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Peter Kasiske, Der Paradigmenwechsel in der Erkenntnistheorie durch die experimentelle Naturwissenschaft in:

Peter Kasiske

Rechts- und Demokratietheorie im amerikanischen Pragmatismus, page 47 - 52

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4153-6, ISBN online: 978-3-8452-1330-9 https://doi.org/10.5771/9783845213309

Series: Studien zur Rechtsphilosophie und Rechtstheorie, vol. 52

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47 2. Der Paradigmenwechsel in der Erkenntnistheorie durch die experimentelle Naturwissenschaft Der aristotelische Idealtypus einer axiomatischen Wissenschaft prägte für annähernd zwei Jahrtausende die abendländische Philosophie ebenso wie die Naturwissenschaft. Erst zu Beginn der Neuzeit zeichnete sich mit dem Aufkommen neuer naturwissenschaftlicher Methoden ein Paradigmenwechsel ab104. Bezeichnenderweise ging diese Entwicklung nicht von der Philosophie und Theologie aus, die sich bis dahin quasi exklusiv mit dem Prädikat der Wissenschaftlichkeit schmücken durften und in deren Zuständigkeit auch die Erforschung der Natur fiel, sondern die neuen Methoden verdankten sich vor allem Künstlern und höheren Handwerkern, die bei der Fortentwicklung ihrer Techniken zusehends systematischer vorgingen und begannen, umfassend über ihre Tätigkeit zu reflektieren. Es waren solche „Künstler- Ingenieure“ wie Brunelleschi (1377-1446), der Konstrukteur der Domkuppel in Florenz, oder Leonardo da Vinci (1452-1519), die die Trennung zwischen theoretischer Gelehrsamkeit und praktischem Handwerk (und auch die damit verbundenen sozialen Unterschiede zwischen der Schicht der Gelehrten und der Schicht der Handwerker) aufzuheben begannen105. Dass sie sich dabei regelmäßig nicht von einem „reinen“ Erkenntnisinteresse an der Wissenschaft um ihrer selbst willen leiten ließen, sondern bei ihren Untersuchungen zumeist ganz konkrete praktische Ziele, wie den Bau einer Kanone oder einer Kathedrale verfolgten, dürfte dabei die Effizienz bei der Ansammlung und Anwendung neuen Wissens durchaus gefördert haben. a) Die neuen Methoden der Naturwissenschaften Maßgeblich für den revolutionären Charakter dieser Entwicklung waren vor allem zwei wesentliche Neuerungen: Zum einen, dass natürlicher Vorgänge in mathematischer Form beschrieben wurden, zum anderen der Einsatz von Experimenten zur Entwicklung und Bestätigung von Hypothesen. Die Entdeckung der Fallgesetze durch Galilei liefert dabei ein gutes Beispiel für diese neuen Methoden. Galilei beschrieb nicht mehr nur einfach seine Beobachtungen in allgemeiner Form („Körper fallen nach unten“), sondern er entwickelte Formeln, die es möglich machten, die hinter den beobachteten Ereignissen stehenden Regeln und Gesetzmäßigkeiten (z.B. eine konstante Beschleunigung) mathematisch präzise zu erfassen. Damit erreichte die Naturwissenschaft ein zuvor nie da gewesenes Maß an Exaktheit, das es ermöglichte, faktische Ereignisse wie z.B. den Aufschlagsort einer Kanonenkugel mit zuvor nicht gekannter Präzision vorauszusagen. Soweit es die Einführung mathematischer Beschreibungsmethoden anging, verän- 104 Vgl. dazu, sowie zu der Frage, inwieweit diese Veränderungen tatsächlich eine Revolution oder nur den Abschluss einer kontinuierlichen Entwicklung seit dem Mittelalter darstellten, Krohn (1977) S. 15 ff. m.w.N. 105 Vgl. dazu Zilsel (1976) S. 157 ff.; Heidelberger/Thiessen (1981) S. 52 ff. 48 derte die Wissenschaft dabei nicht ihren axiomatischen Charakter. So leitete Galilei die Fallgesetze deduktiv aus der Annahme ab, dass es sich beim freien Fall um eine beschleunigte Bewegung handelt. In der Art jedoch, wie Galilei die Axiome seiner wissenschaftlichen Theorien gewinnt, liegt die zweite revolutionäre Veränderung, die mit ihm Einzug in die Naturwissenschaft hielt: Die Axiome werden nämlich ausschließlich im Wege des wissenschaftlichen Experimentes gewonnen, und diese Experimente werden auch dafür herangezogen, die theoretischen Voraussagen zu überprüfen. Galilei entwickelte die Fallgesetze nicht, indem er sich die Bewegungen von fallenden Körpern nur gedanklich vorstellte, sondern in dem er tatsächlich Gegenstände von einem Turm herunterwarf und leibhaftige Bleikugeln reale schiefe Ebenen herunterrollen ließ. Damit änderte sich das Fundament der Wissenschaft grundlegend. In der aristotelischen Tradition bestand dieses Fundament noch aus einem Katalog axiomatischer Aussagen, die kraft der Autorität ihrer Quelle (etwa der Bibel oder der Schriften anerkannter Autoritäten wie der Kirchenväter) Wahrheitsgeltung beanspruchen konnten. Nach Galilei konnte der Wahrheitsanspruch einer wissenschaftlichen Theorie indes nur noch durch ihre experimentelle Bestätigung eingelöst werden106. Experiment bedeutet dabei die kontrollierte Herbeiführung bestimmter wahrnehmbarer Folgen, meistens, aber nicht notwendigerweise angeleitet durch eine theoretische Hypothese (Experimentelles Handeln kann auch stattfinden, einfach nur um zu sehen, was passieren wird, ohne dass schon zuvor eine Prognose oder ein hypothetisches Erklärungsmodell bereit steht). Es geht also nicht mehr nur um die bloße Beobachtung einer möglichst unveränderten Natur, sondern das Experiment beinhaltet ein direktes Eingreifen und Interagieren mit dem Beobachtungsgegenstand. Wissenschaftliche Forschung beschränkt sich demnach nicht mehr auf eine kontemplative Wesensschau oder die rein geistigen Operationen deduktiven Schließens, sondern sie ist zwangsläufig immer auch mit praktischem Handeln verbunden, das zu einer Manipulation am Beobachtungsgegenstand führt. Während für die aristotelische Wissenschaft sicheres Wissen nur in Form logischer Ableitung aus als evident geltenden Axiomen möglich war, also nur in Form reiner Theorie, so lautet demgegen- über die Maxime der experimentellen Forschung, dass wir nur das wissen können, was wir auch machen können. War also zuvor Wissenschaft im eigentlichen Sinne nur in Form reiner Theorie möglich, so führte die wissenschaftliche Revolution des 16. Jahrhunderts dazu, dass auch der experimentellen Praxis eine zentrale Bedeutung eingeräumt wurde. Umgekehrt begannen auch die am weitesten fortgeschrittenen Techniker und Künstler, wie z.B. Metallurgen und Baumeister, über ihr Handeln systematisch zu reflektieren und so ihr Handeln mit einem theoretischen Überbau zu versehen. Damit war in der modernen Naturwissenschaft, wie sie zu Beginn der 106 Vgl. dazu den 1. Aphorismus von Bacons “Novum Organum”: “Der Mensch, Diener und Erklärer der Natur, schafft und begreift nur soviel, als er von der Ordnung der Natur durch die Sache [das Experiment] oder den Geist beobachten kann; mehr weiß oder vermag er nicht.”; vgl. dazu auch Farrington (1973) S. 94 ff. 49 Neuzeit entstand, von Beginn an die seit der Antike tradierte strikte Trennung der Sphären von Theorie und Praxis weitgehend aufgehoben107. Neben der Verbindung von Theorie und Praxis kennzeichnet die experimentelle Methode darüber hinaus noch ein weiterer Umstand, nämlich ihr öffentlicher Charakter. Das Experiment genügt seiner wahrheitsstiftenden Funktion nämlich nur dann, wenn es nicht nur in der abgeschlossenen Alchimistenstube, sondern im öffentlichen Raum einer Forschungsgemeinschaft vollzogen wird, um so abzusichern, dass es prinzipiell auch von anderen Wissenschaftlern wiederholt werden kann. Der Sinn experimentellen Handelns besteht vor allem auch darin, Erfahrung wiederholbar und damit allgemein zugänglich zu machen108. b) Die Übertragung der neuen Methoden auf die Philosophie Die unübersehbaren Erfolge der experimentellen Methode führten dazu, dass sie sich dort, wo es um die Erforschung der Natur ging, bald vollständig durchsetzte und die aristotelische Methode verdrängte. Im Laufe des 16. und 17. Jahrhunderts haben sich die Naturwissenschaften so zu einem selbständigen gesellschaftlichen Subsystem ausdifferenziert. Dieser Vorgang, der gegen den erheblichen Widerstand derer erfolgte, die wie Theologie und traditionelle Philosophie ihre weltanschauliche Erklärungs- und Definitionskompetenz an den neuen Widersacher abtreten mussten, vollzog sich im Wege der Aus- und Abgrenzung. Die neuen Wissenschaften erkauften sich ihre Anerkennung, indem sie ihren Gegenstandsbereich auf die Erforschung der natürlichen Phänomene beschränkten und nicht den Anspruch erhoben, Antworten auf religiöse, ethische oder soziale Fragen zu liefern109. Das Projekt der neuen Wissenschaft, wie es etwa Francis Bacon in seinem "Novum Organon" formuliert hatte, war demgegenüber ursprünglich darauf ausgerichtet gewesen, aus der Metho- 107 Vgl. dazu Bacon (1620) I, Aph. 95: “Die, welche die Wissenschaften betrieben haben, sind Empiriker oder Dogmatiker gewesen. Die Empiriker, gleich den Ameisen, sammeln und verbrauchen nur, die aber, die die Vernunft überbetonen, gleich den Spinnen, schaffen die Netze aus sich selbst. Das Verfahren der Biene aber liegt in der Mitte; sie zieht den Saft aus den Blüten der Gärten und Felder, behandelt und verdaut ihn aber aus eigener Kraft. Dem nicht unähnlich ist nun das Werk der Philosophie; es stützt sich nicht ausschließlich oder hauptsächlich auf die Kräfte des Geistes, und es nimmt den von der Naturlehre und den mechanischen Experimenten dargebotenen Stoff nicht unverändert in das Gedächtnis auf, sondern verändert und verarbeitet ihn im Geiste.”. Wobei freilich bis heute umstritten ist, in welchem Verhältnis zueinander Theorie und Praxis bei der experimentellen Forschung stehen und ob der Forschungsprozess eher von ersterer oder von letzterer dominiert wird, vgl. dazu ausführlicher Hacking (1996) S. 249 ff. 108 van den Daele (1977) S. 143. 109 So heißt es bei Hooke in einem Entwurf für die Statuten der Royal Society 1663: “The Business and Design of the Royal Society is: To improve the knowledge of natural things, and all useful Arts, Manufactures, Mechanick practices, Engynes and Inventions by Experiments – (not meddling with Divinity, Metaphysics, Moralls, Politicks, Grammar, Rhetorick or Logick).”; zitiert nach van den Daele (1977) S. 140. 50 de der neuen Wissenschaft heraus die gesamte Gesellschaft in all ihren Institutionen zu erneuern110. Dieses Projekt blieb zunächst unvollendet, doch trotz dieser Selbstbeschränkung der Naturwissenschaften bildete sie mit ihren experimentellen Methoden einen wichtigen Faktor im Prozess der nunmehr einsetzenden Aufklärung, nicht zuletzt dadurch, dass ihre Erfolge ein gesellschaftliches Bewusstsein für die Möglichkeit von Fortschritt über den bestehenden Status Quo hinaus schufen und so ein Gegenmodell zur traditionellen Gelehrsamkeit entwarfen, die alles Wissen in den Schriften der Alten vermutete und die Entwicklung der Welt eher als Verfalls- denn als Fortschrittsgeschichte interpretierte111. Nachdem die Naturwissenschaften demonstriert hatten, zu welchen Leistungen ein Handeln in der Lage war, das sich nicht von überkommenen Autoritäten, sondern allein von Verstand und Erfahrung leiten ließ, ging die Definitionsmacht darüber, was als Wahrheit, als objektive Realität und als gesicherte Erkenntnis gelten konnte, zusehends von Theologie und Philosophie auf die Naturwissenschaft über. Auch das Selbstverständnis der Philosophie blieb vom Siegeszug der Naturwissenschaften nicht unberührt. Um weiterhin ernst genommen zu werden, musste auch sie nunmehr den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben, und der Maßstab dafür, was als wissenschaftlich gelten konnte, wurde nunmehr nicht mehr von der Philosophie selbst, sondern von den Naturwissenschaften vorgegeben. Kennzeichnend war jedoch, dass sich die Philosophie zwar die moderne Naturwissenschaft zum Vorbild nahm, sich dabei aber auf einen Teilbereich beschränkte. Vorbildcharakter hatte nämlich nur deren mathematische Präzision und Exaktheit, nicht jedoch ihre experimentelle, Theorie und Praxis, Spekulation und Erfahrung verbindende Methode. Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft“, mit der er die Philosophie auf den „sicheren Gang einer Wissenschaft führen“ wollte112, bildet ein Musterbeispiel für diese selektive Rezeption wissenschaftlicher Methoden durch die Philosophie. Zwar sieht auch Kant in der experimentellen Methode einen bedeutenden Fortschritt, doch weist er ihr nur die untergeordnete Rolle zu, nachträglich jene Gesetzmäßigkeiten und Prinzipien zu bestätigen, die zuvor von der Vernunft theoretisch ersonnen worden sind113. Die entscheidende Rolle, die der experimentellen Erfahrung schon dabei zukommt, überhaupt erst den Anstoß und Leitfaden für die Aufstellung von Theorien und Hypothesen zu liefern, wird von Kant nicht berücksichtigt. Es bleibt bei einem Primat der Theorie über die Praxis, der die Rolle der empirischen Erfahrung nur 110 Vgl. Bacon (1620) I Aph. 127: “Man wird wohl zweifeln, wenn auch der Einwand nicht laut wird, ob ich hier nur von der Naturphilosophie spreche oder ob auch die übrigen Wissenschaften, die Logik, Ethik, Politik, nach meiner Methode vollendet werden sollen. Nun gilt das, was ich gesagt habe, gewiß für alles.”; dazu auch Krohn (1987) S. 156 ff.; Paterson (1973) S. 133 ff. 111 van den Daele (1977) S. 112 Vgl. Kant, AA III, 7. 113 "Die Vernunft muss mit ihren Prinzipien, nach denen allein übereinkommende Erscheinungen für Gesetze gelten können, in einer Hand, und mit dem Experiment, dass sie nach jenen ausdachte, in der anderen, an die Natur gehen ...“; Kant, ebd. S. XIV. 51 stiefmütterlich behandelt. Wahre Wissenschaft kann es für Kant nur dort geben, wo die Vernunft zu apriorischen Gesetzmäßigkeiten gelangt. Daher ist es für Kant auch in erster Linie ihre mathematische Darstellungsform, die den Naturwissenschaften ihren wissenschaftlichen Charakter verleiht. So heißt es bei ihm in der Vorrede zu den metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft: „Eigentliche Wissenschaft kann nur diejenige genannt werden, deren Gewissheit apodiktisch ist; Erkenntnis, die bloß empirische Gewissheit enthalten kann, ist ein nur uneigentlich so genanntes Wissen.“114. Kant geht an dieser Stelle sogar so weit, der Chemie den Charakter einer Wissenschaft abzusprechen, da sie lediglich zur Erkenntnis von Erfahrungsgesetzen führe, die nicht apriorisch notwendige Gewissheiten in sich bergen115. Für Kant und die ihm nachfolgenden Philosophen des deutschen Idealismus blieb die Philosophie weiterhin der Suche nach apriorisch gültigen Wahrheiten verpflichtet, die dabei nur in der Vernunft selbst und nicht in der Erfahrung gefunden werden konnten. Philosophie ist, mit den Worten Schellings „die Wissenschaft der Ideen oder der ewigen Urbilder der Dinge“116. Zwar waren damit nicht mehr Ideen im platonistischen Sinn gemeint, spekulatives Denken stand aber nach wie vor höher im Kurs als praktisches Handeln, Erfahrung war als Erkenntnisquelle zwar unverzichtbar, letztlich jedoch gegenüber den Ideen der Vernunft zweitrangig, weil allein die Letzteren zeitlose und notwendige Gültigkeit für sich beanspruchen konnten. Auch nach Kant war die Philosophie daher noch durch jene bereits in der Antike begründete Tradition geprägt, die Dewey als „Suche nach Gewissheit“ bezeichnet hatte. Dewey sah in diesem Streben, das für das Selbstverständnis philosophischen Denkens jahrhunderte lang quasi die Geschäftsgrundlage bildete, gewissermaßen die Erbsünde der abendländischen Philosophie117. Daher erhob er die Forderung nach einer „kopernikanischen Wende“ im philosophischen Denken. Eine solche hatte ja bereits Kant für sich in Anspruch genommen, als er das Augenmerk auf die konstruktiven Leistungen des erkennenden Subjekts im Erkenntnisvorgang gelenkt hatte118. Aus der Sicht Deweys stand die eigentliche Wende in der Philosophie indes noch aus. Für ihn musste sie darin bestehen, konsequent die Logik experimenteller Forschung, wie sie in den modernen Naturwissenschaften am Werke war, auch auf die Philosophie zu übertragen119. Es ging also darum, jenen Wandel in den Erkennt- 114 Kant, AA IV, 468 (Vorrede zu den metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft, 1786). 115 Kant ebd. 116 Schelling (1964) S. 39; wo es an anderer Stelle auch heißt: “Die Scheu vor der Spekulation, das angebliche Forteilen vom Theoretischen zum bloß Praktischen, bewirkt im Handeln die gleiche Flachheit wie im Wissen. Das Studium einer streng theoretischen Philosophie macht uns am unmittelbarsten mit Ideen vertraut, und nur Ideen geben dem Handeln Nachdruck und sittliche Bedeutung.” 117 In “Experience and Nature” ist von “dem philosophischen Trugschluss” die Rede, LW 1.27 ff., 51. 118 Vgl. Kant AA III, 12. 119 Vgl. dazu Dewey MW 12.258 (RiP); LW 4.229 (QfC). 52 nismethoden zu vollziehen, den Peirce in „The Fixation of Our Beliefs“ als den Wechsel von der Apriori – Methode hin zur wissenschaftlichen Methode beschrieben hatte. Deweys Kritik an der traditionellen repräsentationalistischen Erkenntnistheorie und seine Studien zur Logik des Forschungsprozesses sind im Kern nichts anderes als der Versuch, diesen Wechsel in der Erkenntnismethode auch in der Philosophie zu vollziehen. 3. Naturalistischer Erfahrungsbegriff und Theorie der Forschung Für Dewey war die wissenschaftliche Revolution des 16. und 17. Jahrhunderts auf halbem Wege stehen geblieben und hatte nur die Naturwissenschaften erfasst und grundlegend umgestaltet, während Philosophie, Ethik und Religion nach wie vor vom alten Denken beherrscht wurden, wie es seit der Antike tradiert wurde. Für Dewey ging es daher nun darum, die Revolution zu Ende zu führen und den neuen Geist auch in die Philosophie Einzug halten zu lassen. Im Pragmatismus von Peirce sah Dewey dieses Anliegen verwirklicht und interpretierte die pragmatische Maxime als Ausdruck eines experimentellen Denkens in Philosophie und Logik120. Indem sie die Bedeutung von Ausdrücken mit ihren praktischen Konsequenzen verknüpfte und damit den Sinn von Aussagen mit ihrer möglichen experimentellen Bestätigung gleichsetzte, stand sie für ein konsequentialistisches Denken, das nicht mehr auf die Erkenntnis apriorischer Formen und Ideen, sondern auf die bewusste Gestaltung und Kontrolle der Umwelt gerichtet war. Das deckte sich mit dem Verständnis, das Dewey von den Aufgaben der Philosophie hatte. Es ging dabei für ihn niemals um Erkenntnis um ihrer selbst willen, sondern die Philosophie hatte immer die Aufgabe, ein Instrument zur Bewältigung der konkreten Fragen und Probleme zu sein, die sich im Verhältnis des Menschen zu seiner natürlichen und sozialen Umwelt ergaben121. Wenn Dewey der Philosophie und der Forschung im Allgemeinen diese Aufgabe zuweist, nimmt er damit die Tradition Francis Bacons wieder auf, der den Sinn von Forschung und Wissenschaft in der Beherrschung der Natur durch den Menschen erblickte und sie ebenfalls als universale Werkzeuge zu Gestaltung aller Bereiche des menschlichen Lebens und nicht nur der Erforschung der Natur verstanden wissen wollte. a) Deweys Begriff der Erfahrung Im pragmatistischen Verständnis führt die experimentelle Methode dazu, das Verhältnis von Theorie und Praxis in der Wissenschaft gänzlich neu zu bestimmen. Das 120 Dewey LW 11.422 (Rezension zu Bd. 5 der Collected Papers von Peirce). 121 Vgl. Dewey MW 12.93 f. (RiP); MW 9.341 f. (Democracy and Education, 1916 = DaE); LW 3.2 ff. (Philosophy and Civilization).

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Zusammenfassung

Der klassische Pragmatismus steht für einen amerikanischen Sonderweg in die philosophische Moderne. Auch die Entwicklung des amerikanischen Rechtsdenkens wurde durch den Pragmatismus von C.S. Peirce und John Dewey bis heute maßgeblich geprägt. Strömungen wie der "Legal Realism" oder die "Economic Analysis of Law" wären ohne das gedankliche Fundament der pragmatistischen Philosophie nicht denkbar.

Das Buch zeichnet den Einfluss des Pragmatismus auf die amerikanische Rechtstheorie über einen Zeitraum von 150 Jahren von Oliver Wendell Holmes" "The Common Law" bis zum modernen "Legal Pragmatism" eines Richard Posner nach. Der Verfasser veranschaulicht zudem den engen Zusammenhang, der zwischen der pragmatistischen Rechtstheorie und einem deliberativen Demokratieverständnis besteht. Für die Frage, wie das Spannungsverhältnis zwischen dem Willen des demokratischen Gesetzgebers und der Autonomie des Rechtssystems aufzulösen ist, kann der Pragmatismus neue Perspektiven liefern. Deshalb ist es lohnend, sich auch auf dem alten Kontinent mit ihm auseinanderzusetzen.