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Fabian Sösemann, Anschluss neuer Kraftwerke in:

Fabian Sösemann

Umweltverträgliche Energienetze, page 103 - 104

Bedeutung und Anwendungsmöglichkeiten der Zweckbestimmung des EnWG

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4142-0, ISBN online: 978-3-8452-1469-6 https://doi.org/10.5771/9783845214696

Series: Schriftenreihe Institut für Energie- und Wettbewerbsrecht in der Kommunalen Wirtschaft e.V. (EWeRK) an der Humboldt-Universität zu Berlin, vol. 33

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spruchung der Leitungen das Leistungsvermögen der verwendeten Betriebsmittel wie Seilklemmen und Transformatoren beachtet werden.22 2. Hochtemperatur-Leiterseile Durch den Einsatz von Hochtemperatur-Leiterseilen steigert sich die thermische Belastbarkeit und damit auch die Kapazität der Leitungen auf 150 bis 200 Prozent gegenüber konventionellen Leitungen.23 Zu beachten ist bei den Einsatz von Hochtemperatur-Leiterseilen allerdings, dass wegen der höheren Betriebstemperatur der Durchhang der Leiter größer ist als bei herkömmlichen Leitern. Auch hier müssen die angeschlossenen Komponenten an die neuen Bemessungsgrenzen angepasst werden. Der Einsatz von Hochtemperatur-Leiterseilen dürfte verglichen mit dem Neubau von Trassen kostengünstiger und in der Regel ohne Planungsverfahren umsetzbar sein. III. Anschluss neuer Kraftwerke Der Anschluss neuer Kraftwerke ist aufgrund verschiedener Effekte erwünscht. Zum einen erhöhen zusätzliche Kraftwerke das Angebot auf dem Produktionsmarkt. Damit wird der Wettbewerb unter den Anbietern gefördert. Des weiteren ist davon auszugehen, dass neuere Kraftwerke wegen des technischen Fortschritts Energie effizienter einsetzen, weniger Schadstoffe ausstoßen und kosteneffizenter arbeiten.24 Je ineffizienter ein Kraftwerk arbeitet, desto eher wird es vom Markt verdrängt.25 Deshalb verdrängen neue und effizient arbeitende Kraftwerke die Bestandsanlagen. Damit wird dem Belastungsminimierungsgrundsatz des § 1 Abs. 1 EnWG Rechnung getragen.26 Aber auch auf die Netzarchitektur kann der Anschluss neuer Kraftwerke Auswirkungen haben, wenn das Netz zu wenig Kapazität hat, um die Leistung des neu an- 21 Brakelmann, Netzverstärkungs-Trassen zur Übertragung von Windenergie, S. 18 ff., 112. Bei Feldversuch von E.ON in Nordfriesland konnte die Transportkapazität bis zu 50 Prozent erhöht werden, Presseerklärung vom 20. 9. 2007, www.eon-netz.com unter „Presse“ (http://www.eonnetz.com/frameset_german/company/company_press/news_release/pm_neu/press_detail_neu. php?press_id=234985, zuletzt aufgerufen am 21. 11. 2007). 22 Brakelmann, Kostenvergleich alternativer Ausführungen windbedingter Netzverstärkungsmaßnahmen, S. 41 f. 23 GGSC/Ecofys, Windenergieerzeugungsmanagement, Abschlussbericht, S. 17 f. 24 Von dieser Grundannahme geht der Gesetzgeber aus, GesE der BReg zum EnWG 98, BT- Drucks 13/7274, S. 10. 25 De Wyl/Hartmann/Hilgenstock, Wettbewerb auf dem Erzeugermarkt? (Teil 2), IR 2006, S. 218. Grund dafür ist die so genannte merit order. Siehe dazu Bode/Groscurth, Wirkung des EEG auf den "Strompreis", S. 9 f. 26 De Wyl/Hartmann/Hilgenstock, Wettbewerb auf dem Erzeugermarkt? (Teil 2), IR 2006, S. 218, 219. 103 geschlossenen Kraftwerks aufzunehmen. Dann trifft den Netzbetreiber die Pflicht nach §§ 11 Abs. 1 und 12 Abs. 1 EnWG, das Netz bedarfsgerecht auszubauen. Das kann unter Umständen auch die Verlegung neuer Leitungen bedeuten. Allerdings kann der grundsätzlich der Umweltverträglichkeit dienende Anschluss neuer Kraftwerke die Umwelt wiederum durch den Neubau von Leitungen beeinträchtigen. IV. Nutzung dezentraler Optionen Unter dem Stichwort aktiver Netzbetreiber werden in neuerer Zeit Aufgaben diskutiert, die in erster Linie dem Verteilernetzbetreiber zufallen. Zwar sind Verteilernetzbetreiber auch bisher nicht „passiv“, da sie zentral erzeugten Strom zum Verbraucher weitergeleitet haben. Aber der aktive Netzbetreiber soll zusätzlich dezentrale Optionen verwirklichen. Unter dezentralen Optionen werden verschiedene Technologien wie der Einsatz von EEG27- und KWK-Anlagen, Lastmanagement, Energieeffizienzmaßnahmen beim Kunden oder Speicher verstanden.28 Energieeffizienzmaßnahmen auf Kundenseite erfolgen nicht im Rahmen der Netzsteuerung sondern durch Beratung, die keine Kernaufgabe des Netzbetreibers ist. Deshalb sind sie hier nicht weiter zu beachten. 1. Dezentrale Einspeisung Dezentrale Einspeisung ist die Einspeisung von elektrischer Energie in Verteilernetze durch kleine Umwandlungsanlagen. Die geringe Energiedichte erneuerbarer Energien und dezentrale unvermaschte Wärmenetze führen dazu, dass fast alle dezentralen Einspeiser EEG- und KWK-Anlagen sind.29 Deshalb wird die dezentrale Einspeisung vor allem mit Hilfe des EEG und KWKG gefördert. Außerhalb des Anwendungsbereichs dieser Gesetze gibt es zwar kaum dezentral einspeisende Anlagen.30 Aber auch diese Anlagen werden in begrenztem Umfang privilegiert. Denn gemäß § 18 StromNEV sind die Verteilernetzbetreiber verpflichtet, vermiedene Netzentgelte zu erstatten. Neben der umweltverträglichen Energieerzeugung durch dezentrale EEG- und KWK Anlagen sprechen Gründe der Versorgungssicherheit dafür, dezentrale Strukturen zu unterhalten, da diese nicht so fehleranfällig sind wie zentralisierte Systeme.31 Darüber hinaus können dezentrale Energiesysteme die Effizienz des Energiesystems erhöhen. Unter Effizienz, oder in diesem Zusammenhang dezentraler Effizi- 27 Ausgenommen sind große Windparks. 28 Leprich u.a., Dezentrale Energiesysteme und aktive Netzbetreiber, S. 18. 29 Zu den KWK-Anlagen zählen zum Beispiel Verbrennungsmotoren, Brennstoffzellen, Mikrogasturbinen oder auch der Stirlingmotor, vgl. Hollmann, Ökologisches Potenzial dezentraler Energieversorgung, ew 13-14/2007, S. 26. 30 Leprich u.a., Dezentrale Energiesysteme und aktive Netzbetreiber, S. 81. 31 Leprich u.a., Dezentrale Energiesysteme und aktive Netzbetreiber, S. 81. 104

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Zusammenfassung

Das Werk befasst sich mit dem Gesetzesziel „Umweltverträglichkeit“ des Energiewirtschaftsgesetzes. Der Autor reduziert das Gesetzesziel auf eine Definition mit wenigen Kriterien. Ferner wird die Rechtsqualität von Ziel- und Zweckbestimmungen untersucht. Umwelteinwirkungen der Energieversorgung werden aufgezeigt – insbesondere in welchem Umfang Netztechnik, Struktur und Steuerung der Netze Auswirkungen auf die Umwelt haben. Umweltverträglicher Netzbetrieb bedeutet so beispielsweise die möglichst weitgehende Einbindung dezentraler Erzeuger und eine effiziente Abstimmung von Angebot und Nachfrage. Schließlich werden Beispiele gebildet, um zu zeigen, inwieweit „Umweltverträglichkeit“ in Abwägung mit den anderen Zielbestimmungen des EnWG Auswirkung bei der Auslegung des Energiewirtschaftsrechts haben kann. So wird unter anderem deutlich, dass „Netzausbau“ unter Berücksichtigung der Umweltverträglichkeit nicht nur den Bau neuer Leitungen, sondern auch das Überwachen der Temperatur der bestehenden Leitung bedeuten kann.