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Sebastian Messer, Einschätzung der polizeilichen Aus- und Fortbildung in:

Sebastian Messer

Die polizeiliche Registrierung von Widerstandshandlungen, page 126 - 129

Eine kriminalsoziologische Untersuchung

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4143-7, ISBN online: 978-3-8452-1650-8 https://doi.org/10.5771/9783845216508

Series: Studien zum Strafrecht, vol. 26

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126 hohen technischen Standard, erlaubt aber kein interaktives Videotraining. Das heißt, die Reaktion der Personen, die auf die Schussfläche projiziert wird, kann nur manuell und nicht automatisch beeinflusst werden.396 In Baden-Württemberg gibt es mit Bruchsal, Göppingen, Böblingen, Lahr und Biberach landesweit fünf Ausbildungsstätten, die jeweils bei der Bereitschaftspolizei angesiedelt sind. Dort werden die Anwärter für den mittleren Dienst komplett geschult und diejenigen für den gehobenen Dienst vorausgebildet. Die hierauf aufbauende Ausbildung für die Kommissaranwärter wird in der Hochschule für Polizei in Villingen-Schwenningen absolviert. Teile der Fortbildungsmaßnahmen finden an der Akademie der Polizei Baden-Württemberg in Freiburg statt. Dort wird neben praktischen und theoretischen Inhalten auch der Einsatz von Zwangsmitteln geübt, Schieß- und Einsatztraining durchgeführt und ferner Einsatztrainer ausgebildet, die wiederum das Einsatztraining an den Kreisdienststellen hauptamtlich für die Beamten vor Ort realisieren. Die Mannheimer Polizeibeamten werden in der Kreisdienststelle Mannheim fortgebildet und erhalten hier u.a. Abwehr- und Zugriffstraining, Training der kommunikativen Vorgehensweise bei Konflikten und können hgtpgt" kp" gkpgo" ãUejkg?mkpqÐ" cpjcpf" ukvwcvkxgt" Tqnngpurkgng" Gkpucv¦ukvwcvkqpgp" trainieren.397 Diese oberflächliche Einsicht in die Aus- und Fortbildungssituation lässt den Schluss zu, dass keine erheblichen strukturellen Unterschiede bestehen. Viel aussagekräftiger ist hingegen die Einschätzung der Beamten. II. Einschätzung der polizeilichen Aus- und Fortbildung Der Blick gilt nun der Frage, wie die Probanden die eigene polizeiliche Aus- und Fortbildung bewerten. Der Fragebogen befasst sich zunächst mit der Ausbildungssituation. Es wurden verschiedene thematische Unterteilungen gebildet, die qualitativ von 1 = sehr gut bis 5 = mangelhaft bewertet werden konnten. Bei der Auswertung wird wegen der unterschiedlich organisierten Ausbildungen zum mittleren und zum gehobenen Dienst zwischen diesen beiden Gruppen unterschieden. Zum mittleren Dienst zählen die Dienstgrade Polizeimeister, Polizeiobermeister und Polizeihauptmeister, zum gehobenen Dienst die Dienstgrade Polizeikommissar, Polizeioberkommissar und Polizeihauptkommissar. Die Ergebnisse (Abbildung 22) zeigen, dass die polizeiliche Ausbildung in den untersuchten Städten insgesamt mit gut bis befriedigend bewertet wurde. Den vordersten Rang nimmt mit einer gesamten durchschnittlichen Einschätzung von 2 Bewertungspunkten die Ausbildung bezüglich rechtlicher Kenntnisse ein. Dabei bestehen nahezu keine Einschätzungsunterschiede zwischen dem mittleren und dem 396 Quelle: Landespolizeiamt Kiel, Polizei Bezirksrevier Lübeck. 397 Quelle: Polizeipräsidium Mannheim, Bereitschaftspolizeiabteilung Bruchsal. 127 0 1 2 3 4 5 Kommunikationstechniken gesamt Kommunikationstechniken m.D. Kommunikationstechniken g.D. rechtliche Kenntnisse gesamt rechtliche Kenntnisse m.D. rechtliche Kenntnisse g.D. rechtliche (A) bez. Widerstandsdelikten gesamt rechtliche (A) bez. Widerstandsdelikten m.D. rechtliche (A) bez. Widerstandsdelikten g.D. Selbstverteidigung/ Einsatztraining gesamt Selbstverteidigung/ Einsatztraining m.D. Selbstverteidigung/ Einsatztraining g.D. sehr gut - gut - befriedigend - ausreichend - mangelhaft Mannheim (n = 100) Lübeck (n = 100) Kiel (n = 100) gehobenen Dienst. In Mannheim weicht die Einschätzung mit durchschnittlich 2,2 Bewertungspunkten leicht vom gesamten Durchschnittswert ab. Abbildung 22: Bewertung der polizeilichen Ausbildung398 Es folgt auf Rang zwei die Ausbildung in Kommunikationstechniken mit einer durchschnittlichen Bewertung von 2,6. Zwischen Kiel und Lübeck gibt es nahezu keine Unterschiede. Auffallend ist, dass die Beurteilung der Beamten des gehobenen Dienstes in Mannheim mit 3 Bewertungspunkten um fast einen halben Bewertungspunkt abweicht, verglichen mit Kiel und Lübeck (je etwa 2,5 Bewertungspunkte). 398 Abkürzungen in Abbildung 22: (A) = Ausbildung, m.D. = mittlerer Dienst, g.D. = gehobener Dienst. 128 An dritter Stelle folgt mit nur geringem Abstand die Ausbildung in Selbstverteidigung (bzw. Einsatztraining), die durchschnittlich mit 2,7 Bewertungspunkten und damit als gut bis befriedigend eingestuft wurde. Es zeigt sich, dass die Ausbildung in Lübeck sowohl für den mittleren als auch für den gehobenen Dienst insgesamt etwas besser beurteilt wurde. Die rechtliche Ausbildung bezogen auf Widerstandsdelikte wurde von allen Befragten mit einem Durchschnitt von 2,9 Bewertungspunkten bewertet. Abbildung 22 zeigt, dass es nahezu keine Unterschiede zwischen den Städten und den Dienstgraden gibt. Auch die Fortbildung beeinflusst die polizeiliche Handlungsweise. Der Fragebogen untersuchte auch diesen Bereich und unterteilte dazu in Kommunikationstechniken, rechtliche Kenntnisse und regelmäßiges Selbstverteidigungs- bzw. Einsatztraining. Die vorgegebenen Bewertungsoptionen waren auf einer Likert-Skala von sehr gut (= 1) bis mangelhaft (=5) abgestuft. Abbildung 23 zeigt, dass die polizeiliche Fortbildung insgesamt etwas schlechter beurteilt wurde als die Ausbildung. Die Bewertungen bewegen sich zwischen 2,5 und 3,4 Bewertungspunkten. Die Verteilung der Einzelbewertung macht deutlich, dass es nur geringe Abweichungen zwischen den Städten und den Dienstgraden gibt. So sind sich die Befragten mit einer durchschnittlichen Einstufung von 2,6 Bewertungspunkten überwiegend dahin gehend einig, dass die Fortbildung in rechtlichen Kenntnissen gut bis befriedigend ist. Mit 2,8 Bewertungspunkten wurde die Fortbildung für den gehobenen Dienst in Kiel etwas schlechter beurteilt als in den anderen Städten mit je etwa 2,5 Punkten. Im Übrigen gibt es keine Abweichungen. Im zweiten Rang folgt mit einer durchschnittlichen Gesamtbewertung von 3 Bewertungspunkten das regelmäßige Training der Selbstverteidigung bzw. das Einsatztraining. Lübeck liegt hier bei der Gesamteinschätzung sowie bei der Unterteilung nach Dienstgraden jeweils genau im Durchschnitt. Es fällt auf, dass die befragten Beamten des gehobenen Dienstes in Kiel das regelmäßige Selbstverteidigungstraining mit 3,4 Bewertungspunkten relativ schlecht beurteilten. Die Befragten aus Mannheim schätzten mit 2,8 Bewertungspunkten die diesbezügliche Fortbildungssituation etwas besser ein, wobei die Einschätzungen der Beamten des gehobenen Dienstes mit einem Wert von 2,9 Bewertungspunkten nicht abweichen. Den dritten Rang nimmt mit einer durchschnittlichen Gesamtbewertung von 3 Punkten die Fortbildung in Kommunikationstechniken ein. Auch hier bildet Lübeck das Mittelmaß. Geringe Abweichungen zeigen sich bei den Beamten des gehobenen Dienstes in Mannheim, die diesen Teil der Fortbildung mit nur 3,2 Bewertungspunkten einstuften. 129 Abbildung 23: Bewertung der polizeilichen Fortbildung399 III. Ergebnis Mit einer maximalen Abweichung von nur 0,5 Bewertungspunkten sind fast keine regionalen oder dienstgradspezifischen Unterschiede bei der polizeilichen Einschätzung der polizeilichen Aus- und Fortbildung erkennbar. Dies deutet daraufhin, dass in allen drei Städten und unabhängig vom Dienstgrad die polizeiliche Aus- und Fortbildung ähnlich gut organisiert und strukturiert ist. 399 Abkürzungen der Abbildung: (A) = Ausbildung, m.D. = mittlerer Dienst, g.D. = gehobener Dienst. 0 1 2 3 4 5 Kommunikationstechniken gesamt Kommunikationstechniken m.D. Kommunikationstechniken g.D. rechtliche Kenntnisse gesamt rechtliche Kenntnisse m.D. rechtliche Kenntnisse g.D. regelm. Training Selbstverteidigung/ Einsatztraining gesamt regelm. Training Selbstverteidigung/ Einsatztraining m.D. regelm. Training Selbstverteidigung/ Einsatztraining g.D. sehr gut - gut - befriedigend - ausreichend - mangelhaft Mannheim (n = 100) Lübeck (n = 100) Kiel (n = 100)

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Zusammenfassung

Die Arbeit knüpft an das irritierende Faktum an, dass in der Hansestadt Lübeck zumindest in den Jahren 1999 bis 2004, aber auch noch aktuell, deutlich mehr Delikte wegen Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte nach § 113 StGB registriert worden sind als in Kiel. Dennoch ist die Zahl der Verurteilten nahezu gleich. Es liegt die Vermutung nahe, dass nur mehr Widerstände thematisiert werden als verurteilt.

Bisher vorhandene Studien zum Thema Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte gehen zumeist ätiologisch vor. Sie liefern keine Erklärung für das unterschiedliche Registrierungsverhalten, aber wichtige Vorerkenntnisse über die zu erwartenden Konflikte und sozialen Besonderheiten der „widerständigen“ Personen.

Die Arbeit knüpft an diese Erkenntnisse an, überprüft sie bezüglich ihrer Aktualität und stellt einen eigenen vollständigen theoretischen Ansatz auf. Dieser kriminalsoziologische Ansatz unterscheidet zwischen Wahrnehmung eines Konfliktes, Thematisierung des Konfliktes und Mobilisierung des Widerstandsparagrafen. Die Datenerhebung erfolgte per schriftlicher Befragung mit Interviews bei 300 Polizeibeamtinnen und -beamten. Einbezogen wurden Kiel, Lübeck und – des regionalen Vergleichs wegen – die sozialstrukturell vergleichbare Stadt Mannheim. Abgefragt wurden zahlreiche Konfliktkonstellationen und Einflussfaktoren, solche wie Geschlecht, Diensterfahrung und Dienstgrad. Die Arbeit wertet die Daten umfangreich auf unterschiedliche Reaktionsmuster hin aus.