol. 52

Bibliographic information
64 IV. Der pragmatistische Wahrheitsbegriff Die veränderten Auffassungen von der Natur der Erfahrung und von der Funktion des Forschungsprozesses machten es für die Pragmatisten auch notwendig, das Wahrheitsproblem neu zu durchdenken. Die daraus resultierende pragmatistische Auffassung von Wahrheit gehört zu den bekanntesten aber auch umstrittensten Elementen des Pragmatismus. Nichts trug mehr dazu bei, dem Pragmatismus das Etikett einer reinen „Nützlichkeitsphilosophie“ einzutragen, als William James ebenso prägnante wie irreführende Formulierung vom „Barwert der Wahrheit“161. Um dem pragmatistischen Wahrheitsbegriff gerecht zu werden, ist es indes erforderlich, über plakative Kurzformeln wie die von James hinaus in den Blick zu bekommen, welches Anliegen die Pragmatisten mit ihren Ausführungen zum Thema Wahrheit verfolgten. 1. Wahrheit, Verifkation und „Warranted assertibility“ James ebenso wie Dewey erhoben nicht den Anspruch, eine völlig neue Theorie der Wahrheit zu begründen. Ihnen ging es lediglich darum, den Sinn des Begriffs Wahrheit als „Übereinstimmung von Wirklichkeit und Vorstellung“ neu zu klären. Im Prinzip befanden sie sich also durchaus auf dem Boden jener klassische „Korrespondenztheorie“ der Wahrheit, wie sie schon bei Thomas von Aquin als „adaequatio rei et intellectus“ in klassischer Weise formuliert worden war162. Bei Thomas ebenso wie bei vielen späteren Philosophen lag dieser Korrespondenztheorie aber eine repräsentationalistische Zuschauertheorie des Erkennens zugrunde, wonach der Gegenstand der Erkenntnis im Bewusstsein des erkennenden Subjekts lediglich abgebildet wurde. Da die Verabschiedung genau dieser Zuschauertheorie der Erkenntnis den epistemologischen Kern des Pragmatismus ausmacht, war es nur folgerichtig, dass dieser auch die Bedeutung des Wahrheitsbegriffs im pragmatistischen Sinn neu zu bestimmen versuchte. a) William James: Wahrheit als Verifikation Da sich gemäß der pragmatischen Maxime die Bedeutung eines Begriffs nur anhand seiner möglichen praktischen Auswirkungen bestimmen lässt, muss auch für den Begriff der Wahrheit die Fragestellung lauten, welche faktischen Konsequenzen die Behauptung, dies oder jenes sei wahr, mit sich bringt. Für William James bestehen diese Konsequenzen darin, dass die Behauptung verifiziert werden kann: „Wahre Vorstellungen sind solche, die wir uns aneignen, die wir geltend machen, in Kraft 161 James (1907) S. 125. 162 Vgl. Summa Theologiae I Q 21 2 c. 65 setzen und verifizieren können. Falsche Vorstellungen sind solche, bei denen dies alles nicht möglich ist. Das ist der praktische Unterschied, den es für uns ausmacht, ob wir wahre Ideen haben oder nicht.“163. Auch hier zeigt sich wieder, wie stark der Pragmatismus durch die experimentelle Methode der Naturwissenschaften geprägt wurde. Denn das Paradebeispiel für das von James beschriebene In-Kraft-Setzen und Verifizieren besteht in der Durchführung eines Experiments164. Anders als die traditionelle, einer Zuschauertheorie der Erkenntnis verhaftete Philosophie fasste der Pragmatismus somit Wahrheit nicht mehr als eine statische Beziehung zwischen Aussagen und ihren Gegenständen auf, sondern als etwas, was durch den Vorgang der Verifikation erst im Wege der Interaktion von Forscher und Umwelt konstituiert wird: „Die Vorstellung wird wahr, wird durch Ereignisse wahr gemacht. Ihre Wahrheit ist tatsächlich ein Geschehen, ein Vorgang, und zwar der Vorgang ihrer Selbstbewahrheitung, ihrer Verifikation.“165. Die Auffassung, dass Wahrheit gleichzusetzen ist mit Verifikation, teilt der Pragmatismus mit dem logischen Positivismus. Dessen empiristisches Sinnkriterium stellte ja gleichfalls darauf ab, dass wahre Sätze empirisch verifizierbar sein müssten, um sinnvoll zu sein. So heißt es beim frühen Wittgenstein in seinem "Tractatus" ganz ähnlich wie bei James „Der Sinn eines Satzes ist seine Verifikation“166. Allerdings unterscheiden sich Pragmatismus und logischer Positivismus ganz entscheidend in dem, was sie unter Verifikation verstehen. Der logische Positivismus verfolgte ein reduktionistisches Programm: Empirische Verifikation bestand für ihn darin, dass sich Aussagen letztlich auf so genannte Protokollsätze zurückführen lassen sollen, die lediglich unmittelbare Sinneseindrücke protokollieren167. Diese Protokollsätze bedürfen keiner Rechtfertigung, weil sie unmittelbar evident wahre Sachverhalte repräsentieren. Das Konzept der Protokollsätze ist also untrennbar verbunden mit einer repräsentationalistischen Abbildungstheorie der Erkenntnis, wie sie der Pragmatismus gerade ablehnt. Verifikation im pragmatistischen Sinn bedeutet nicht Reduktion auf Protokollsätze, sondern praktische experimentelle Bewährung. Eine Aussage ist dann wahr, wenn sich ein Experiment angeben und praktisch durchführen lässt, dass die Aussage bestätigt. Der Verifikationsbegriff des Pragmatismus ist somit wesentlich weiter gefasst als der des logischen Positivismus. Er sieht sich daher auch nicht dem Vorwurf ausgesetzt, den Bereich sinnvoller Aussagen über Gebühr einzuschränken. In pragmatistischem Sinne verifizierbar sind sowohl Allaussagen wie etwa Naturgesetze, ebenso wie Aussagen über Religion und Moral. Für den logischen Positivismus sind hingegen Erstere deswegen nicht verifizierbar, weil sie eine Vielzahl von Anwendungsfällen haben, die sich unmöglich alle 163 James (1907) S. 125 f. Vgl. auch Dewey MW 12.169 (RiP). 164 Vgl. auch Dewey MW 6.31 (The Problem of Truth). 165 James (1907) S. 126. 166 Wittgenstein (1984) S. 47. 167 Carnap (1932) S. 437; Neurath (1932) S. 204 ff. 66 überprüfen lassen168. Letztere hingegen lassen sich nicht ohne weiteres auf Protokollsätze zurückführen. Demgegenüber sind für den Pragmatismus auch Allaussagen ohne weiteres verifizierbar. Dies deshalb, weil die mit praktischer Bewährung verbundene Verifikation im Pragmatismus nie eine endgültige ist, sondern ohnehin immer nur vorläufigen Status hat. Für den Pragmatisten ist es selbstverständlich, dass die Ergebnisse des Forschungsprozesses nicht den Status notwendiger Gewissheiten haben, sondern immer unter dem Vorbehalt ihrer möglichen zukünftigen Falsifikation stehen. Ebenso sind auch moralische Urteile für den Pragmatisten nur besondere Anwendungsfälle einer einheitlichen wissenschaftlichen Forschungsmethode, so dass auch diese Urteile für ihn ohne weiteres wahrheitsfähig sind169. Auch das Argument, das empiristische Sinnkriterium sei selbst sinnlos, da es sich nicht anhand empirischer Beobachtungssätze verifizieren lasse, greift gegenüber dem pragmatistischen Verifikationsverständnis nicht ein. Denn das Erfordernis der praktischen Bewährung bewährt sich selbst kontinuierlich durch die Fortschritte der experimentellen Wissenschaften, die zu einer praktischen Verbesserung an die faktischen Umwelterfordernisse führen. Gerade in seinem Wahrheitsbegriff zeigt sich so das zentrale Merkmal der pragmatistischen Philosophie, Theorie und Praxis nicht als einander entgegen gesetzte Sphären, sondern als einander wechselseitig durchdringend zu betrachten. Der Sinn der Behauptung, diese oder jene Aussage sei wahr, besteht dann eben nicht in der theoretisch gedachten Übereinstimmung zwischen einer Aussage und einer als beobachterunabhängig gedachten objektiven Realität, sondern darin, dass sich die Aussage als Prognose eines bestimmten Ergebnisses deuten lässt, das durch experimentelles Handeln herbeigeführt werden kann. Es ist dieser Zusammenhang zwischen Wahrheitsbehauptung und praktischem Handeln, der James dazu veranlasste, zu sagen, dass die „Wahrheit eine Art des Guten“ sei170. Diese pointierte Formulierung führte allerdings zu Missverständnissen, insbesondere als James vom „Barwert der Wahrheit, wenn wir sie in Erfahrungsmünze umrechnen.“ sprach171. Vor allem in Europa wurde der pragmatistische Wahrheitsbegriff daraufhin so interpretiert, dass er alles für wahr erkläre, was in irgendeiner Form nützlich erscheine. Bertrand Russel mokierte sich, mit dem Pragmatismus lasse sich auch die Existenz des Weihnachtsmannes beweisen, soweit die Hypothese seiner Existenz im weitesten Sinne als befriedigend empfunden wird172. Eine derartige Interpretation wird dem pragmatistischen Wahrheitsbegriff freilich nicht gerecht. Denn es geht ihm gerade nicht darum, jede Vorstellung für wahr zu erklären, die sich in einem konkreten Moment als nützlich erweisen mag, sondern darum, den Sinn der Behauptung „die Vorstellung x ist wahr“ dahingehend zu klä- 168 Dazu Popper (1989) S. 14 f. 169 Dazu unten S. 72 f. 170 James (1907) S. 48. 171 James (1907) S. 125. 172 Russell (1950) S. 826; ders. (1971) S. 76 ff.; Popper (1984) S. 324; ganz ähnlich auch Davidson (2000) S. 66 f. 67 ren, dass diese Behauptung zumindest denkbarerweise experimentell oder in anderer praktischer Form verifizierbar sein muss. Dass diese experimentelle Bewährung im Einzelfall auch einen konkreten Nutzen nach sich ziehen kann, mag eine erfreuliche Nebenwirkung sein, ist jedoch gerade nicht der Kern des pragmatistischen Wahrheitsbegriffs. Dewey stellt dies klar, wenn er – in Abgrenzung zu subjektivistischen Tendenzen bei James – auf der objektiven Komponente des pragmatistischen Wahrheitsbegriffs beharrt: „Too often, for example, when truth has been thought of as satisfaction, it has been thought of as merely emotional satisfaction, a private comfort, a meeting of purely personal need. But the satisfaction in question means a satisfaction of the needs and conditions of the problem out of which the idea, the purpose and method of action, arises. It includes public and objective conditions. It is not to be manipulated by whim or personal idiosyncrasy.“173. b) John Dewey: "Warranted assertability" statt absoluter Wahrheit Anders als James hat Dewey es stets zu vermeiden versucht, durch allzu zugespitzte Formulierungen den Eindruck zu erwecken, der Pragmatismus identifiziere Wahrheit mit bloßer Nützlichkeit. In „Logic: A Theory of Inquiry“ versucht er sogar, den Begriff Wahrheit nach Möglichkeit ganz zu vermeiden. Wenn es ihm darum geht, einen Maßstab anzugeben, an dem die Ergebnisse des Forschungsprozesses gemessen werden können, spricht er stattdessen von „warranted assertibility“, von „rechtfertigbarer Behauptbarkeit“174. Ziel der Forschung ist also nicht mehr die Formulierung von Aussagen, die im Sinne eines Korrespondenzverhältnisses Sachverhalte zutreffend abbilden, sondern die Bildung von Überzeugungen („beliefs“), die deshalb gerechtfertigt sind, weil sie bislang durch die experimentelle Praxis bestätigt worden sind. Dem Pragmatismus geht es nicht um wahre Aussagen, sondern um wahre Überzeugungen i.S.v. Dispositionen zu (experimentellen) Handlungen, die einen empirisch messbaren Erfolg nach sich ziehen. Aussagen – nach der Korrespondenztheorie die eigentlichen Träger von Wahrheit – sind danach nur Instrumente, um zu bestimmten Überzeugungen zu gelangen. Und erst diese immer auf Handlungen bezogenen Überzeugungen sind es, die für den Pragmatisten wahrheitsfähig sind175. Wie bei James tritt allerdings auch bei Dewey ein Element in den Hintergrund, dass für Peirce noch ganz zentral gewesen war: Der Gedanke nämlich, dass ein ins Unendliche verlängerter Forschungsprozess zwangsläufig zu einem finalen Konsens führt, der dann ein vollständiges Bild des Realen als des auf lange Sicht Erkennbaren enthält. Dieses Konzept einer objektiven, von individuellen subjektiven Vorstellungen unabhängigen, gleichwohl aber jedenfalls „in the long run“ erkennbaren Realität war für ihn die grundlegende Voraussetzung dafür, Forschung überhaupt sinn- 173 Dewey MW 12.170 (RiP). 174 Dewey LW 12.16 f. (Log). 175 Vgl. Dewey LW 14.175 f. (Propositions, Warranted Assertibility and Truth) 68 voll betreiben zu können. „Wahr“ war für Peirce daher diejenige Meinung, “die vom Schicksal dazu bestimmt ist, dass ihr letztlich jeder der Forschenden zustimmt.”176. Dewey bekennt sich zwar noch in einer Fußnote zu dieser Vorstellung177, doch spielt bei ihm eine derartige die konkrete Forschungssituation transzendierende Teleologie des Forschungsprozesses im Grunde genommen keine Rolle mehr. Und William James verabschiedet den Gedanken an eine einzige objektive realität als Gegenstand der Forschung sogar ausdrücklich und propagiert einen Perspektivismus, ein “Pluriversum“ einander durchdringender jeweils in gleichem Maße „realer“ Realitätssphären178. 2. Das Verhältnis von Wahrheit und Rechtfertigung Für James und Dewey ist der Begriff der Wahrheit daher in erster Linie mit der Bewährung von Überzeugungen in konkreten Forschungssituationen verknüpft. Zwar nehmen beide für sich in Anspruch eine – wenn auch in einem operationalen Sinne verstandene – Korrespondenztheorie der Wahrheit zu vertreten179, doch fehlt dem pragmatistischen Wahrheitsbegriff, wie er von James und Dewey propagiert wird, jene Dimension eines absoluten Geltungsanspruchs, den er in der klassischen Korrespondenztheorie innehat. Mit “X ist wahr” ist nämlich regelmäßig mehr gemeint, als dass sich eine Überzeugung X gerechtfertigter Weise behaupten bzw. experimentell bestätigen lässt. Wahrheit wird stattdessen gemeinhin als eine “unverlierbare” Eigenschaft von Aussagen verstanden, die über den pragmatistischen Falsifikationsvorbehalt hinaus weist180. Damit liegt die eigentliche Problematik des pragmatistischen Wahrheitsbegriffes weniger darin, dass er Wahrheit auf Nützlichkeit reduziert. Problematisch ist vielmehr, dass er den absoluten Geltungsanspruch des Wahrheitsbegriffes preiszugeben scheint, wenn er ihn auf „warranted assertibilities“ reduziert und so nicht auf Korrespondenz mit einer objektiven Realität sondern eher auf die Kohärenz mit anderen akzeptierten Sätzen innerhalb eines existierenden Begründungsgefüges abstellt. Damit aber würde der absolute Geltungsanspruch des Wahrheitsbegriffs zugunsten einer begrenzten Geltung innerhalb eines bestimmten Kontextes reduziert. William James Formulierung „Wahr heißt alles, was sich auf dem Gebiet der intellektuellen Überzeugung aus bestimmt angebbaren Gründen als gut erweist“181 legt eine solche kohärenztheoretische Interpretation des pragmatistischen Wahrheitsbegriffs nahe. Und auch der Neopragmatist Richard Rorty vertritt ganz explizit eine solche Positi- 176 Peirce (1967) S. 349 / CP 5.407; vgl. oben S. 29 f. 177 Dewey LW 12.343 Fn. 6; vgl. auch ebd. 12.464 f. 178 James (1909) S. 126 f. 179 Vgl. Dewey LW 14.179 (Propositions, Warranted Assertibility and Truth); James (1907) S. 124. 180 Vgl. dazu Habermas (1999) S. 247 ff. 181 James (1907) S. 48.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Der klassische Pragmatismus steht für einen amerikanischen Sonderweg in die philosophische Moderne. Auch die Entwicklung des amerikanischen Rechtsdenkens wurde durch den Pragmatismus von C.S. Peirce und John Dewey bis heute maßgeblich geprägt. Strömungen wie der "Legal Realism" oder die "Economic Analysis of Law" wären ohne das gedankliche Fundament der pragmatistischen Philosophie nicht denkbar.

Das Buch zeichnet den Einfluss des Pragmatismus auf die amerikanische Rechtstheorie über einen Zeitraum von 150 Jahren von Oliver Wendell Holmes" "The Common Law" bis zum modernen "Legal Pragmatism" eines Richard Posner nach. Der Verfasser veranschaulicht zudem den engen Zusammenhang, der zwischen der pragmatistischen Rechtstheorie und einem deliberativen Demokratieverständnis besteht. Für die Frage, wie das Spannungsverhältnis zwischen dem Willen des demokratischen Gesetzgebers und der Autonomie des Rechtssystems aufzulösen ist, kann der Pragmatismus neue Perspektiven liefern. Deshalb ist es lohnend, sich auch auf dem alten Kontinent mit ihm auseinanderzusetzen.