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Sebastian Messer, Beschreibung der Vorgehensweise in:

Sebastian Messer

Die polizeiliche Registrierung von Widerstandshandlungen, page 100 - 102

Eine kriminalsoziologische Untersuchung

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4143-7, ISBN online: 978-3-8452-1650-8 https://doi.org/10.5771/9783845216508

Series: Studien zum Strafrecht, vol. 26

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100 2. Kapitel: Befragung Die vorliegende Arbeit untersucht rechtssoziologisch, wieso die registrierten Fallzahlen bei Widerstandshandlungen in vergleichbaren Städten divergieren. Im Mittelpunkt steht die polizeiliche Konfliktbewertung. Die Daten werden anhand einer schriftlichen Befragung erhoben. A. Beschreibung der Vorgehensweise Die Befragung soll grundlegende Informationen zur Überprüfung der aufgestellten Annahmen liefern. Als Erhebungsinstrument diente ein standardisierter schriftlicher Fragebogen mit vorgegebenen Antwortmöglichkeiten. Ziel war es, die bereits vorhandenen Erkenntnisse aus den dargelegten polizeilichen Studien zu überprüfen und insbesondere neue Befunde zum polizeilichen Konfliktbewertungsverhalten zu gewinnen. Die Befragung konzentrierte sich dem Untersuchungsgegenstand entsprechend auf die Städte Kiel, Lübeck und Mannheim, in denen insgesamt 300 Polizeibeamte, hundert je Stadt, von je vier Polizeirevieren per Zufallsstichprobe befragt wurden. Bereits in der Planungsphase wurde von einer Versendung in Papierform Abstand genommen und stattdessen der Fragebogen mithilfe der php-basierten Software GrafStat2355 in eine Browsermaske eingegeben, so dass dieser in einer textbasierten Auszeichnungssprache als Datenmaske bereitstand. Um die geplante Anzahl von Polizeibeamten befragen zu können, wurde in Absprache mit den zuständigen Behörden und Revierleitern schrittweise die in die Befragung einbezogenen Reviere aufgesucht und eine Direktbefragung mittels mobiler EDV-Erfassung durchgeführt. Das Rechenzentrum der Universität Kiel stellte für die softwaregestützte Befragung drei Laptops zur Verfügung, auf denen die Fragebögen von den Befragten selbstständig per Mausklick und Tastatureingabe bearbeitet werden konnten. An allen teilnehmenden Polizeirevieren standen die Laptops jeweils etwa zwei Stunden je Dienstschicht zur Bearbeitung des Fragebogens bereit. Die Auswahl der Probanden erfolgte per Zufallsstichprobe, um eine Verzerrung in der Datenanalyse aufgrund einer selektiven Stichprobe zu vermeiden. Die Probanden waren zum Zeitpunkt der Befragung entweder im Streifendienst tätig oder übten eine andere Funktion (z. B. im Innendienst) aus und verfügten zudem über eine langjährige Streifendiensterfahrung. Voraussetzung war nicht, dass der Befragte bereits selbst einen Widerstand angezeigt hatte. Dies entspricht auch dem Untersuchungsgegenstand, da die 355 Autor: Uwe Diener; siehe auch unter URL: http://www.grafstat.de (zuletzt aufgerufen am 19.11.2007). 101 Möglichkeit besteht, dass Polizeibeamte auf widerständiges Verhalten auch anders als mit einer Anzeige gemäß § 113 StGB reagieren. Die durchschnittliche Bearbeitungszeit, die nicht begrenzt war, lag bei ca. 13 Minuten. Während der Befragung war der Untersuchungsleiter anwesend, um gegebenenfalls auftretende Unklarheiten zu beantworten und um in anschließenden Gesprächen weiterführende Informationen zu sammeln, die an entsprechender Stelle in die Auswertung einfließen. Die digitale Datenerfassung bietet den Vorteil, dass eine hundertprozentige Rücklaufquote erreichbar ist, so dass die Zielvorgabe, hundert Polizeibeamte je Stadt zu befragen, eingehalten werden konnte. Die EDV-basierte Vorgehensweise minimiert zudem die Fehlerquote aufgrund fehlerhafter Bearbeitung, die regelmäßig bei gedruckten Fragebögen auftritt, wie etwa einem Verstoß gegen die Antwortvorgabe ãGkphcejcwuycjn1"OgjthcejcwuycjnÐ."gdgpuq"ogjtfgwvkig"Octmkgtwpigp"cw?gtjcnd" der hierfür vorgesehenen Felder oder aber zusätzliche, handschriftliche Kommentierungen, die die vorgegebenen Antworten inhaltlich modifizieren und eine Vergleichbarkeit ausschließen würden. Eine schriftliche Befragung birgt neben den bereits genannten Nachteilen noch einen weiteren. Sie kann bekanntlich nur als unzureichendes Mittel angesehen werden, um erschöpfende Erkenntnisse über das Verhalten der Befragten zu gewinnen. Dieser Nachteil wohnt auch dem hier zugrunde liegenden Fragenbogen inne. Die geschilderten Sachverhalte, auf die die Beamten eine Reaktion wählen sollten, konnten nur mit einer begrenzten Wortanzahl wiedergegeben werden. Als Beispiel sei hier der Sachverhalt zu Frage 27 angeführt: - Bitte versetzen Sie sich in die dargestellte Situation. Wie wäre Ihre unmittelbare TgcmvkqpA" ãFkg" Fwtejh¯jtwpi" gkpgt" tgejvo“?kigp" Dnwvgpvpcjog" yktf" fwtej" fgp" gewaltbereiten Beschuldigten mittels kräftigen Verschränkens der Arme auf dem T¯emgp"xgtjkpfgtvÐ0 Die Realität bietet den Polizeibeamten oft vielerlei tatsächliche Anhaltspunkte, aufgrund derer sie ihre Entscheidung treffen, etwa das Auftreten des Vollstreckungsadressaten dessen Verhalten, dessen äußeres Erscheinungsbild, dessen sprachliche Gewandtheit, dessen Bildungsgrad, dessen körperliche Merkmale, sowie Ort und Zeit, kurzum, einen gesamten sozialen Kontext, der in einem Fragebogen nicht annähernd hergestellt werden kann. Diese Störvariable wird allerdings konstant gehalten. Die Vergleichbarkeit aller Antworten bleibt daher gewährleistet. 102 Im Übrigen ist noch darauf hinzuweisen, dass nahezu alle Antwortmöglichkeiten dem Untersuchungsgegenstand entsprechend inhaltlich eingegrenzt und somit keinesfalls abschließend konzipiert waren. Insbesondere bei den vorgegebenen Antwortmöglichkeiten bezogen auf die Sachverhalte würde sich die Wahl der Reaktionsmöglichkeiten in der Praxis nie ausschließlich im Kontext von möglichen Entscheidungen über eine Anzeige gemäß § 113 StGB bewegen, sondern vielmehr eine Bandbreite anderer Reaktionsmöglichkeiten eröffnen, wie etwa alternativ oder kumulativ eine Anzeige wegen Beleidigung oder Körperverletzung. Keine Frage sah die Antwortmöglichkeit weiß ich nicht oder kann ich nicht beurteilen vor. Die Befragten konnten allerdings ganz von der Beantwortung einzelner Htcigp" cdugjgp." ycu" kp" fgt" pcejhqnigpfgp" Cwuygtvwpi" cnu" ãmgkpg" CpvyqtvÐ" xgrzeichnet wird. Diese Einschränkung kann einen Umverteilungseffekt nach sich ziehen. Befragte, die eigentlich ausschließlich eine andere, nicht vorgegebene unmittelbare Reaktion gewählt hätten, entschieden sich für eine der vorgegebenen Antwortmöglichkeiten, statt ganz von der Beantwortung abzusehen. Dieser sog. Forced-Choice-Effekt war gewollt, da insbesondere bei den situativen Fragen möglichst umfassend und deutlich voneinander abgrenzbare Reaktionstendenzen herausgefunden werden sollten. B. Beschreibung des Fragebogens Der Fragebogen setzt sich aus insgesamt 31 Fragen zusammen.356 Zur umfassenden Vergleichbarkeit aller Fragebögen waren die Antwortmöglichkeiten vorgegeben. Lediglich die Fragen nach Alter, Dienstzeit und Anzahl der Widerstände konnten numerisch beantwortet werden. Ferner gab es eine Frage mit freiem Ergänzungsfeld. Die Befragung gliederte sich inhaltlich in folgende Teilbereiche: (1) Charakteristika der befragten Polizeibeamten, (2) Charakteristika der Widerstandsübenden, (3) Tatbegehungsmerkmale, (4) Einschätzung der polizeilichen Aus- und Fortbildung, (5) Kommunikationstechniken und -barrieren sowie (6) polizeiliche Situationsbewertungen als Kernbereich der Erhebung. 356 Siehe Anlage 1.

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Zusammenfassung

Die Arbeit knüpft an das irritierende Faktum an, dass in der Hansestadt Lübeck zumindest in den Jahren 1999 bis 2004, aber auch noch aktuell, deutlich mehr Delikte wegen Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte nach § 113 StGB registriert worden sind als in Kiel. Dennoch ist die Zahl der Verurteilten nahezu gleich. Es liegt die Vermutung nahe, dass nur mehr Widerstände thematisiert werden als verurteilt.

Bisher vorhandene Studien zum Thema Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte gehen zumeist ätiologisch vor. Sie liefern keine Erklärung für das unterschiedliche Registrierungsverhalten, aber wichtige Vorerkenntnisse über die zu erwartenden Konflikte und sozialen Besonderheiten der „widerständigen“ Personen.

Die Arbeit knüpft an diese Erkenntnisse an, überprüft sie bezüglich ihrer Aktualität und stellt einen eigenen vollständigen theoretischen Ansatz auf. Dieser kriminalsoziologische Ansatz unterscheidet zwischen Wahrnehmung eines Konfliktes, Thematisierung des Konfliktes und Mobilisierung des Widerstandsparagrafen. Die Datenerhebung erfolgte per schriftlicher Befragung mit Interviews bei 300 Polizeibeamtinnen und -beamten. Einbezogen wurden Kiel, Lübeck und – des regionalen Vergleichs wegen – die sozialstrukturell vergleichbare Stadt Mannheim. Abgefragt wurden zahlreiche Konfliktkonstellationen und Einflussfaktoren, solche wie Geschlecht, Diensterfahrung und Dienstgrad. Die Arbeit wertet die Daten umfangreich auf unterschiedliche Reaktionsmuster hin aus.