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Peter Kasiske, Die pragmatische Maxime in:

Peter Kasiske

Rechts- und Demokratietheorie im amerikanischen Pragmatismus, page 37 - 42

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4153-6, ISBN online: 978-3-8452-1330-9 https://doi.org/10.5771/9783845213309

Series: Studien zur Rechtsphilosophie und Rechtstheorie, vol. 52

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37 Unschwer ist zu erkennen, dass den verschiedenen Methoden der Überzeugungsbildung auch verschiedene philosophische Richtungen entsprechen. So war die Methode der Autorität diejenige, die die scholastische Philosophie des Mittelalters beherrschte, wo Streitfragen unter Berufung auf die Autorität der Heiligen Schrift oder der Kirchenväter gelöst wurden. Dagegen folgte die neuzeitliche rationalistische Philosophie von Descartes bis Kant der Apriori-Methode und unterstellte die Möglichkeit erfahrungsunabhängiger Erkenntnis66. So wie die Apriori-Methode die Methode der Autorität ablöste, soll sie nach Peirces Vorstellung nun ihrerseits durch die wissenschaftliche Methode ersetzt werden. Ihr Wesen ist das Thema der zweiten sogenannten „Gründungsurkunde“ des Pragmatismus, des Aufsatzes „How to Make Our Ideas Clear“ von 1878. 4. Die pragmatische Maxime Nachdem Peirce in „The Fixation of Our Beliefs“ geklärt hatte, was Überzeugungen ihrem Wesen nach sind und welcher Funktion sie dienen, beschäftigte er sich in „How to Make Our Ideas Clear“ mit der Frage, wie sie sich auf wissenschaftliche Weise erlangen und präzisieren lassen. Auch in diesem Aufsatz entwickelt Peirce seine Position in Abgrenzung zum Rationalismus, insbesondere zu Descartes’ und Leibniz. Während er Descartes vorwirft, dieser könne, da er sich auf das Kriterium der Introspektion verlässt, nicht zwischen Ideen die klar scheinen, und solchen, die es wirklich sind, unterscheiden, bemängelt er an Leibniz, dieser wolle Klarheit und Deutlichkeit durch möglichst abstrakte Definitionen der wichtigen Begriffe erreichen, ohne zu berücksichtigen, dass die bloße Analyse von Definitionen keine neuen Erkenntnisse hervorbringen, sondern allenfalls Ordnung in das bereits gewonnene Wissen bringen kann67. a) Die Formulierung der pragmatischen Maxime in "How to make our ideas clear" Peirces Lösungsansatz nimmt seinen Ausgangspunkt wiederum vom Begriff des Realen als dem Erkennbaren. Wenn Sein und Erkennbarkeit dasselbe sind, die Erkennbarkeit aber nur durch äußere, nicht durch innere, Tatsachen konstituiert wird, so lässt sich das Sein auch vollständig durch seine möglichen äußeren Wirkungen begreifen. So wie eine Überzeugung dann vollständig durch die Handlungsdisposition bestimmt ist, die mit ihr verbunden ist, ist dann auch jeder Gegenstand des Denkens vollständig definiert durch die äußeren Wirkungen, die mit ihm denkbarerweise verbunden sind. Dies ist der Kern jener Formulierung aus „How to make our ideas clear“, die als „Pragmatische Maxime“ bekannt wurde: 66 Peirce CP 5.391 67 Peirce CP 5.391-5.392 38 „Überlege, welche Wirkungen, die denkbarerweise praktische Relevanz haben könnten, wir dem Gegenstand unseres Begriffs in unserer Vorstellung zuschreiben. Dann ist unser Begriff dieser Wirkungen das Ganze unseres Begriffs des Gegenstandes.“68. Peirce nannte den Pragmatismus, wie er in der pragmatischen Maxime zum Ausdruck kam, eine Methode, die Bedeutung schwieriger Wörter und abstrakter Begriffe zu ermitteln. Letztlich stelle er eine Anwendung der experimentellen Methode der Naturwissenschaften dar, die ihrerseits wiederum nichts anderes sei als eine Anwendung des Bibelworts „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“69. Die Auswirkungen dieser Methode waren jedoch gravierend. Denn die Anwendung der pragmatischen Maxime führt, wie Peirce an anderer Stelle ausführt, dazu, einen Großteil der herkömmlichen Metaphysik als „sinnloses Geschwätz“ zu entlarven, „in dem ein Wort durch andere Worte definiert wird, und diese wiederum durch andere, ohne dass jemals ein realer Begriff erreicht wird“70. Peirce war sich demnach also durchaus bewusst, dass die pragmatische Maxime gegenüber der traditionellen Metaphysik etwas revolutionär Neues in die Philosophie einbrachte. Worin genau dieses Neue bestand, darüber herrschte indes schnell Unklarheit. Durch die Formulierung der pragmatischen Maxime, vor allem auch durch ihre Explikation anhand des „Diamantenbeispiels“ in „How to make our ideas clear“, die er später selbst revidieren musste, hatte Peirce auch selbst einiges zu der Verwirrung um die korrekte Interpretation der pragmatischen Maxime beigetragen. b) Die Bedeutung der pragmatischen Maxime Im Diamantenbeispiel versucht Peirce, die pragmatische Maxime auf den Begriff „hart“ anzuwenden. Es geht also darum, was wir meinen, wenn wir ein Ding hart nennen. Gemäß der pragmatischen Maxime ist hierfür nach den denkbaren praktischen Auswirkungen zu fragen, die eintreten, wenn ein Ding (konkret: Ein Diamant) hart ist. Diese bestehen für Peirce darin, dass ein hartes Ding von vielen anderen Substanzen nicht geritzt werden kann. Problematisch sind die nun folgenden Ausführungen von Peirce, in denen er behauptet, es gebe keinen Unterschied zwischen einem harten und einem weichen Ding, solange es nicht auf die Probe gestellt worden sei71. Diese Aussage beinhaltet nun aber reinsten Nominalismus, der den Inhalt des Begriffes „hart“ auf die faktische Durchführung eines „scratch“-Tests reduziert. Der Begriff „hart“ repräsentiert keine vom Einzelfall unabhängige Realität mehr, sondern ist lediglich eine Zuschreibung aufgrund bestimmter äußerer Tatsachen. 68 Peirce CP 5.402. Der der pragmatischen Maxime zugrunde liegende Gedanke taucht erstmals bereits 1871 in Peirces Rezension einer Ausgabe der Werke von George Berkeley auf: „Erfüllen Dinge praktisch dieselbe Funktion? Dann bezeichne sie mit demselben Wort. Erfüllen sie sie nicht? Dann unterscheide sie.“, Peirce CP 8.33. 69 Peirce CP 5.464 – 5.465 70 Peirce CP 5.423 71 Peirce CP 5.403 39 Diese Position ist aber mit Peirces dezidiertem Realismus nicht in Einklang zu bringen72. Die Anwendung der pragmatischen Maxime, die Peirce 1878 anhand des Diamantenbeispiels in „How to make our ideas clear“ liefert, lässt schwerlich eine andere Deutung als eine reduktionistische oder zumindest operationalistische zu. Die Bedeutung des Begriffs „hart“ ginge danach auf in den sinnlich erfahrbaren Wirkungen des „scratch“-Tests (Reduktionismus) bzw. in der praktischen Durchführung des Tests (Operationalismus)73. Die pragmatische Maxime wäre dann in ihrer Bezugnahme auf eine Experimentierpraxis ein Vorläufer des empiristischen Sinnkriteriums, wie es in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts v.a. von den logischen Empiristen des Wiener Kreises um Ernst Mach propagiert wurde. Danach konnten Sätze nur dann als logisch sinnvoll gelten, wenn sich die Bedingungen für ihre Verifizierbarkeit im Sinne einer empirisch-experimentellen Überprüfbarkeit angeben lie- ßen74. In der Tat sollen die pragmatische Maxime und das empiristische Sinnkriterium denselben Zweck erfüllen, nämlich den, sinnvolle von sinnlosen Aussage zu unterscheiden75. Allerdings unterscheiden sich beide dadurch, dass dem Verifikationsbegriff der logischen Positivisten eine repräsentationalistische Erkenntnistheorie zugrunde lag, die der Pragmatismus bereits verworfen hatte76. Sowohl die reduktionistische wie auch die operationalistische Position sind indes mit der Annahme einer unabhängigen Realität, die in den Universalbegriffen zum Ausdruck kommen soll, unvereinbar. Diese Auffassung und die Ablehnung allen Nominalismus war aber der Kern von Peirces Arbeiten aus den 60er Jahren. So heißt es 1873 – wiederum bezugnehmend auf das Beispiel der Härte eines Diamanten - : „obwohl die Härte (sc. des Diamanten) völlig durch die Tatsache konstituiert wird, dass ein anderer Stein gegen den Diamanten gerieben wird, so verstehen wir sie doch nicht dahin, dass der Diamant erst beginnt, hart zu sein, wenn der andere Stein gegen ihn gerieben wird.“77. Dagegen schreibt er 1878: „Wir können uns im vorliegenden Fall unsere Frage ändern und uns fragen, was uns zu sagen hindert, dass alle harten Körper völlig weich bleiben, bis sie berührt werden, woraufhin ihre Härte mit zunehmenden Druck ansteigt, bis sie geritzt werden. ... An dieser Redeweise würde nichts Falsches sein. Sie würde eine Abänderung unseres jetzigen Sprachgebrauchs im Hinblick auf die Wörter hart und weich einschließen, aber nicht eine Abänderung ihrer Bedeutung. Denn sie stellt keine Tatsache als von dem, was diese Tatsache ist, verschieden dar; sondern sie impliziert nur eine Anordnung von Tatsachen, die außerordentlich ungeschickt wäre.“78 72 Vgl. dazu auch Kuklick (2001) S. 141 ff. 73 Zu den verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten des Diamantenbeispiels auch Schulz (1988) S. 74 ff. 74 Vgl. etwa Carnap (1932) S. 437; Neurath (1932) S. 204 ff. 75 Die für die analytische Philosophie des 20. Jahrhunderts seit Frege und Wittgenstein zentrale Differenzierung zwischen sinnlosen und sinnvollen Aussagen wurde damit von Peirce in seinen Arbeiten bereits vorweggenommen, vgl. Apel (1975) S. 132. 76 Dazu näher unten S. 65 f. 77 Peirce CP 7.340 78 Peirce CP 5.403 40 Ist Peirce also 1878 vom Realisten zum Nominalisten konvertiert? Nein. Peirce hat in einem Beitrag von 1905 seine nominalistische Fassung des Diamantenbeispiels selbst zurückgenommen und erklärt, sein Pragmatismus (dem er damals bereits den Namen Pragmatizismus gegeben hatte) schließe notwendigerweise einen Realismus mit ein79. Die pragmatische Maxime lässt nämlich nicht nur eine reduktionistische bzw. operationalistische Deutung zu, sondern auch eine, die mit Peirces Universalienrealismus und seiner semiotischen Erkenntnistheorie vereinbar ist. Vor deren Hintergrund ist es offensichtlich, dass sich Begriffe und Urteile nicht mit ihren faktischen Auswirkungen gleichsetzen lassen. Denn das ergibt sich bereits aus dem Umstand, dass erstere das Resultat eines zeichenvermittelten Schlussprozesses und eben nicht lediglich Abbildungen von äußeren Tatsachen sind. Die realistische Pointe der pragmatischen Maxime besteht nicht darin, dass ein gedachter Gegenstand im Einzelfall eine konkrete praktische Wirkung hervorbringt, sondern dass der Begriff dieses Gegenstandes für eine Regel steht, nach der diese Wirkung immer mit diesem Gegenstand verknüpft ist. Daher ist in der pragmatischen Maxime auch von den Wirkungen die Rede, die ein Ding „denkbarerweise“ („conceivably“) haben kann. Es kommt demnach nicht darauf an, dass die Wirkungen tatsächlich in einem konkreten Fall eingetreten sind, sondern dass der Begriff eine Regelmäßigkeit beschreibt, die diese Wirkungen in einer Vielzahl denkbarer Fälle eintreten lassen würde. Diese – von den konkreten Gedanken einzelner Menschen unabhängigen - Regelmäßigkeiten in den Dingen sind es nämlich, die auf lange Sicht zum finalen Konsens der Forschergemeinschaft führen und dadurch eine vom erkennenden Subjekt unabhängige Realität erst möglich machen. Diese Regelmäßigkeiten, die sozusagen die Verhaltensgewohnheiten („habits“) der Dinge enthalten, konstituieren für Peirce nicht nur die Möglichkeit einer objektiven Realität, sondern auch die einer sinnvollen Bedeutung von Begriffen. c) Pragmatische Maxime und naturwissenschaftliche Methode Wie lassen sich nun aber diese Regelmäßigkeiten ermitteln? An dieser Stelle kommt nun die experimentelle Methode der Naturwissenschaften ins Spiel. Für die Entwicklung von Peirces Pragmatismus war sie von mindestens ebenso großer Bedeutung wie sein von Duns Scotus inspirierter Realismus. Peirce selbst hat in seinem Aufsatz „What Pragmatism is“ die Bedeutung seiner Erfahrungen als experimentell arbeitender Naturwissenschaftler für seine Philosophie hervorgehoben80. Der Grundgedanke der experimentellen Methode ist der, dass sich Gewissheit über das Verhalten von Dingen dadurch erzielen lässt, dass dieses Verhalten sich unter gleichen Bedingungen jeweils kontrolliert hervorrufen lässt. An 79 Peirce CP 4.453; vgl. auch seinen Brief an Calderoni, in dem er meint, er sei mit seinem Diamantenbeispiel “zu weit auf die Bahn des Nominalismus” geraten, CP 8.208. 80 Peirce CP 5.411 41 die Stelle einer staunenden oder einfach nur beobachtenden Erfahrung der Natur tritt die unter den kontrollierten Bedingungen des Laboratoriums gewissermaßen erzwungene Erfahrung des Experiments. Eine Aussage über Dinge, die aufgrund eines Experiments getroffen wird, verdankt ihre Gültigkeit dem Umstand, dass das Experiment jederzeit wiederholt und das Ergebnis, d.h. bestimmte erfahrbare Wirkungen, reproduziert werden kann. Im Licht von Peirces Realismus besteht die Funktion des Experiments somit darin, die Verhaltensgewohnheiten der Dinge ans Licht und so gewissermaßen die Natur zum Sprechen zu bringen. Für die pragmatische Maxime heißt das, da sie auf jene Regelmäßigkeiten verweist, dass sie sich auch so interpretieren lässt, dass die Bedeutung eines Begriffs darin besteht, dass er eine Handlungsanweisung zu einem Experiment enthält, das die mit dem Begriff verbundenen Wirkungen hervorruft. Dabei ist wiederum entscheidend, dass das Auftreten dieser Wirkungen eben kein einmaliges Ereignis ist, sondern dass sich das Ergebnis des Experiments beliebig oft reproduzieren lässt, weil darin Naturgesetzlichkeiten als objektive Eigenschaften der Realität zum Ausdruck kommen81 Für das Diamantenbeispiel bedeutet dies, dass die Aussage „Ein Diamant ist hart“ bedeutet, dass durch einen experimentellen „scratch“-Test beliebig oft die Verhaltensgewohnheit des Diamanten, andere Gegenstände zu ritzen, hervorgerufen werden kann. Somit besteht der Sinn jeder theoretischen Aussage darin, dass sie eine praktische Handlungsanweisung für ein experimentelles Vorgehen beinhaltet: „Der Pragmatismus ist das Prinzip, dass jedes theoretische Urteil, das sich in einem Satz in Indikativform ausdrücken lässt, eine verworrene Form eines Gedankens ist, dessen Bedeutung, soll er überhaupt eine haben, in seiner Tendenz liegt, einer entsprechenden praktischen Maxime Geltung zu verschaffen, die als ein konditionaler Satz auszudrücken ist, dessen Nachsatz in der Imperativform steht.“82. Damit ist aber die strikte Trennung zwischen Theorie und Praxis, wie sie für die Philosophie der Neuzeit und insbesondere auch Kant kennzeichnend war, aufgehoben. Es gibt im Pragmatismus keine Trennung mehr zwischen einer theoretischen Sphäre des Erkennens und einer praktischen Sphäre des Machens. Vielmehr folgt er der Devise der neuzeitlichen Wissenschaftstheorie, dass wir nur das verstehen, was wir auch (im Experiment) machen können83. Daraus folgt dann aber auch, dass es keine Erkenntnis mehr geben kann, die von konkreten menschlichen Zwecksetzungen unabhängig ist. Peirce selbst meinte, dass es das wesentlichste Merkmal seines Pragmatismus sei, dass er eine untrennbare Verbindung von rationaler Erkenntnis und rationalem Zweck anerkannte84. Experimentelles Handeln ist nämlich stets zweckbezogen, da es gerade auf die kontrollierte Herbeiführung bestimmter äußerer Wirkungen abzielt. Dies ist auch der Grundgedanke von Peirces Idee, dass Logik eine normative Wissenschaft sei: 81 Vgl. dazu auch Peirce CP 5.424 ff. 82 Peirce CP 5.18. 83 Apel (1975) S. 145 Fn. 295. 84 Peirce CP 5.412. 42 „Logic is a normative science; that is to say, it is a science of what is requisite in order to attain a certain aim.” 85. Dieser Zweckbezogenheit experimentellen Handelns verdankt der Pragmatismus auch seinen Namen. Die Bezeichnung taucht veröffentlicht erstmals in einem Lexikonartikel aus dem Jahre 1902 mit dem Titel „Pragmatisch und Pragmatismus“ auf86, doch findet sich der Begriff bereits in einem Notizbuch von Peirce aus dem Jahr 186587. Dabei griff er die von Kant in der „Kritik der reinen Vernunft“88 getroffene Unterscheidung zwischen moralischem und pragmatischem Handeln auf. Ersteres wird gemäß Kant durch a priori vorgebene Zwecke bestimmt, die unabhängig von jeglicher Empirie bestehen sollen und damit einem Bereich angehören, in dem nach Ansicht von Peirce „kein Geist vom Typ eines Experimentators sich je festen Boden unter den Füßen verschaffen kann.“89. Dagegen zeichnet sich pragmatisches Handeln gerade durch den Bezug auf menschliche Zwecksetzungen aus und entspricht damit dem Typus experimentellen Handelns, den Peirce zur gedanklichen Grundlage jeder Begriffsbestimmung machen wollte. 5. Peirce und die pragmatistische Philosophie Peirces entscheidender Beitrag zum Pragmatismus bestand darin, dass er erstmals dessen Grundgedanken formulierte, indem er mit der pragmatischen Maxime in Anlehnung an die Logik des naturwissenschaftlichen Experiments den Sinn von Aussagen mit deren möglicher praktischer Bewährung verknüpfte. Bis zu Kant lag der Erkenntnistheorie, unabhängig davon ob sie rationalistisch oder empiristisch geprägt war, das Modell des Abbildens zugrunde. Die Wahrheit von Sätzen war abhängig davon, ob sie die adäquate Abbildung eines Sachverhalts im erkennenden Bewusstsein darstellten. Das Problem dieses Modells bestand darin, das Verhältnis zwischen abgebildeter Realität und erkennendem Bewusstsein zu erklären. Wie konnten die Dinge das Bewusstsein affizieren, und was an dem, was im Bewusstsein erschien, rührte vom Ding her und was aus der Beschaffenheit des Erkenntnisapparates? Peirces pragmatische Maxime hingegen leitete einen epistemologischen Paradigmenwechsel ein: Erkenntnis wurde nicht mehr als Abbildung von Sachverhalten im Bewusstsein, sondern als ein evolutionärer Vorgang der Umweltanpassung begriffen. Im Werk von Peirce finden sich damit bereits jene fünf Elemente, die den gedanklichen Kern des Pragmatismus bilden: 85 Zitiert nach Misak (1991) S.89. 86 Peirce CP 5.2. 87 Martens S. 229 88 Kant, AA III, 341. 89 Peirce CP 5.412

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References

Zusammenfassung

Der klassische Pragmatismus steht für einen amerikanischen Sonderweg in die philosophische Moderne. Auch die Entwicklung des amerikanischen Rechtsdenkens wurde durch den Pragmatismus von C.S. Peirce und John Dewey bis heute maßgeblich geprägt. Strömungen wie der "Legal Realism" oder die "Economic Analysis of Law" wären ohne das gedankliche Fundament der pragmatistischen Philosophie nicht denkbar.

Das Buch zeichnet den Einfluss des Pragmatismus auf die amerikanische Rechtstheorie über einen Zeitraum von 150 Jahren von Oliver Wendell Holmes" "The Common Law" bis zum modernen "Legal Pragmatism" eines Richard Posner nach. Der Verfasser veranschaulicht zudem den engen Zusammenhang, der zwischen der pragmatistischen Rechtstheorie und einem deliberativen Demokratieverständnis besteht. Für die Frage, wie das Spannungsverhältnis zwischen dem Willen des demokratischen Gesetzgebers und der Autonomie des Rechtssystems aufzulösen ist, kann der Pragmatismus neue Perspektiven liefern. Deshalb ist es lohnend, sich auch auf dem alten Kontinent mit ihm auseinanderzusetzen.