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Peter Kasiske, Überzeugungen als Verhaltensdispositionen in:

Peter Kasiske

Rechts- und Demokratietheorie im amerikanischen Pragmatismus, page 33 - 37

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4153-6, ISBN online: 978-3-8452-1330-9 https://doi.org/10.5771/9783845213309

Series: Studien zur Rechtsphilosophie und Rechtstheorie, vol. 52

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33 Realität bestätigt werden können. Erst die Identifikation mit einer Gemeinschaft macht daher Logizität möglich, und so ist „das soziale Prinzip tief in der Logik verwurzelt“54, und umgekehrt bezieht sich Erkenntnis immer auf eine Realität, die nur durch eine Gemeinschaft überhaupt erst sinnvoll konstituiert werden kann. 3. Überzeugungen als Verhaltensdispositionen Peirce verfügte somit bereits vor Gründung des „Metaphysical Club“ über ein solides erkenntnistheoretisches Fundament, auf dem dann auch seine weiteren Überlegungen aufbauten, die stark von den Diskussionen im „Metaphysical Club“ beeinflusst wurden. Wenn es später dann später zwischen Peirce und denjenigen, die sich als Pragmatisten auf ihn beriefen, insbesondere William James, zu Differenzen dar- über kommen sollte, was die Bezeichnung Pragmatismus eigentlich bedeutete, so dürfte dies auch darauf zurückzuführen sein, dass diese zwar Peirces Ansichten zur Natur der Überzeugungsbildung und zur Explikation von Begriffen durch Verhaltensfolgen übernahmen, nicht aber seine bereits vorher entwickelten komplexen Vorstellungen einer Realität, die durch zeichenvermittelte Schlussprozesse konstituiert wird. Den Mitgliedern des Clubs, die nach Peirces Aussage55 vor allem durch die britische empiristische Philosophie geprägt waren, dürfte Peirces Konzept, das ja in erster Linie aus der Auseinandersetzung mit der europäischen Philosophie nicht zuletzt des Mittelalters gewonnen worden war, wohl eher befremdlich erschienen sein. James schreibt an einer Stelle im Hinblick auf Peirces Ausführungen von „cimmerischer Finsternis“ und bekennt freimütig, längst nicht alles davon verstanden zu haben56. Nachdem er für sich bereits vor 1871 weitgehend die Frage geklärt hatte, welche Grenzen der Erkenntnis gesetzt sind und was ihr Gegenstand ist, blieb nunmehr noch zu beantworten, auf welche Weise der Erkenntnisvorgang, d.h. der Prozess des Forschens vonstatten geht. In der Auseinandersetzung mit dieser Frage, in der, wie zu zeigen sein wird, der eigentliche Ursprung des Pragmatismus liegt, empfing Peirce zahlreiche wichtige Anregungen durch die Diskussionen im „Metaphysical Club“. a) Der Einfluss der Ideen von Alexander Scott Bain Durch Chauncey Wright wurde Peirce mit den Arbeiten des schottischen Philosophen Alexander Scott Bain (1818-1903) bekannt gemacht. Den Einfluss Bains auf die weitere Entwicklung seiner Philosophie erachtete Peirce für so maßgeblich, dass 54 Peirce CP 5.354 55 Peirce CP 5.12 56 James (1907) S. 2. Siehe dazu auch unten S. 55. 34 er ihn in einem späten Brief als „Großvater des Pragmatismus“ bezeichnete57. Bain bediente sich einer evolutionistischen Perspektive und betrachtete die Bildung von Überzeugungen als ein Instrument zur Anpassung an die Umwelt. Defizite in der Anpassung führen dabei zu Zweifeln, die durch die Ausbildung einer neuen Überzeugung überwunden werden. Der entscheidende Gedanke Bains war dabei der, dass er Überzeugung immer schon als auf eine mögliche Handlung bezogen begriff. So formulierte er in „The Emotions and the Will“: „Überzeugung ist ... wesentlich auf Handlung bezogen, d.h. auf Willensentschluss .... Bereitschaft zum Handeln aufgrund dessen, was wir behaupten, ist .... das einzige, echte, unmissverständliche Kriterium der Überzeugung.“58. Dieser Begriff der Überzeugung war ein gänzlich anderer, als er der klassischen Philosophie zugrunde lag. Für diese waren Überzeugungen nämlich primär mentale Zustände des Bewusstseins. Dies galt sowohl für die rationalistische Philosophie Descartes als auch für den britischen Empirismus und auch noch für die kritische Erkenntnistheorie Kants. Dort bestand zwischen Geist und Handlung, zwischen Theorie und Praxis noch ein unüberwindlicher Gegensatz, der in Bains Konzept aufgelöst wurde. Eine Überzeugung war immer schon auf künftiges Verhalten bezogen, sie gehörte nicht als „Idee“ oder mentaler Zustand einer ganz anderen ontologischen Sphäre an als die reale Praxis des Handlungsvollzugs. In seinem Aufsatz „The fixation of our beliefs“ von 1877, der zusammen mit dem ein Jahr später erschienenen Beitrag „How to make our ideas clear“ als „Gründungsurkunde“ des Pragmatismus bezeichnet wird, griff Peirce die wesentlichen Elemente von Bains Lehre auf. Vor allem fasste er Überzeugungen ebenfalls als Verhaltensdispositionen auf, wenn er schreibt: „Das Gefühl des Überzeugtseins ist ein mehr oder weniger sicheres Anzeichen dafür, dass sich in unserer Natur eine Verhaltensgewohnheit eingerichtet hat, die unsere Handlungen bestimmen wird.“59. Er übernahm auch Bains Modell, wonach die geistige Tätigkeit des Menschen einen evolutionären Anpassungsprozeß darstellt. Dieser besteht darin, dass bestehende Überzeugungen durch einen konkreten Zweifel erschüttert werden. Da dieser Zustand des Zweifels als unbefriedigend empfunden wird, versucht der Mensch ihn zu überwinden, indem er zu einer neuen stabilen Überzeugung gelangt. Diesen Vorgang bezeichnet Peirce als „Forschen“ im weitesten Sinne und sein einziges Ziel ist es, eine neue Überzeugung und damit eine gefestigte Verhaltensdisposition festzulegen. Sobald eine neue Überzeugung gefunden ist, besteht nach Peirce kein vernünftiger Anlass mehr, weiter zu forschen60. Was unterscheidet nun den konkreten Zweifel, den Peirce im Auge hat, von dem radikalen Zweifel Descartes’? Während es für den Zweifel des Descartes genügte, eine Aussage gedanklich in Frage stellen zu können, z.B. die Frage zu formulieren „Existiere ich?“, musste für Peirce ein Zwei- 57 Peirce CP 5.12. Wobei allerdings nicht ganz klar ist, ob Bain oder Nicholas St. John Green gemeint ist. Der Kontext spricht aber für ersteren. 58 zitiert nach Apel (1975) S. 112/113. 59 Peirce CP 5.370 60 Peirce CP 5.370 – 5.376 35 fel an einer Überzeugung geeignet sein, die Verhaltensdisposition in Frage zu stellen, die mit dieser Überzeugung verbunden war. Auf das Beispiel bezogen heißt das, dass ein konkreter Zweifel im Sinne von Peirce erst dann vorliegt, wenn ich nicht mehr ohne weiteres bereit bin, mich so zu verhalten, als ob ich existiere. Da eine solche Verhaltensdisposition absurd ist, bedarf die Behauptung der eigenen Existenz auch keiner kritischen Überprüfung. Das Verständnis von Überzeugungen als Verhaltensdispositionen liefert Peirce somit eine Möglichkeit, sinnvolle von sinnlosen Fragestellungen zu unterscheiden. Wenn das Wesen einer Überzeugung letztlich in einer Verhaltensdisposition besteht, so sind Überzeugungen, die zu denselben Verhaltensdispositionen führen, auch identisch, selbst wenn sie mit unterschiedlichen Worten beschrieben werden61. Die Attraktivität von Bains Theorie für Peirce erklärt sich nicht zuletzt daraus, dass sie mit der experimentellen Vorgehensweise des Naturwissenschaftlers übereinstimmt. Für einen Naturwissenschaftler gilt eine Aussage solange als wahr, wie sie mit den experimentellen Befunden übereinstimmt. Erst wenn das Ergebnis eines Experiments der Aussage widerspricht, stellt sich ein konkreter Zweifel ein. Die ursprüngliche Aussage wird daraufhin fallengelassen oder modifiziert, bis sie mit den experimentellen Ergebnissen übereinstimmt. Der Verhaltensgewohnheit entspricht in diesem Kontext die Bereitschaft, ein bestätigendes Experiment durchzuführen. Und nur wenn diese Bereitschaft und die Möglichkeit eines bestätigenden Experimentes besteht, hat eine Aussage einen wissenschaftlichen Sinn. Dass eine Aussage wahr ist, bedeutet in diesem Zusammenhang dann nichts anderes, als dass sich ein Experiment vornehmen lässt, das die von ihr prognostizierten praktischen Auswirkungen herbeiführt. b) Die Bildung von Überzeugungen Nachdem nun die Frage geklärt war, was eine Überzeugung eigentlich ihrem Wesen nach ist – nämlich eine Verhaltensdisposition -, blieb nun noch zu erklären, welches der sinnvollste Weg ist, zu einer Überzeugung zu gelangen. Peirce unterscheidet in "The Fixation of Our Beliefs" zwischen vier Arten, sich eine Überzeugung zu bilden. Die erste besteht darin, sich bedingungslos an bereits vorhandene Anschauungen zu halten und auftretende Zweifel schlicht zu ignorieren. Peirce nennt diese Methode die der Beharrlichkeit und vergleicht sie mit dem Vogel Strauß, der konsequent bei jeder Gefahr seinen Kopf in den Sand steckt. Diese Methode stößt jedoch sehr schnell an ihre Grenzen, denn jeder der sie verfolgt, wird bald feststellen, dass es noch andere Menschen gibt, die vielleicht mit derselben Beharrung an ganz anderen Überzeugungen hängen, und dies wird sein Vertrauen in seine eigenen Ansichten notwendig erschüttern. Die Methode der Beharrlichkeit ist somit nur für einen Einsiedler auf Dauer durchzuhalten. 61 Peirce CP 5.398 36 Vielversprechender erscheint es, die Überzeugungen durch eine oberste Instanz wie die Staats- oder Kirchenführung für alle verbindlich festzulegen, so dass alle Individuen dieselben Überzeugungen hegen und sich nicht gegenseitig irritieren können. Diese Methode der Autorität weist zwar gegenüber der Methode der Beharrlichkeit beachtliche Vorzüge auf, doch ist auch sie nicht ohne Nachteile. So kann die Durchsetzung einer Überzeugung mitunter zu beachtlichen Grausamkeiten nötigen, vor allem aber setzt sie Untertanen voraus, die willens sind, im Zustand intellektueller Sklaverei zu leben. Hinzu kommt, dass selbst ein totalitärer Staat schwerlich in der Lage wäre, mehr als nur die wichtigsten Überzeugungen vorzugeben und durchzusetzen. Schließlich nennt Peirce noch eine dritte Art, Überzeugungen zu bilden, die er die „Apriori-Methode“ nennt und die er vor allem in der Metaphysik angewandt findet. Sie zeichnet sich für Peirce dadurch aus, dass als Überzeugungen diejenigen Ideen angenommen werden, die „der Vernunft genehm“ sind62. Dahinter verbirgt sich eine ironisierte Form des Postulats von Descartes, als wahr könne nur das gelten, was unmittelbar evident ist. Die Problematik dieser Methode liegt für Peirce darin, dass Maßstab der Wahrheit nun die Vernunft des Einzelnen wird, oder, wie Peirce es pointierter formuliert, Überzeugungen so zu einer Frage des Geschmacks werden, denn was der Vernunft genehm ist, ist letztlich auch eine Frage zufälliger Entwicklungen. So mag die Bevorzugung der Monogamie gegenüber der Polygamie einem Christen evident vernünftig erscheinen, für einen Hindu ist sie dies nicht63. Wenn Peirce meint, Erkenntnis werde so zu einer Art Geschmacksfrage, so verneint er damit die von den Rationalisten unterstellte Möglichkeit einer von allen Menschen geteilten Vernunft, die imstande ist, synthetische Erkenntnisse unabhängig von jeder Erfahrung zu liefern. Letztlich handelt es sich dabei um eine verkürzte Form seiner Kritik des Erkenntnisvermögens aus den Aufsätzen von 1868, in der er die vom Rationalismus vorausgesetzten Fähigkeiten zu introspektiver und intuitiver Erkenntnis bestritten hat. Nach Peirce verlegt die Apriori-Methode den Prozess der Erkenntnisgewinnung in das isolierte Bewusstsein eines einzelnen Individuums und macht dieses damit zum Richter über die Wahrheit, ohne zu berücksichtigen, dass eine Erkenntnis nur dann sinnvoll als wahr gelten kann, wenn ihr alle zustimmen können64. Damit schlägt Peirce die Brücke zu seinem bereits früher entwickelten Realitätsbegriff, wonach Realität das ist, was von den Meinungen der Einzelnen unabhängig ist. Peirce plädiert nun dafür, die Überzeugungsbildung an dieser Realität ausrichten. Dies zu tun ist das Kennzeichen der wissenschaftliche Methode, die von der Existenz einer außerhalb des einzelnen Individuums existierenden Realität ausgeht, die auf lange Sicht durch die Gemeinschaft der Forschenden erkannt werden kann65. 62 Peirce CP 5.382 63 Peirce CP 5.382 64 Peirce CP 5.265 65 Peirce CP 5.384 37 Unschwer ist zu erkennen, dass den verschiedenen Methoden der Überzeugungsbildung auch verschiedene philosophische Richtungen entsprechen. So war die Methode der Autorität diejenige, die die scholastische Philosophie des Mittelalters beherrschte, wo Streitfragen unter Berufung auf die Autorität der Heiligen Schrift oder der Kirchenväter gelöst wurden. Dagegen folgte die neuzeitliche rationalistische Philosophie von Descartes bis Kant der Apriori-Methode und unterstellte die Möglichkeit erfahrungsunabhängiger Erkenntnis66. So wie die Apriori-Methode die Methode der Autorität ablöste, soll sie nach Peirces Vorstellung nun ihrerseits durch die wissenschaftliche Methode ersetzt werden. Ihr Wesen ist das Thema der zweiten sogenannten „Gründungsurkunde“ des Pragmatismus, des Aufsatzes „How to Make Our Ideas Clear“ von 1878. 4. Die pragmatische Maxime Nachdem Peirce in „The Fixation of Our Beliefs“ geklärt hatte, was Überzeugungen ihrem Wesen nach sind und welcher Funktion sie dienen, beschäftigte er sich in „How to Make Our Ideas Clear“ mit der Frage, wie sie sich auf wissenschaftliche Weise erlangen und präzisieren lassen. Auch in diesem Aufsatz entwickelt Peirce seine Position in Abgrenzung zum Rationalismus, insbesondere zu Descartes’ und Leibniz. Während er Descartes vorwirft, dieser könne, da er sich auf das Kriterium der Introspektion verlässt, nicht zwischen Ideen die klar scheinen, und solchen, die es wirklich sind, unterscheiden, bemängelt er an Leibniz, dieser wolle Klarheit und Deutlichkeit durch möglichst abstrakte Definitionen der wichtigen Begriffe erreichen, ohne zu berücksichtigen, dass die bloße Analyse von Definitionen keine neuen Erkenntnisse hervorbringen, sondern allenfalls Ordnung in das bereits gewonnene Wissen bringen kann67. a) Die Formulierung der pragmatischen Maxime in "How to make our ideas clear" Peirces Lösungsansatz nimmt seinen Ausgangspunkt wiederum vom Begriff des Realen als dem Erkennbaren. Wenn Sein und Erkennbarkeit dasselbe sind, die Erkennbarkeit aber nur durch äußere, nicht durch innere, Tatsachen konstituiert wird, so lässt sich das Sein auch vollständig durch seine möglichen äußeren Wirkungen begreifen. So wie eine Überzeugung dann vollständig durch die Handlungsdisposition bestimmt ist, die mit ihr verbunden ist, ist dann auch jeder Gegenstand des Denkens vollständig definiert durch die äußeren Wirkungen, die mit ihm denkbarerweise verbunden sind. Dies ist der Kern jener Formulierung aus „How to make our ideas clear“, die als „Pragmatische Maxime“ bekannt wurde: 66 Peirce CP 5.391 67 Peirce CP 5.391-5.392

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Zusammenfassung

Der klassische Pragmatismus steht für einen amerikanischen Sonderweg in die philosophische Moderne. Auch die Entwicklung des amerikanischen Rechtsdenkens wurde durch den Pragmatismus von C.S. Peirce und John Dewey bis heute maßgeblich geprägt. Strömungen wie der "Legal Realism" oder die "Economic Analysis of Law" wären ohne das gedankliche Fundament der pragmatistischen Philosophie nicht denkbar.

Das Buch zeichnet den Einfluss des Pragmatismus auf die amerikanische Rechtstheorie über einen Zeitraum von 150 Jahren von Oliver Wendell Holmes" "The Common Law" bis zum modernen "Legal Pragmatism" eines Richard Posner nach. Der Verfasser veranschaulicht zudem den engen Zusammenhang, der zwischen der pragmatistischen Rechtstheorie und einem deliberativen Demokratieverständnis besteht. Für die Frage, wie das Spannungsverhältnis zwischen dem Willen des demokratischen Gesetzgebers und der Autonomie des Rechtssystems aufzulösen ist, kann der Pragmatismus neue Perspektiven liefern. Deshalb ist es lohnend, sich auch auf dem alten Kontinent mit ihm auseinanderzusetzen.