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Sebastian Messer, Zeiten in:

Sebastian Messer

Die polizeiliche Registrierung von Widerstandshandlungen, page 118 - 120

Eine kriminalsoziologische Untersuchung

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4143-7, ISBN online: 978-3-8452-1650-8 https://doi.org/10.5771/9783845216508

Series: Studien zum Strafrecht, vol. 26

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118 Abbildung 19: Widerstandsrelevanz von Orten Es lässt sich die Tendenz erkennen, dass häufig belastete Lokalitäten solche sind, an denen viele Personen gleichzeitig zusammenkommen bzw. an denen der Freizeitgestaltung und vergnüglichen Aktivitäten nachgegangen wird. Krankenhäuser und Arzträume sind als Tatörtlichkeiten eher zu vernachlässigen. Dies ist auch kein Widerspruch zu dem Befund, dass es bei Blutproben zumindest teilweise zu Widerstandshandlungen kommt, da diese oft auf dem Polizeirevier in dafür vorgesehenen Sanitätsräumen von einem Arzt durchgeführt werden. V. Zeiten Schließlich waren noch die Zeiten von Interesse, zu denen es nach polizeilicher Einschätzung häufig zu Widerstandshandlungen kommt. Die vorgegebenen Antworten untergliederten sich in Tageszeit, Wochentag und Monat. Auch hier gab es wieder eine sechsteilige Likert-Skala von sehr häufig bis nie (Abbildung 20). 0 1 2 3 4 5 6 in Diskotheken/ Bars in öffentl. Bereichen in Polizeidiensträumen in Laden-/ Geschäftsräumen auf Volksfesten in Dienstfahrzeugen auf Privatgrundstücken in Krankenhäusern/ Arzträumen an Orten, die zuvor als ungefährlich galten sehr häufig - häufig- teilweise - selten - sehr selten - nie Mannheim (n = 100) Lübeck (n = 100) Kiel (n = 100) 119 Abbildung 20: Widerstandsrelevanz von Zeiten Es liegen nahezu keine regionalen Unterschiede vor. Erwartungsgemäß ist die tageszeitliche Verteilung treppenartig abgestuft. Die wenigsten Widerstandshandlungen ereignen sich demnach tagsüber. Es findet zum Abend hin ein deutlicher Anstieg statt, der seinen Höhepunkt zu den nächtlichen Stunden von 22- 6 Uhr erreicht. Widerstandshandlungen scheint es häufig während Tageszeiten zu geben, in denen vergnüglichen Aktivitäten nachgegangen wird. Diese Zusammenhänge spiegeln sich auch im bereits dargelegten Befund wider, dass Orte, die der abendlichen Freizeitgestaltung dienen, als häufig belastet eingestuft wurden. Eine kriminologische Erklärung für diese Verteilung können die Ansätze Routine-Activity-Approach, Opportunity-Perspective und Lifestyle-Opportunity-Perspective liefern, die übereinstimmend auf objektive Tatgelegenheiten abstellen.377 ãKjpgp" kuv" igogkpuco." fcuu" ukg" qjpg" gkpg" xgtvkghvg" Wtucejgpgtit¯pfwpi" igpgtgnng" Dedingungen benennen, deren situationsbezogene Varianz das Ausbleiben oder Auftreten mtkokpgnngt"Xgtjcnvgpuygkugp"dggkphnwuuv0Ð378 377 Kunz (2004), § 24 Rn. 46. 378 Kunz (2004), § 24 Rn. 46. 0 1 2 3 4 5 6 tagsüber (6-19 Uhr) abends (19-22 Uhr) nachts (22- 6 Uhr) an Wochenenden während der Woche in Sommermonaten in Wintermonaten sehr häufig - häufig- teilweise - selten - sehr selten - nie Mannheim (n = 100) Lübeck (n = 100) Kiel (n = 100) 120 Eine parallele Entwicklung tritt hinsichtlich der Verteilung nach Wochentagen auf. Die Wochentage Montag bis Donnerstag sind nach polizeilicher Einschätzung nur teilweise belastet, anders als die höher belasteten Wochenendtage, die mit häufig eingestuft wurden. Recht eindeutig ist überdies die Verteilung zwischen Winter- und Sommermonaten. Im Sommer kommt es häufig, im Winter nur selten zu Widerstandshandlungen. Der Grund hierfür dürfte darin zu sehen sein, dass in den Sommermonaten erheblich mehr Freizeitveranstaltungen stattfinden und diese auch öfter nach draußen verlagert werden, weswegen die Wahrscheinlichkeit von strittigen Situationen zwischen Bürgern und Polizei gesteigert wird. VI. Polizeiliche Kriminalstatistik und Periodischer Sicherheitsbericht Einige dieser soeben dargelegten Befunde lassen sich auch der Polizeilichen Kriminalstatistik (2006) und dem Zweiten Periodischen Sicherheitsbericht (2006) entnehmen und bestätigen die Angaben der Befragten. Dies lässt wiederum auf eine hohe Antwortehrlichkeit schließen. Um die Werte der Polizeilichen Kriminalstatistik bezogen auf Widerstandshandlungen (PKS Schlüssel 6210) sinnvoll zu verorten, wird in Abbildung 19 ein Vergleich zu den Delikten der vorsätzlichen leichten Körperverletzung (PKS Schlüssel 2240) und der Nötigung (PKS Schlüssel 2322) angestellt. Diese Tatbestände erfassen eine ähnliche Tathandlung und einen vergleichbaren kriminologischen Unrechtsgehalt wie der Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Daher eignen sich diese Werte für eine Gegenüberstellung. Die nachfolgenden Altersangaben der Polizeilichen Kriminalstatistik sind bezogen auf die jeweils höchste Altersangabe als bis unter diesen Wert definiert(z. B. 21- bis unter 23-Jährige). Zunächst gilt der Blick der geschlechtsspezifischen Verteilung. Bei Widerstandshandlungen (PKS Schlüssel 6120) treten mit einem Anteil von 87 Prozent deutlich mehr männliche als weibliche Tatverdächtige in Erscheinung.379 Mit 84,1 Prozent bei der Körperverletzung (PKS Schlüssel 2240) und mit 87,6 Prozent bei der Nötigung (PKS Schlüssel 2322) ist der Anteil der männlichen Tatverdächtigen nur leicht bzw. gar nicht geringer. 379 Bundes-PKS (2007), Berichtsjahr 2006, Tabellenanhang 01.

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Zusammenfassung

Die Arbeit knüpft an das irritierende Faktum an, dass in der Hansestadt Lübeck zumindest in den Jahren 1999 bis 2004, aber auch noch aktuell, deutlich mehr Delikte wegen Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte nach § 113 StGB registriert worden sind als in Kiel. Dennoch ist die Zahl der Verurteilten nahezu gleich. Es liegt die Vermutung nahe, dass nur mehr Widerstände thematisiert werden als verurteilt.

Bisher vorhandene Studien zum Thema Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte gehen zumeist ätiologisch vor. Sie liefern keine Erklärung für das unterschiedliche Registrierungsverhalten, aber wichtige Vorerkenntnisse über die zu erwartenden Konflikte und sozialen Besonderheiten der „widerständigen“ Personen.

Die Arbeit knüpft an diese Erkenntnisse an, überprüft sie bezüglich ihrer Aktualität und stellt einen eigenen vollständigen theoretischen Ansatz auf. Dieser kriminalsoziologische Ansatz unterscheidet zwischen Wahrnehmung eines Konfliktes, Thematisierung des Konfliktes und Mobilisierung des Widerstandsparagrafen. Die Datenerhebung erfolgte per schriftlicher Befragung mit Interviews bei 300 Polizeibeamtinnen und -beamten. Einbezogen wurden Kiel, Lübeck und – des regionalen Vergleichs wegen – die sozialstrukturell vergleichbare Stadt Mannheim. Abgefragt wurden zahlreiche Konfliktkonstellationen und Einflussfaktoren, solche wie Geschlecht, Diensterfahrung und Dienstgrad. Die Arbeit wertet die Daten umfangreich auf unterschiedliche Reaktionsmuster hin aus.