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Sebastian Messer, Vergleichbarkeit der Tatverdächtigen- und der Tatstruktur unter Einbeziehung des aktuellen Forschungsstandes in:

Sebastian Messer

Die polizeiliche Registrierung von Widerstandshandlungen, page 30 - 31

Eine kriminalsoziologische Untersuchung

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4143-7, ISBN online: 978-3-8452-1650-8 https://doi.org/10.5771/9783845216508

Series: Studien zum Strafrecht, vol. 26

Bibliographic information
30 Abbildung 5: Sozialstrukturelle Synopse der untersuchten Städte Tatverdächtige (Häufigkeitszahl): Kiel Lübeck Mannheim 2000 14.398 14.624 11.199 2001 15.097 14.718 10.724 2002 16.618 14.531 11.592 2003 16.457 15.983 11.857 2004 16.234 13.964 12.266 2005 14.476 12.656 10.902 2006 13.691 13.608 11.171 Polizeidichte Kiel Lübeck Mannheim Anzahl Polizeireviere 4 4 7 Anzahl der Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten (Schutzpolizei) 59926, davon 107 Polizeibeamtinnen (= 17,9 %) 52627, davon 82 Polizeibeamtinnen (= 15,6 %) 99028, davon 145 Polizeibeamtinnen (= 14,7 %) Die dargelegten Merkmale lassen erkennen, dass es zwar sozialstrukturelle Unterschiede zwischen den Städten gibt, welche im Rahmen dieser Arbeit jedoch als minimal betrachtet werden. Anderen hier nicht überprüften Faktoren wird daher unterstellt, dass sie keine erheblichen Unterschiede aufweisen und somit ebenfalls vergleichbar sind. Damit deutet alles auf eine sozialstrukturelle Vergleichbarkeit von Kiel, Lübeck und Mannheim hin. II. Vergleichbarkeit der Tatverdächtigen- und der Tatstruktur unter Einbeziehung des aktuellen Forschungsstandes Auch die Merkmale der Tatverdächtigen (§ 113 StGB) und die der Widerstandssituation dürften regional nicht erheblich abweichen. Die Überprüfung geht folgendem Gedankengang nach: Sollten die polizeiwissenschaftlichen Studien zum Thema sowie die Daten der polizeilichen Kriminalstatistiken (PKS) allesamt zu übereinstimmenden Merkmalen führen, die häufig bei Widerstandsübenden bzw. in Widerstandssituationen anzutreffen sind, so kann eine einheitliche Tatverdächtigenstruktur und ein einheitliches Konfliktpotenzial unterstellt werden. Um den regionalen Bezug dieser allgemeingültigen Erkenntnisse zu den untersuchten Städten herzu- 26 Auskunft des Landespolizeiamtes Kiel (2007). 27 Auskunft des Polizei Bezirksreviers Lübeck (2007). 28 Auskunft des Polizeipräsidiums Mannheim (2007). Diese Angabe bezieht sich nicht nur auf das Stadtgebiet Mannheim, sondern auch auf die Umlandgemeinden. 31 stellen, werden im ersten Teil der Befragung diese Daten überprüft. Sofern alle Daten ähnliche Merkmale bei Tatverdächtigen und Widerstandssituationen erkennen lassen, ist es sehr wahrscheinlich, dass die Ursache für die unterschiedlichen Tatzahlen im polizeilichen Etikettierungsverhalten liegt. Es werden zunächst die bisher zum Thema Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte vorhandenen polizeiwissenschaftlichen Studien, sodann die Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistiken und anschließend die Ergebnisse der Befragung dargelegt. III. Aktueller Forschungsstand Die Anzahl der bereits vorhandenen Abhandlungen zum Themenkomplex Gewalt gegen Polizeibeamte ist relativ überschaubar. Zu nennen sind: Jäger *3;::+<" ãIewalt und Polk¦gkÐ. Falk *4222+<" ãYkfgtuvcpf" igigp" Xqnnuvtgemwpiudgcovg" - ein rtczkudg¦qigpgu" HqtuejwpiurtqlgmvÐ." fkg" MHP-Studie29 von Ohlemacher et. al. *4225+<" ãIgycnvcpygpfwpigp" igigp" Rqnk¦gkdgcovkppgp" wpf" -beamte 1985-4222Ð" sowie die aktuellste Abhandlung von Philipsen *4227+<"ãYkfgtuvcpf"igigp"Rqnk¦gibeamte in Lübeck - Ursachen und Erklärungen, ein Vergleich der Phänomene in den TgikqpgpÐ030 Diese Studien kommen zu dem Ergebnis, dass Tatverdächtige eines Widerstandes oftmals jung, männlich, deutsch, vielfach bereits vorbestraft und während der Tat, zum Teil erheblich, alkoholisiert sind.31 Es folgt eine inhaltliche Zusammenfassung der wichtigsten polizeiwissenschaftlichen Studien zum Thema, ein Blick auf deren Vorgehensweise und die wesentlichen Ergebnisse. 1. Jäger: Gewalt und Polizei Jäger studierte zwischen 1957-1970 Rechts- und Staatswissenschaften in Freiburg, München, Berlin und Kiel und schloss dieses Studium nach der Referendarzeit mit der großen Juristischen Staatsprüfung ab. Es folgte eine zweijährige Tätigkeit als stellvertretender Leiter der Justizvollzugsanstalt Neumünster. Nach einem Zweitstudium mit den Schwerpunkten Stadtsoziologie, Methoden der empirischen Sozialforschung, Kriminalpsychologie und Bevölkerungswirtschaft war er wissenschaftlicher Assistent am Kriminologischen Seminar der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel bei Prof. Hellmer. Im Jahre 1975 trat er seinen Dienst bei der Polizei- Führungsakademie als Referent für kriminalistisch-kriminologische Forschung an. 29 Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen. 30 Ferner existieren weitere Untersuchungen, etwa: Stührmann (1965); Sessar/Baumann/ Müller, (1980). 31 Die Einzelnachweise werden in den folgenden Abschnitten ausgeführt.

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Zusammenfassung

Die Arbeit knüpft an das irritierende Faktum an, dass in der Hansestadt Lübeck zumindest in den Jahren 1999 bis 2004, aber auch noch aktuell, deutlich mehr Delikte wegen Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte nach § 113 StGB registriert worden sind als in Kiel. Dennoch ist die Zahl der Verurteilten nahezu gleich. Es liegt die Vermutung nahe, dass nur mehr Widerstände thematisiert werden als verurteilt.

Bisher vorhandene Studien zum Thema Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte gehen zumeist ätiologisch vor. Sie liefern keine Erklärung für das unterschiedliche Registrierungsverhalten, aber wichtige Vorerkenntnisse über die zu erwartenden Konflikte und sozialen Besonderheiten der „widerständigen“ Personen.

Die Arbeit knüpft an diese Erkenntnisse an, überprüft sie bezüglich ihrer Aktualität und stellt einen eigenen vollständigen theoretischen Ansatz auf. Dieser kriminalsoziologische Ansatz unterscheidet zwischen Wahrnehmung eines Konfliktes, Thematisierung des Konfliktes und Mobilisierung des Widerstandsparagrafen. Die Datenerhebung erfolgte per schriftlicher Befragung mit Interviews bei 300 Polizeibeamtinnen und -beamten. Einbezogen wurden Kiel, Lübeck und – des regionalen Vergleichs wegen – die sozialstrukturell vergleichbare Stadt Mannheim. Abgefragt wurden zahlreiche Konfliktkonstellationen und Einflussfaktoren, solche wie Geschlecht, Diensterfahrung und Dienstgrad. Die Arbeit wertet die Daten umfangreich auf unterschiedliche Reaktionsmuster hin aus.