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Fabian Sösemann, Netzverbund in:

Fabian Sösemann

Umweltverträgliche Energienetze, page 27 - 28

Bedeutung und Anwendungsmöglichkeiten der Zweckbestimmung des EnWG

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4142-0, ISBN online: 978-3-8452-1469-6 https://doi.org/10.5771/9783845214696

Series: Schriftenreihe Institut für Energie- und Wettbewerbsrecht in der Kommunalen Wirtschaft e.V. (EWeRK) an der Humboldt-Universität zu Berlin, vol. 33

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II. Netzverbund Die unterschiedlichen Netzebenen in Deutschland sind zu einem Verbund zusammengeschlossen. Dieser Zusammenschluss hatte zunächst im Wesentlichen die Aufgaben, standortgebundene8 Kraftwerke ausnutzen zu können, die stehende und mitlaufende Kraftwerksreserve zu verringern und eine konstante Netzfrequenz bei Kraftwerksausfällen gewährleisten zu können.9 Mit der zunehmenden Marktöffnung im Energiebereich wird das Verbundnetz auch für Energielieferungen im Rahmen von Handelsgeschäften benötigt. Darüber hinaus ist das deutsche Netz in das UCTE-Verbundnetz eingegliedert. Das UCTE-Verbundnetz ist die Kupplung vieler kontinentaleuropäischer Netze auf der Höchstspannungsebene und wurde in erster Linie geschaffen, damit sich die beteiligten Länder bei Störungen gegenseitig aushelfen können. Dementsprechend sind die Kuppelstellen auch ausgelegt.10 Da sich aber die Erzeugungsstruktur in den beteiligten Ländern stark unterscheidet, wird der grenzüberschreitende Stromhandel zunehmend attraktiv.11 Hinzu kommt, dass der gemeinsame europäische Strommarkt ausgebaut wird. Die steigende Belastung führt zu Engpässen an den Kuppelstellen. Wenn die Nachfrage die Durchleitungskapazitäten übersteigt, wird ein Engpassmanagementsystem eingerichtet. An den deutschen Kuppelstellen werden die Rechte an Übertragungskapazitäten in Form von Auktionen vergeben.12 Den Engpässen soll unter anderem mit der Verordnung für grenzüberschreitenden Stromhandel13 begegnet werden. Übertragungsnetzbetreiber, die Kuppelstellen zum Ausland betreiben, erhalten danach einen Kostenausgleich von den Betreibern derjenigen Übertragungsnetze, aus denen der Strom stammt und in die der Strom geleitet wird. Beim Ausbau der Kuppelstellen ist aber nicht nur der Handel, sondern sind auch weiterhin die Aufgaben eines Netzverbundes im Auge zu behalten. Denn Vorteil des Verbundes ist insbesondere die Netzstabilität, die die Zuverlässigkeit der Versorgung garantiert. Deshalb sollten Kuppelstellen so ausgelegt sein, dass nicht nur gehandelte Strommengen ausgetauscht werden können, sondern auch die Leistungen für den Notfall.14 8 Vor allem Wasser- und Braunkohlekraftwerke. Letztere müssen wegen der geringen Energiedichte der Primärenergieträger nahe der Förderungsstelle betrieben werden. 9 Böge, Vieweg Handbuch Elektrotechnik, S. 870 Nr. 3.2.4.; Oeding/Oswald, Elektrische Kraftwerke und Netze, S. 388. 10 Ausführliche Darstellung bei Talus/Wälde, Electricity Interconnectors, OGEL 2/2006, S. 2 ff. 11 Li/Haubrich, Bewertung von Netzausbaumaßnahmen zur Engpassbeseitigung im UTCE-Verbundnetz, ET 2006, S. 16. 12 Wawer, Förderung erneuerbarer Energien im liberalisierten deutschen Strommarkt, S. 87. 13 VO (EG) Nr. 1228/2003 vom 26. 6. 2003, ABl. 2003, Nr. L 176, S. 1 ff. 14 Oeding/Oswald, Elektrische Kraftwerke und Netze, S. 390. 27 III. (n-1)-Kriterium Versorgungs- und Übertragungsnetze werden nach dem Prinzip der (n-1) - Sicherheit15 betrieben. Das Prinzip gibt vor, dass ein beliebiges Netzbetriebsmittel ausfallen kann, ohne dass es zu einer Versorgungsunterbrechung kommt und ohne dass die verbleibenden Betriebsmittel überlastet werden.16 Sind diese Voraussetzungen gesichert, kann sich ein Netzfehler nicht aufgrund überlasteter Bauteile kaskadenartig ausbreiten, indem ein Ausfall von einem Betriebsmittel die Überlastung eines weiteren bedingt. IV. Regelzonen und Regelleistung Die deutsche Übertragungsnetzebene ist in vier Regelzonen17 unterteilt. Jede Regelzone unterliegt dem Verantwortungsbereich eines der vier Übertragungsnetzbetreiber (E.ON Netz GmbH, RWE Net AG, Vattenfall Europe Transmission AG und EnBW Transportnetze AG). Wesentliches Element der Netzsteuerung ist es, die Netzfrequenz von 50 Hz und die in der jeweiligen Netzebene gewünschte Spannung konstant zu halten. Da das Stromnetz weder Spannung noch Frequenz „speichern“ kann, müssen Erzeuger immer so viel elektrische Energie einspeisen, wie gerade entnommen wird. Weichen prognostizierte Einspeisung oder Entnahme voneinander ab, führt dies zu einem Ungleichgewicht bei der Leistungsbilanz und Frequenz. Um das Ungleichgewicht der Leistungsbilanz wieder auszugleichen und die Frequenz wieder auf 50 Hz zurückzuführen, muss Regelleistung eingesetzt werden. Entweder wird überschüssige Energie sofort abgeführt (negative Regelleistung), oder fehlende Energie wird in das Netz eingespeist (positive Regelleistung). Der Einsatz erfolgt in drei Schritten: Primärregelleistung wird innerhalb weniger Sekunden nach einer Störung eingesetzt und dient der Begrenzung und schnellen Reduzierung der Frequenzabweichung. Sobald ein Kraftwerksausfall oder eine nicht prognostizierte Entnahme die Netzfrequenz absinken lässt, erhöhen die am Netz befindlichen Kraftwerke automatisch ihre Leistung. Im umgekehrten Fall eines plötzlichen Überangebots an elektrischer Energie senken die fraglichen Kraftwerke ihre Einspeiseleistung. Nach 30 Sekunden muss die Primärregelleistung vollständig aktiviert sein und für 15 Minuten 15 Sprich „n minus eins Sicherheit“. 16 Schwarz, Anwendung des Netzsicherheitsmanagements in Brandenburg, S. 17; VDN, TransmissionCode 2007, S. 70 (9.2). 17 Folgende Darstellung beruht im Wesentlichen auf diesen Quellen: BBH/BET, R-A-N Gutachten, S. 6 f.; Brückl/Neubarth/Wagner, Regel- und Reserveleistungsbedarf eines ÜNB, ET 1-2/2006, S. 50 ff.; DENA, Netzstudie, S. 252; Engelsing, in: Säcker (Hg.), Berliner Kommentar EnR, GWB § 19, Rn. 167; Meier, in: Bartsch/Salje/Röhling/Scholz (Hg.), Stromwirtschaft, S. 357 f.; Oeding/Oswald, Elektrische Kraftwerke und Netze, S. 180 ff.; Wawer, Förderung erneuerbarer Energien im liberalisierten deutschen Strommarkt, S. 56 ff.; VDN, Transmission- Code 2007. 28

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Zusammenfassung

Das Werk befasst sich mit dem Gesetzesziel „Umweltverträglichkeit“ des Energiewirtschaftsgesetzes. Der Autor reduziert das Gesetzesziel auf eine Definition mit wenigen Kriterien. Ferner wird die Rechtsqualität von Ziel- und Zweckbestimmungen untersucht. Umwelteinwirkungen der Energieversorgung werden aufgezeigt – insbesondere in welchem Umfang Netztechnik, Struktur und Steuerung der Netze Auswirkungen auf die Umwelt haben. Umweltverträglicher Netzbetrieb bedeutet so beispielsweise die möglichst weitgehende Einbindung dezentraler Erzeuger und eine effiziente Abstimmung von Angebot und Nachfrage. Schließlich werden Beispiele gebildet, um zu zeigen, inwieweit „Umweltverträglichkeit“ in Abwägung mit den anderen Zielbestimmungen des EnWG Auswirkung bei der Auslegung des Energiewirtschaftsrechts haben kann. So wird unter anderem deutlich, dass „Netzausbau“ unter Berücksichtigung der Umweltverträglichkeit nicht nur den Bau neuer Leitungen, sondern auch das Überwachen der Temperatur der bestehenden Leitung bedeuten kann.