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Fabian Sösemann, Regelleistung in:

Fabian Sösemann

Umweltverträgliche Energienetze, page 107 - 108

Bedeutung und Anwendungsmöglichkeiten der Zweckbestimmung des EnWG

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4142-0, ISBN online: 978-3-8452-1469-6 https://doi.org/10.5771/9783845214696

Series: Schriftenreihe Institut für Energie- und Wettbewerbsrecht in der Kommunalen Wirtschaft e.V. (EWeRK) an der Humboldt-Universität zu Berlin, vol. 33

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V. Regelleistung 1. Gegeneinanderregeln Der Gebrauch positiver wie negativer Regelleistung dient der Aufrechterhaltung des Gleichgewichts zwischen Energieverbrauch und Energieeinspeisung zu jedem Zeitpunkt. So kann dem Verbundnetz innerhalb von Sekunden Energie zugeführt oder entnommen werden, um das Gleichgewicht zu halten. Die positive Regelleistung wird in Kraftwerken produziert, ihre Erzeugung beeinträchtigt somit die Umwelt. Im Sinne der Umweltverträglichkeit der Energieversorgung sollte die Menge an benötigter positiver Regelleistung also möglichst gering sein. Insbesondere entspricht es nicht dem Umweltverträglichkeitsziel, wenn an einer Stelle des Verbundnetzes Energie entnommen werden muss, während an anderer Stelle Energie zugeführt wird. Wird in einer Regelzone positive Regelleistung angefordert und in einer anderen Regelzone negative benötigt, spricht man in diesem wie im umgekehrten Fall von Gegeneinanderregeln.44 Es wäre energiesparender und damit umweltverträglicher, wenn der Überschuss an der einen Stelle des Verbundnetzes zum Mangel an der anderen Stelle geleitet würde, ein Gegeneinanderregeln also vermieden würde. Praktisch stößt dieses effiziente Verfahren an Grenzen, da die Netze für die Durchleitung aufgrund von Energiehandel oder Energieerzeugung belegt sein könnten.45 Auch die Unterteilung Deutschlands in vier Regelzonen behindert den effizienten Gebrauch von Regelenergie, denn in den Regelzonen wird unabhängig voneinander geregelt. Nach Ansicht von Kurscheid/Scheffler/Schufft hätte im Januar 2006 eine Regelenergie von 112,4 GWh eingespart werden können, hätte eine einheitliche Regelzone bestanden. Das sind 29 Prozent der insgesamt in Anspruch genommenen Regelenergie.46 Würde das Bundesgebiet technisch als eine Regelzone behandelt, erhöhte sich die Umweltverträglichkeit der Energieversorgung jedenfalls deshalb, weil weniger Regelleistung abgefragt würde und somit weniger Strom produziert werden müsste. Je besser die Abstimmung der Regelzonenbetreiber untereinander und umso geringer der Einsatz der eingesetzten Regelenergie, desto umweltverträglicher ist die Steuerung der Hochspannungsnetze. 2. Umweltverträgliche Regelleistung, virtuelle Kraftwerke Da Regelenergie in jedem Fall benötigt wird, kann sie, um so umweltverträglich wie möglich zu sein, aus umweltverträglichen Quellen stammen. Hierfür gibt es mehrere Möglichkeiten. 44 BNetzA, Monitoringbericht 2007, S. 41. 45 Allerdings bestehen keine Anzeichen für langfristige Netzengpässe zwischen den Regelzonen, BBH/BET, R-A-N Gutachten, S. 43. 46 Kurscheid/Scheffler/Schufft, Analyse des Regelleistungsbedarfs in Deutschland, ew 3/2007, S. 20, 23. 107 Herkömmlich werden schon heute Pumpspeicherkraftwerke zur Produktion von Regelleistung eingesetzt. Diese Stromgewinnung aus Wasserkraft ist grundsätzlich umweltverträglich. Auch Gaskraftwerke lassen sich zur Produktion von Regelleistung einsetzen. Sie können mit Biomethan statt mit herkömmlichem Erdgas betrieben werden. Aber es ist nicht nur an die Produktion von Energie zu denken. Auch verbrauchsseitig kann auf einen Angebotsmangel reagiert werden. Schon heute werden Großverbraucher „abgeworfen“, wenn sich deren Produktionsprozesse schnell abschalten oder herunterregeln lassen.47 Des Weiteren lassen sich viele dezentrale Erzeugungsanlagen zu einem virtuellen Kraftwerk zusammenschließen. Die zusammengeschlossenen Erzeugungseinheiten können wie ein herkömmliches Kraftwerk gesteuert werden und so zur Regelung dienen.48 B. Gasnetze Auch Gasnetze wirken aufgrund ihrer Auslastung und Steuerung indirekt auf die Umwelt ein. I. Dezentrale Einspeisung Wie im Strombereich führt auch im Gasbereich die verbrauchsnahe dezentrale Einspeisung von Gas zur Entlastung vorgelagerter Netze. Anders als im Strombereich ordnet der Gesetzgeber im Gasbereich keine Auszahlung der eingesparten Netzentgelte an. In § 9 der Kooperationsvereinbarung der Gasversorgungsnetzbetreiber wird diese Möglichkeit allerdings angedacht. Um die vorgehaltene Kapazität in den vorgelagerten Netzen reduzieren zu können, kann dem Transportkunden, der sich zur Einspeisung verpflichtet, ein Entgelt zugesichert werden. Des Weiteren kann ein Einspeiser Entgelt erhalten, wenn durch die Einspeisung der Ausbau des Netzes vermieden werden kann.49 Voraussetzung ist eine Lastflussvereinbarung mit dem Netzbetreiber im Rahmen seines Kapazitätsmanagements.50 Diese in § 9 Kooperationsvereinbarung erwähnte besondere Entgeltung von dezentraler Einspeisung kann somit den Ausbau vorgelagerter Netze vermeiden. Allerdings müssen in denjenigen 47 EnBW hat sogar ein Modellprojekt mit Haushaltskunden. Allerdings zielt das Projekt nicht darauf ab, Regelenergie durch Lastabwurf zu sparen. Der „intelligente Zähler“ soll aber privates Energiemanagement möglich machen, indem Kunden außerhalb der Lastspitzen Strom verbrauchen. Ausführlich dazu ew 13-14/2007, S. 72 f. 48 Ertmer, Smart Grids, ew 4/2007, S. 46. 49 BGW/GEODE/VKU, Leitfaden zur Entgelt-/ Kostenwälzung, S. 16; Longo, Strategische Fragen der Biogaseinspeisung, ZNER 2007, S. 155, 158. 50 Siehe dazu auch Kanngießer, Rechtsrahmen für die Einspeisung von Biogas, GWF 2007, S. 408, 410. 108

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Zusammenfassung

Das Werk befasst sich mit dem Gesetzesziel „Umweltverträglichkeit“ des Energiewirtschaftsgesetzes. Der Autor reduziert das Gesetzesziel auf eine Definition mit wenigen Kriterien. Ferner wird die Rechtsqualität von Ziel- und Zweckbestimmungen untersucht. Umwelteinwirkungen der Energieversorgung werden aufgezeigt – insbesondere in welchem Umfang Netztechnik, Struktur und Steuerung der Netze Auswirkungen auf die Umwelt haben. Umweltverträglicher Netzbetrieb bedeutet so beispielsweise die möglichst weitgehende Einbindung dezentraler Erzeuger und eine effiziente Abstimmung von Angebot und Nachfrage. Schließlich werden Beispiele gebildet, um zu zeigen, inwieweit „Umweltverträglichkeit“ in Abwägung mit den anderen Zielbestimmungen des EnWG Auswirkung bei der Auslegung des Energiewirtschaftsrechts haben kann. So wird unter anderem deutlich, dass „Netzausbau“ unter Berücksichtigung der Umweltverträglichkeit nicht nur den Bau neuer Leitungen, sondern auch das Überwachen der Temperatur der bestehenden Leitung bedeuten kann.