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Sebastian Messer, Sonstige Einflussfaktoren in:

Sebastian Messer

Die polizeiliche Registrierung von Widerstandshandlungen, page 192 - 215

Eine kriminalsoziologische Untersuchung

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4143-7, ISBN online: 978-3-8452-1650-8 https://doi.org/10.5771/9783845216508

Series: Studien zum Strafrecht, vol. 26

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192 XIII. Sonstige Einflussfaktoren Der Fragebogen beinhaltete auch Fragen, in denen die Beamten ohne Vorgabe eines Sachverhaltes abstrakt ihre Einschätzung wiedergeben sollten. Dieser Teil der Befragung gliederte sich inhaltlich in drei Abschnitte. Zunächst sollte die Eignung von Kommunikationstechniken zur Bewältigung von Konflikten bewertet werden. Ziel war es, die grundsätzliche Deeskalationsbereitschaft abzufragen. Wenn Polizeibeamte bereits abstrakt davon ausgehen, dass Kommunikationstechniken nicht, nur teilweise oder selten geeignet seien, auf Konflikte zu reagieren, so wird sich dies vermutlich auch auf das Konfliktverhalten auswirken. Weiterhin wurde eine abstrakte Frage zum Anzeigeverhalten formuliert. Die Probanden sollten sich nicht-situationsbezogen zu ihrem Verrechtlichungsverhalten äußern. Interessant war, ob sie Konflikte im Zweifel über § 113 StGB verrechtlichen oder nicht. Die Verteilung der Antworten kann Aufschluss darüber geben, ob Konflikte tendenziell nur thematisiert werden oder ob im Zweifel auch eine Verrechtlichung in Betracht gezogen wird. Zuletzt sollten die Polizeibeamten noch eine Einschätzung über die Vorgehensweise ihrer Dienststelle bei Konflikten abgeben. Hier waren auch die Weisungen von Vorgesetzten miteinbezogen. Eine allgemeine Vorgehensweise auf dem Revier, aber auch konkrete dienstliche Weisungen können sich auf die Verrechtlichungsentscheidung auswirken. Die Aufmerksamkeit gilt dabei auch prophylaktischen Anzeigen. 1. Bewältigung von Konflikten mit verbalen Kommunikationstechniken Zunächst gilt der Blick den verbalen Kommunikationstechniken. Die Befragten sollten einschätzen, wie geeignet derartige Techniken zur Bewältigung von Konflikten sind. Dies ist insoweit interessant, als Beamte, die den Einsatz von Kommunikationstechniken in Widerstandssituationen als ungeeignet betrachten, vermutlich weniger häufig eine deeskalierende Vorgehensweise wählen. a) Regionale Einschätzungsunterschiede Die in Abbildung 72 dargelegte Antwortverteilung zeigt, dass es keine Einschätzungsunterschiede über die Eignung verbaler Kommunikationstechniken als Reaktion auf widerständige Bürger gibt. So sind sich gut 20 Prozent aller Probanden einig, dass Kommunikationstechniken grundsätzlich geeignet seien, auf Konflikte zu reagieren. Etwa 60 Prozent teilen die Einschätzung, dass Kommunikationstechniken nur teilweise geeignet seien. Lediglich eine Minderheit beantwortete die Frage mit selten geeignet oder nie 193 geeignet. Damit steht fest, dass es insoweit keine regionalen Unterschiede gibt und verbale Kommunikationstechniken in den untersuchten Städten gleichermaßen als geeignet eingeschätzt wurden. Abbildung 72: Eignung von verbalen Kommunikationstechniken (I.) Eignung von verbalen Kommunikationstechniken zur Bewältigung von Widerstandshandlungen, regionale Antwortverteilung. b) Geschlechtsspezifische Einschätzungsunterschiede Die Abbildung 73 zeigt die Ergebnisse der geschlechtsspezifischen Auswertung. Die weiblichen Befragten sahen mit 29,2 Prozent zu 21,7 Prozent öfter als ihre männlichen Kollegen den Einsatz von Kommunikationstechniken zur Bewältigung von Konfliktsituationen als geeignet bzw. mit 63,1 Prozent zu 59,1 Prozent für zumindest teilweise geeignet an. Umgekehrt stellt es sich bei den männlichen Befragten dar. 18,3 Prozent stuften eine solche Vorgehensweise mit nur selten geeignet ein. Bei den Polizeibeamtinnen waren es lediglich 6,2 Prozent. Ein zu vernachlässigender Anteil von Probanden war der Ansicht, dass eine kommunikative Taktik nie geeignet sei. Das sich hier abzeichnende Bild, dass die Beamtinnen eine Kommunikationstaktik häufiger als ihre männlichen Kollegen als geeignet oder zumindest teilweise geeignet einstuften, bestätigt eine Erkenntnis, die aus der Gesamtauswertung der situativen Fragen hervorging: Die weiblichen Befragten wählten als Reaktion auf die Konflikte etwas häufiger als ihre männlichen Befragten eine deeskalierende, kommunikative Vorgehensweise. 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 geeignet nur teilweise geeignet selten geeignet nie geeignet Prozent Mannheim (n = 100) Lübeck (n = 100) Kiel (n = 100) 194 Abbildung 73: Eignung von verbalen Kommunikationstechniken (II.) Eignung von verbalen Kommunikationstechniken zur Bewältigung von Widerstandshandlungen, geschlechtsspezifische Antwortverteilung. c) Dienstgradspezifische Einschätzungsunterschiede Die Verteilung der Antworten wird ebenfalls nach den zwei Dienstgraden untergliedert (Abbildung 74). Nahezu 60 Prozent der Angehörigen des mittleren und des gehobenen Dienstes sind sich einig, dass Kommunikationstechniken zur Bewältigung von Widerstandssituationen nur teilweise geeignet seien. Mit 22,3 Prozent zu 25 Prozent stuften fast gleich viele Angehörige beider Gruppen eine derartige Reaktion als geeignet ein. 14,5 Prozent und 16,6 Prozent entschieden sich für die Antwortvariante selten geeignet. Lediglich 1,7 Prozent der Befragten des mittleren Dienstes sahen Kommunikationstechniken als ungeeignet an. Demnach bestehen nur sehr geringfügige Einschätzungsunterschiede zwischen den Probanden des mittleren und denen des gehobenen Dienstes. 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 geeignet nur teilweise geeignet selten geeignet nie geeignet Prozent weiblich (n = 65) männlich (n = 235) 195 Abbildung 74: Eignung von verbalen Kommunikationstechniken (III.) Eignung von verbalen Kommunikationstechniken zur Bewältigung von Widerstandshandlungen, dienstgradspezifische Antwortverteilung. d) Dienstzeitspezifische Einschätzungsunterschiede Auch die Diensterfahrung kann sich auf die Einschätzung auswirken. Daher sind die Antworten nach der Dauer der Dienstzeit zu unterteilen (Abbildung 75). Die Probanden mit einer geringen und diejenigen mit einer langjährigen Diensterfahrung sahen mit Anteilen von 26,7 Prozent und 25,3 Prozent Kommunikationstechniken häufiger als ihre Kollegen mit einer mittleren Diensterfahrung mit 20 Prozent als geeignetes Mittel an, Konflikte zu lösen. Bei der zweiten Antwortmöglichkeit nur teilweise geeignet sind mit Anteilen von 62,7 Prozent, 60 Prozent und 57,9 Prozent kaum Unterschiede erkennbar. Dienstzeitspezifische Besonderheiten gibt es hingegen bei der Einschätzungsmöglichkeit selten geeignet. Hierfür entschieden sich lediglich 9,3 Prozent der Befragten mit einer geringen Diensterfahrung von maximal fünf Jahren. Bei den sehr erfahrenen Polizeibeamten legten sich immerhin 14,7 Prozent auf diese Möglichkeit fest. An erster Stelle stehen die Befragten mit einer mittleren Diensterfahrung, und zwar mit einem Anteil von exakt 20 Prozent. Damit kann festgehalten werden, dass die Beamten mit einer mittleren Diensterfahrung den Einsatz von Kommunikationstechniken offenbar etwas seltener als ihre Kollegen mit einer geringen bzw. diejenigen mit einer hohen Dienstdauer für geeignet hielten. 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 geeignet nur teilweise geeignet selten geeignet nie geeignet Prozent gehobener Dienst (n = 124) mittlerer Dienst (n = 175) 196 Abbildung 75: Eignung von verbalen Kommunikationstechniken (IV.) Eignung von verbalen Kommunikationstechniken zur Bewältigung von Widerstandshandlungen, dienstzeitspezifische Antwortverteilung. e) Ergebnis Bei der abstrakten Frage nach der Eignung von verbalen Kommunikationstechniken als Reaktion auf widerständige Bürger gibt es keine wesentlichen regionalen Unterschiede. Die Polizeibeamtinnen sahen häufiger als ihre männlichen Kollegen Kommunikationstechniken als geeignetes oder zumindest teilweise geeignetes Mittel an, Konflikte zu bewältigen. Dies bestätigt die bei der Auswertung der situativen Fragen gewonnene Erkenntnis, dass die weiblichen Befragten häufiger als die männlichen eine Kommunikationstechnik als Reaktion auf die vorgegebenen Situationen angaben. Zwischen den Angehörigen des mittleren und denen des gehobenen Dienstes bestehen nur geringe Einschätzungsunterschiede. Polizeibeamte mit einer mittleren Diensterfahrung stuften Kommunikationstechniken etwas seltener als ihre Kollegen mit einer geringen und diejenigen mit einer hohen Dienstdauer als taugliches Mittel ein. 2. Bewertung des eigenen Verrechtlichungsverhaltens Die Einschätzung der Befragten zur ihrem eigenen Verrechtlichungsverhalten wurde auch abstrakt behandelt. Die Befragung sah hierfür folgende Aussage vor, die die Beamten bewerten sollten: „Eine Widerstandsanzeige sollte nur eingeleitet werden,        X Y Z       (  [[\ !"Z # [[ \ !"# [[ \ !"X # 197 wenn der Täter sich massiv zur Wehr setzt und deeskalierende Vorgehensweisen keine Wirkung zeigen.“ Der Blick gilt den Einschätzungen der Probanden bezogen auf ihr eigenes Verrechtlichungsverhalten bei Konflikten im Polizei-Bürger-Verhältnis. Der Ausdruck „Täter“ kann hier eine Suggestivwirkung entfalten, sodass die Antwortverteilung inhaltlich nicht aussagekräftig sein könnte. Jedenfalls wird diese Wirkung konstant gehalten, sodass zumindest die Vergleichbarkeit der Antworten bezogen auf die untersuchten Merkmale Stadt, Geschlecht, Dienstgrad und Diensterfahrung gewährleistet bleibt. a) Regionale Einschätzungsunterschiede Zunächst werden die Ergebnisse nach der regionalen Antwortverteilung aufgeschlüsselt. Abbildung 76 zeigt die regionalen Unterschiede. Abbildung 76: Einschätzung des eigenen Verrechtlichungsverhaltens (I.) Einschätzung des eigenen Verrechtlichungsverhaltens („Eine Widerstandsanzeige sollte nur eingeleitet werden, wenn der Täter sich massiv zur Wehr setzt und deeskalierende Vorgehensweisen keine Wirkung zeigen“), regionale Antwortverteilung. So stimmten in Lübeck und Mannheim mit 29 Prozent und 27 Prozent mehr Befragte dieser vorgegebenen Behauptung zu als in Kiel mit einem Anteil von 17 Prozent. Sie würden also den Widerstandsparagrafen nur mobilisieren, wenn sich ihr Gegenüber massiv zur Wehr setzt und deeskalierende Vorgehensweisen keine Wirkung zeigen.       I ? I ? I ? ( !"# $%& !"# '!"# 198 Die Mehrzahl der Polizeibeamten, in Kiel und Mannheim waren es je 48 Prozent und in Lübeck 42 Prozent, sah diese Aussage als nur teilweise zutreffend an. Die letzte Möglichkeit unzutreffend wurde von 35 Prozent der Befragten in Kiel, von 28 Prozent in Lübeck und von 25 Prozent in Mannheim gewählt. Damit ist festzuhalten, dass die Beamten in Lübeck und Mannheim tendenziell seltener eine Widerstandsanzeige veranlassen würden, wenn sich der Widerstandsübende nicht massiv zur Wehr setzt. b) Geschlechtsspezifische Einschätzungsunterschiede Es ist der Frage nachzugehen, welchen Einfluss das Geschlecht des Beamten auf die Einschätzung des eigenen Verrechtlichungsverhaltens hat (Abbildung 77). Abbildung 77: Einschätzung des eigenen Verrechtlichungsverhaltens (II.) Gkpuej“v¦wpi"fgu"gkigpgp"Xgttgejvnkejwpiuxgtjcnvgpu"*ãGkpg"Ykfgtuvcpfucp¦gkig"uqnnvg"pwt" eingeleitet werden, wenn der Täter sich massiv zur Wehr setzt und deeskalierende Vorgehepuygkugp"mgkpg"Yktmwpi"¦gkigpÐ+."ieschlechtsspezifische Antwortverteilung. Hierbei gibt es Einschätzungsunterschiede. So stuften die weiblichen Befragten die Aussage mit einem Anteil von knapp 57 Prozent zu 43,2 Prozent mehrheitlich als nur teilweise zutreffend ein. Umgekehrt bewerteten die männlichen Beamten diese mit 31,6 Prozent zu 21,5 Prozent überwiegend als unzutreffend. 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 zutreffend teilweise zutreffend unzutreffend Prozent weiblich (n = 65) männlich (n = 235) 199 Bei der Antwortvariante zutreffend gibt es mit 3,7 Prozent lediglich geringe Abweichungen. Wir können festhalten, dass sich die Mehrheit der Beamtinnen zumindest auch teilweise von der Intensität der Handlung leiten ließ und nur dann eine Widerstandsanzeige veranlassen würde, wenn sich der widersetzende Bürger massiv zur Wehr setzt. Die männlichen Befragten stuften diese Aussage - relativ gesehen häufiger als die weiblichen Probanden als unzutreffend ein und brachten damit zum Ausdruck, dass sie nicht nur bei heftiger Gegenwehr, sondern bereits ab einer niedrigeren Schwelle den Widerstandsparagrafen mobilisieren würden. c) Dienstgradspezifische Einschätzungsunterschiede Als Nächstes sollen mögliche dienstgradspezifische Besonderheiten betrachtet werden. Dazu wird wieder zwischen den Befragten des mittleren und des gehobenen Dienstes differenziert (Abbildung 78). Abbildung 78: Einschätzung des eigenen Verrechtlichungsverhaltens (III.) Gkpuej“v¦wpi"fgu"gkigpgp"Xgttgejvnkejwpiuxgtjcnvgpu"*ãGkpg"Ykfgtuvcpfucp¦gkig"uqnnvg"pwt" eingeleitet werden, wenn der Täter sich massiv zur Wehr setzt und deeskalierende Vorgehensygkugp"mgkpg"Yktmwpi"¦gkigpÐ+. dienstgradspezifische Antwortverteilung. Die Abbildung zeigt, dass sich knapp die Hälfte der Angehörigen des mittleren und des gehobenen Dienstes für die Antwortvariante teilweise zutreffend entschieden. Unterschiede gibt es bei der Verteilung der restlichen Antworten. So hielten mit 28,6 Prozent zu 18,7 Prozent deutlich mehr Beamte des mittleren Dienstes die aufgestellte Behauptung für zutreffend. Spiegelbildlich gestaltet sich 0 10 20 30 40 50 zutreffend teilweise zutreffend unzutreffend Prozent gehobener Dienst (n = 124) mittlerer Dienst (n = 175) 200 die Verteilung bei der Antwortvariante unzutreffend. Dort gibt es mit 35,8 Prozent zu 25,1 Prozent einen erhöhten Wert bei den Befragten des gehobenen Dienstes. Die Angaben der Polizeibeamten deuten darauf hin, dass sich die Befragten des gehobenen Dienstes seltener als die des mittleren Dienstes bei ihrer Entscheidung über die Verrechtlichung der Situation davon beeinflussen lassen, ob sich der widerständige Bürger massiv zur Wehr setzt. Es werden damit auch schon Handlungen, die unterhalb der Schwelle eines erheblichen körperlichen Angriffs liegen, über eine Mobilisierung des § 113 StGB verrechtlicht. d) Dienstzeitspezifische Einschätzungsunterschiede Es ist zu prüfen, welchen Einfluss die Diensterfahrung der Polizeibeamten hat (Abbildung 79). Abbildung 79: Einschätzung des eigenen Verrechtlichungsverhaltens (IV.) Einschätzung des eigepgp"Xgttgejvnkejwpiuxgtjcnvgpu"*ãGkpg"Ykfgtuvcpfucp¦gkig"uqnnvg"pwt" eingeleitet werden, wenn der Täter sich massiv zur Wehr setzt und deeskalierende Vorgehensygkugp"mgkpg"Yktmwpi"¦gkigpÐ+."fienstzeitspezifische Antwortverteilung. Auch hier zeigt sich eine uneinheitliche Verteilung. Die geringsten Unterschiede sind bei der Antwortmöglichkeit teilweise zutreffend zu verzeichnen. Diese nannten 48 Prozent der Befragten mit einer geringen, 44,6 Prozent der Befragten mit einer mittleren und 46,3 Prozent der Befragten mit einer langjährigen Diensterfahrung. Bei der Variante unzutreffend nehmen die Polizeibeamten mit einer mittleren Diensterfahrung von 6 bis 15 Jahren mit einem Anteil von 36,1 Prozent die Spitzenposition ein, gefolgt von ihren sehr diensterfahrenen Kollegen, die mit 26,4 Prozent 0 10 20 30 40 50 zutreffend teilweise zutreffend unzutreffend Prozent 16 .. 44 Jahre (n = 95) 6 .. 15 Jahre (n = 130) 1 .. 5 Jahre (n = 75) 201 vertreten sind. Erst an letzter Stelle (18,7 Prozent) und mit einigem Abstand folgen die Befragten mit einer sehr geringen Erfahrung von maximal 5 Dienstjahren. Es bestehen dienstzeitspezifische Unterschiede, die sich insbesondere bei den Einschätzungsmöglichkeiten zutreffend und unzutreffend äußern. Demnach neigten die Beamten mit einer niedrigen und diejenigen mit einer hohen Diensterfahrung dazu, sich bei ihrer Verrechtlichungsentscheidung auch von der Intensität der körperlichen Einwirkung leiten zu lassen. e) Ergebnis Die Befragten in Lübeck und Mannheim tendierten häufiger zu einer Verrechtlichung, wenn sich das Gegenüber massiv zur Wehr setzt. In Kiel wurde bei Handlungen, die unterhalb der Schwelle der massiven Einwirkung liegen, öfter die Mobilisierung des Widerstandsparagrafen genannt. Es ließen sich mehr weibliche als männliche Polizeibeamten bei ihrer Verrechtlichungsentscheidung davon leiten, wie intensiv die Gegenwehr war. Bezüglich des Dienstgrades ist festzuhalten, dass sich die Befragten des gehobenen Dienstes seltener als ihre Kollegen des mittleren Dienstes bei ihrer Entscheidung von der Heftigkeit der Gegenwehr beeinflussen ließen. Auch die Dauer der Dienstzeit zeigt Auswirkungen auf das Antwortverhalten. So neigten die Beamten mit einer mittleren Diensterfahrung seltener dazu, sich von der Intensität des Widerstandes in ihrer Anzeigebereitschaft beeinflussen zu lassen. 3. Abstrakte Einschätzung der Befragten zur eigenen Vorgehensweise Von Interesse für den Untersuchungsgegenstand war auch die Einschätzung der folgenden Aussage, die die Befragten anhand einer von drei möglichen Antwortvorgaben vervollständigen sollten: Bei Konflikten mit Bürgern, die nicht zweifelsfrei als Ykfgtuvcpf" gkpiguvwhv" ygtfgp" m…ppgp." *È+0 Folgende Ergänzungsmöglichkeiten standen zur Auswahl: (1) ... sollte im Zweifel immer eine Widerstandsanzeige eingeleitet werden. Die StA424 wird ohnehin nochmals die Tatbestandsmäßigkeit prüfen; (2) È"uqnnvg"ko"¥ygkhgn"koogt"gkpg"Ykfgtuvcpfucp¦gkig"gkpigngkvgv"ygtfgp."fc"fgo" Polizeibeamten anderenfalls dienst- oder strafrechtliche Konsequenzen drohen könnten; (3) È"uqnnvg"ko"¥ygkhgn"mgkpg"Ykfgtuvcpfucp¦gkig"gkpigngkvgv"ygtfgp. Es sollte ermittelt werden, ob die Beamten im Zweifel dazu tendieren, eine Widerstandsanzeige zu veranlassen oder ob sie davon eher absehen. Mit anderen Worten: Ist alleine der Kontext eines Konfliktes ausschlaggebend für eine Thematisierung und ggf. eine Anzeige? Dieser Aspekt wurde anhand der situativen 424 Staatsanwaltschaft. 202 Fragen konkret untersucht und soll anhand der nun abstrakt abgefragten Einschätzung der Beamten zu ihrer eigenen Vorgehensweise überprüft werden. a) Regionale Einschätzungsunterschiede Zunächst wird die regionale Antwortverteilung betrachtet (Abbildung 80). Abbildung 80: Einschätzung der eigenen Vorgehensweise (I.) Gkpuej“v¦wpi"fgt"gkigpgp"Xqtigjgpuygkug"*ãDgk"Mqphnkmvgp"okv"Bürgern, die nicht zweifelsfrei als Widerstanf"gkpiguvwhv"ygtfgp"m…ppgp."ÈÐ+."tegionale Antwortverteilung. Aus der Abbildung gehen die regionalen Unterschiede hervor. Die Antwortverteilung bei der ersten Reaktionsvariante ist noch relativ homogen. In Kiel votierten 41 Prozent aller Befragten für eine Anzeige, auch unter dem Gesichtspunkt, dass die Staatsanwaltschaft den Sachverhalt ohnehin nochmals rechtlich würdige. In Lübeck schließen sich 34,6 Prozent und in Mannheim 39,1 Prozent dieser Ansicht an. Ein beachtlicher Anteil der Befragten, insbesondere in Kiel und Lübeck, nannte eine prophylaktische Anzeige. So entschieden sich 40,4 Prozent der Kieler und 37,5 Prozent der Lübecker Probanden dafür, im Zweifel eine Widerstandsanzeige zu veranlassen, da anderenfalls dienst- oder strafrechtliche Konsequenzen drohen könnten. In Mannheim waren es mit 29,1 Prozent merklich weniger. Die letzte Reaktionsvariante beinhaltete die Vorgehensweise, im Zweifel keine Widerstandsanzeige zu 0 10 20 30 40 50 im Zweifel Anzeige einleiten, StA prüft ohnehin nochmals im Zweifel Anzeige einleiten, da anderenfalls dienstrechtl. Konsequenzen drohen im Zweifel keine Anzeige Prozent Mannheim (n = 100) Lübeck (n = 100) Kiel (n = 100) 203 veranlassen. Die Spitzenposition führt hier Mannheim mit ca. 32 Prozent an, knapp gefolgt von Lübeck mit 27,9 Prozent, in Kiel waren es mit nur 18 Prozent deutlich weniger. Die beiden Antwortvarianten mit Anzeige zusammengenommen führen zu der Erkenntnis, dass in Kiel mit einem Anteil von 81,8 Prozent sehr viele Probanden eine Anzeige nannten, in Lübeck war diese Bereitschaft mit einem Anteil von 72,1 Prozent um etwa 10 Prozent geringer. Die Befragten in Mannheim wählten mit einem Anteil von 68,2 Prozent etwas seltener eine Mobilisierung. Die Verteilung der Antworten lässt auf ein unterschiedliches Verrechtlichungsverhalten schließen. So wurde in Kiel deutlich häufiger als in Lübeck und Mannheim der Weg der Verrechtlichung genannt. In Kiel und Lübeck entschieden sich mehr Probanden für eine prophylaktische Anzeige. b) Geschlechtsspezifische Einschätzungsunterschiede Die Verteilung der Antworten ist auch geschlechtsspezifisch zu durchleuchten (Abbildung 81). Abbildung 81: Einschätzung der eigenen Vorgehensweise (II.) Einschätzung der ekigpgp"Xqtigjgpuygkug"*ãDgk"Mqphnkmvgp"okv"D¯tigtp."fkg"pkejv"¦ygkhgnsfrei als Widerstand gkpiguvwhv"ygtfgp"m…ppgp."ÈÐ+."ieschlechtsspezifische Antwortverteilung. Es zeigt sich, dass die männlichen Befragten leicht häufiger als die weiblichen zu einer Verrechtlichung neigten. So sind sich die Probanden beider Geschlechter mit einer Abweichung von nur 3,6 Prozent einig, dass sie im Zweifel eine Widerstandsanzeige veranlassen würden, da die Staatsanwaltschaft ohnehin nochmals eine recht- 0 10 20 30 40 50 im Zweifel Anzeige einleiten, StA prüft ohnehin nochmals im Zweifel Anzeige einleiten, da anderenfalls dienstrechtl. Konsequenzen drohen im Zweifel keine Anzeige Prozent weiblich (n = 65) männlich (n = 235) 204 liche Würdigung vornehme. Bei der prophylaktischen Anzeige ist die Streubreite etwas größer. Hierfür entschieden sich 34,4 Prozent der weiblichen und 39,7 Prozent der männlichen Befragten. Die Unterschiede bei der Entscheidung über die Verrechtlichung werden bei der dritten Antwortvariante deutlich sichtbar. Mit einer Differenz von etwa 10 Prozent wählten die Beamtinnen häufiger als ihre männlichen Kollegen den Weg der Nichtanzeige. Die Verteilung der Antworten macht deutlich, dass die weiblichen Befragten im Zweifelsfall öfter als die männlichen Probanden dazu tendierten, den Widerstandsparagrafen nicht zu mobilisieren. c) Dienstgradspezifische Einschätzungsunterschiede Die Antwortverteilung ist auch dienstgradspezifisch zu betrachten (Abbildung 82). Abbildung 82: Einschätzung der eigenen Vorgehensweise (III.) Gkpuej“v¦wpi"fgt"gkigpgp"Xqtigjgpuygkug"*ãDgk"Mqphnkmvgp"okv"D¯tigtp."fkg"pkejv"¦ygkhgnsfrei als Widerstanf"gkpiguvwhv"ygtfgp"m…ppgp."ÈÐ+."fienstgradspezifische Antwortverteilung. Die Antwortvariante ohne Verrechtlichung weist keine dienstgradspezifischen Besonderheiten auf. Hierfür entschieden sich je knapp 26 Prozent der Befragten des mittleren sowie des gehobenen Dienstes. Die Befragten des gehobenen Dienstes nannten mit 39,7 Prozent zu 36,1 Prozent leicht häufiger eine Mobilisierung des Widerstandsparagrafen, da die Staatsanwaltschaft ohnehin nochmals eine rechtliche Prüfung des Konflikts vornehme. Spiegelbildlich stellt sich die Antwortverteilung bei der prophylaktischen Anzeige dar, für die sich 31,3 Prozent der Befragten des gehobenen und 37,2 Prozent des mittleren Dienstes entschieden. Fasst man die Er- 0 10 20 30 40 50 im Zweifel Anzeige einleiten, StA prüft ohnehin nochmals im Zweifel Anzeige einleiten, da anderenfalls dienstrechtl. Konsequenzen drohen im Zweifel keine Anzeige Prozent gehobener Dienst (n = 124) mittlerer Dienst (n = 175) 205 gebnisse zu den zwei Reaktionsmöglichkeiten mit Anzeige zusammen, so ergeben sich unwesentliche dienstgradspezifische Unterschiede im Verrechtlichungsverhalten. d) Dienstzeitspezifische Einschätzungsunterschiede Die Antworten werden weiterhin nach dienstzeitspezifischen Besonderheiten untersucht (Abbildung 83). Abbildung 83: Einschätzung der eigenen Vorgehensweise (IV.) Gkpuej“v¦wpi"fgt"gkigpgp"Xqtigjgpuygkug"*ãDgk"Mqphnkmvgp"okv"D¯tigtp."fkg"pkejv"¦ygkhgnsfrei als Widerstand gkpiguvwhv"ygtfgp"m…ppgp."ÈÐ+."fienstzeitspezifische Antwortverteilung. Auch hier sind Unterschiede erkennbar. Die Befragten mit einer mittleren Diensterfahrung nannten zu 41,1 Prozent den Weg der Anzeige, da die Staatsanwaltschaft ohnehin den Sachverhalt nochmals rechtlich würdige. Bei den sehr diensterfahrenen Beamten waren es 37,5 Prozent und bei denjenigen mit einer geringen Diensterfahrung 31,6 Prozent. Für eine prophylaktische Anzeige entschied sich nahezu ein Drittel der Beamten aller drei Gruppen. Hier gibt es mit 34,2 Prozent, 36,2 Prozent und 33,6 Prozent keine Unterschiede. Die deeskalierende Strategie favorisierten mit 31,6 Prozent und 27,9 Prozent mehr Beamte mit einer geringen und solche mit einer hohen Diensterfahrung. Bei denjenigen mit einer mittleren Diensterfahrung waren es mit 20,6 Prozent insgesamt etwas weniger. Insgesamt betrachtet zeigt sich, dass die Beamten mit einer mittleren Diensterfahrung mit 77,3 Prozent etwas öfter eine Anzeige nannten als diejenigen mit einer geringen (65,8 Prozent) und solche mit einer hohen Diensterfahrung (71,1 Prozent). 0 10 20 30 40 50 im Zweifel Anzeige einleiten, StA prüft ohnehin nochmals im Zweifel Anzeige einleiten, da anderenfalls dienstrechtl. Konsequenzen drohen im Zweifel keine Anzeige Prozent 16 .. 44 Jahre (n = 95) 6 .. 15 Jahre (n = 130) 1 .. 5 Jahre (n = 75) 206 e) Ergebnis Bei der Frage nach dem eigenen Verrechtlichungsverhalten zeigen sich einige Einschätzungsunterschiede. In Kiel wurde die Mobilisierung des Widerstandsparagrafen häufiger genannt als in Lübeck und Mannheim. Dabei dominieren in Kiel und Lübeck prophylaktische Anzeigen. In Kiel und Mannheim votierten die Probanden etwas öfter als in Lübeck in Zweifelsfällen für eine Anzeige, da die Staatsanwaltschaft ohnehin nochmals den Sachverhalt rechtlich überprüfe. Weiterhin fällt auf, dass die befragten Polizeibeamtinnen häufiger als die männlichen im Zweifel von einer Anzeige absehen würden. Die Befragten des mittleren Dienstes gaben häufiger an, sich im Zweifelsfall für eine Mobilisierung zu entscheiden. Bezogen auf den Dienstgrad sind nahezu keine Unterschiede beim Verrechtlichungsverhalten erkennbar. Lediglich bei den prophylaktischen Motiven dominieren die Befragten des mittleren Dienstes leicht. 4. Einschätzung der Befragten zur Vorgehensweise der eigenen Dienststelle Die Annahmen dieser Arbeit berücksichtigen auch die Gesichtspunkte, welchen Einfluss die Vorgehensweise der Dienststelle sowie Weisungen von Vorgesetzten auf die Verrechtlichungsentscheidung der Beamten haben. Dazu waren die Befragten aufgefordert, folgende Frage zu bewerten: Wie würden Sie die Vorgehensweise Ihrer Dienststelle (auch Weisungen von Vorgesetzten) bei Konflikten beschreiben? Zur Beantwortung standen den Probanden drei vorgegebene Varianten zur Verfügung: (1) Im Zweifel wird bei konfliktartigen Situationen eine Widerstandsanzeige eingeleitet. (2) Eine Widerstandsanzeige wird nur eingeleitet, wenn ein Konflikt ganz eindeutig unter § 113 StGB subsumiert werden kann. (3) Im Zweifel wird bei konfliktartigen Situationen eine Widerstandsanzeige eingeleitet, auch um möglichen Gegenanzeigen durch den Beschuldigten vorzubeugen. Bei dieser Frage war die Fremdauskunft gefragt, nämlich die Einschätzung darüber, wie die eigene Dienststelle bei Konflikten vorgeht. Daher sind bei der Auswertung nur die regionale Antwortverteilung (Abbildung 84) und die Verteilung bezüglich der Reviere (Abbildung 85) von Interesse. Eine Unterteilung nach den persönlichen Merkmalen der Befragten, also nach Geschlecht, Dienstgrad und Diensterfahrung, liefert demnach keinen Erkenntnisgewinn zur Überprüfung der aufgestellten Annahmen. Die Mehrheit aller Befragten schätzte das Vorgehen der eigenen Dienststelle dahin gehend ein, dass eine Widerstandsanzeige nur veranlasst wird, wenn der Konflikt eindeutig unter § 113 StGB subsumiert werden kann. Jedoch gibt es leichte Unterschiede zwischen den Städten. So entschieden sich in Kiel und Mannheim mit 66 Prozent und 65 Prozent mehr Befragte für diese Antwortvariante als in Lübeck. Dort ist der Anteil etwas niedriger und liegt bei 57 Prozent. Die Antwortvariante, die die Vorgehensweise beinhaltet, im Zweifel bei 207 Konflikten eine Anzeige einzuleiten, wurde mit 26 Prozent am häufigsten von den Lübecker Polizeibeamten gewählt. Es folgen Kiel mit 22 Prozent und Mannheim mit 18 Prozent. In Mannheim und Lübeck gingen je 17 Prozent der Befragten davon aus, dass ihre Dienststelle es befürworte, im Zweifelsfall eine prophylaktische Anzeige zu veranlassen. In Kiel entschieden sich mit einem Anteil von 12 Prozent etwas weniger Probanden für diese Variante. Diese Ergebnisse liefern einige Erkenntnisse. So zeigt sich, dass die Lübecker Beamten die strategische Vorgehensweise ihrer Dienststelle häufiger als die übrigen Befragten dahin gehend einstuften, im Zweifel eine Widerstandsanzeige zu veranlassen. Es wird auch deutlich, dass dies nach Einschätzung der Beamten in Mannheim und Kiel öfter nur dann geschieht, wenn der Konflikt eindeutig unter den Tatbestand des § 113 StGB subsumiert werden kann. Prophylaktische Anzeigen spielen mit einem Anteil von unter 20 Prozent nach Einschätzung der Befragten zwar keine herausragende Rolle, wobei derartige Motive in Kiel und Lübeck etwas häufiger genannt wurden als in Mannheim, obgleich die Fremdeinschätzung offenbar dazu führt, dass prophylaktische Motive niedriger eingeschätzt werden als bei der Eigenauskunft, deren Werte höher waren (siehe Abbildung 80). Abbildung 84: Einschätzung der Vorgehensweise der Dienststelle (I.) Regionale Antwortverteilung. Eine Aufschlüsselung nach Revieren zeigt, dass die Vorgehensweise der Reviere innerhalb der Städte teilweise sehr unterschiedlich eingeschätzt wurde (Abbildung 85). 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 im Zweifel wird bei Konflikten Anzeige eingeleitet Anzeige nur, wenn Konflikt eindeutig unter § 113 subsumiert werden kann im Zweifel Anzeige, auch um Gegenanzeige vorzubeugen Prozent Mannheim (n = 100) Lübeck (n = 100) Kiel (n = 100) 208 Abbildung 85: Einschätzung der Vorgehensweise der Dienststelle (II.) Dienststellenspezifische Antwortverteilung. 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 Kiel (n = 24) 1.PR Kiel (n = 25) 2.PR Kiel (n = 26) 3. PR Kiel (n = 25) 4. PR Lübeck (n = 26) 1.PR Lübeck (n = 26) 2. PR Lübeck (n = 25) 3. PR Lübeck (n = 23) 4. PR Mannheim (n = 26) PR Innenstadt Mannheim (n = 25) PR Oststadt Mannheim (n = 24) PR Neckarstadt Mannheim (n = 25) PR Neckarau Prozent im Zweifel Anzeige, auch um Gegenanzeige vorzubeugen Anzeige nur, wenn Konflikt eindeutig unter § 113 subsumiert werden kann im Zweifel wird bei Konflikten Anzeige eingeleitet 209 5. Kommunikationsbarrieren und deren Einfluss auf das Etikettierungsverhalten Ob sich der Polizeibeamte für eine Kommunikations- oder für eine Durchsetzungsstrategie entscheidet, kann auch davon beeinflusst werden, für wie Erfolg versprechend er die jeweilige Taktik hält. Wenn eine eher deeskalierende und zumeist kommunikative Vorgehensweise nach Einschätzung des Beamten wenig aussichtsreich ist, so wird er viel eher die Stufe der Thematisierung ggf. mit Anzeige beschreiten. Daher ist es für die vorliegende Arbeit von Interesse, welche objektiven Faktoren aus Sicht der Beamten eine Kommunikation erschweren oder diese gar unmöglich machen. Der Fragebogen widmete sein Augenmerk dem Gesichtspunkt, welche Barrieren es auf der Ebene der Kommunikation geben kann und für wie relevant diese bewertet werden. Dabei gab es zwei vorgegebene Antwortmöglichkeiten und ein Feld für freie Eintragungen. Hier war ausnahmsweise eine Mehrfachauswahl vorgesehen, sodass 100 Prozent der Nennungen dem Gesamtanteil aller Antworten je Stadt und folglich nicht wie bisher der absoluten Anzahl der Befragten je Stadt entspricht. Die Darstellung der Ergebnisse erfolgt in zwei Schritten. Zunächst wird die Antwortverteilung für die vorgegebenen Antwortmöglichkeiten sowie für die freie Antwortmöglichkeit dargelegt. Im Anschluss werden die freien Texteingaben wiedergegeben. a) Regionale Einschätzungsunterschiede Zunächst gilt das Augenmerk der regionalen Verteilung der Antworten. Abbildung 86 ist zu entnehmen, dass eine Alkoholisierung des widerständigen Bürgers sehr häufig als ein Kommunikation hemmender Faktor eingestuft wurde. Absolut gesehen entschied sich nahezu jeder der 300 Befragten für diese Antwortvariante. Viele Beamten waren auch der Ansicht, dass Kommunikationsbarrieren durch mangelnde Kenntnisse der deutschen Sprache entstehen können. Diese Möglichkeit wurde allerdings in Lübeck mit einem prozentualen Anteil von exakt 20 Prozent nicht so häufig genannt wie in Kiel mit 28,7 Prozent und Mannheim mit 29,8 Prozent. Umgekehrt gaben die Befragten in Lübeck mit knapp 22 Prozent an, dass sonstige Motive die Kommunikation hemmen oder hindern können. In Kiel und Mannheim waren es mit je ca. 14 Prozent weniger. Für keines von beiden entschied sich mit 1,1 Prozent und 1,2 Prozent ein zu vernachlässigend geringer Anteil der Befragten. 210 Abbildung 86: Bewertung von Kommunikationsbarrieren (I.) Regionale Antwortverteilung.425 b) Geschlechtsspezifische Bewertungsunterschiede Die Verteilung der Antworten ist auch hinsichtlich geschlechtsspezifischer Differenzen zu interpretieren (Abbildung 87). Die Abbildung zeigt, dass es offensichtlich keine geschlechtsspezifischen Unterschiede gibt. 55,9 Prozent der weiblichen und 57,8 Prozent der männlichen Probanden sahen eine Alkoholisierung des Gegenübers als eine Kommunikationsbarriere an. 26,4 Prozent der Polizeibeamtinnen nannten die mangelnde Kenntnis der deutschen Sprache als Grund. Bei ihren männlichen Kollegen waren es 25,7 Prozent. 0,5 Prozent der weiblichen und 1,8 Prozent der männlichen Befragten sahen weder mangelnde deutsche Sprachkenntnisse noch eine Alkoholisierung ihres Gegenübers als ein mögliches Kommunikationshindernis an. Für die freie Antwortmöglichkeit entschieden sich 14,7 Prozent der männlichen und 17,2 Prozent der weiblichen Befragten. 425 Mehrfachnennung möglich. 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 Alkoholisierung beim Widerstandsübenden Widerstandsübender ist der deutschen Sprache nicht mächtig keines von beiden sonstiges Prozent Mannheim (n = 178) Lübeck (n = 170) Kiel (n = 174) 211 Abbildung 87: Bewertung von Kommunikationsbarrieren (II.) Geschlechtsspezifische Antwortverteilung.426 426 Mehrfachnennung möglich. 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 Alkoholisierung beim Widerstandsübenden Widerstandsübender ist der deutschen Sprache nicht mächtig keines von beiden sonstiges Prozent weiblich (n = 109) männlich (n = 413) 212 c) Dienstgradspezifische Bewertungsunterschiede Es ist noch zu prüfen, ob und wie sich der Dienstgrad auswirkt (Abbildung 88). Die Abbildung zeigt deutlich, dass es lediglich sehr geringfügige Abweichungen bei der Antworthäufigkeit der Befragten des mittleren und des gehobenen Dienstes gibt. Die Verteilung gestaltet sich weitgehend homogen. Der Dienstgrad wirkt sich demnach nicht auf das Antwortverhalten aus. Abbildung 88: Bewertung von Kommunikationsbarrieren (III.) Dienstgradspezifische Antwortverteilung.427 d) Dienstzeitspezifische Bewertungsunterschiede Die Antwortverteilung bei der Einschätzung von Kommunikationsbarrieren wird auch nach Unterschieden, die mit der Diensterfahrung zusammenhängen können, untersucht (Abbildung 89). Offenbar wirkt sich die Dauer der Dienstzeit nicht auf das Antwortverhalten aus. Die Verteilung ist konstant. 427 Mehrfachnennung möglich. 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 Alkoholisierung beim Widerstandsübenden Widerstandsübender ist der deutschen Sprache nicht mächtig keines von beiden sonstiges Prozent gehobener Dienst (n = 215) mittlerer Dienst (n = 305) 213 Abbildung 89: Bewertung von Kommunikationsbarrieren (IV.) Dienstzeitspezifische Antwortverteilung.428 e) Sonstige Kommunikationsbarrieren Die Antwortvariante sonstiges sah ein freies Eingabefeld vor, in das die Befragten weitere Barrieren eintragen konnten, die nach ihrer Ansicht die Kommunikation beeinträchtigen. Von dieser Möglichkeit machten in Kiel 18 Prozent, in Lübeck 31 Prozent und in Mannheim 23 Prozent der Befragten Gebrauch. Die Ergebnisse werden, soweit dies inhaltlich möglich ist, in Kategorien eingeteilt (Abbildung 90).429 Als Kommunikation hemmender Faktor wurde häufig ein Betäubungsmitteleinfluss beim widerständigen Bürger genannt, wobei die Anzahl der Nennungen in Lübeck höher ist als in Kiel und Mannheim. Oft sahen die Beamten auch die Uneinsichtigkeit des Gegenübers als Kommunikationsbarriere an. Hier liegt Mannheim mit insgesamt acht Nennungen an der Spitze, gefolgt von Lübeck mit vier und Kiel mit nur zwei Nennungen. Weiterhin wurde die mangelnde Intelligenz des widerständigen Bürgers, mangelnder Respekt vor der Polizei, Gruppenzwang oder gar psychische Auffälligkeiten mit einer unterschiedlichen Häufigkeit genannt. 428 Mehrfachnennung möglich. 429 Die ausführliche Tabelle mit allen Antworten unterteilt nach Städten befindet sich im Anhang 2. 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 Alkoholisierung beim Widerstandsübenden Widerstandsübender ist der deutschen Sprache nicht mächtig keines von beiden sonstiges Prozent 16 .. 44 Jahre (n = 152) 6 .. 15 Jahre (n = 201) 1 .. 5 Jahre (n = 169) 214 Abbildung 90: Bewertung von Kommunikationsbarrieren - Verteilungen der freien Angaben Kiel Lübeck Mannheim 6x Betäubungsmitteleinfluss des Gegenübers 10x Betäubungsmitteleinfluss des Gegenübers 6x Betäubungsmitteleinfluss des Gegenübers 2x Uneinsichtigkeit des Gegenübers 4x Uneinsichtigkeit des Gegenübers 8x Uneinsichtigkeit des Gegenübers 0x mangelnde Intelligenz des Gegenübers 3x mangelnde Intelligenz des Gegenübers 4x mangelnde Intelligenz des Gegenübers 3x mangelnder Respekt vor der Polizei 2x mangelnder Respekt vor der Polizei 0x mangelnder Respekt vor der Polizei 3x Gruppenzwang 2x Gruppenzwang 0x Gruppenzwang 1x psychische Auffälligkeiten beim Gegenüber 4x psychische Auffälligkeiten beim Gegenüber 2x psychische Auffälligkeiten beim Gegenüber 8x nicht kategorisierbar 11x nicht kategorisierbar 7x nicht kategorisierbar Einige Antworten ließen sich nicht in Kategorien unterteilen bzw. sollen hier gesondert erwähnt werden. So wurde etwa von einer Kieler Beamtin angeführt, dass sich ihr männliches Gegenüber nichts von einer Polizeibeamtin vorschreiben lasse. Interessanterweise ordneten vier Befragte aus Lübeck den Grund für Kommunikationsbarrieren ausschließlich den am Konflikt beteiligten Polizeibeamten zu. So schrieb ein Beamter: „Es wird nicht die richtige Kommunikationsebene gefunden, der Polizeibeamte kann sich nicht auf das Gegenüber einstellen bzw. will es eventuell auch gar nicht“. Ein Anderer beklagte die „fehlende Kommunikationsbereitschaft beim Kollegen“. Ebenso wurde auch ein „zu offensives Auftreten der eingesetzten Beamten“ bemängelt. Ein weiterer Proband sah den Grund für Kommunikationsbarrieren in der „falschen Ausdrucksweise“. Dies kann als ein Hinweis darauf gewertet werden, dass die Polizeibeamten nicht immer die richtige Kommunikationsebene finden oder gar finden wollen. Es steht allerdings auch zu vermuten, dass sich Kollegen, in der Regel im Zweierteam, nicht über eine einheitliche Strategie einig sind und einer der beiden vielleicht eine andere Reaktion gewählt hätte. Auch ein Polizeibeamter aus Mannheim suchte den Grund für Kommunikationsbarrieren zumindest teilweise auf Seite der Beamten: „Antipathie von beiden Seiten, welche zunächst verbal zum Ausdruck kommt und die Situation dramatisiert“. Diese Aussage lässt darauf schließen, dass offene Abneigung bei einem Konflikt im Polizei-Bürger-Verhältnis häufiger zu einer „Dramatisierung der Situation“, wir würden sagen zu einer Durchsetzungsstrategie mit Thematisierung des Konflikts und gegebenenfalls einer anschließenden Mobilisierung des Widerstandsparagrafen führen kann. 215 f) Ergebnis In Lübeck spielen Sprachbarrieren, die durch mangelnde Deutschkenntnisse des Gegenübers bedingt waren, deutlich seltener eine Rolle als in Kiel und Mannheim. Dafür dominieren dort relativ gesehen die sonstigen Gründe. Es gibt nahezu keine geschlechtsspezifischen Besonderheiten. Ebenso homogen gestaltet sich die Einschätzung der Beamten aufgeschlüsselt nach Dienstgrad und Diensterfahrung. Diese Variablen zeigen keinen Einfluss auf das Antwortverhalten. Die Angaben bei der freien Eingabemöglichkeit unter dem Stichwort sonstiges machen deutlich, dass einige Polizeibeamten einen Betäubungsmitteleinfluss beim Gegenüber als Kommunikationsbarriere einstuften. Im Übrigen lassen sich die Antworten den Kategorien Uneinsichtigkeit des Gegenübers, mangelnde Intelligenz, mangelnder Respekt vor der Polizei, Gruppenzwang sowie psychische Auffälligkeiten des Gegenübers zuordnen. Darüber hinaus deuten einige Antworten darauf hin, dass Kommunikationsbarrieren auch aufseiten der Beamten entstehen können. Dies kann unter anderem so erklärt werden, dass sich die Beamten innerhalb der zweiköpfigen Einsatzteams über eine einheitliche Vorgehensweise uneinig sind.

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Zusammenfassung

Die Arbeit knüpft an das irritierende Faktum an, dass in der Hansestadt Lübeck zumindest in den Jahren 1999 bis 2004, aber auch noch aktuell, deutlich mehr Delikte wegen Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte nach § 113 StGB registriert worden sind als in Kiel. Dennoch ist die Zahl der Verurteilten nahezu gleich. Es liegt die Vermutung nahe, dass nur mehr Widerstände thematisiert werden als verurteilt.

Bisher vorhandene Studien zum Thema Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte gehen zumeist ätiologisch vor. Sie liefern keine Erklärung für das unterschiedliche Registrierungsverhalten, aber wichtige Vorerkenntnisse über die zu erwartenden Konflikte und sozialen Besonderheiten der „widerständigen“ Personen.

Die Arbeit knüpft an diese Erkenntnisse an, überprüft sie bezüglich ihrer Aktualität und stellt einen eigenen vollständigen theoretischen Ansatz auf. Dieser kriminalsoziologische Ansatz unterscheidet zwischen Wahrnehmung eines Konfliktes, Thematisierung des Konfliktes und Mobilisierung des Widerstandsparagrafen. Die Datenerhebung erfolgte per schriftlicher Befragung mit Interviews bei 300 Polizeibeamtinnen und -beamten. Einbezogen wurden Kiel, Lübeck und – des regionalen Vergleichs wegen – die sozialstrukturell vergleichbare Stadt Mannheim. Abgefragt wurden zahlreiche Konfliktkonstellationen und Einflussfaktoren, solche wie Geschlecht, Diensterfahrung und Dienstgrad. Die Arbeit wertet die Daten umfangreich auf unterschiedliche Reaktionsmuster hin aus.