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Sebastian Messer, Geschlechtsspezifische Besonderheiten bei einzelnen Konflikten in:

Sebastian Messer

Die polizeiliche Registrierung von Widerstandshandlungen, page 227 - 229

Eine kriminalsoziologische Untersuchung

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4143-7, ISBN online: 978-3-8452-1650-8 https://doi.org/10.5771/9783845216508

Series: Studien zum Strafrecht, vol. 26

Bibliographic information
227 Die Darlegung der regionalen Besonderheiten mit einer Abweichung von mindestens 10 Prozent zeigt, dass es Konflikte gibt, die von den Polizeibeamten der untersuchten Städte unterschiedlich bewertet wurden, sodass sich die Art des Konfliktes sowie die Stadt, in der er stattfindet, offenbar auf die Registrierungsentscheidung und somit auf die Anzeigenhäufigkeit auswirken. II. Geschlechtsspezifische Besonderheiten bei einzelnen Konflikten Die Auswertung der Situationen hat auch personenbezogene Merkmale der Polizeibeamten einbezogen und überprüft, ob diese Auswirkungen auf das polizeiliche Anzeigeverhalten haben. Die Zahlen zur Antwortverteilung bezogen auf alle situativen Fragen sowie die abstrakten Einschätzungsfragen ergeben eine leichte Tendenz der weiblichen Befragten, Konflikte mit einer Deeskalationstechnik zu lösen. Die männlichen Polizeibeamten entschieden sich hingegen etwas häufiger für eine Durchsetzungsstrategie mit einer anschließenden Mobilisierung des Widerstandsparagrafen (Abbildung 69). Im Folgenden werden die Situationen betrachtet, auf die sich die Variable Geschlecht mit einer Abweichung von mindestens 10 Prozent auswirkt. Beim Konflikt „Alkoholisierter Kraftwagen-Führer“ (Situation 1) gibt es zwar keinerlei geschlechtsspezifische Unterschiede beim Anzeigeverhalten, jedoch entschieden sich die weiblichen Befragten mit 44,6 Prozent deutlich häufiger als die männlichen (31,9 Prozent) für eine deeskalierende Vorgehensweise (Abbildung 25). Die männlichen Beamten nannten häufiger eine Durchsetzungsstrategie ohne Anzeige und tendierten häufiger zu einer Thematisierung, lehnten allerdings eine Verrechtlichung ab. Somit wirkt sich die Variable Geschlecht nahezu gar nicht auf die Häufigkeit der Mobilisierung aus, jedoch variiert die Wahl der Taktik geschlechtsspezifisch. Diese Situation lässt sich insoweit verallgemeinern, als hier zumindest die Möglichkeit noch offen ist, den Konflikt mit guten Erfolgsaussichten verbal zu lösen. Sofern sich eine derartige Möglichkeit bietet, scheinen die Beamtinnen häufiger deeskalierend vorzugehen. Diese Aussage wird auch durch deren eigene Einschätzung des Verrechtlichungsverhaltens bestätigt. Die weiblichen Befragten nannten häufiger als ihre männlichen Kollegen eine Verrechtlichung von Konflikten, wenn sich der Widerstandsübende massiv zur Wehr setzt und eine deeskalierende Vorgehensweise keine Wirkung zeigt (Abbildung 77). Ebenso gaben sie häufiger an, bei konfliktartigen Situationen im Zweifel keine Widerstandsanzeige zu veranlassen (Abbildung 81). Auch bei der Bewertung des Konfliktes „Häusliche Gewalt“ (Situation 2) gibt es Unterschiede (Abbildung 29). Die männlichen Befragten wählten mit 83,9 Prozent zu 10 Prozent häufiger als die weiblichen Probanden eine Durchsetzungsstrategie mit Anzeige. Die Polizeibeamtinnen entschieden sich etwas häufiger für eine deeskalierende Vorgehensweise oder eine Durchsetzungsstrategie ohne An- 228 zeige. Es erstaunt, dass die weiblichen Befragten öfter als ihre männlichen Kollegen auf eine Verrechtlichung dieses Konfliktes verzichteten. Dies könnte sich mit dem traditionellen Rollenverständnis in einer Ehe erklären lassen, das einen Einfluss auf die Entscheidung der Beamtinnen nehmen könnte. Wenn sich die Beamtinnen für eine Verrechtlichung entschieden, dann taten sie dies, verglichen mit den männlichen Probanden, vermehrt auch aus prophylaktischen Motiven. Sofern die Entscheidung über eine Mobilisierung des Widerstandsparagrafen auch von dem Kontext der Situation abhängig ist, kann die Ursache für diese ungleiche Vorgehensweise in einem unterschiedlichen Verständnis und einer abweichenden Definition von häuslicher Gewalt441 liegen. So scheinen die männlichen Befragten eine niedrigere Definitionsschwelle von häuslicher Gewalt zu haben als die weiblichen. Dies kann aber lediglich vermutet werden. Es ist auch denkbar, dass die Beamtinnen zwar eine identische Definition von häuslicher Gewalt haben, allerdings den betroffenen Frauen selbst die Entscheidung für oder gegen eine Verrechtlichung des Konflikts zwischen den Eheleuten überlassen möchten. Beim Konflikt „Migranten“ (Situation 4) gaben die männlichen Befragten zu 10 Prozent häufiger eine Anzeige als Reaktion an, die weiblichen Befragten nannten etwas häufiger eine deeskalierende Vorgehensweise (Abbildung 37). Die weiblichen Befragten reagierten eher mit einer Deeskalationstaktik oder mit einer Durchsetzungsstrategie ohne eine anschließende Verrechtlichung. Ihre männlichen Kollegen wählten hingegen häufiger eine Durchsetzungsstrategie und entschieden sich für eine Mobilisierung des Widerstandsparagrafen. Die Gründe hierfür können vielfältig sein. Es steht zu vermuten, dass es bei einem Konflikt mit Nichtdeutschen in der Regel eines erhöhten Kommunikationsaufwandes bedarf, um erfolgreich eine Deeskalationstaktik einsetzen zu können. Dafür sprechen auch die Angaben vieler Beamten, die eine Widerstandsbarriere darin sahen, dass der widerständige Bürger der deutschen Sprache nicht mächtig sei. Die Bereitschaft zu kommunizieren ist bei den weiblichen Polizeibeamten offenkundig etwas ausgeprägter als bei den männlichen. An dieser Stelle sei die Aussage eines Polizeibeamten sinngemäß wiedergegeben, die er unmittelbar im Anschluss an die Befragung äußerte: Bei ausländischen Mitbürgern wird „viel schneller in den Ring gestiegen“, weil ohnehin keine Kommunikationsebene gefunden wird. Geschlechtsspezifische Bewertungsunterschiede gibt es auch beim Konflikt „Haftbefehlserledigung“ (Situation 5). Hier entschieden sich mit 76,9 Prozent zu 59,6 Prozent viel mehr weibliche Befragte gegen eine Anzeige, die männlichen wählten hingegen häufig den Weg der Verrechtlichung (Abbildung 41). Es zeigt sich eine deutliche Tendenz der Beamtinnen zur Nichtmobilisierung. Da der Konflikt mit der Festnahme schon beendet war, kam eine Deeskalationstechnik als Reaktion nicht mehr in Betracht. Die männlichen Befragten reagierten erkennbar häufiger mit einer Verrechtlichung des Konflikts, indem sie sich für eine Mobilisierung des Wider- 441 Die Definition von häuslicher Gewalt ist nicht einheitlich und wird zum Teil sehr weitgefasst verstanden. Siehe hierzu Frommel (2004b), S. 306. 229 standsparagrafen entschieden. Ihre Kolleginnen dagegen wählten vermehrt eine Thematisierung ohne Anzeige. Das im Sachverhalt geschilderte mehrmalige Zuschlagen der Tür, obwohl sich der Fuß des Beamten zwischen Tür und Türrahmen befand, kann rechtlich gesehen unter den Widerstandsparagrafen subsumiert werden. Wir erinnern uns an die im ersten Kapitel geschilderte Feststellung, dass der § 113 StGB (unumstritten) ein Unternehmensdelikt ist und ein Verletzungserfolg nicht zwingend eintreten muss. In Gesprächen, die freiwillig im Anschluss an die Bearbeitung des Fragebogens folgten, äußerten sich zahlreiche Befragte dahin gehend, dass sie eine Widerstandsanzeige nur dann schreiben würden, wenn sie auch verletzt seien. Anderenfalls würden sie eine Handlung nicht unter § 113 StGB subsumieren. Dieser Befund liefert allerdings keine Erklärung für die geschlechtsspezifisch unterschiedliche Antwortverteilung. Beim Konflikt „Einsatz wegen Ruhestörung“ (Situation 7) wurde eine Anzeige vergleichbar häufig von den Befragten beider Geschlechter genannt (je etwa 30 Prozent). Unterschiede gibt es bei den Strategien. So entschieden sich 42,1 Prozent der männlichen Befragten für eine Durchsetzungsstrategie, die Polizeibeamtinnen hingegen bevorzugten mit 35,4 Prozent häufiger eine deeskalierende Vorgehensweise (Abbildung 49). Das Antwortverhalten beim Konflikt „Punkszene“ (Situation 11) zeigt die deutliche Auffälligkeit, dass 56,9 Prozent zu 40,9 Prozent mehr weibliche Befragte eine deeskalierende Strategie nannten (Abbildung 65). III. Dienstgradspezifische Besonderheiten bei einzelnen Konflikten Die Auswertung der situativen Fragen hat ergeben, dass sich die Variable Dienstgrad nahezu nicht auf die Situationsbewertungen auswirkt (Abbildung 70). Bezogen auf die Mittelwerte aller Situationen liegt die Maximalabweichung bei nur 4,1 Prozent und bezogen auf die einzelnen Konflikte jeweils unter 10 Prozent. IV. Dienstzeitspezifische Besonderheiten bei einzelnen Konflikten Welchen Einfluss die Variable Diensterfahrung auf die polizeiliche Situationsbewertung hat, zeigt zunächst der Blick auf die Mittelwerte der Situationen (Abbildung 71). Es bestehen insgesamt keine wesentlichen Unterschiede zwischen den Angehörigen der drei Gruppen 1 bis 5, 6 bis 15 und 16 bis 44 Dienstjahre, sondern es ist lediglich die leichte Tendenz bei den diensterfahrenen Befragten erkennbar, häufiger eine Durchsetzungsstrategie mit Anzeige zu wählen, während ihre dienstjüngeren Kollegen mit einer mittleren oder niedrigen Erfahrung etwas öfter eine Durchsetzungsstrategie ohne eine Verrechtlichung favorisierten. Auch wenn in der Gesamtschau kaum Unterschiede erkennbar sind, so wirkt sich die Variable Dienstzeit allerdings bei der Bewertung einzelner Konflikte aus.

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Zusammenfassung

Die Arbeit knüpft an das irritierende Faktum an, dass in der Hansestadt Lübeck zumindest in den Jahren 1999 bis 2004, aber auch noch aktuell, deutlich mehr Delikte wegen Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte nach § 113 StGB registriert worden sind als in Kiel. Dennoch ist die Zahl der Verurteilten nahezu gleich. Es liegt die Vermutung nahe, dass nur mehr Widerstände thematisiert werden als verurteilt.

Bisher vorhandene Studien zum Thema Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte gehen zumeist ätiologisch vor. Sie liefern keine Erklärung für das unterschiedliche Registrierungsverhalten, aber wichtige Vorerkenntnisse über die zu erwartenden Konflikte und sozialen Besonderheiten der „widerständigen“ Personen.

Die Arbeit knüpft an diese Erkenntnisse an, überprüft sie bezüglich ihrer Aktualität und stellt einen eigenen vollständigen theoretischen Ansatz auf. Dieser kriminalsoziologische Ansatz unterscheidet zwischen Wahrnehmung eines Konfliktes, Thematisierung des Konfliktes und Mobilisierung des Widerstandsparagrafen. Die Datenerhebung erfolgte per schriftlicher Befragung mit Interviews bei 300 Polizeibeamtinnen und -beamten. Einbezogen wurden Kiel, Lübeck und – des regionalen Vergleichs wegen – die sozialstrukturell vergleichbare Stadt Mannheim. Abgefragt wurden zahlreiche Konfliktkonstellationen und Einflussfaktoren, solche wie Geschlecht, Diensterfahrung und Dienstgrad. Die Arbeit wertet die Daten umfangreich auf unterschiedliche Reaktionsmuster hin aus.