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Peter Kasiske, Das evolutionäre Verständnis von Wissenschaft in:

Peter Kasiske

Rechts- und Demokratietheorie im amerikanischen Pragmatismus, page 58 - 64

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4153-6, ISBN online: 978-3-8452-1330-9 https://doi.org/10.5771/9783845213309

Series: Studien zur Rechtsphilosophie und Rechtstheorie, vol. 52

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58 Dewey meint, dass auch die Begriffe der reinen Logik und Mathematik sich in operationaler Weise fassen lassen. Auch ihre Bedeutung erschließt sich dann durch die Operationen, für die sie stehen. Dazu muss man sich allerdings vergegenwärtigen, dass Logik und reine Mathematik mit Operationen zu tun haben, die an Symbolen vollzogen werden. Symbole schaffen für Dewey die Möglichkeit „zu handeln, ohne zu handeln“, d.h. indem sie für mögliche tatsächliche Operationen stehen, erlauben sie es, sozusagen virtuell zu experimentieren140. Symbole sind daher ursprünglich auf reale Operationen in der empirischen Welt bezogen. Da aber Symbole auch von Operationen gebildet werden können, die ihrerseits wiederum nur an Symbolen vollzogen werden, besteht die Möglichkeit, Systeme von Symbolen bzw. Begriffen zu konstruieren, die ihrerseits nur auf andere Symbole bezogen sind, so wie dies in den Systemen der formalen Logik oder der reinen Mathematik der Fall ist141. Somit repräsentieren auch die Begriffe der Logik und Mathematik letztlich nur mögliche Operationen. Auch ihre Gültigkeit ist folglich keine absolute, sondern nur solange gewährleistet, wie die Operationen für die sie stehen, sich in der Realität bewähren. Sie repräsentieren „conditions which have been ascertained during the conduct of continued inquiry to be involved in its own successful pursuit"142. Logische und mathematische Gesetze stehen damit jedenfalls prinzipiell ebenso unter dem Vorbehalt ihrer Falsifizierung wie andere Erfahrungssätze auch. Sie repräsentieren eben nicht mehr eine apriorisch erkennbare rationale Tiefenstruktur der Wirklichkeit, sondern lediglich in der Vergangenheit im Forschungsprozess erfolgreiche Werkzeuge. So ist für Dewey die Existenz von Zahlen nicht dadurch zu erklären, dass unserer Welt eine mathematische Ordnung zugrunde liegt, sondern dadurch, dass sich der Akt des Zählens irgendwann als nützlich für die Befriedigung bestimmter Bedürfnisse erwiesen hat. Die Bildung von Zahlen resultiert aus der Abstraktion von dieser ursprünglichen Erfahrung, weil sich das Konzept der Zahl dann auch in anderen Kontexten als nützliches Werkzeug erwiesen hat143. 4. Das evolutionäre Verständnis von Wissenschaft Wie schon bei Peirce liegt auch bei Dewey das wichtigste Merkmal seiner Erkenntnistheorie darin, dass sie Erkenntnis nicht als Abbildung eines bereits vorgegebenen Gegenstandes begreift. Der Gegenstand der Erkenntnis ist nicht deren Ursache, sondern vielmehr ihr Resultat: 140 Dewey LW 4.120 (QfC); LW 12.22 (Log). 141 Dewey LW 4.123; LW 12.22 f. (Log). 142 Dewey LW 12.19 (Log). 143 Dewey LW 4.124 ff. (QfC); LW 12.391 ff. (Log). Vgl. dazu auch Sleeper (1986) S. 59 ff. 59 „If we see that knowing is not the act of an outside spectator but of a participator inside the natural and social scene, then the true object of knowledge resides in the consequences of directed action.“144. a) Evolutionistische Erkenntnistheorie Unschwer ist in Deweys Beschreibung des Forschungsprozesses eine verfeinerte Variante jenes „Belief-Doubt-Belief“-Schemas zu erkennen, das auch Peirce dem Vorgang der Überzeugungsbildung zugrunde legte und das er seinerseits von Bain übernommen hatte. Schon bei Peirce trug das das “Belief-Doubt-Belief”-Schema dabei evolutionistische Züge145. Auch Dewey bedient sich für seine Theorie der Forschung häufig einer an Darwin angelehnten evolutionistischen Perspektive. So beruft Dewey sich explizit auf die Evolutionstheorie, wenn er den Forschungsvorgang als einen Prozess der Anpassung eines Organismus an seine Umwelt beschreibt146. Bereits in einem früheren Aufsatz hatte Dewey die herausragende Bedeutung von Darwins Evolutionslehre für die Philosophie betont147. Dabei sah Dewey Darwins entscheidende Leistung nicht darin, die biblische Schöpfungstheorie verdrängt zu haben, sondern darin, die wissenschaftliche Revolution dadurch vollendet zu haben, dass er das Wesen der Natur in der stetigen Veränderung ihrer Geschöpfe infolge von Anpassungen an Umwelterfordernisse erkannte und damit die Vorstellung beseitigte, es gebe eine feste, unwandelbare Form, einen vorherbestimmten Zweck, auf die die Veränderungen in der Natur zwangsläufig hinauslaufen müssen148. Das von der Evolutionstheorie vorgegebene Modell der Anpassung von Organismen an Umweltanforderungen eröffnete Dewey die Möglichkeit, den Erkenntnisvorgang in naturalistischer Weise als einen Anpassungsprozess zu rekonstruieren, ohne auf das Abbildungsschema der klassischen Philosophie zurückgreifen und sich den damit verbundenen Problemen der Vermittlung zwischen den Dichotomien von Theorie und Praxis, Subjekt und Objekt stellen zu müssen. Eine derartige „evolutionistische Erkenntnistheorie“ war bereits bei Peirce in dessen Untersuchungen zur Überzeugungsbildung angelegt. Bei Peirce stand sie indes vorrangig in Diensten seiner Rehabilitierung des Realismus: Die „brute facts“ der Außenwelt, die die evolutionäre Anpassung erzwingen, sind zugleich die Gewährleistung dafür, dass sich sinnvoll von einer objektiven Realität sprechen lässt. Die Bedeutung der pragmatischen Maxime bestand für ihn dementsprechend vor allem darin, diesen Bezug zwischen begrifflichem Denken und den objektiv wahrnehmbaren Fakten der Außenwelt zu verdeutlichen. 144 Dewey LW 4.157 (QfC). Vgl. auch LW 12.15 (Log): “Erkenntnis ist das Produkt kompetenter Forschungen.” 145 Vgl. oben S. 22 f. 146 Dewey LW 12.30 ff. 147 Dewey MW 4,3 ff. (The Influence of Darwinism on Philosophy). 148 Ebd. MW 4.8 ff.; siehe auch LW 12.96 f. (Log). 60 Bei Dewey gewinnt der evolutionistische Aspekt demgegenüber noch weiter an Bedeutung. Ihn interessierte am Forschungsprozess weniger, dass dadurch der Realismus zeitgemäß rehabilitiert werden konnte, als der Umstand, dass sich daraus ein allgemeines Modell experimentellen Handelns ableiten ließ, in dem der Dualismus von Theorie und Praxis aufgehoben war. Dewey ging es in erster Linie um eine Naturalisierung des Erfahrungs- und Erkenntnisbegriffs als einer spezifischen Form von Umweltanpassung. Demgemäß betonte Dewey auch viel stärker den instrumentellen Charakter der Logik, er sah in deren Regeln lediglich ein – wenn auch äußerst wichtiges - Instrument, konkrete Forschungsprobleme mittels symbolischer Operationen zu lösen. Dewey sah die Logik anders als Peirce nicht als „normative Wissenschaft“, die dem Forschungsprozess vorgelagert war, sondern als ein Instrument, das selbst aus dem Forschungsprozess hervorgegangen war. Peirce war diese Ansicht, die die Logik zu einem Teil der Evolution des menschlichen Denkens machte, zutiefst suspekt und sie vor allem dürfte die Ursache dafür gewesen sein, weshalb er sich vom Pragmatismus, wie Dewey und James ihn verstanden, distanzierte, und seine eigene Position stattdessen in Pragmatizismus umbenannte149. b) Selbstverständnis der Naturwissenschaften und Instrumentalismus Nach Deweys Ansicht geht es bei wissenschaftlicher Forschung nicht darum, endgültige Erkenntnisse und absolute Wahrheiten zu gewinnen, das war das Projekt der „Suche nach Gewissheit“, sondern darum, konkrete Fragen praktisch zu lösen, bzw. in der naturalistisch—evolutionistischen Lesart Deweys um Prozesse der Anpassung des Menschen an seine Umwelt: „The object of science is primarily to give intellectual control – that is, ability to interpret phenomena – and secondarily, practical control – that is, ability to secure desirable and avoid undesirable future experiences.“150. Das wirft freilich die Frage auf, ob sich Deweys Begriff vom Zweck der Wissenschaft mit deren eigenem Selbstverständnis deckt. Jedenfalls für die Zeit vor dem 20. Jahrhundert lässt sich das mit guten Gründen bezweifeln. Galilei, Newton und die übrigen Naturwissenschaftler von der Renaissance bis hinein ins 20. Jahrhundert sahen den Sinn ihrer Tätigkeit durchaus darin, zu unumstößlichen Wahrheiten über die Natur und das Universum zu gelangen und sie hätten wohl auch darauf bestanden, dass ihre Theorien und Beschreibungen von Naturphänomen diese so abbilden, wie sie objektiv existieren, unabhängig davon, ob sie gerade Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung sind oder nicht. Dabei wurde das Experiment als das 149 Dazu bereits oben S. 43 f.. Vgl. dazu auch den Brief von Peirce an Dewey vom 9. Juni 1904 (CP 8.239 f.), in dem er Dewey vorwirft, im Hinblick auf die Logik der “Ausschweifung lockeren Denkens” verfallen zu sein. Dazu ausführlich auch Sleeper (1986) S. 44 ff.; Hickman (1986) S. 178 ff.; Nagl (1998) S. 58 ff.; weniger die Differenzen als vielmehr die Gemeinsamkeiten von Peirce und Dewey betonend dagegen Colapietro (2002) S. 43 ff. 150 Dewey MW 2.19 (The Evolutionary Method as applied to Morality). 61 Medium gesehen, durch das sich die Wahrheit über die Natur als Teil der göttlichen Wahrheit offenbarte und denselben absoluten Grad an Gewissheit beanspruchen durfte wie jene151. Das bedeutet, dass auch die moderne Naturwissenschaft im wesentlichen noch in der Tradition des klassischen Empirismus einer Abbildungstheorie der Erkenntnis folgte, bei der der Gegenstand der Untersuchung durch die Untersuchung nicht seinem Wesen nach verändert wird, auch wenn die experimentelle Forschungsmethode regelmäßig eine Interaktion des Forschers mit seinem Untersuchungsgegenstand zur Folge hat. Auch für Peirce bestand der Sinn wissenschaftlicher Betätigung im Ergebnis darin, „die Dinge so zu erkennen wie sie wirklich sind“, d.h. so wie sie unabhängig davon existieren, was jemand über sie denkt152. Liegt also nicht ein grundsätzliches Missverständnis vor, wenn Dewey Forschung als einen Vorgang der Wechselwirkung beschreibt, bei dem Forscher und Forschungsgegenstand einander gegenseitig beeinflussen und der Forschungsprozess so zwangsläufig in beiden Veränderungen herbeiführt? Dewey ist sich durchaus bewusst, dass sein Forschungsverständnis noch im 19. Jahrhundert wohl eher Kopfschütteln hervorgerufen haben dürfte. Er ist allerdings der Auffassung dass auch die Naturwissenschaften sich erst im 20. Jahrhundert der vollen Tragweite der bereits 500 Jahre zuvor eingeleiteten Revolution ihrer Methoden bewusst geworden sind. In seinem Aufsatz "An Empirical Survey of Empiricism" unterscheidet Dewey zwischen drei Phasen des Empirismus153. Die erste Phase steht dabei für das antike Verständnis von Erfahrung, bei dem dieses eng verknüpft war mit den Bräuchen, durch die das Wissen um - nach griechischem Verständnis niedere – handwerkliche Tätigkeiten weiter gegeben wurde, wobei Erfahrung und Wissenschaft einander ausschließende Begriffe waren. In der zweiten Phase, die mit der Entstehung der Naturwissenschaften in der Neuzeit beginnt und im Empirismus von Locke und Newton zu einem wissenschaftstheoretischen Programm ausformuliert wird, bildet Erfahrung als sinnliche Wahrnehmung zwar einen Bestandteil der Wissenschaft, aber sie dient noch dazu, Naturgesetze und Qualitäten offen zu legen, die beobachterunabhängig existieren. Dewey sieht darin noch einen Restbestand des alten Glaubens an eine höhere, unveränderliche Seinssphäre, die hinter den singulären Erscheinungen der empirischen Welt verborgen liegen soll. Erst im 20. Jahrhundert nahm die Naturwissenschaft jedoch mit der allgemeinen Relativitätstheorie und vor allem mit der Entdeckung der Quantenmechanik eine Wendung, die eine dritte Phase des Empirismus einleitete und in der Dewey sein Konzept von Forschung als einem aktiven Gestaltungsvorgang bestätigt sieht. Die Ergebnisse dieser neuen Forschungsrichtungen, wie z.B. die Relativität von Zeit und Raum in Bezug auf verschiedene Beobachter, die Dualität von Welle und Teilchen oder die Heisenberg’sche Unschärferelation stellen nämlich genau jenes Bild einer beobachterunabhängigen Realität in Frage, das der Abbildungstheorie der Erkennt- 151 Vgl. van den Daele (1977) S. 151 f. 152 Peirce CP 5.407 f. 153 LW.11.69 ff.; vgl. zur Entwicklung des experimentellen Denkens in den Naturwissenschaften auch Dewey LW 4.76 ff. (QfC). 62 nis und damit dem traditionellen Verständnis von objektiver Wissenschaft zugrunde liegt154. Stattdessen legen sie die Interpretation nahe, dass der Vorgang der Beobachtung und Messung immer eine Veränderung des Untersuchungsgegenstands bewirkt und Forschungsresultate somit nicht als das Ergebnis einer objektiven Beobachtung sondern einer gezielten Konstruktion von Wirklichkeit sind155. Dewey hat diese Entwicklungen sorgfältig registriert und auch in seinen Arbeiten auf sie Bezug genommen156. Sie stimmen mit seinem Konzept einer Forschung, die nicht mehr auf objektive Beobachtung und Abbildung sondern auf eine Transformation des Untersuchungsgegenstandes gerichtet ist, durchaus überein. Allerdings bleibt zu bemerken, dass die Aussagen von Quantenmechanik und Relativitätstheorie nicht notwendigerweise in einem solchen Sinne interpretiert werden müssen. Es finden sich vielmehr auch Deutungsversuche, die am Konzept einer beobachterunabhängigen, gleichwohl wissenschaftlich erkennbaren, objektiven Realität festhalten wollen157. Dewey ist sich auch durchaus bewusst, dass die Mehrheit der Wissenschaftler noch an einem repräsentationalistischen Verständnis von Forschung festhält. Allerdings glaubt er, dass sie damit ihrer eigenen wissenschaftlichen Praxis widersprechen: „analysis of what they [the scientists] do as distinct from what they say yields a very different result“158. Dewey erhebt so den Anspruch, die Naturwissenschaftler mittels der pragmatistischen Philosophie über das Wesen von deren eigener Forschungstätigkeit aufzuklären. Eine Haltung, die in bemerkenswertem Widerspruch steht zu seiner sonst so häufig betonten Bescheidenheit, wonach die Philosophie nicht über den exklusiven Königsweg zur Weisheit gebiete. Dewey hat für seine Philosophie die Bezeichnung „Pragmatismus“ gerne vermieden, zu umstritten waren ihm dessen Konnotationen159. Er bevorzugte stattdessen über lange Zeit die Bezeichung „Instrumentalismus“. Darin sollte vor allem zum Ausdruck kommen, dass Erkennen und Forschen nie rein kontemplative Vorgänge waren, sondern immer einen zweckgerichteten, experimentellen Eingriff in den Un- 154 Gerade die Quantentheorie liefert ein Musterbeispiel für den Paradigmenwechsel, den Peirce beschrieben hatte, als er von der Ersetzung der “Apriori-Method” durch die “Method of Science” sprach. Während erstere das für wahr erklärte, was “der Vernunft genehm” erschien, erklärte letztere die praktische experimentelle Bewährung zum entscheidenden Kriterium. Die Aussagen der Quantentheorie müssen dem gesunden Menschenverstand geradezu paradox erscheinen (wenn z.B. postuliert wird, dass etwas zum selben Zeitpunkt zugleich Welle und Teilchen sein kann, ist dies offensichtlich nichts, was “der Vernunft genehm” wäre). Dass sie trotzdem als wissenschaftliche Theorie gilt, verdankt sie allein dem Umstand, dass ihre Voraussagen in zahllosen Fällen experimentell eindeutig bestätigt wurden. 155 Vgl. dazu, insb. zur sogenannten Kopenhagener Interpretation der Quantenmechanik, Heisenberg (2000) S. 67 ff.; ders (1979) S. 71 ff. 156 Vgl. z.B. Dewey LW 4.115 ff., 161 f. (QfC) insbesondere zur Unschärferelation; vgl. auch LW 14.106 ff. (Time and Individuality); LW 12.462, 12.478 (Log); LW 16.XXXIV (Einleitung zu Knowing and the Known), LW 16.109. Dazu auch Kloppenberg (2000) S. 53 f. 157 Vgl. z.B. Popper (1989) S. 167 ff. 158 Dewey LW 12.489 (Log). 159 Dewey LW 12.4 (Log). 63 tersuchungsgegenstand beinhalteten. Es war diese Einheit von Theorie und Praxis, die der Begriff für Dewey zum Ausdruck bringen sollte: “Instrumentalism teaches the organic unity of thought, action, and the values of experience.”160. Der Terminus „Instrumentalismus“ legte jedoch gleichzeitig auch eine Interpretation nahe, die ein weit verbreitetes Vorurteil gegenüber dem Pragmatismus bekräftigte, nämlich dass dieser sich lediglich für instrumentelle Zweck-Mittel-Relationen interessiere, und dabei die Objektivität zu einer Frage der Präferenz für willkürliche Zwecksetzungen mache. Am nachhaltigsten wirkte sich dieses Missverständnis dabei im Streit um den pragmatistischen Wahrheitsbegriff aus. 160 Dewey LW 2.XII. 64 IV. Der pragmatistische Wahrheitsbegriff Die veränderten Auffassungen von der Natur der Erfahrung und von der Funktion des Forschungsprozesses machten es für die Pragmatisten auch notwendig, das Wahrheitsproblem neu zu durchdenken. Die daraus resultierende pragmatistische Auffassung von Wahrheit gehört zu den bekanntesten aber auch umstrittensten Elementen des Pragmatismus. Nichts trug mehr dazu bei, dem Pragmatismus das Etikett einer reinen „Nützlichkeitsphilosophie“ einzutragen, als William James ebenso prägnante wie irreführende Formulierung vom „Barwert der Wahrheit“161. Um dem pragmatistischen Wahrheitsbegriff gerecht zu werden, ist es indes erforderlich, über plakative Kurzformeln wie die von James hinaus in den Blick zu bekommen, welches Anliegen die Pragmatisten mit ihren Ausführungen zum Thema Wahrheit verfolgten. 1. Wahrheit, Verifkation und „Warranted assertibility“ James ebenso wie Dewey erhoben nicht den Anspruch, eine völlig neue Theorie der Wahrheit zu begründen. Ihnen ging es lediglich darum, den Sinn des Begriffs Wahrheit als „Übereinstimmung von Wirklichkeit und Vorstellung“ neu zu klären. Im Prinzip befanden sie sich also durchaus auf dem Boden jener klassische „Korrespondenztheorie“ der Wahrheit, wie sie schon bei Thomas von Aquin als „adaequatio rei et intellectus“ in klassischer Weise formuliert worden war162. Bei Thomas ebenso wie bei vielen späteren Philosophen lag dieser Korrespondenztheorie aber eine repräsentationalistische Zuschauertheorie des Erkennens zugrunde, wonach der Gegenstand der Erkenntnis im Bewusstsein des erkennenden Subjekts lediglich abgebildet wurde. Da die Verabschiedung genau dieser Zuschauertheorie der Erkenntnis den epistemologischen Kern des Pragmatismus ausmacht, war es nur folgerichtig, dass dieser auch die Bedeutung des Wahrheitsbegriffs im pragmatistischen Sinn neu zu bestimmen versuchte. a) William James: Wahrheit als Verifikation Da sich gemäß der pragmatischen Maxime die Bedeutung eines Begriffs nur anhand seiner möglichen praktischen Auswirkungen bestimmen lässt, muss auch für den Begriff der Wahrheit die Fragestellung lauten, welche faktischen Konsequenzen die Behauptung, dies oder jenes sei wahr, mit sich bringt. Für William James bestehen diese Konsequenzen darin, dass die Behauptung verifiziert werden kann: „Wahre Vorstellungen sind solche, die wir uns aneignen, die wir geltend machen, in Kraft 161 James (1907) S. 125. 162 Vgl. Summa Theologiae I Q 21 2 c.

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References

Zusammenfassung

Der klassische Pragmatismus steht für einen amerikanischen Sonderweg in die philosophische Moderne. Auch die Entwicklung des amerikanischen Rechtsdenkens wurde durch den Pragmatismus von C.S. Peirce und John Dewey bis heute maßgeblich geprägt. Strömungen wie der "Legal Realism" oder die "Economic Analysis of Law" wären ohne das gedankliche Fundament der pragmatistischen Philosophie nicht denkbar.

Das Buch zeichnet den Einfluss des Pragmatismus auf die amerikanische Rechtstheorie über einen Zeitraum von 150 Jahren von Oliver Wendell Holmes" "The Common Law" bis zum modernen "Legal Pragmatism" eines Richard Posner nach. Der Verfasser veranschaulicht zudem den engen Zusammenhang, der zwischen der pragmatistischen Rechtstheorie und einem deliberativen Demokratieverständnis besteht. Für die Frage, wie das Spannungsverhältnis zwischen dem Willen des demokratischen Gesetzgebers und der Autonomie des Rechtssystems aufzulösen ist, kann der Pragmatismus neue Perspektiven liefern. Deshalb ist es lohnend, sich auch auf dem alten Kontinent mit ihm auseinanderzusetzen.