Content

Patricia Wiater, Staatensouveränität und Subsidiarität des europäischen Menschenrechtsschutzes in:

Patricia Wiater

Kulturpluralismus als Herausforderung für Rechtstheorie und Rechtspraxis, page 353 - 368

Eine völkerrechtsdogmatische und ethnologische Auseinandersetzung mit der Rechtsprechung des EGMR

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4134-5, ISBN online: 978-3-8452-1837-3 https://doi.org/10.5771/9783845218373

Series: Leipziger Schriften zum Völkerrecht, Europarecht und ausländischen öffentlichen Recht, vol. 15

Bibliographic information
353 in contrast to questions of fact, need not be raised by the parties.“1347 Obliegt also dem Staat nach Maßgabe des Beweisrechts, das dem Verfahren vor dem EGMR zugrundeliegt, eine derartige Beweisp? icht oder ist sie ihm auferlegbar? Die Konturierung von Möglichkeiten und Grenzen des hier verfolgten interdisziplinären Ansatzes setzt, das wird deutlich, eine Auseinandersetzung mit dem völkerrechtlichen Strukturprinzip der Staatensouveränität, dem Grundsatz der Subsidiarität des europäischen Menschenrechtsschutzes und dem Beweisrecht im Verfahren vor dem EGMR voraus. II. Staatensouveränität und Subsidiarität des europäischen Menschenrechtsschutzes 1. Herleitung des Grundsatzes der Subsidiarität Europäischer und nationaler Menschenrechtsschutz stehen im Spannungsfeld. An Spannungsgeladenheit gewinnt jenes Verhältnis insbesondere dann, wenn der auf europäischer Ebene etablierte menschenrechtliche Standard von jenen rechtlichen Lösungswegen abweicht, die vom betroffenen Vertragsstaat eingeschlagen wurden. Eva Brems zufolge ist diese Spannung unausweichliche Folge des Zusammenwirkens der Heterogenität souveräner Staaten auf der einen Seite und der zentralisierenden Wirkung des europäischen Systems zur Durchsetzung menschenrechtlicher Standards auf der anderen Seite: „There is some inevitable tension between the centralized human rights enforcement system established by the European Convention and the national sovereignty of the European states.”1348 Paolo G. Carozza führt, den Grundsatz der Staatensouveränität als Strukturprinzip des Völkerrechts re? ektierend, jenes Spannungsverhältnis auf die Antagonisten zurück, die bereits in der rechtswissenschaftlichen Debatte um den Kulturrelativismus menschenrechtlicher Standards stimmführend waren: Der vermeintliche Widerstreit zwischen der universellen Vision menschlicher Würde, ausgedrückt in internationalen Menschenrechtsstandards, und der Diversität und Freiheit menschlicher Kulturen („There is an inherent tension in international human rights law between af? rming a universal substantive vision of human dignity and respecting the diversity and freedom of human cultures.”1349) Die Wahrung staatlicher Souveränität wird durch eine 1347 Wolfrum, The Taking and Assessment of Evidence by the European Court of Human Rights, in: Breitenmoser u.a. (Hrsg.), Human Rights, Democracy and the Rule of Law, S. 918. 1348 Brems, The Margin of Appreciation Doctrine in the Case-Law of the European Court of Human Rights, in: Zeitschrift für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht, Band 56 (1996), S. 294. 1349 Carozza, Subsidiarity as a Structural Principle of International Human Rights Law, in: American Journal of International Law, January 2003, Vol. 97, No. 1, S. 49. 354 derartige Gegenüberstellung mit dem Schutz kultureller Diversität gleichgesetzt. Infolgedessen scheint eine Dichotomie zwischen Souveränität des Staats, dessen politischer Legitimität und dessen lokaler Kultur (nach Carozza maßgeblich verankert in der nationalen Verfassung) auf der einen Seite und internationalen Menschenrechtsstandards sowie universellen Werten auf der anderen Seite zu bestehen1350. Erhebt die Etablierung eines europäischen Menschenrechtssystems den Schutz des Individuums im einzelnen Vertragsstaat zur kollektiven Angelegenheit der Gemeinschaft der europäischen Vertragsstaaten der EMRK, so erlebt das grundsätzlich geltende Gebot staatlicher Souveränität eine Einschränkung; de? nierte sich dieses in einem formalen Sinne als „(…) die durch die nationale bzw. internationale Rechtsordnung zugewiesene Kompetenz, um letztverbindlich über Inhalt, Geltung und Durchsetzung von Rechtsnormen zu entscheiden.“1351 Ein Kernelement der Staatensouveränität, die Beziehung zwischen Institutionen des Staates und seinen Staatsbürgern sowie der gerichtliche Umgang des Einzelstaats mit menschenrechtlichen Problemfragen, erwächst zum Regelungsgegenstand des Völkerrechts1352. Bedingt die völkervertragliche P? icht zur Einhaltung des durch den EGMR festgelegten „ordre public européen“ somit eine Einschränkung einzelstaatlicher Souveränität, so steht das Ausmaß dieser Einschränkung oder, positiv formuliert, der verbleibende Rest staatlicher Souveränität in menschenrechtlichen Belangen, in Frage; eine Frage, die im Kern erneut die „separation of powers between the Contracting States and the supervisory power of the ECHR.”1353, d.h. die Kompetenzaufteilung zwischen Vertragsstaat und Europäischem Gerichtshof für Menschenrechte, berührt. Der Grundsatz der Subsidiarität des europäischen Menschenrechtsschutzes dient, wie bereits bei der vorangegangenen Rechtsprechungsanalyse aufgezeigt, auch nach Ansicht einer Vielzahl von Autoren des völkerrechtsdogmatischen Diskurses der Grenzziehung jener Kompetenzen. Der gegenwärtige Präsident des EGMR, Jean-Paul Costa, sowie Pascal Dourneau-Josette bezeichnen, nach einer Trennlinie für diese Kompetenzaufteilung suchend, das Subsidiaritätsprinzip insofern als „Eckstein“ des europäischen Systems zum Schutz der Menschenrechte, der die Erstverantwortlichkeit des Vertragsstaates für die Etablierung und Effektivierung des Menschenrechtsschutzes aufzeige („La pierre angulaire de la CEDH: le principe de ‘subsidiarité“1354). Oli- 1350 Ebenda, S. 64. 1351 Kotzur, Theorieelemente des internationalen Menschenrechtsschutzes, S. 323. 1352 Vgl. hierzu: Carozza, Subsidiarity as a Structural Principle of International Human Rights Law, in: American Journal of International Law, January 2003, Vol. 97, No. 1, S. 58. 1353 Ress, Separation of Powers and the Function of the Judiciary in the Framework of the European Convention of Human Rights, in: I diritti umani tra politica ? loso? a e storia/a cura di pietro Barcellona, Agostino Carrino. – Napoli 2003, S. 192. 1354 Costa/Dourneau-Josette, La Convention européenne de sauvegarde des Droits de l’Homme et des Libertés fondamentales : du rôle déterminant des principes d’interprétation élaborés par la Cour de Strasbourg, in: La Revue de l’Avocat Conseil d’Entreprises – Revue trimestrielle – n° 77/2001, S. 20. Vgl. zum Subsidiaritätsprinizp als juristische Doktrin im Rahmen der EU und EG: Carozza, Subsidiarity as a Structural Principle of International Human Rights Law, in: American Journal of International Law, January 2003, Vol. 97, No. 1, S. 50. 355 vier Jacot-Guillarmod geht soweit, den Grundsatz der Subsidiarität des europäischen Menschenrechtsschutzes als „Leitmotiv“1355 in der Rechtsprechung des EGMR zu bezeichnen. Die völkervertragliche Verankerung des Grundsatzes der Subsidiarität des europäischen gegenüber dem nationalen Menschenrechtsschutz wird von den Kommentatoren der EMRK aus verschiedenen Konventionsnormen hergeleitet: Nach Paul Mahoney ? ndet das Subsidiaritätsprinzip seine völkervertragliche Etablierung maßgeblich in Art. 1 EMRK1356, der die Erstverantwortlichkeit der staatlichen Behörden für den Menschenrechtsschutz im Hoheitsgebiet des Vertragsstaats normiere und dabei die Verankerung eines großen staatlichen Beurteilungsspielraums („margin of appreciation“) im Umgang mit menschenrechtlichen Streitfragen impliziere1357. Die Nachrangigkeit des europäischen gegenüber dem einzelstaatlichen Menschenrechtsschutz, insbesondere die Tatsache, dass der europäische Menschenrechtsschutz lediglich Minimalstandards etabliere, lasse sich, so Luzius Wildhaber, aus Art. 53 EM- RK1358 herleiten. Die Tatsache, dass die Vertragsstaaten frei seien, in ihrem nationalen Rechtssystem höhere Schutzstandards zu errichten, erlaube den Rückschluss, dass auf europäischer Ebene keine Uniformität menschenrechtlicher Standards, sondern die Einhaltung eines Minimalstandards unter Wahrung nationalstaatlicher Heterogenität intendiert werde1359: „(…) (L)es droits fondamentaux issus des Constitutions nationales dépassent souvent le niveau de protection de la Convention, ce qui est entièrement conforme à la Convention, laquelle ne ? xe pas un niveau uniforme mais un niveau minimum, que les Etats sont libres de dépasser. Et pourtant, cela n’empêche pas que la Cour européenne des droits de l’homme doive, de temps à autre, censurer la décision d’une Cour constitutionnelle (…).“1360 1355 Jacot-Guillarmod, Règles, méthodes et principes d’interprétation dans la jurisprudence de la Cour européenne des droits de l’homme, in: Pettiti/Decaux/Imbert (Hrsg.), La Convention européenne des droits de l’homme – Commentaire article par article, S. 53. 1356 Art. 1 in der englischen Konventionsfassung: “The High Contracting Parties shall secure to everyone within their jurisdiction the rights and freedoms de? ned in Section 1 of this Convention.” 1357 Mahoney, Marvellous Richness of Diversity or Invidious Cultural Relativism?, in: Human Rights Law Journal, 30 April 1998, Vol. 19, No. 1, S. 1. 1358 Art. 53 in der englischen Konventionsfassung: “Nothing in this Convention shall be construed as limiting or derogating from any of the human rights and fundamental freedoms which may be ensured under the laws of any High Contracting Party or under any other agreement to which it is a Party.” 1359 Wildhaber, The Role of Comparative Law in the Case-Law of the European Court of Human Rights, in: Bröhmer u.a. (Hrsg.), Internationale Gemeinschaft und Menschenrechte – Festschrift für Georg Ress zum 70. Geburtstag am 21. Januar 2005, S. 1101, S. 1102. 1360 Wildhaber, La Place et l’avenir de la Convention Européenne des Droits de l’Homme, in: Bulletin des Droits de l’Homme, Numéros 11/12, 2005, S. 53. 356 Jean-Paul Costa und Pascal Dourneau-Josette erkennen in der Zulässigkeitsvoraussetzung der Erschöpfung des innerstaatlichen Rechtsweges, in Art. 35 EMRK1361 normiert, die zentrale völkervertragliche Verankerung des Subsidiaritätsprinzips, zeige dieser doch auf, dass das vertragsstaatliche Rechtsschutzsystem und dessen Rechtsprechungsorgane bei der Auseinandersetzung mit menschenrechtlichen Streitfragen erstverantwortlich und gegenüber dem europäischen Schutzsystem vorrangig seien1362. Die völkervertragliche Herleitung des Subsidiaritätsprinzips komplettierend, führt Mark E. Villiger die in Art. 46 Abs. 1 der Konvention1363 verankerte P? icht des betroffenen Vertragsstaats, das Urteil des EGMR (in dem ein Konventionsverstoß festgestellt wurde) umzusetzen und in seinem nationalen Rechtssystem zu implementieren, an. Dem betroffenen Staat stehe – als Ausdruck der Subsidiarität – die Art und Weise der Implementierung, angepasst an die große Spannbreite geschriebener oder ungeschriebener Verfassungsrechtssysteme und -traditionen, offen; in Ablehnung einer Uniformität menschenrechtlicher Standards könne die Bedeutung ein und desselben Urteils des EGMR von Staat zu Staat variieren1364. Derart hergeleitet, wird eine Kernaussage des Subsidiaritätsprinzips deutlich: Der Vertragsstaat (dessen Legislative, Exekutive und Judikative) praktiziert und implementiert konventionsrechtliche Standards1365, der nationale Richter erwächst zum „natürlichen Richter” der Konvention („juge naturel de la Convention“1366). 1361 Art. 35 Abs. 1 in der englischen Konventionsfassung: “The Court may only deal with the matter after all domestic remedies have been exhausted, according to the generally recognised rules of international law (…).” 1362 Costa/Dourneau-Josette, La Convention européenne de sauvegarde des Droits de l’Homme et des Libertés fondamentales : du rôle déterminant des principes d’interprétation élaborés par la Cour de Strasbourg, in: La Revue de l’Avocat Conseil d’Entreprises – Revue trimestrielle – n° 77/2001, S. 20. Ebenso: Brems, The Margin of Appreciation Doctrine in the Case-Law of the European Court of Human Rights, in: Zeitschrift für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht, Band 56 (1996), S. 301. 1363 Art. 46 Abs. 1 in der englischen Konventionsfassung: „The High Contracting Parties undertake to abide by the ? nal judgment of the Court in any case to which they are parties.” 1364 Villiger, The Principle of Subsidiarity in the European Convention on Human Rights, in: Kohen (Hrsg.), Promoting Justice, Human Rights and Con? ict Resolution through International Law – Liber Amicorum Lucius Ca? isch, S. 632: „One and the same judgment may mean different things to different States.“ 1365 Ebenda, S. 632: „There are various possibilities (to implement the Convention’s standards on the domestic level, P.W.): will it be necessary to enact a new statute, or revise an existing law? Should the judicial interpretation of a particular legal provision be changed? Are structural changes in the administration (e.g. of the Public Prosecutor’s Of? ce) called for? Should a new remedy, a new action be introduced? Should instructions be issued to prison staff, to teachers, to the police?” 1366 Sudre, Droit européen et international des droits de l’homme, 7e édition refondue, S. 200. 357 2. Bedeutung des Grundsatzes der Subsidiarität Der Grundsatz der Subsidiarität hat demnach eine materielle und eine formelle bzw. institutionelle Bedeutung. Nach Luzius Wildhaber beziehe sich die materielle Bedeutung des Subsidiaritätsprinzips auf Schutzzweck und Zielsetzung des europäischen Menschenrechtssystems, das nicht beabsichtige, in den Vertragsstaaten menschenrechtliche Uniformität und Detailregelungen zu etablieren, sondern lediglich die Einhaltung eines minimalen Schutzstandards einfordere1367. In institutioneller, formeller Hinsicht beinhalte, so James Sweeney, das Subsidiaritätsprinzip jene Erstverantwortlichkeit des einzelnen Staates für die Garantierung und für die Effektivierung des Menschenrechtsschutzes gegenüber den Individuen, die seiner Hoheitsgewalt unterworfen sind1368. Zielt das europäische Menschenrechtssystem somit nicht auf eine Substituierung des nationalen Schutzsystems ab, sondern zeigt diesem vielmehr die äußersten, nach europäischem Maßstab de? nierten Grenzen einzuhaltender Schutzstandards auf (innerhalb derer sich eine Variabilität des nationalstaatliche Umgang mit Individuen seiner Hoheitsgewalt abspielen dürfe1369), so ist der Kontrollauftrag des EGMR dahingehend beschränkt: Harris, O’Boyle und Warbrick vergleichen diese Beschränkung der Kontrollkompetenz gegenüber staatlichem Handeln mit der Überwacher- und Revisionsfunktion, die höchste Verfassungsgerichte ausüben1370. In dieser Begrenzung und der damit einhergehenden dezentralisierten Anwendung der Konvention auf nationaler staatlicher Ebene diene, so auch Frédéric Sudre, das Subsidiaritätsprinzip dem Schutz staatlicher Autonomie in menschenrechtlichen Belangen1371. Insbesondere die Freiheit des Vertragsstaats, im Rahmen des konventionskonform Möglichen menschenrechtlich relevante Angemessenheitsentscheidungen autonom zu treffen, wird insofern als Ausdruck staatlicher Souveränität bewertet, der von der Kontrolle des EGMR unberührt bleiben müsse. Die so aufgezeigte Bedeutung des Subsidiaritätsprinzips – die der Grenzziehung zwischen Kompetenzen von EGMR und Vertragsstaat, zwischen „ordre public européen“ und Staatensouveränität – erlebt ver- 1367 Wildhaber, The Role of Comparative Law in the Case-Law of the European Court of Human Rights, in: Bröhmer u.a. (Hrsg.), Internationale Gemeinschaft und Menschenrechte – Festschrift für Georg Ress zum 70. Geburtstag am 21. Januar 2005, S. 1101 f. 1368 Sweeney, Margins of Appreciations: Cultural Relativity and the European Court of Human Rights in the Post-Cold War Era, in: ICLQ vol. 54, April 2005, S. 471 f. 1369 Zur Bedeutung der „margin of appreciation”-Doktrin als Mittel zur Grenzziehung: Mahoney, Marvellous Richness of Diversity or Invidious Cultural Relativism?, in: Human Rights Law Journal, 31 December 1998, Vol. 19, No. 1, S. 1: „As in any system of international enforcement of human rights, some interpretational tool is needed to draw the line between what is properly a matter for each community to decide at local level and what is so fundamental that it entails the same requirement for all countries whatever the variations in tradition and culture.” 1370 Harris/O’Boyle/Warbrick, Law of the European Convention on Human Rights, S. 14: „The Strasbourg authorities are there to monitor their (contracting parties’, P.W.) action, exercising a power of review comparable to that of a federal constitutional court over conduct by democratically elected governments or legislatures within the federation.“ 1371 Sudre, Droit européen et international des droits de l’homme, 7e édition refondue, S. 200. 358 schiedene Formen der Rechtfertigung: Paul Mahoney rückt die besondere Bedeutung der politisch pluralistischen Demokratie als Fundament der Konvention und des europäischen „ordre public“ in den Fokus. Bei den Re? exionen um die Kontrollkompetenz des EGMR sei davon auszugehen, dass der von der Konvention garantierte Menschenrechtsschutz in Staaten statt? nde, die den Grundsätzen einer demokratischen Gesellschaft genügten; maßgebliches Kennzeichen einer demokratischen Gesellschaft sei die Verantwortlichkeit der Legislative als gewählte Repräsentation des Volkes, wichtige Änderung der Gesetzgebung – angepasst an die besonderen kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen und politischen Umstände (das breite Meinungsspektrum der Bürger insofern berücksichtigend) – im Staat vorzunehmen. Die Konvention sähe dagegen nicht ein „government by the judiciary“1372, d.h. einen übergroßen Ermessenspielraum des europäischen Richters vor, der im Rahmen einer ungebundenen richterlichen Rechtsfortbildung zum „Macher“ nationaler Sozialpolitik werde. Vielmehr sei die Kompetenz der Straßburger Richter, interpretatorisch Recht zu setzen, begrenzt und müsse die Unterschiedlichkeiten der demokratischen Prozesse in der Vielzahl der Mitgliedstaaten berücksichtigen1373. Mahoney de? niert den Grundsatz der Staatensouveränität, der sein Korrelat im Subsidiaritätsprinzip erlebe, somit als Freiheit der unterschiedlichen Gesellschaften, in Anpassung an ihre spezi? schen lokalen Bedürfnisse Lösungen für menschenrechtliche Streitfragen zu ? nden, die im Zweifel von der Kon? iktlösung der Mehrheit sonstiger Gesellschaften abweichen könnten1374. Wirtschaftlicher und sozialer Fortschritt einer Gesellschaft lebe von „sozialen Experimenten“ zum Ausgleich von individueller Freiheit und Bedürfnissen der Gemeinschaft und von den kon? igierenden Interessen verschiedener sozialer Gruppen: „The international machinery of human rights protection under the Convention should not act as an undue brake on social and economical experimentation. (…) Where societal values are still the subject of debate and controversy at national level, they should not easily be converted by the Court into protected Convention values allowing only one approach, even if that be the approach that the Strasbourg judges personnally believe to be the right one.“1375 Wie bereits Paolo G. Carozza1376, setzt auch Mahoney die Wahrung staatlicher Souveränität mit der politischen Legitimität demokratischer Staatsautoritäten und dem Schutz eines kulturellen und sozialen Pluralismus in der Gesellschaft gleich. Der demokratische Staat in 1372 Mahoney, Marvellous Richness of Diversity or Invidious Cultural Relativism?, in: Human Rights Law Journal, 31 December 1998, Vol. 19, No. 1, S. 2. 1373 Ebenda. 1374 Ebenda, S. 3: „(…) in the sense of the freedom of different societies to disagree, to choose different solutions, according to their own notions and needs (perhaps even from one region of the country to another), in relation to the regulation of the vast range of human activity covered by the Convention.” 1375 Ebenda. 1376 Carozza, Subsidiarity as a Structural Principle of International Human Rights Law, in: American Journal of International Law, January 2003, Vol. 97, No. 1, S. 64. 359 seiner Gesamtheit und institutionellen Ausprägung erscheint als geeigneter Interpret und Mediator sozialer, kultureller, wirtschaftlicher und politischer Wandlungsprozesse in der Gesellschaft. Das Subsidiaritätsprinzip dient diesem Verständnis nach nicht nur dem Schutz staatlicher Souveränität, sondern gleichzeitig auch dem Schutz und der Wahrung gesellschaftlicher Pluralität. Die Effektivierung des Menschenrechtsschutzes sei also, so auch Dinah Shelton, untrennbar mit dem Prinzip der repräsentativen Demokratie verbunden1377: Je kleiner die politische Einheit – zugunsten eines dezentralisierten Systems zum Schutz der Menschenrechte – ausgestaltet sei, desto größer sei deren Autonomie und desto ein- ? ussreicher seien die Interessen des Individuums, das am demokratischen Prozess teilnähme, im Prozess der rechtlichen Entscheidungs? ndung vertreten1378. In diesem Sinne propagiert Louis Favoreu insbesondere eine Aufwertung der nationalen Verfassungsgerichte im europäischen Menschenrechtssystem, seien diese doch im Gegensatz zum EGMR einzig in der Lage, die „Wahl der Gesellschaft“ („des choix de société“1379) bezüglich religiöser oder moralischer Streitfragen, angepasst an die spezi? schen geschichtlichen und soziologischen Besonderheiten im Land, vorzunehmen. Auch dieser Ansicht zufolge dient die Wahrung staatlicher Souveränität durch das Subsidiaritätsprinzip, ausgedrückt in einem Bedeutungszuwachs nationaler Verfassungsgerichte, dem Schutz kultureller Eigenheiten der Gesellschaft. Werden staatliche Kultur und gesellschaftliche Kultur auch im hier nur kurz aufgezeigten völkerrechtsdogmatischen Diskurs um Staatensouveränität und Subsidiarität des europäischen Menschenrechtsschutzes als deckungsgleich erklärt, so wird die Logik, die dieser Nivellierung zugrunde liegt, verständlich: Das europäische Menschenrechtssystem im Allgemeinen und die Logik der Kompetenzverteilung zwischen EGMR und Vertragsstaat im Speziellen bauen auf dem Fundament einer „gesunden“1380 politisch pluralistischen Demokratie auf, in der der Staat als Repräsentant der gesamten Gesellschaft zu agieren imstande ist. Indem die Mitgliedstaaten des Europarats der Europäischen Menschenrechtskonvention beitreten und sich dem europäischen Gerichtssystem zum Schutz der Menschenrechte unterwerfen, legen sie, wie in der Präambel ausgeführt1381, das Zeugnis ab, den Ansprüchen einer effektiven politischen 1377 Shelton, Subsidiarity, Democracy and Human Rights, in: Gomien (Hrsg.), Broadening the Frontiers of Human Rights – Essays in Honour of Asbjørn Eide, S. 49. 1378 Ebenda, S. 54. 1379 Favoreu, Cours Constitutionnelles Nationales et Cour Européenne des Droits de l’Homme, in: Cordorelli (Hrsg.), Libertés, Justice, Tolérance – Mélanges en hommage au Doyen Gérard Cohen-Jonathan (Vol. 1), S. 810. 1380 Mahoney, The changing face of the European Court of Human Rights, in: Fabris, Sergio (Hrsg.), Trends in the International Law of Human Rights – Studies in Honour of Professor Antônio Augusto Cancado Trindade, S. 253. 1381 Die Präambel der EMRK führt hierzu aus: „(…) Considering that the aim of the Council of Europe is the achievement of greater unity between its Members and that one of the methods by which the aim is to be pursued is the maintenance and further realization of Human Rights and Fundamental Freedoms; (…) Reaf? rming their profound belief in those Fundamental Freedoms which are the foundation of justice and peace in the world and are best maintained on the one hand by an effective political democracy and on the other by a common understanding and ob- 360 Demokratie zu genügen. Ist insbesondere die Gewaltenteilung Kennzeichen einer Demokratie und insofern auch Kennzeichen eines Menschenrechtsschutzes, der als demokratisch charakterisiert werden kann, so scheint die Repräsentation gesamtgesellschaftlicher Rechtsbedürfnisse gesichert: „Since Montesquieu, it has been considered that an essential structural guarantee of human rights and democracy is separation of powers. That is, each governmental entity can ful? l its tasks ef? ciently only when at least one other entity cooperates with it, thus providing a check of abuse. As applied in various constitutions, it shields the subjects of law against uncontrolled concentration of power. Thus, the courts limit the ability of the democratic majority to legislate in violation of the human rights of individuals or minority groups, and the legislature acts as check of unbridled executive power.”1382 Das Fundament des europäischen Menschenrechtsschutzes – die Annahme der demokratischen Natur der beteiligten Staaten – bedingt und erklärt das Zugeständnis einer alleinigen staatlichen Repräsentationsmacht gegenüber der Gesellschaft. Der demokratische Staat „verkörpert“1383 in dieser systematischen Grundlegung als Garant der Grund- und Menschenrechte das Allgemeininteresse. 3. Zum Wandel des Souveränitätskonzepts und zur völkerrechtsdogmatischen Integrierbarkeit ethnologischer Anregungen Steht also die in der rechtsdogmatischen Debatte konkretisierte Logik der Kompetenzverteilung zwischen EGMR und Vertragsstaat, basierend auf den Prinzipien der Staatensouveränität und Subsidiarität, der rechtswissenschaftlichen Integration des ethnologischen Appells entgegen? Aus verschiedenen Gründen ist diese Frage zu verneinen und die ethnologisch angemahnte Notwendigkeit, die Konstruktion staatlicher Legalität und deren Beziehung zu den normativen soziokulturellen Ordnungsmustern der verschiedenen Gesellschaftsgruppen transparent zu machen, auch und gerade aus völkerrechtswissenschaftlicher Perspektive zu bejahen. Das im (vorab nur kurz skizzierten) völkerrechtsdogmatischen Diskurs vertretene Souveränitätskonzept soll zunächst einer kritischen Re? exion unterworfen werden: Ein zentrales Kennzeichen dieses Souveränitätsverständnisses ist die Gegenüberstellung von nationalem (Verfassungs-)Recht und europäischem Menschenrecht, von dem Rechtsschutz, den nationale Gerichte garantieren, und dem internationalen Rechtsschutz des EGMR. Diese Gegenüberstellung, verbunden mit einem (im Gewand des servance of the Human Rights upon which they depend; (…) Being resolved, as the Governments of European countries which are like-minded and have a common heritage of political traditions, ideals, freedom and the rule of law to take the ? rst steps for the collective enforcement of certain of the Rights stated in the Universal Declaration (…).” 1382 Shelton, Subsidiarity, Democracy and Human Rights, in: Gomien (Hrsg.), Broadening the Frontiers of Human Rights – Essays in Honour of Asbjørn Eide, S. 54. 1383 Kokott, Beweislastverteilung und Prognoseentscheidungen bei der Inanspruchnahme von Grund- und Menschenrechten, S. 415. 361 Subsidiaritätsprinzips gekleideten) Appell zur Wahrung der kulturellen Eigenheiten der Gesellschaften, die maßgeblich in den Eigenheiten der nationalen Verfassungen verkörpert seien, erweckt den Eindruck eines Nebeneinanders, eines Getrenntseins von nationalem und internationalem Rechtsstandard. Wertentscheidungen der kleineren politischen Einheit, der betroffenen Gesellschaft und des mit der Streitsache auf staatlichem Niveau betrauten nationalen Gerichtes – Ausdrucksformen staatlicher Souveränität – ließen sich, dieser Lesart entsprechend, erst in der Emanzipation und Abgrenzung von internationalen Rechtsstandards gewinnen und bewahren. Die „Wahl der Gesellschaft“, verkörpert in nationalen staatlichen (verfassungsrechtlichen) Rechtsstandards, und internationaler „ordre public européen“ stehen sich als vermeintliche Gegenspieler gegenüber, die in dieser antagonistischen Beziehung unterschiedliche Ziele zu verfolgen scheinen. Ein derartiger Blickwinkel auf das widerstreitende Verhältnis von lokaler sozialer Gemeinschaft und internationaler Gemeinschaft, von nationalen Rechtsstandards und internationalen Rechtsstandards, von einer Rechtsschutzgewähr durch die nationalen Gerichte und einer Rechtsschutzgewähr durch den EGMR blendet die tatsächliche Beschaffenheit einer rechtlichen und sozialen Wirklichkeit aus, in der sich nationaler und internationaler Rechtsschutz im 21. Jahrhundert abspielen. Ein an jenen tatsächlichen Begebenheiten angelehntes, insofern zeitgenössisches Konzept staatlicher Souveränität spiegelt sich vielmehr im Konzept einer „geteilten Souveränität“1384 sowie einer „dezentralisierten Souveränität“1385 wider, das sich – so Markus Kotzur – unter anderem aus einer Ablehnung der „Doktrin souveräner Autarkie“1386 des Nationalstaates (und dessen Verfassung) gewinne. Lokale und internationale Gemeinschaft, nationales (Verfassungs-)Recht und internationales (Menschen-) Recht sowie nationales und internationales Gericht stehen sich diesem Verständnis nach nicht als in sich abgeschlossene, kohärente und voneinander abgrenzbare Systeme, sondern im Verhältnis gegenseitiger Abhängigkeiten gegenüber1387. Ein Souveränitätsverständnis, das auf der Abgeschlossenheit von lokaler Gemeinschaft (und deren rechtlichen oder kulturellen Werten und Bedürfnissen), von nationalen Rechtsstandards und von nationaler Rechtsdurchsetzung aufbaut, verkennt die Of- 1384 Zippelius/Würtenberger, Deutsches Staatsrecht, 32. Au? age, S. 15, S. 16. 1385 Kotzur, Theorieelemente des internationalen Menschenrechtsschutzes, S. 323. 1386 Kotzur, Souveränitätsperspektiven – entwicklungsgeschichtlich, verfassungsstaatlich, staaten- übergreifend betrachtet, in: Jahrbuch des Öffentlichen Rechts, Band 52 (2004), S. 201. Markus Kotzur bietet einen Überblick über die Grundlagenliteratur zum Wandel des Souveränitätsbegriffs, S. 200; Constance Grewe und Hélène Ruiz Fabri re? ektieren den Wandel von Repräsentations- und Souveränitätsprinzip im Kontext des sich wandelnden Demokratieverständnisses: Grewe/Ruiz Fabri, Droits constitutionnels européens, S. 191 ff. 1387 Das im ethnologischen Kontext erarbeitete Verhältnis spannungsgeladener Interdependenz – Interlegalität -, das zwischen staatlichem, gesetzesrechtlichem Recht und soziokulturell verankertem Recht vorherrscht, erstreckt sich somit auch auf die Beziehung zwischen den im völkerrechtsdogmatischen Kontext aufgeworfenen vermeintlichen Gegenspielern „lokale versus internationale Gemeinschaft“, „nationales versus internationales Recht“, „nationale Rechtsdurchsetzung versus internationale Rechtsdurchsetzung“. 362 fenheit des Staats-, Rechts-, Wirtschafts- und Sozialraums und die mit der Europäisierung und Internationalisierung verbundene Modi? zierung eines überkommenen, rein am Nationalstaat orientierten Staatsverständnisses1388. Der Staat wandele sich vielmehr, so Juliane Kokott, „(…) vom Typus des souveränen Gebietsherrn zum Typus des gegenüber verselbständigter supranationaler Hoheitsgewalt offenen Staates.“1389 Kernaspekte jener „geteilten und dezentralisierten Souveränität“ sollen aufgezeigt werden1390. Zum Verhältnis von nationalem und internationalem Recht ist festzuhalten: Kommen in der oben skizzierten Debatte um die Subsidiarität des europäischen Menschenrechtsschutzes Facetten eines Souveränitätsverständnisses zum Vorschein, das in einem formalen Sinne dem einzelnen Staat die Kompetenz, letztverbindlich über Inhalt, Geltung und Durchsetzung von Rechtsnormen zu entscheiden, zuschreibt, so ist ein derartiges Verständnis angesichts der gegenseitigen Öffnung von nationaler und internationaler Rechtsordnung und dem damit verbundenen Bedeutungszuwachs internationaler Spruchkörper überholt. Constance Grewe und Hélène Ruiz Fabri sprechen in diesem Sinne von einem interdependenten Zusammenwirken der nationalen und internationalen Rechtsordnungen, das von Reziprozität geprägt sei: „L’ouverture du droit interne au droit international traduit la nécessaire collaboration des ordres juridiques et souligne leurs interdépendance. Elle s’inscrit ainsi directement dans la détermination des rapports réciproques entre les deux ordres juridiques.“1391 Diese Wechselbeziehung sei von gegenseitiger Integrationsdynamik1392 und von sog. „Interkonnexion“1393 (im Sinne einer wechselseitigen Vernetzung der Rechtsordnungen), die zur Folge hätten, dass sich der nationale Rechtsstandard aus dem internationalen Rechtsstandard gewinnt und umgekehrt. Das im Raum des einzelnen Staats geltende Recht ist insofern 1388 Zippelius/Würtenberger, Deutsches Staatsrecht, 32. Au? age, S. 15. 1389 Kokott, Die Staatsrechtslehre und die Veränderung ihres Gegenstandes: Konsequenzen von Europäisierung und Internationalisierung, in: Veröffentlichungen der Vereinigung der Deutschen Staatsrechtslehrer 63 (2004), S. 10. 1390 Weiterführend und grundlegend zum Wandel des Souveränitätskonzepts im politik- und rechtswissenschaftlichen Diskurs: Hobe, Der offene Verfassungsstaat zwischen Souveränität und Interdependenz – Eine Studie zur Wandlung des Staatsbegriffs der deutschsprachigen Staatslehre im Kontext internationaler institutionalisierter Kooperation, Berlin 1998; Stein/Buchstein/Offe (Hrsg.), Souveränität, Recht, Moral – Die Grundlagen politischer Gemeinschaft, Frankfurt am Main 2007. Zum Wandel des mit dem Souveränitätskonzept verbundenen Verfassungsverständnisses: Häberle, Europäische Verfassungslehre, 5. Au? age, Baden-Baden 2008; Häberle, Das Menschenbild im Verfassungsstaat, 4. Au? age, Berlin 2008. 1391 Grewe/Ruiz Fabri, Droits constitutionnels européens, S. 101, S. 102. Daher sei im Re? ektieren um die Frage der Integration des internationalen Rechts in die nationale Rechtsordnung von einem „gemäßigten Dualismus“ auszugehen, eine strenge Abgrenzung der Konzepte des Monismus und Dualismus dagegen überholt. 1392 Ebenda, S. 120. 1393 Ebenda, S. 123. Vgl. zum Begriff der „interconnexion“ auch : Grewe, Quelques ré? exions sur la fonction de juger à partir de l’arrêt Mamatkulov c. Turquie rendu par la Cour européenne des droits de l’homme le 4 février 2005, in : Dupuy u.a. (Hrsg.), Völkerrecht als Wertordnung – Common Values in International Law, S. 534. 363 Bestandteil eines komplexen „Kooperations- und Mehrebenensystems“1394, in dem die „(…) verschiedenen Rechtsordnungen engstens miteinander ver? ochten sind“1395: Bei der Konstruktion des „ordre public européen“ schöpft der EGMR, wie bereits in der Rechtsprechungsanalyse aufgezeigt, aus der Breite der verschiedenen Rechtskonzepte nationaler Rechtsordnungen und schafft dabei neue, europäische Rechtsstandards1396. Im Gegenzug, aus der Perspektive des europäischen Menschenrechtsstandards betrachtet, durchdringt der in der Rechtsprechung etablierte „ordre constitutionnel européen“1397 auf sukzessive Art und Weise nationale (Verfassungs-)Rechtsstandards und Rechtsdurchsetzungssysteme: „En effet, dans un premier temps, la jurisprudence rendue par la CourEDH a conduit à des modi? cations législatives et à des revirements de jurisprudence interne notables, induisant une convergence certaine des droits nationaux des droits fondamentaux. Dans un deuxième temps, nombre d’États membres ont reconnu la possibilité de réexaminer une affaire, pourtant revêtue de l’autorité de la chose jugée en droit interne à la suite d’un arrêt de la Cour européenne constatant une violation de la Convention (…). Dans un troisième temps, le juge européen fait jouer un rôle toujours plus actif au principe de l’épuisement des recours internes qui se transforme ainsi en subsidiarité (…).“1398 Die Einbindung des Nationalstaates in das europäische Rechtsschutzsystem hat also Folgen: „Dem Verlust an isolierter staatlicher Gestaltungsmöglichkeit entspricht ein Bedeutungsverlust der nationalen Verfassungen (…).“1399. Dieser Bedeutungsverlust hat jedoch keine ersatzlose „rechtliche Leere“ zur Folge, füllt der europäische Rechtsstandard doch den – einem international initiierten – Wandel unterworfenen nationalen Rechtsstandard aus1400. 1394 Grewe, Die Rezeption der EMRK in Frankreich, in: Grewe/Gusy (Hrsg.), Menschenrechte in der Bewährung – Die Rezeption der Europäischen Menschenrechtskonvention in Frankreich und Deutschland im Vergleich, S. 127. 1395 Ebenda. Zu den verschiedenen Ein? ussformen des französischen Rechts auf die Entstehung einer europäischen Verfassungskultur: Grewe, Frankreichs Beitrag zur europäischen Verfassungskultur, in: Jahrbuch des Öffentlichen Rechts, Band 52 (2004), S. 43 ff. 1396 Grewe, Grundrechte in Frankreich im Rechtsvergleich, in: Merten/Papier (Hrsg.), Grundsatzfragen der Grundrechtsdogmatik, S. 9. So ziele der EGMR in seiner Rechtsprechung bisweilen darauf ab, Konzepte der nationalen Grundrechtsdogmatik (wie beispielsweise das deutsche Konzept der positiven Schutzp? ichten) zu vereinfachen, um einen für alle Länder geltenden europäischen Standard gewinnen zu können. Vgl. zur Wechselbeziehung von staatlichem Recht und Völkerstrafrecht: Kotzur, Weltrecht ohne Weltstaat – die nationale (Verfassungs-)Gerichtsbarkeit als Motor völkerrechtlicher Konstitutionalisierungsprozesse? Zugleich eine Anmerkung zur Entscheidung des BVerfG im Fall Nikola Jorgic (2 BvR 1290/99 vom 12.12.2000), in: Die öffentliche Verwaltung (DÖV), 55. Jahrgang 2002, S. 195–201. 1397 Grewe, Quelques ré? exions sur la fonction de juger à partir de l’arrêt Mamatkulov c. Turquie rendu par la Cour européenne des droits de l’homme le 4 février 2005, in : Dupuy u.a. (Hrsg.), Völkerrecht als Wertordnung – Common Values in International Law, S. 540. 1398 Ebenda. 1399 Zippelius/Würtenberger, Deutsches Staatsrecht, 32. Au? age, S. 16. 1400 In diesem Sinne auch Kokott: „Wegfall der Souveränität bedeutet, dass der einzelne Staat seine Ordnungsfunktion nur noch begrenzt wahrnehmen kann, aber Völker- und Europarecht treten als ergänzende Teilordnungen hinzu.“, Kokott, Die Staatsrechtslehre und die Veränderung ihres 364 Es wird deutlich, dass die Trennlinie zwischen nationalen und internationalen Rechtsstandards und Wertemodellen verschwimmt1401, dass sich diese in einem Prozess des „Rechtsaustausches“1402 gegenseitig konstituieren – ein Prozess, der verschiedenartige Auswirkungen auf den hier re? ektierten Souveränitätsbegriff hat: Die Grund- und Menschenrechtsverwirklichung erwächst zur kooperativen Aufgabe von Vertragsstaat und EGMR und entzieht sich in dieser Kooperation der alleinigen Interpretationshoheit des demokratischen Staats (auch bezüglich sozialer, kultureller, wirtschaftlicher und politischer Wandlungsprozesse in der Gesellschaft)1403. Die Subsidiarität des europäischen Menschenrechtsschutzes – diesbezüglich bedarf es also einer Präzisierung des oben skizzierten Subsidiaritätsverständnisses – ist dabei nicht aus der Perspektive eines in sich abgeschlossenen, sich gegenüber internationalen Standards verschließenden nationalen Rechts zu betrachten, sondern als Streben nach einer Effektivierung europäischer Rechtsstandards durch die wirksame Durchsetzung jener Standards bereits im nationalen Rechtsschutzsystem zu verstehen1404. Ein Subsidiaritätsverständnis, das insofern auf einem überholten Souveränitätsverständnis aufbaut, als es von einer Abgrenzbarkeit und Zweiteilung nationaler Grundund internationaler Menschenrechtsstandards sowie nationaler und internationaler Kultur- und Wertemodelle ausgeht, verkennt die verschiedenen Formen wechselseitiger Rechtsdurchdringung und widerspricht der rechtlichen Wirklichkeit, in der es nicht mehr alleine dem Einzelstaat zusteht, letztverbindlich über Inhalt, Geltung und Durchsetzung von Rechtsnormen zu entscheiden. Der von Markus Kotzur herangezogene Begriff der „dezentralisierten Souveränität“ wird verständlich: „Angesichts der Wirklichkeit der modernen Staatenwelt kann der Nationalstaat nicht mehr die ‚Letzt-’ oder ‚Totalverantwortung’ für die Bürger beanspruchen, die seiner Souveränität unterstehen. Damit verbunden wäre ein Versprechen, daß der Staat aufgrund seiner international gebundenen, eingeschränkten Handlungs- und Entscheidungsfreiheit gar nicht halten kann.“1405 Gegenstandes: Konsequenzen von Europäisierung und Internationalisierung, in: Veröffentlichungen der Vereinigung der Deutschen Staatsrechtslehrer 63 (2004), S. 21. Ähnlich: Kotzur, Souveränitätsperspektiven – entwicklungsgeschichtlich, verfassungsstaatlich, staatenübergreifend betrachtet, in: Jahrbuch des Öffentlichen Rechts, Band 52 (2004), S. 218. 1401 Grundlegend zur „kooperativen Vernetzung der Verfassungsräume“ und deren Konsequenzen für das Entstehen einer (gemein)europäischen Grundrechtsdogmatik: Kotzur, Kooperativer Grundrechtsschutz – eine Verfassungsperspektive für Europa, in: Jahrbuch des öffentlichen Rechts (JöR), Band 55 (2007), S. 337–356. 1402 Grewe, Frankreichs Beitrag zur europäischen Verfassungskultur, in: Jahrbuch des Öffentlichen Rechts, Band 52 (2004), S. 44. 1403 Vgl. zur „kooperativen Grundrechtsverwirklichung“: Gusy, Die Rezeption der EMRK in Deutschland, in: Grewe/Gusy (Hrsg.), Menschenrechte in der Bewährung – Die Rezeption der Europäischen Menschenrechtskonvention in Frankreich und Deutschland im Vergleich, S. 153. 1404 Grewe, Quelques ré? exions sur la fonction de juger à partir de l’arrêt Mamatkulov c. Turquie rendu par la Cour européenne des droits de l’homme le 4 février 2005, in : Dupuy u.a. (Hrsg.), Völkerrecht als Wertordnung – Common Values in International Law, S. 534. 1405 Kotzur, Theorieelemente des internationalen Menschenrechtsschutzes, S. 318. 365 Die derart aufgezeigte Interlegalität von nationalem und internationalem Recht und die korrelierende Einbindung des Einzelstaats in eine Staatengemeinschaft (mit der Konsequenz, dass sich der Staat vor dieser zu verantworten hat) haben Auswirkungen auf die lokalen sozialen Gemeinschaften, d.h. auf „die Gesellschaften“ und deren kulturelle Diversitäten – deren Schutz der Rekurs auf staatliche Souveränität, wie beispielsweise von Mahoney im Diskurs um das Subsidiaritätsprinzip vertreten, zu dienen habe. Die lokale Gemeinschaft ist, ebenso wenig wie das nationale Rechtssystem und das nationale Rechtsschutzsystem, von der „übernationalen Gemeinschaft“1406 zu trennen und bei der De? nition ihrer kulturellen Bedürfnisse und Rechtsinteressen abzugrenzen. Die lokalen sozialen Gruppen konstituieren vielmehr als Teilelemente jene die einzelstaatlichen Grenzen überschreitende internationale Gemeinschaft1407, die ihrerseits im Hinblick auf den internationalen Rechtsstandard zentrale Funktionen ausübt. Die Souveränität wird gleichermaßen zum Charakteristikum von Einzelstaat, internationaler Staatengemeinschaft und Weltgesellschaft: Die internationale Gemeinschaft in Gestalt der Weltgesellschaft ist insofern ebenso (teil-)souverän wie Staat und Staatengemeinschaft, als sie die Geltung des internationalen Rechtsstandards mitlegitimiert1408. „Für die Menschenrechtsstandards, die universell gelten sollen, muß auch die übernationale Gemeinschaft die De? nitionsmacht und die Durchsetzungsmacht haben (…).“1409 Die Argumentation, wonach die Bedeutung nationaler Verfassungsgerichte im europäischen Menschenrechtssystem deshalb aufzuwerten sei, weil diese doch im Gegensatz zum EGMR einzig in der Lage seien, die „Wahl der Gesellschaft“ („des choix de société“1410) zu benennen, verliert insofern an Schlüssigkeit. Die Bedürfnisse der lokalen Gesellschaft lassen sich schon deshalb nicht in der Abgrenzung von international de? nierten Menschenrechtsstandards herleiten, als sich jener internationale Standard im Rekurs auf und im Streben nach dem Schutz dieser lokalen, vom 1406 Ebenda, S. 323. 1407 Kotzur, Souveränitätsperspektiven – entwicklungsgeschichtlich, verfassungsstaatlich, staaten- übergreifend betrachtet, in: Jahrbuch des Öffentlichen Rechts, Band 52 (2004), S. 212: „In der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts stehen nicht nur die Staaten, sondern auch die Individuen und gesellschaftlichen Gruppen in einem komplexen multinationalen Beziehungsge- ? echt.“ 1408 Grewe, Quelques ré? exions sur la fonction de juger à partir de l’arrêt Mamatkulov c. Turquie rendu par la Cour européenne des droits de l’homme le 4 février 2005, in : Dupuy u.a. (Hrsg.), Völkerrecht als Wertordnung – Common Values in International Law, S. 538 : „Il n’en demeure pas moins que le phénomène de juridictionnalisation qui caractérise principalement la sphère internationale aujourd’hui invite à s’interroger sur la légitimité de ce juge. Concevoir celle-ci comme découlant directement de l’ordre juridique international cadre assez bien avec un autre phénomène marquant de l’époque actuelle, celui de la globalisation au sens de l’effacement de l’État et de l’avènement de l’humanité ou de la communauté internationale. (…) C’est alors cette communauté internationale qui est ‘derrière’ les textes institutifs des juridictions internationales, qui habilite le juge international et lui confère sa légitimité, qui en somme remplace le souverain national.“ 1409 Kotzur, Theorieelemente des internationalen Menschenrechtsschutzes, S. 323. 1410 Favoreu, Cours Constitutionnelles Nationales et Cour Européenne des Droits de l’Homme, in: Cordorelli (Hrsg.), Libertés, Justice, Tolérance – Mélanges en hommage au Doyen Gérard Cohen-Jonathan (Vol. 1), S. 810. 366 Rechtsschutz unmittelbar betroffenen Gesellschaft konstituiert, diese dabei jedoch nicht in Isolation, sondern in ihrer Einbindung in eine größere Gemeinschaft, die Weltgesellschaft, betrachtet. Diese Souveränitätsteilung wirkt sich zudem in grundlegendem Maße auf die Beziehung zwischen dem Individuum und seiner Gesellschaft aus. Beansprucht der Staat die alleinige Interpretationshoheit über den Ausgleich kon? igierender Interessen des Einzelnen und der Gesellschaft und rechtfertigt er diese alleinige Interpretationshoheit mit dem Verweis auf die Repräsentationswirkung, die ihm die Eigenschaft als „gesunde“ Demokratie verleihe, so setzt ein gewandeltes Souveränitätsverständnis auch dieser alleinigen Repräsentationsmacht Grenzen. Die Ausgestaltung der Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft ist ein Teilaspekt des effektiven Rechtsschutzes und daher ein Teilaspekt der geteilten Verantwortung, die gleichermaßen dem einzelnen Staat, der internationalen Staatengemeinschaft und der internationalen Gesellschaft obliegt. Gesellschaftliche Rechtsbedürfnisse im Kon? ikt mit individuellen Rechtsbedürfnissen stehen im kritischen Diskurs, an dem gleichermaßen das Individuum, die pluralistisch zusammengesetzte Gesellschaft, der Einzelstaat, das internationale Gericht und die Gemeinschaft der europäischen Gesellschaften zu beteiligen sind. Der kritische Diskurs scheint angezeigt: Das Begehren des Antragstellers nach Konventionsrechtsschutz stellt die „gesunde“ Natur des demokratischen Staates, dessen Hoheitsgewalt er unterworfen ist, in Frage, fühlt sich der Antragsteller doch auf konventionsverletzende Weise im staatlichen Rechtssystem nicht ausreichend repräsentiert und geschützt. Die Überprüfung der Repräsentationskraft staatlicher (im Namen „gesamtgesellschaftlicher“ Bedürfnisse gerechtfertigter) Legalität im Hinblick auf die konventionsrechtlich schützenswerten Rechtsbedürfnisse des Individuums erfordert insofern, den „Gesundheitszustand“ der Demokratie – das Funktionieren von Repräsentationswirkung und demokratischer Gewaltenteilung – zu untersuchen, um dem primären Schutzauftrag der Konvention, d.h. dem umfassenden Schutz der Freiheit des Individuums vor missbräuchlichen staatlichen Übergriffen und vor unverhältnismäßigen Exzessen der gesellschaftlichen Mehrheit, gerecht zu werden1411. „(…) (D)ie Souveränitätsidee ist (ansonsten, P.W.) eine Gefahr für die Menschenrechte nicht nur dort, wo sie – oft ideologisch-vordergründig – als ‚Schutzpanzer’ gegen effektiven Menschenrechtsschutz ins Feld geführt wird, sondern überall, wo sie zur Verabsolutierung des Staats führt. Der Souveränitätsbegriff wurde vielfach (…) mißbraucht, um den Staat als politische und moralische Autorität, höchste, dauernde, unteilbare, keiner anderen Instanz rechtlich verantwortliche Entscheidungsmacht zu verklären und zu verabsolutieren. Doch jede metaphysiche Überhöhung ist gefährlich (…).“1412 1411 Mahoney, The changing face of the European Court of Human Rights, in: Fabris, Sergio (Hrsg.), Trends in the International Law of Human Rights – Studies in Honour of Professor Antônio Augusto Cancado Trindade, S. 258. Vgl. hierzu auch: Matscher, Idéalisme et réalisme dans la jurisprudence de la Cour européenne des Droits de l’Homme, in: Mahoney, u.a. (Hrsg.), Protection des droits de l’homme – la perspective européen : Mélanges à la mémoire de Rolv Ryssdal, S. 889. 1412 Kotzur, Theorieelemente des internationalen Menschenrechtsschutzes, S. 322. 367 Die ethnologische Aufforderung, gesellschaftliche Repräsentationsformen im System staatlicher Legalität transparent zu machen und kritisch zu re? ektieren, um eine derartige „metaphysische Überhöhung“ des Staates in seiner Rolle als „Produzent“ und „Repräsentant“ von gesellschaftlichen Kultur- und Rechtswerten zu vermeiden, stehen dabei mit Grundprinzipien der rechtswissenschaftlichen Herleitung und Begründung des Subsidiaritätsprinzips im Einklang: Dass Menschenrechtskonzepte (wie im völkerrechtsdogmatischen Diskurs vorgetragen) in Abstimmung und in Abhängigkeit zu den spezi? schen kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen und geschichtlichen Besonderheiten der betroffenen Gemeinschaft, insofern gesellschaftlich variabel, etabliert und implementiert werden sollen, um erst in dieser Variabilität auf lokalem Niveau einen effektiven Menschenrechtsschutz zu ermöglichen, ist ethnologisch akzeptabel. Die Forderung nach einem derart dezentralisierten Menschenrechtsschutz harmoniert mit der ethnologischen Annahme, wonach die normativen Fragen, wie eine multikulturelle Gesellschaft ausgestaltet und wie viel „Recht auf Anderssein“ dem Einzelnen als Mitglied dieser pluralistischen und fragmentierten Gesellschaft zugestanden werden soll, politischer Natur sind. Die gesetzlich legitimierten Arten von Identitätsbildung, ebenso wie die Leitprinzipien und die Leitwerte, die der Ausgestaltung des gesetzlichen Organisationssystems zugrunde liegen, sind nicht statisch und uniform, sondern variabel und verschiedenartig politisch gestaltbar1413. Wurden Gelegenheit und Chance zur kulturellen Mitbestimmung und zum Recht auf Anderssein als rechtlich zu schützende Bedingung für die Identitätsbildung und -reifung des Individuums erklärt, so steht der konkrete Rahmen, innerhalb dessen sich dieses kulturelle Anderssein abspielen kann, nichtsdestotrotz im Ermessen und in der Gestaltungsfreiheit des Nationalstaats, der sich gegenüber dem internationalen Gericht, der Staatengemeinschaft und der Gemeinschaft europäischer Gesellschaften zu verantworten hat1414. Eine international verankerte P? icht des Vertragsstaats, sich im Falle eines Rekurses auf die „Wahl seiner Gesellschaft“ mit deren konkreter Beschaffenheit auseinanderzusetzen, den Gesellschaftsrekurs insofern transparent zu machen und empirisch zu fundieren, stellt die in Rechtspraxis und Rechtsdogmatik vertretene Doktrin von der „besonderen Nähebeziehung“ staatlicher Autoritäten im Verhältnis zu ihren Gesellschaften und deren „bessere Geeignetheit“ bei der Einschätzung sozialer Bedürfnisse nicht in Frage. Eine derartige Substantiierungsp? icht des Gesellschaftsrekurses, der zur Rechtfertigung von Eingriffen in Konventionsrechte und -freiheiten im Verfahren vor dem EGMR staatlich geltend gemacht wird, hätte keine Substituierung politischer Grundsatzentscheidungen des Einzelstaats, sondern vielmehr die aktive Auseinandersetzung mit deren Zustandekommen zur Folge. Die Konstruktion staatlicher Legalität birgt die Gefahr eines untransparenten differentialistischen Relativismus, der die 1413 Hoekema, European Legal Encounters between Minority and Majority Culture: Cases of Interlegality, in: Woodman (Hrsg.), The Journal of Legal Pluralism and Unof? cial Law, Nr. 51, 2005, S. 6. 1414 Vgl. hierzu die Ausführungen zu den (ethnologisch hergeleiteten) normativen Herausforderungen von nationalstaatlicher Rechtsbegründung und Rechtspraxis: 1. Teil B. II. 3. b). 368 Privilegierung bestimmter Kulturreferenzen und die Hierarchisierung der Kulturwerte und -praktiken bestimmter Gesellschaftsgruppen sowie ein statisches Gleichbleiben mono-ethnischer Werte- und Verhaltenskonzepte der ethnischen und sozialen Mehrheit oder dominanten Gesellschaftsgruppen provoziert. Die ethnologisch konstatierte Uneinheitlichkeit und Unfassbarkeit „der Gesellschaft“ in ihrer Gesamtheit stellt die staatliche Repräsentation gesellschaftlicher Bedürfnisse vor eine Herausforderung. Der dem Staat aufzuerlegende Nachweis, dass seine politischen Grundsatz- und Ermessensentscheidungen ohne derartige unre? ektierte Formen gesellschaftlicher Hierarchisierungen und Privilegierungen, ohne missbräuchliche staatliche Übergriffe und unverhältnismäßige Exzesse der gesellschaftlichen Mehrheit zustande gekommen sind, ist mit dem völkerrechtlichen Strukturprinzip der Souveränität und dem Grundsatz der Subsidiarität des europäischen Menschenrechtsschutzes vereinbar. III. Beweislast und Beweismaß im Verfahren vor dem EGMR 1. Verfahrensrechtliche Vorgaben im Prozess vor dem EGMR Die Realisierbarkeit des ethnologisch propagierten und völkerrechtsdogmatisch vertretbaren Paradigmenwechsels im Umgang mit staatlichen Gesellschaftsrekursen im Verfahren vor dem EGMR steht in Frage. Ob und inwieweit der EGMR dem von dem Vorwurf einer Konventionsverletzung betroffenen Vertragsstaat eine P? icht zur Substantiierung seines Gesellschaftsrekurses auferlegen kann, hängt von der Regelung von Beweislast und Beweismaß im Verfahren vor dem EGMR ab. Das Verfahrensrecht internationaler Gerichte, so auch das des EGMR, gewinnt sich im Allgemeinen aus den verfahrensrechtlichen Grundmodellen und Maximen der nationalen Rechtsordnungen1415. In diesem Sinne stehen sich als Grundkonzepte der maßgeblich in „common law“-Systemen1416 praktizierte Verhandlungsgrundsatz („adversarial procedure“ oder „Beibringungsgrundsatz“, der auch in einer Vielzahl von kontinentalen Staaten dem Zivilprozessrecht zugrunde liegt) und der Untersuchungsgrundsatz („Inquisitionsmaxime“ oder „Amtsermittlung“) gegenüber1417. Kennzeichen des Verhandlungsgrundsatzes ist die Verantwortlichkeit der Parteien, das entscheidende Gericht mit den zur Klärung der Rechtsfrage relevanten Tatsachen zu versorgen. Konsequenz der Geltung eines strengen Verhandlungsgrundsatzes wäre, dass 1415 Wolfrum, The Taking and Assessment of Evidence by the European Court of Human Rights, in: Breitenmoser u.a. (Hrsg.), Human Rights, Democracy and the Rule of Law, S. 917. 1416 Vgl. zu prozessualen Grundprinzipien im englischen Recht als Beispiel eines „common law“- Systems, insbesondere zur Rolle des Richters: Lambert/Papandreou-Deterville, Le juge impartial en droit anglais, in: d’Ambra/Benoît-Rohmer/Grewe (Hrsg.), Procédure(s) et effectivité des droits, S. 96 ff. 1417 Hierzu ausführlich: Kokott, Beweislastverteilung und Prognoseentscheidungen bei der Inanspruchnahme von Grund- und Menschenrechten, S. 374.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Der Kulturpluralismus, der gegenwärtige Gesellschaften prägt, stellt Staat, Individuum und EGMR vor Herausforderungen: Der Staat ist angehalten, das Spannungsfeld, das bisweilen zwischen staatlichem Recht und den Verhaltenspostulaten soziokultureller Normativität (Beispiel muslimisches Kopftuch) besteht, in seinem Rechtssystem zu lösen – ohne allein der ethnischen oder sozialen Mehrheit gerecht zu werden. Das Individuum befindet sich bei einem Widerspruch zwischen staatlichem Recht und „seiner Kultur“ in einem „Kulturkonflikt“, der notwendigerweise die Verletzung einer der anwendbaren Handlungsnormen – staatlicher oder nicht-staatlicher Art – bedingt. Der EGMR ist in derartigen Fällen herausgefordert, über den Konventionsschutz von Antragstellern zu entscheiden, deren Kulturwerte und -praktiken auf nationaler Ebene Restriktionen ausgesetzt sind.

Die Untersuchung zeigt systematisch verschiedene Formen kulturpluralistischer Konflikte nationaler und internationaler Natur auf. Sie erarbeitet, auf welche methodische Art und Weise der EGMR durch die Anwendung der EMRK eine „europäische Kulturordnung“ schafft, die das Zusammenspiel von staatlichem Recht und pluralistischer gesellschaftlicher Kultur auf nationaler Ebene prägt.