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Peter Kasiske, Naturalistischer Erfahrungsbegriff und Theorie der Forschung in:

Peter Kasiske

Rechts- und Demokratietheorie im amerikanischen Pragmatismus, page 52 - 58

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4153-6, ISBN online: 978-3-8452-1330-9 https://doi.org/10.5771/9783845213309

Series: Studien zur Rechtsphilosophie und Rechtstheorie, vol. 52

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52 nismethoden zu vollziehen, den Peirce in „The Fixation of Our Beliefs“ als den Wechsel von der Apriori – Methode hin zur wissenschaftlichen Methode beschrieben hatte. Deweys Kritik an der traditionellen repräsentationalistischen Erkenntnistheorie und seine Studien zur Logik des Forschungsprozesses sind im Kern nichts anderes als der Versuch, diesen Wechsel in der Erkenntnismethode auch in der Philosophie zu vollziehen. 3. Naturalistischer Erfahrungsbegriff und Theorie der Forschung Für Dewey war die wissenschaftliche Revolution des 16. und 17. Jahrhunderts auf halbem Wege stehen geblieben und hatte nur die Naturwissenschaften erfasst und grundlegend umgestaltet, während Philosophie, Ethik und Religion nach wie vor vom alten Denken beherrscht wurden, wie es seit der Antike tradiert wurde. Für Dewey ging es daher nun darum, die Revolution zu Ende zu führen und den neuen Geist auch in die Philosophie Einzug halten zu lassen. Im Pragmatismus von Peirce sah Dewey dieses Anliegen verwirklicht und interpretierte die pragmatische Maxime als Ausdruck eines experimentellen Denkens in Philosophie und Logik120. Indem sie die Bedeutung von Ausdrücken mit ihren praktischen Konsequenzen verknüpfte und damit den Sinn von Aussagen mit ihrer möglichen experimentellen Bestätigung gleichsetzte, stand sie für ein konsequentialistisches Denken, das nicht mehr auf die Erkenntnis apriorischer Formen und Ideen, sondern auf die bewusste Gestaltung und Kontrolle der Umwelt gerichtet war. Das deckte sich mit dem Verständnis, das Dewey von den Aufgaben der Philosophie hatte. Es ging dabei für ihn niemals um Erkenntnis um ihrer selbst willen, sondern die Philosophie hatte immer die Aufgabe, ein Instrument zur Bewältigung der konkreten Fragen und Probleme zu sein, die sich im Verhältnis des Menschen zu seiner natürlichen und sozialen Umwelt ergaben121. Wenn Dewey der Philosophie und der Forschung im Allgemeinen diese Aufgabe zuweist, nimmt er damit die Tradition Francis Bacons wieder auf, der den Sinn von Forschung und Wissenschaft in der Beherrschung der Natur durch den Menschen erblickte und sie ebenfalls als universale Werkzeuge zu Gestaltung aller Bereiche des menschlichen Lebens und nicht nur der Erforschung der Natur verstanden wissen wollte. a) Deweys Begriff der Erfahrung Im pragmatistischen Verständnis führt die experimentelle Methode dazu, das Verhältnis von Theorie und Praxis in der Wissenschaft gänzlich neu zu bestimmen. Das 120 Dewey LW 11.422 (Rezension zu Bd. 5 der Collected Papers von Peirce). 121 Vgl. Dewey MW 12.93 f. (RiP); MW 9.341 f. (Democracy and Education, 1916 = DaE); LW 3.2 ff. (Philosophy and Civilization). 53 Experiment dient danach nicht mehr lediglich dazu, zu bestätigen, dass eine Theorie wahr ist, weil sie die Realität zutreffend abbildet. Der Sinn des Experiments besteht stattdessen darin, angeleitet durch eine Theorie, kontrolliert und bewusst bestimmte äußere Wirkungen herbeizuführen. Somit ist Zweck der Forschung nicht mehr in erster Linie die Gewinnung von Theorien als akkuraten Abbildern von Wirklichkeit, sondern der Zweck besteht vor allem in der Möglichkeit, externe Konsequenzen gezielt herbeizuführen, also in einem Gewinn an Umweltbeherrschung. Was Francis Bacon auf die Kurzformel „Wissen ist Macht“ brachte, kehrt in Deweys „Reconstruction in Philosophy“ wieder als „Knowledge is power to transform the world“122. Theorie und Praxis erfahren bei Dewey geradezu die umgekehrte Gewichtung wie in der traditionellen Auffassung: Die experimentelle Praxis ist nicht mehr lediglich die Magd der theoretischen Erkenntnis, sondern das wissenschaftliche Interesse gilt in erster Linie der sich im Experiment aufzeigenden Möglichkeiten zu gezielter Umweltbeherrschung, wobei der Theorie die Rolle zukommt, das Experiment anzuleiten und zu steuern. Auch für Dewey war dabei neben der Rehabilitierung der Erfahrung als primärer Erkenntnisquelle ein weiterer Aspekt der experimentellen Forschung zentral: Der Umstand nämlich, dass sie ihrem Wesen nach öffentlich ist: „Moreover, in experiment everything takes place aboveboard, in the open. Every step is overt and capable of being observed. .... Thus every one can judge for himself whether or not the conclusion reached as to the object justifies assertion of knowledge, or whether there are gaps and deflections. “123. Für Dewey war das Projekt der „Suche nach Gewissheit“ der klassischen Philosophie von vornherein zum Scheitern verurteilt. Die Suche nach einem höheren Sein oberhalb der empirischen Welt und nach apriorischen Gewissheiten entsprang zwar einem verständlichen Bedürfnis nach Sicherheit, doch führte es aus Deweys Sicht nur dazu, dass sich die Philosophie von der Realität der unmittelbaren Erfahrung und ihren tatsächlichen Problemen immer weiter entfernte und sich stattdessen nur noch mit den Dualismen und Chimären beschäftigte, die sie selbst heraufbeschworen hatte124. Demgegenüber sah Dewey in der experimentellen Denkweise der modernen Naturwissenschaften einen Gegenentwurf, der sich nicht in imaginären höheren Seinssphären verlor, sondern stets von der empirischen Erfahrung seinen Ausgang nahm und auch immer auf diese bezogen blieb. Mit seiner Betonung der Rolle der unmittelbaren Erfahrung, die ja gerade auch in der pragmatischen Maxime von Peirce zum Ausdruck kam, erweist sich der Pragmatismus als eine Fortschreibung der Tradition des Empirismus. Nicht umsonst hatte James den Pragmatismus auch als einen „radikalen Empirismus“ bezeichnet125. Die Radikalität lag dabei darin, dass der Pragmatismus dem Begriff der Erfahrung eine neue, nicht mehr repräsentationalistische, sondern auf experimentelles Handeln hin ausgerichtete Bedeutung gab. 122 Dewey MW 12.144 (RiP). 123 Dewey LW 4.230 (QfC). 124 Dewey LW 1.21 ff. (EaN). 125 James (1912). 54 Bei Dewey wird „Experience“ daher zum Schlüsselbegriff seiner Philosophie. Dabei wird Erfahrung nicht mehr wie im klassischen britischen Empirismus als eine Abbildung von Sinnesdaten im Bewusstsein verstanden, sondern als ein komplexes Wechselwirken zwischen Mensch und Umwelt: „The organism acts in accordance with its own structure, simple or complex, upon its surroundings. As a consequence the changes produced in the environment react upon the organism and its activities. The living creature undergoes, suffers, the consequences of its own behavior. This close connection between doing and suffering or undergoing forms what we call experience.“126. Der Naturalismus dieses Erfahrungsbegriffs besteht dabei darin, dass für Dewey kein Kontinuitätsbruch besteht zwischen rationalen Forschungsoperationen einerseits und biologischen und physikalischen Operationen des Organismus andererseits. Die komplexen rationalen Operationen emergieren vielmehr aus organischen Aktivitäten, ohne mit diesen identisch zu sein127. Dewey erläutert seinen Erfahrungsbegriff am Beispiel eines kleinen Kindes, das zufällig einen Finger in ein offenes Feuer hält128. Das Erlebnis der Verbrennung ist zunächst ein bloßer Reiz, eine Primärerfahrung. Doch indem das Berühren des Feuers nun mit dem Erlebnis der Verbrennung verknüpft wird, entsteht eine sekundäre Erfahrung, die zu einer entsprechenden Handlungsdisposition führt: Um Verbrennungen zu vermeiden, wird das Kind nun das Feuer nicht mehr berühren. Der Vorgang der Reflexion, der den Reiz der Verbrennung mit dem Objekt Feuer verknüpft, ist dabei nicht Teil einer der Natur entgegen gesetzten Geisteswelt, sondern selbst Teil der Natur: „A naturalistic metaphysics is bound to consider reflection as itself a natural event occurring within nature because of traits of the latter.“129. Im Prozess der „Experience“ verändern dabei die Gegenstände der Erfahrung ihre Qualität. Aus den rohen Materialien der Primärerfahrung werden die Objekte der reflexiven Sekundärerfahrung. Dieser Vorgang kann beschrieben werden als der einer Anreicherung mit Bedeutung. Diese Bedeutung besteht dabei darin, dass sie einen Weg beschreibt, wie die Gegenstände in Relation zu anderen Teilen der Umwelt gesetzt werden können, so dass sie nicht mehr lediglich isolierte Details darstellen. Im oben genannten Beispiel hat Feuer für das Kind nach dem Ereignis der Verbrennung eine ganz andere Bedeutung als zuvor. Dewey hat für ein solches Vorgehen, das die Objekte der Primärerfahrung sozusagen mit Bedeutung anreichert, so dass sie zu den sekundären Objekten der Reflexion werden, in „Experience and Nature“ die Bezeichnung „denotative method“ geprägt130. In seinem naturalistischen Begriff der Erfahrung versuchte Dewey, jene Dualismen zur Aufhebung zu bringen, die das philosophische Denken seiner Auffassung nach Jahrhunderte lang auf Irrwege geführt hatten. Dies geschieht, indem Dewey 126 Dewey MW 12.129 (RiP). 127 Dewey LW 12.26 (Log), dazu auch Nagl (1998) S. 116 f. 128 Dewey MW 12.129 (RiP). 129 Dewey LW 1.62 (EaN). 130 Dewey LW 1.15 ff. (EaN); zur denotativen Methode auch Suhr (2005) S. 150 ff. 55 den Begriffen des Denkens und der Reflexion eine naturalistische Lesart gibt, indem er sie – ganz gemäß der pragmatischen Maximes – nicht als rein intrapsychische mentale Vorgänge sondern anhand ihrer empirisch wahrnehmbaren äußeren Folgen definiert. So verbinden sich für ihn im Prozess der Erfahrung Subjekt und Objekt, indem beide als wechselseitig aufeinander bezogene Teile ein und derselben Natur gedacht werden. Und indem er innere Überzeugungen als Dispositionen zu praktischem Handeln auffasst, wird auch die Trennung zwischen Theorie und Praxis gegenstandslos. b) Die Methode wissenschaftlicher Forschung Eine menschliche Besonderheit ist die Fähigkeit, den Prozess der Erfahrung bewusst zu gestalten und für die Kontrolle der Umwelt nutzbar zu machen. In der experimentellen Methode der Naturwissenschaft sieht Dewey die fortgeschrittenste Form derart gesteuerter Erfahrung. In „Logic. A Theory of Inquiry“ hat Dewey versucht, den Forschungsprozess als einen Vorgang experimenteller Problemlösung zu beschreiben, mit dem Ziel, ihn als ein universales Instrument zur Lösung nicht nur naturwissenschaftlicher, sondern auch ethischer und sozialer Fragestellungen zu empfehlen. Forschung definiert Dewey dabei als „die gesteuerte und gelenkte Umformung einer unbestimmten Situation in eine Situation, die in ihren konstitutiven Merkmalen und Beziehungen so bestimmt ist, dass die Elemente der ursprünglichen Situation in ein einheitliches Ganzes umgewandelt werden“131. Der Forschungsprozess nimmt danach seinen Ausgangspunkt stets von einer konkreten problematischen Situation. Der Problembestimmung, die den Bezug zwischen der konkreten Situation und dem vorhandenen Erfahrungswissen herstellt, folgt die Entwicklung eines Problemlösungsvorschlages, ein Vorgang, den Dewey als kreativen Prozess begreift, der zur Aufstellung einer Hypothese führt132. Diese zunächst meist vage Hypothese wird in einem nächsten Schritt des „reasoning“ dann daraufhin überprüft, ob sie mit dem bisherigen Erfahrungswissen kompatibel ist, z.B. ob sie im engeren Sinne logisch schlüssig ist. Dabei geht es zum einen darum, die rationale Begründbarkeit der Hypothese zu gewährleisten, zum anderen ist das Ziel, ihre Bedeutung dahingehend zu konkretisieren, dass sie als Anleitung für ein praktisches Handeln (z.B. ein Experiment) dienen kann, das zur Auflösung der problematischen Situation führt133. Dabei kommt gerade im Falle wissenschaftlicher Forschung dem Umstand große Bedeutung zu, dass das „Reasoning“ in der Regel gemeinschaftlich im Rahmen einer 131 Dewey LW 12.108 (Logic. The Theory of Inquiry, 1938 = Log). 132 Dabei handelt es sich im Ergebnis um jenen Vorgang, den Peirce als Abduktion bezeichnet hat, d.h. die Entwicklung einer Hypothese auf der Grundlage bisher gemachter Erfahrungen. Vgl. dazu oben S. 30. 133 Dewey LW 12.115 (Log): „An hypothesis, once suggested and entertained, is developed in relation to other conceptual structures until it receives a form in which it can instigate and direct an experiment“. 56 Forschergemeinschaft erfolgen wird und somit den Charakter einer kooperativen Problemlösung vor einem öffentlichen Forum annimmt134. Der letzte Schritt besteht schließlich in der praktischen Erprobung der Hypothese, die im Erfolgsfall zur Wiederherstellung einer unproblematischen Situation führt. Ein Beispiel zur Verdeutlichung: Jemand nimmt wahr, wie aus einem Papierkorb Rauch aufsteigt. Diese Wahrnehmung wirkt zunächst unmittelbar als Irritation im Verhältnis des Beobachters zu seiner Umwelt. Die Wahrnehmung wird dann mit bisherigen Erfahrungen verknüpft, dies führt zu einer genauen Bestimmung des Problems: Im Papierkorb scheint etwas zu brennen. Der nächste Schritt besteht in der Aufstellung einer Hypothese wie das Problem gelöst werden könnte. Der erste Einfall mag sein, die Feuerwehr zu rufen. Im Stadium des „reasoning“ wird diese Hypothese nun auf ihre Brauchbarkeit geprüft und ein Handlungsplan zu ihrer Umsetzung entworfen. Dies mag im konkreten Beispiel dazu führen, dass die Hypothese verworfen wird, weil z.B. die nächste Feuerwache zu weit entfernt ist. Die nächste Hypothese könnte darin bestehen, den Brand selbst zu löschen. Erneutes „Reasoning“ führt dazu, diesen Einfall zu einem konkreten Handlungsplan zu operationalisieren, etwa einen Eimer mit Wasser zu füllen und in den Papierkorb zu schütten. Der finale Schritt besteht dann darin, diesen Handlungsplan in die Tat umzusetzen. Wenn er funktioniert, d.h. für das vorliegende Beispiel, wenn der Brand dadurch gelöscht wird, ist die zuvor problematische Situation aufgelöst und das Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt wieder harmonisiert. Das gleiche Schema liegt nach Dewey auch komplexen naturwissenschaftlichen Forschungen zugrunde. So war der Ausgangspunkt für die Entwicklung der Relativitätstheorie zunächst das konkrete Problem, dass sich die experimentell zweifelsfrei festgestellte Konstanz der Lichtgeschwindigkeit unabhängig von der Eigenbewegung der Lichtquelle nicht mit der Vorstellung der Absolutheit von Raum und Zeit vereinbaren ließ, wie sie der traditionellen Physik zugrunde lag. Einstein entwickelte daraufhin die Hypothese, dass Raum und Zeit vielleicht doch nicht als absolute Konstanten begriffen werden dürften. In einem anschließenden Prozess des „Reasoning“, der natürlich erheblich komplexer ausfiel als im Beispiel des brennenden Papierkorbs, wurde die Theorie dann in einer Weise formuliert, dass sie mit den bestehenden physikalischen und mathematischen Erklärungsweisen in größtmögliche Übereinstimmung gebracht wurde, um so den Rationalitätsanforderungen des wissenschaftlichen Diskurses zu genügen. Dazu gehörte auch, dass sie in einer Weise formuliert wurde, die die Möglichkeit zu ihrer experimentellen Bestätigung oder Widerlegung eröffnete. Am Ende des Forschungsprozesses, der zur Relativitätstheorie führte, stand dann die praktische experimentelle Bewährung. Im Falle der Relativitätstheorie bestand die experimentelle Bestätigung unter anderem in der Beobachtung, dass das Licht der Sonne exakt so von der Gravitation des abgelenkt wurde, wie dies Einsteins Theorie voraussagte. Gerade was den Prozess des „reasoning“ angeht, drängt sich die Frage auf, nach welchen Kriterien sich dieser vollziehen soll. Deweys Antwort hierauf lautet, dass 134 Dazu näher unten S. 153 f. 57 auch diese Kriterien nichts Konstantes sind. Das Fortschreiten des Forschungsprozesses führt auch zur Weiterentwicklung der Forschung selbst, die dabei auch die Kriterien hervorbringt, an denen sich künftige Forschung messen lassen muss. Auch die Methoden der Forschung müssen sich ständig neu bewähren, weil der Mensch ständig mit neuen Problemen seitens seiner Umwelt konfrontiert wird, die er in den Griff bekommen muss. So sind es diese Probleme und die menschlichen Bedürfnisse, die sie verursachen, die letztlich die Kriterien und Standards für die Forschung liefern135. Konstant bleibt in Dewey’s Konzept der „Inquiry“ jedoch, dass diese von konkreten empirischen Erfahrungen ihren Ausgangspunkt nimmt und auch stets auf diese bezogen bleibt. Dadurch wird gewährleistet, dass der Forschungsprozess sich selbst regulieren136 und kontinuierlich seine Mittel den wechselnden Anforderungen anpassen kann. Hilary Putnam hat darüber hinaus geltend gemacht, dass wohl auch diejenigen Kriterien und Standards eine Konstante im Forschungsprozess darstellen, die dessen „demokratischen“ Ablauf gewährleisten, d.h. es darf keine Kritik von vornherein ausgeschlossen werden, alle Beteiligten müssen möglichst gleich behandelt werden usw., der Forschungsprozess muss also offen und herrschaftsfrei verfasst sein137. c) Forschung und formale Logik Forschung in Dewey’s Sinn hat es immer mit konkreten Fragen zu tun, die stets auch Fragen nach konkretem Handeln sind oder sich zumindest als solche formulieren lassen müssen, um sinnvoll zu sein. Dadurch erfährt das, was in der traditionellen Wissenschaftstheorie als „Idee“ bezeichnet wurde, eine grundlegende Transformation. Ideen sind nun nicht mehr mentale Zustände, die eine Realität abbilden, die über oder hinter der der empirischen Welt liegt. Für Dewey haben Ideen die konkrete Funktion, Erfahrung z.B. in Gestalt eines Forschungsprozesses zu lenken: „Ideas are anticipatory plans and designs which take effect in concrete reconstructions of antecedent conditions of existence“138. Dewey geht es darum, ganz gemäß der pragmatischen Maxime von Peirce, Begriffe und Gegenstände, die nach traditioneller Vorstellung idealer Natur waren, so zu transformieren, dass ihre Bedeutung sich aus ihren möglichen praktischen Konsequenzen ergibt: „action is at the heart of ideas“139. Lässt sich dieses Verfahren aber auch auf logische und mathematische Gegenstände anwenden, die ja gemeinhin als die Musterbeispiele reiner, von jeglicher Empirie losgelösten, Vernunft gelten? 135 Vgl. Dewey LW 12.13 f. (Log). 136 Dewey LW 12.13 (Log), dazu auch Johnston (2006) S. 53 ff. 137 Putnam (1995) S. 81 f.; ders. (2002) S. 103 ff. , der dabei die Nähe dieser Standards zu denen der Habermas’schen Diskursethik betont. Dazu unten S. 177 f. 138 Dewey LW 4.133 (QfC). 139 Dewey LW 4.134 (QfC). 58 Dewey meint, dass auch die Begriffe der reinen Logik und Mathematik sich in operationaler Weise fassen lassen. Auch ihre Bedeutung erschließt sich dann durch die Operationen, für die sie stehen. Dazu muss man sich allerdings vergegenwärtigen, dass Logik und reine Mathematik mit Operationen zu tun haben, die an Symbolen vollzogen werden. Symbole schaffen für Dewey die Möglichkeit „zu handeln, ohne zu handeln“, d.h. indem sie für mögliche tatsächliche Operationen stehen, erlauben sie es, sozusagen virtuell zu experimentieren140. Symbole sind daher ursprünglich auf reale Operationen in der empirischen Welt bezogen. Da aber Symbole auch von Operationen gebildet werden können, die ihrerseits wiederum nur an Symbolen vollzogen werden, besteht die Möglichkeit, Systeme von Symbolen bzw. Begriffen zu konstruieren, die ihrerseits nur auf andere Symbole bezogen sind, so wie dies in den Systemen der formalen Logik oder der reinen Mathematik der Fall ist141. Somit repräsentieren auch die Begriffe der Logik und Mathematik letztlich nur mögliche Operationen. Auch ihre Gültigkeit ist folglich keine absolute, sondern nur solange gewährleistet, wie die Operationen für die sie stehen, sich in der Realität bewähren. Sie repräsentieren „conditions which have been ascertained during the conduct of continued inquiry to be involved in its own successful pursuit"142. Logische und mathematische Gesetze stehen damit jedenfalls prinzipiell ebenso unter dem Vorbehalt ihrer Falsifizierung wie andere Erfahrungssätze auch. Sie repräsentieren eben nicht mehr eine apriorisch erkennbare rationale Tiefenstruktur der Wirklichkeit, sondern lediglich in der Vergangenheit im Forschungsprozess erfolgreiche Werkzeuge. So ist für Dewey die Existenz von Zahlen nicht dadurch zu erklären, dass unserer Welt eine mathematische Ordnung zugrunde liegt, sondern dadurch, dass sich der Akt des Zählens irgendwann als nützlich für die Befriedigung bestimmter Bedürfnisse erwiesen hat. Die Bildung von Zahlen resultiert aus der Abstraktion von dieser ursprünglichen Erfahrung, weil sich das Konzept der Zahl dann auch in anderen Kontexten als nützliches Werkzeug erwiesen hat143. 4. Das evolutionäre Verständnis von Wissenschaft Wie schon bei Peirce liegt auch bei Dewey das wichtigste Merkmal seiner Erkenntnistheorie darin, dass sie Erkenntnis nicht als Abbildung eines bereits vorgegebenen Gegenstandes begreift. Der Gegenstand der Erkenntnis ist nicht deren Ursache, sondern vielmehr ihr Resultat: 140 Dewey LW 4.120 (QfC); LW 12.22 (Log). 141 Dewey LW 4.123; LW 12.22 f. (Log). 142 Dewey LW 12.19 (Log). 143 Dewey LW 4.124 ff. (QfC); LW 12.391 ff. (Log). Vgl. dazu auch Sleeper (1986) S. 59 ff.

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References

Zusammenfassung

Der klassische Pragmatismus steht für einen amerikanischen Sonderweg in die philosophische Moderne. Auch die Entwicklung des amerikanischen Rechtsdenkens wurde durch den Pragmatismus von C.S. Peirce und John Dewey bis heute maßgeblich geprägt. Strömungen wie der "Legal Realism" oder die "Economic Analysis of Law" wären ohne das gedankliche Fundament der pragmatistischen Philosophie nicht denkbar.

Das Buch zeichnet den Einfluss des Pragmatismus auf die amerikanische Rechtstheorie über einen Zeitraum von 150 Jahren von Oliver Wendell Holmes" "The Common Law" bis zum modernen "Legal Pragmatism" eines Richard Posner nach. Der Verfasser veranschaulicht zudem den engen Zusammenhang, der zwischen der pragmatistischen Rechtstheorie und einem deliberativen Demokratieverständnis besteht. Für die Frage, wie das Spannungsverhältnis zwischen dem Willen des demokratischen Gesetzgebers und der Autonomie des Rechtssystems aufzulösen ist, kann der Pragmatismus neue Perspektiven liefern. Deshalb ist es lohnend, sich auch auf dem alten Kontinent mit ihm auseinanderzusetzen.