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Sebastian Messer, Ausblick in:

Sebastian Messer

Die polizeiliche Registrierung von Widerstandshandlungen, page 243 - 243

Eine kriminalsoziologische Untersuchung

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4143-7, ISBN online: 978-3-8452-1650-8 https://doi.org/10.5771/9783845216508

Series: Studien zum Strafrecht, vol. 26

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243 genannt. Die Gründe hierfür sind - wie gezeigt - vielfältig und divergieren regional. Sofern man diese Erkenntnis für verallgemeinerungsfähig erachtet, kann davon ausgegangen werden, dass knapp ein Drittel aller tatbestandsmäßigen Widerstände statistisch nicht registriert wird und somit dem Graufeld zuzurechnen ist. VII. Ausblick Die vorliegende Arbeit hat den Zusammenhang zwischen der strategischen Vorgehensweise von Polizeibeamten bei Konflikten sowie personalstrukturellen Merkmalen auf der einen und der polizeistatistischen Registrierung von Widerstandshandlungen nach § 113 StGB auf der anderen Seite deutlich werden lassen und damit einen Beitrag zur Erforschung des polizeilichen Kriminalisierungsverhaltens leisten können. Da dieser Sichtweise bisher in der Wissenschaft nahezu keine Aufmerksamkeit gewidmet wurde, konnte die Arbeit insoweit eine Lücke schließen und bietet damit einen Ausgangspunkt für künftige Untersuchungen. Die Merkmale der Widerstandsübenden sind umfassend erforscht und werden auch von den Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik und des Zweiten Periodischen Sicherheitsberichtes bestätigt. Sie entsprechen auch allgemeinen kriminologischen Erkenntnissen, nach denen Täter häufig jung und alkoholisiert sind und ihre Taten oftmals zu Abend- und Nachtzeiten, an Wochenenden und in den Sommermonaten begehen. Insoweit ist kein Forschungsbedarf mehr vorhanden. Ebenso kann die Erkenntnis als gesichert gelten, dass die Aus- und Fortbildungssituation bundesweit, trotz föderalistisch bedingter Unterschiede, derart einheitlich ist, dass unabhängig vom Bundesland, dem der Beamte angehört, eine in etwa vergleichbare Wahrnehmung von Konflikten gegeben ist. Lohnenswert wäre die Untersuchung von Konfliktsituationen anhand einer neuartigen Erhebungsmethode. Der Nachteil von ausschließlich schriftlichen Befragungen liegt per se darin, dass die Konfliktsituationen lediglich begrenzt umfassend geschildert werden können und somit durch die Wortwahl sowie die knapp zu haltende Wortanzahl eine Suggestivwirkung entstehen kann. Dies ist zwar insoweit nicht nachteilig, als diese Variable konstant gehalten werden kann und damit die Vergleichbarkeit aller Antworten gewährleistet bleibt. Um jedoch noch präzisere Ergebnisse zu gewinnen, könnte in einer künftigen Untersuchung auf eine Videotechnik zugegriffen werden und damit das qualitative Design der Befragung weiter gesteigert werden. Dies könnte sich derart gestalten, dass die vorgegebenen Konfliktsituationen professionell nachgestellt und in kurzen Sequenzen auf Video aufgezeichnet werden. Diese Sequenzen können den Befragten vorgespielt und die Situationsbewertung schriftlich abgefragt werden. Soweit die technischen Möglichkeiten für die Realisierung einer solchen Befragung vorhanden sind, kann auf diese Weise eine sehr praxisbezogene Erhebung durchgeführt werden, die sich ausschließlich mit den Reaktionen der Polizeibeamten auf Konflikte beschäftigt.

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Zusammenfassung

Die Arbeit knüpft an das irritierende Faktum an, dass in der Hansestadt Lübeck zumindest in den Jahren 1999 bis 2004, aber auch noch aktuell, deutlich mehr Delikte wegen Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte nach § 113 StGB registriert worden sind als in Kiel. Dennoch ist die Zahl der Verurteilten nahezu gleich. Es liegt die Vermutung nahe, dass nur mehr Widerstände thematisiert werden als verurteilt.

Bisher vorhandene Studien zum Thema Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte gehen zumeist ätiologisch vor. Sie liefern keine Erklärung für das unterschiedliche Registrierungsverhalten, aber wichtige Vorerkenntnisse über die zu erwartenden Konflikte und sozialen Besonderheiten der „widerständigen“ Personen.

Die Arbeit knüpft an diese Erkenntnisse an, überprüft sie bezüglich ihrer Aktualität und stellt einen eigenen vollständigen theoretischen Ansatz auf. Dieser kriminalsoziologische Ansatz unterscheidet zwischen Wahrnehmung eines Konfliktes, Thematisierung des Konfliktes und Mobilisierung des Widerstandsparagrafen. Die Datenerhebung erfolgte per schriftlicher Befragung mit Interviews bei 300 Polizeibeamtinnen und -beamten. Einbezogen wurden Kiel, Lübeck und – des regionalen Vergleichs wegen – die sozialstrukturell vergleichbare Stadt Mannheim. Abgefragt wurden zahlreiche Konfliktkonstellationen und Einflussfaktoren, solche wie Geschlecht, Diensterfahrung und Dienstgrad. Die Arbeit wertet die Daten umfangreich auf unterschiedliche Reaktionsmuster hin aus.