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Peter Kasiske, Deweys Kritik an den metaphysischen Dualismen und der repräsentationalistischen Erkenntnistheorie in:

Peter Kasiske

Rechts- und Demokratietheorie im amerikanischen Pragmatismus, page 44 - 47

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4153-6, ISBN online: 978-3-8452-1330-9 https://doi.org/10.5771/9783845213309

Series: Studien zur Rechtsphilosophie und Rechtstheorie, vol. 52

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44 III. Der pragmatische Instrumentalismus John Deweys War bei Peirce die pragmatische Maxime noch vor allem Teil eines umfassenden Versuchs zur Reetablierung eines erkenntnistheoretischen Realismus gewesen, so sahen Peirces Nachfolger im experimentellen Denken des Pragmatismus eine Möglichkeit, die Philosophie insgesamt auf ein neues Fundament zu stellen. Vor allem William James und John Dewey entwickelten den Pragmatismus weiter zu einem originär amerikanischen Denkweg in die Moderne. Ihrer Ansicht nach war das pragmatistische Denken ein probates Mittel, um jene Dualismen zu überwinden, die die Philosophie seit der Antike geprägt und ihr dabei eine Reihe diffiziler erkenntnistheoretischer Probleme beschert hatten. Dabei ließen James und Dewey die traditionellen Auffassungen von Begriffen wie Wahrheit und Erfahrung hinter sich und erweiterten den Pragmatismus um eine religiöse (James) und eine politisch soziale (Dewey) Dimension. Im folgenden soll vor allem Deweys Projekt einer Erneuerung der Philosophie aus dem Geist der experimentellen Naturwissenschaft heraus interessieren. 1. Deweys Kritik an den metaphysischen Dualismen und der repräsentationalistischen Erkenntnistheorie John Dewey war in seinen philosophischen Studien zunächst stark vom deutschen Idealismus beeinflusst worden, der nach dem Bürgerkrieg die philosophischen Fakultäten in Nordamerika dominierte94. Unter dem Einfluss von W.S. Morris in Michigan entwickelte Dewey sich zunächst zum Hegelianer. Nach eigenen Angaben faszinierte Dewey an Hegel vor allem dessen Anspruch, jene Trennungen und Dualismen zu überwinden, die die kritische Philosophie Kants zementiert zu haben schien: Die Trennung von Selbst und Welt, Seele und Körper, Natur und Gott95. a) Der Ursprung der Dualismen in der griechischen Philosophie Dewey hat der Untersuchung des historischen Ursprungs dieser Dualismen in seinem Werk breiten Raum gewidmet. Seiner Ansicht nach beginnt ihre Geschichte bereits dort, wo auch die abendländischen Philosophie ihren Anfang nahm, nämlich in der griechischen Antike. Die dort erstmals vollzogene gedankliche Scheidung von Theorie und Praxis ist für Dewey gleichsam der entscheidende Geburtsfehler der abendländischen Philosophie, dessen verhängnisvolle Folgen bis in die Gegenwart fortwirken. 94 Vgl. dazu Kuklick (2001) S. 111 ff. 95 Dewey LW 5.153 f. (From Absolutism To Experimentalism, 1929) 45 Für Dewey ist die Philosophiegeschichte seit diesen antiken Ursprüngen gekennzeichnet durch eine „Suche nach Gewissheit“, die Suche nach etwas Vollendetem und Unwandelbaren in einer Welt, die sich der Wahrnehmung zunächst als kontingent, stetig verändernd und damit letztlich auch als Quelle ständig neuer Bedrohungen und Gefahren darstellt96. Bereits mit Parmenides und der eleatischen Philosophie kommt der Gedanke auf, dass diese Veränderlichkeit und Unstetheit Ausdruck eines ontologischen Defizits sei, und dass das wahre und vollkommene Sein seinem Wesen nach notwendig, unveränderlich und ewig sein müsse. Parmenides geht dabei so weit, die Welt, wie sie uns durch die Sinne erscheint, zu einer Scheinwelt zu erklären, wogegen die eigentlich reale Welt eine Welt ewigen und unveränderlichen Seins ist97. Ihren Höhepunkt erreicht diese Vorstellung in der platonischen Ideenlehre, die ein Reich ewiger unwandelbarer Ideen postuliert, das über der Welt der wahrnehmbaren Dinge angesiedelt ist. Entscheidend ist nun, wie in der griechischen Philosophie die Möglichkeit der Erkenntnis dieser Ideen beschrieben wurde. Auch wenn die Ideen nicht Gegenstand sinnlicher Wahrnehmung sein konnten, so wurde die Art und Weise, wie diese höhere Seinssphäre erfasst werden konnte - im Griechischen wurde hierfür der Begriff der „theoria“ geprägt - doch analog zum Akt des Sehens konzipiert. Schon der Begriff „Theorie“ selbst deutet auf diesen Zusammenhang hin, bezeichnet „theoria“ doch im Griechischen ursprünglich Anschauen und Betrachtung. Entsprechend ging man davon aus, dass das zu Erkennende als solches unabhängig vom erkennenden Subjekt existierte und durch den Akt des Erkennens selbst unverändert blieb. Der Vorgang der Erkenntnis war damit abgekoppelt von jeder Form praktischen Handelns. Er wurde begriffen als ein rein geistiger Vorgang körperlich passiver Kontemplation. Das Ergebnis war eine repräsentationalistische Zuschauertheorie des Erkennens, die für die nachfolgenden Jahrhunderte zu dem epistemologischen Paradigma schlechthin werden sollte98. In „Experience and Nature“ stellt Dewey die These auf, dass sich die Philosophie bei der Herausbildung dieser Theorie der Ideenerkenntnis am Vorbild der Kunst orientierte99. So wie im Kunstwerk, etwa einer Statue, das Material zu seiner endgültigen, unveränderlichen Form gefunden hatte und nur noch in einem kontemplativen Akt der Betrachtung ästhetisch genossen werden musste, so wurde auch hinter dem stetigen Wandel der Gegenstände der sinnlichen Erfahrungen ein vollkommeneres Reich der Formen vermutet, dessen Sein ebenso höherwertiger war, wie der Wert der fertigen Statue den des Marmorblocks übertraf, aus dem sie gehauen worden war. Diese Trennung zwischen den Sphären eines niederen Reiches des Wandelbaren und Vergänglichen und eines höheren Reiches unwandelbaren und ewigen Seins wurde unterstrichen durch die sozialen Verhältnisse der antiken griechischen Polis. Die Beschäftigung mit der veränderlichen Materie war das Metier der niedrigen ge- 96 Dazu Hampe (2006) S. 238 ff. 97 Vgl. zu Parmenides Heitsch (1975). 98 Dewey LW 4.19 (The Quest for Certainty, 1929 = QfC) 99 Dewey LW 1.77 (Experience and Nature, 1925 = EaN) 46 sellschaftlichen Schichten, der Bauern und Handwerker. Dagegen konnte die erforderliche Zeit und Muße, um sich der kontemplativen Erfassung der höheren Seinsformen zu widmen, nur von denjenigen Mitgliedern der Gesellschaft aufgebracht werden, die es nicht nötig hatten, durch eigener Hände Arbeit für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Die kontemplative Beschäftigung mit der Theorie ging so einher mit einem höheren sozialen Prestige gegenüber denjenigen, die lediglich praktische Tätigkeiten zu verrichten hatten100. b) Bedeutung der repräsentationalistischen Erkenntnistheorie Die Abbildungstheorie der Erkenntnis blieb für die folgenden Jahrhunderte das beherrschende epistemologische Paradigma der abendländischen Philosophie. Auch dort wo man, wie etwa im britischen Empirismus, nicht der platonischen Vorstellung von einem selbständigen Reich der Ideen anhing, ging man davon aus, dass Erkenntnis ein Vorgang war, bei dem der Gegenstand im Bewusstsein des erkennenden Subjekts abgebildet wurde101. Mit der repräsentationalistischen Erkenntnistheorie waren damit zwei Unterscheidungen eingeführt, die für die weitere Entwicklung der abendländischen Philosophie zentral werden sollten: Einerseits die Unterscheidung zwischen Theorie und Praxis, andererseits die Unterscheidung von Subjekt und Objekt der Erkenntnis. Gleichzeitig war damit auch fürs erste festgelegt, was Wissenschaft zu sein und zu leisten hatte: Da von den vergänglichen und veränderlichen Gegenständen der unmittelbaren Wahrnehmung kein sicheres Wissen (episteme), sondern allenfalls ein Meinen (doxa) möglich war, hatte sich eine Wissenschaft, die nach vollständiger Gewissheit strebte, mit dem zu befassen, was hinter oder über diesen Dingen lag, mit Formen, Gesetzen und Ideen. Bei Aristoteles findet sich dieser Gedanke ausgearbeitet zum Konzept einer axiomatischen Wissenschaftslehre102. Wissenschaft bestand danach in der logisch folgerichtigen Deduktion aus ihrerseits nicht mehr beweisbedürftigen Axiomen. Das Paradebeispiel dieses Wissenschaftsverständnisses bildet die Euklid’sche Geometrie, die bis in die Neuzeit das Vorbild für eine mustergültige wissenschaftliche Theorie abgab103. Ihre Wissenschaftlichkeit verdankte sie dabei gerade dem Umstand, dass sie von unmittelbarer Erfahrung und praktischem Handeln weitestgehend losgelöst war und mit den reinen geometrischen Formen einen Gegenstandsbereich hatte, der zeitlos und unveränderlich war. 100 Dewey MW 12,142 (Reconstruction in Philosophy, 1920 = RiP); LW 4.4 ff. (QfC); vgl. dazu auch Zilsel (1976) S. 160 f. 101 In “Reconstruction in Philosophy” wirft Dewey dem Empirismus vor, seine Erkenntnistheorie anhand der konventionellen Vorstellungen von Sinneswahrnehmung, d.h. als Abbildungstheorie, entwickelt zu haben, Dewey MW 12.259. 102 Vgl. dazu Lauth/Sareither (2002) S. 29 ff. 103 So hat noch im 17. Jahrhundert Spinoza eine Ethik „more geometrico“ entworfen, die ebenso wie Euklids „Elemente“ in „Axiome“, „Definitionen“ und „Lehrsätze gegliedert ist. 47 2. Der Paradigmenwechsel in der Erkenntnistheorie durch die experimentelle Naturwissenschaft Der aristotelische Idealtypus einer axiomatischen Wissenschaft prägte für annähernd zwei Jahrtausende die abendländische Philosophie ebenso wie die Naturwissenschaft. Erst zu Beginn der Neuzeit zeichnete sich mit dem Aufkommen neuer naturwissenschaftlicher Methoden ein Paradigmenwechsel ab104. Bezeichnenderweise ging diese Entwicklung nicht von der Philosophie und Theologie aus, die sich bis dahin quasi exklusiv mit dem Prädikat der Wissenschaftlichkeit schmücken durften und in deren Zuständigkeit auch die Erforschung der Natur fiel, sondern die neuen Methoden verdankten sich vor allem Künstlern und höheren Handwerkern, die bei der Fortentwicklung ihrer Techniken zusehends systematischer vorgingen und begannen, umfassend über ihre Tätigkeit zu reflektieren. Es waren solche „Künstler- Ingenieure“ wie Brunelleschi (1377-1446), der Konstrukteur der Domkuppel in Florenz, oder Leonardo da Vinci (1452-1519), die die Trennung zwischen theoretischer Gelehrsamkeit und praktischem Handwerk (und auch die damit verbundenen sozialen Unterschiede zwischen der Schicht der Gelehrten und der Schicht der Handwerker) aufzuheben begannen105. Dass sie sich dabei regelmäßig nicht von einem „reinen“ Erkenntnisinteresse an der Wissenschaft um ihrer selbst willen leiten ließen, sondern bei ihren Untersuchungen zumeist ganz konkrete praktische Ziele, wie den Bau einer Kanone oder einer Kathedrale verfolgten, dürfte dabei die Effizienz bei der Ansammlung und Anwendung neuen Wissens durchaus gefördert haben. a) Die neuen Methoden der Naturwissenschaften Maßgeblich für den revolutionären Charakter dieser Entwicklung waren vor allem zwei wesentliche Neuerungen: Zum einen, dass natürlicher Vorgänge in mathematischer Form beschrieben wurden, zum anderen der Einsatz von Experimenten zur Entwicklung und Bestätigung von Hypothesen. Die Entdeckung der Fallgesetze durch Galilei liefert dabei ein gutes Beispiel für diese neuen Methoden. Galilei beschrieb nicht mehr nur einfach seine Beobachtungen in allgemeiner Form („Körper fallen nach unten“), sondern er entwickelte Formeln, die es möglich machten, die hinter den beobachteten Ereignissen stehenden Regeln und Gesetzmäßigkeiten (z.B. eine konstante Beschleunigung) mathematisch präzise zu erfassen. Damit erreichte die Naturwissenschaft ein zuvor nie da gewesenes Maß an Exaktheit, das es ermöglichte, faktische Ereignisse wie z.B. den Aufschlagsort einer Kanonenkugel mit zuvor nicht gekannter Präzision vorauszusagen. Soweit es die Einführung mathematischer Beschreibungsmethoden anging, verän- 104 Vgl. dazu, sowie zu der Frage, inwieweit diese Veränderungen tatsächlich eine Revolution oder nur den Abschluss einer kontinuierlichen Entwicklung seit dem Mittelalter darstellten, Krohn (1977) S. 15 ff. m.w.N. 105 Vgl. dazu Zilsel (1976) S. 157 ff.; Heidelberger/Thiessen (1981) S. 52 ff.

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Zusammenfassung

Der klassische Pragmatismus steht für einen amerikanischen Sonderweg in die philosophische Moderne. Auch die Entwicklung des amerikanischen Rechtsdenkens wurde durch den Pragmatismus von C.S. Peirce und John Dewey bis heute maßgeblich geprägt. Strömungen wie der "Legal Realism" oder die "Economic Analysis of Law" wären ohne das gedankliche Fundament der pragmatistischen Philosophie nicht denkbar.

Das Buch zeichnet den Einfluss des Pragmatismus auf die amerikanische Rechtstheorie über einen Zeitraum von 150 Jahren von Oliver Wendell Holmes" "The Common Law" bis zum modernen "Legal Pragmatism" eines Richard Posner nach. Der Verfasser veranschaulicht zudem den engen Zusammenhang, der zwischen der pragmatistischen Rechtstheorie und einem deliberativen Demokratieverständnis besteht. Für die Frage, wie das Spannungsverhältnis zwischen dem Willen des demokratischen Gesetzgebers und der Autonomie des Rechtssystems aufzulösen ist, kann der Pragmatismus neue Perspektiven liefern. Deshalb ist es lohnend, sich auch auf dem alten Kontinent mit ihm auseinanderzusetzen.