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Sebastian Messer, Charakteristika der Widerstandsübenden in:

Sebastian Messer

Die polizeiliche Registrierung von Widerstandshandlungen, page 111 - 114

Eine kriminalsoziologische Untersuchung

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4143-7, ISBN online: 978-3-8452-1650-8 https://doi.org/10.5771/9783845216508

Series: Studien zum Strafrecht, vol. 26

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111 B. Antworten zu den Situationen Für die Eingrenzung des Untersuchungsgegenstandes war es sinnvoll, zunächst die Einschätzung der Befragten bezogen auf sämtliche Modalitäten der Widerstandssituationen zu erfassen. Die hierdurch gewonnenen Erkenntnisse sollen die im ersten Kapitel aufgestellte Annahme der Vergleichbarkeit der Tatverdächtigenstruktur und des Konfliktpotenzials in allen drei Städten untermauern. Wenn diese Modalitäten in den drei untersuchten Städten durchweg als vergleichbar eingestuft werden können, so ist es überzeugend, die Gründe für die unterschiedlichen Fallzahlen hauptsächlich am polizeilichen Etikettierungsverhalten festzumachen. I. Charakteristika der Widerstandsübenden Die Befragten sollten zunächst die Charakteristika der Widerstandsübenden einschätzen, wobei die hier vorgegebenen Merkmale anhand einer sechsteiligen Ratingskala erfasst wurden, die von sehr häufig bis nie unterteilt war (Abbildung 16). Nahezu alle Befragten der drei untersuchten Städte sind sich über die Merkmale der Widerstandsübenden einig, was schon die geringen regionalen Abweichungen nahelegen, die einen Wert von 0,4 nicht überschreiten. Demnach sind Widerstands- übende häufig männliche Einzelpersonen, die zum Zeitpunkt des Widerstandes, oftmals auch erheblich, alkoholisiert sind. Der Einfluss von Betäubungsmitteln zum Zeitpunkt des Konfliktes scheint den dargelegten Ergebnissen zufolge nur eine eher untergeordnete Rolle zu spielen. Dies kann nach Aussagen von Polizeibeamten damit zusammenhängen, dass ein möglicher Betäubungsmittelkonsum viel weniger offensichtlich ist als der Konsum von Alkohol. Dafür spricht auch, dass es vor Ort nur schwer möglich ist, die Menge der konsumierten Betäubungsmittel genau zu bestimmen. Dies bestätigen die Ergebnisse der Befragung. Nahezu alle Befragten haben im Gegensatz zum Alkoholkonsum nicht zwischen leichtem und erheblichem Betäubungsmitteleinfluss unterschieden. Hinzu kommen die mündlichen Aussagen einiger Probanden. Viele wiesen darauf hin, dass es vielfach nur erfahrenen Polizeibeamten gelinge, einer Person den Konsum von Betäubungsmitteln anzusehen. Ein Urintest kann zwar bereits vor Ort in Kürze anzeigen, ob Betäubungsmittel eingenommen wurden, jedoch nicht in welchen Mengen. Letzte Gewissheit bringt erst eine Blutprobe, die von einem Labor untersucht wird. Es kann eine nicht nur unerhebliche Dunkelziffer in diesem Bereich vorhanden sein, die sich allerdings sukzessive ins Hellfeld verlagern dürfte, da der Bereich des Betäubungsmittelkonsums verstärkt in der polizeilichen Aus- und Fortbildung thematisiert wird.373 373 Siehe hierzu den Artikel bei Welt-Online (Hamburg) von Wolfgang Runge<" ãXgtuv“tmvgt" Mcorh" igigp"Ftqigp" ko" Uvtc?gpxgtmgjtÐ0" Xerfügbar unter URL: http://www.welt.de/ham burg /article1378618/Verstaerkter_Kampf_gegen_Drogen_im_Strassenverkehr.html (zuletzt cwhigtwhgp"co":030422:+0"Fqtv"jgk?v"gu<"*È+ãDas Kernproblem ist in einem Satz beschrieben. 112 Die Ergebnisse stützen weiterhin die Annahme, dass Widerstandsübende vielfach männlich und jünger als 30 Jahre alt sind. Schließlich sind sich die Befragten auch dahin gehend einig, dass ein Migrationshintergrund bei Widerstandsübenden nur teilweise vorläge. Diese Aussage ist jedoch, wieder bezogen auf die sozialstrukturellen Unterschiede zwischen deutscher und nichtdeutscher Bevölkerung, zu relativieren und so zu deuten, dass Nichtdeutsche beim Widerstand etwas weniger stark belastet sind als bei vergleichbaren Delikten (etwa Körperverletzung, Nötigung).374 Ferner zeigt sich, dass widerständige Bürger offenbar in vielen Fällen schon polizeibekannt sind. ãUejpcru" tkgejv." Ftqigp" pkejvÐ." uciv" fgt" uvgnnxgtvtgvgpfg" Ngkvgt" fgu" Rqnk¦gkdg¦ktmutgxkgtu" Mkgn."Lqcejko"Xq?0"Fgujcnd"m…ppgp"Rqnk¦kuvgp"Ftqigpokuudtcwej"pkejv"ãpgdgpjgtÐ"okv"kjtgt" Nase erschnüffeln. Die Beamten müssen erst lernen, wie man Autofahrer erkennt, die Tcwuejikhv"igpqoogp"jcdgp0"*È+"Kp"Mkgn"ikdv"gu"ugkv"Lcpwct"4227"gkpg"ãUrg¦kcngkpjgkvÐ."fkg" Jagd auf drogenbenebelte Fahrer macht: Eine Hand voll Beamte, die nach diversen Lehrgängen und durch tägliche Praxis einen Spürsinn für Konsumenten von Marihuana, Kokain und anderer illegaler Substanzen entwickelt haben. Ihre Erfolgsbilanz ist zugleich beunruhigend, sagt Joachim Voß: Die Spezialisten ziehen in der Landeshauptstadt jedes Jahr mehr als 400 Autofahrer aus dem Verkehr, die unter Rauschgift- Yktmwpi"uvgjgp0"*È+0Ð 374 Siehe bereits oben unter A. III. 2b. 113 Abbildung 16: Merkmale der Widerstandsübenden 0 1 2 3 4 5 6 weiblich, bis 30 Jahre alt männlich, bis 30 Jahre weiblich, älter als 30 Jahre männlich, älter als 30 Jahre polizeilich bereits registriert Einzeltäter Migrationshintergrund leicht alkoholisiert erheblich alkoholisiert leichter BTM-Einfluss erheblicher BTM-Einfluss sehr häufig - häufig- teilweise - selten - sehr selten - nie Mannheim (n = 100) Lübeck (n = 100) Kiel (n = 100) 114 II. Einsatzmittel der Widerstandsübenden Als weiteres Merkmal wurden die Tatmittel der Widerstandsübenden berücksichtigt, wobei verschiedene Antwortmöglichkeiten vorgegeben waren, die von sehr häufig bis nie bewertet werden konnten (Abbildung 17). Abbildung 17: Widerstandsmittel Es liegt eine konstante Verteilung vor. Nach Einschätzung der Befragten aller drei Städte setzen Widerstandsübende sehr häufig körperliche Tatmittel ein, was darauf hindeutet, dass Konflikte oft auch spontan entstehen und spontan ausgetragen werden. Dementsprechend kommen Messer und Schreckschusspistolen nur teilweise bis selten sowie scharfe Schusswaffen nur sehr selten zum Einsatz. Unter die sonstigen Tatmittel, die in der Befragung nicht weiter definiert wurden, fallen insbesondere sämtliche gefährliche Werkzeuge. Solche werden nach Einschätzung der Befragten von widerständigen Bürgern nur teilweise bis selten eingesetzt. Somit steht fest, dass häufig nur körperliche Tatmittel verwendet werden. Diese polizeiliche Einschätzung ist regional nicht abweichend, so dass insoweit eine Vergleichbarkeit der Städte gegeben ist.                 & " &" ' " "   "  !"# $%& !"# '!"#

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Zusammenfassung

Die Arbeit knüpft an das irritierende Faktum an, dass in der Hansestadt Lübeck zumindest in den Jahren 1999 bis 2004, aber auch noch aktuell, deutlich mehr Delikte wegen Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte nach § 113 StGB registriert worden sind als in Kiel. Dennoch ist die Zahl der Verurteilten nahezu gleich. Es liegt die Vermutung nahe, dass nur mehr Widerstände thematisiert werden als verurteilt.

Bisher vorhandene Studien zum Thema Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte gehen zumeist ätiologisch vor. Sie liefern keine Erklärung für das unterschiedliche Registrierungsverhalten, aber wichtige Vorerkenntnisse über die zu erwartenden Konflikte und sozialen Besonderheiten der „widerständigen“ Personen.

Die Arbeit knüpft an diese Erkenntnisse an, überprüft sie bezüglich ihrer Aktualität und stellt einen eigenen vollständigen theoretischen Ansatz auf. Dieser kriminalsoziologische Ansatz unterscheidet zwischen Wahrnehmung eines Konfliktes, Thematisierung des Konfliktes und Mobilisierung des Widerstandsparagrafen. Die Datenerhebung erfolgte per schriftlicher Befragung mit Interviews bei 300 Polizeibeamtinnen und -beamten. Einbezogen wurden Kiel, Lübeck und – des regionalen Vergleichs wegen – die sozialstrukturell vergleichbare Stadt Mannheim. Abgefragt wurden zahlreiche Konfliktkonstellationen und Einflussfaktoren, solche wie Geschlecht, Diensterfahrung und Dienstgrad. Die Arbeit wertet die Daten umfangreich auf unterschiedliche Reaktionsmuster hin aus.