Content

Patricia Wiater, Empirische Dimensionen in:

Patricia Wiater

Kulturpluralismus als Herausforderung für Rechtstheorie und Rechtspraxis, page 76 - 114

Eine völkerrechtsdogmatische und ethnologische Auseinandersetzung mit der Rechtsprechung des EGMR

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4134-5, ISBN online: 978-3-8452-1837-3 https://doi.org/10.5771/9783845218373

Series: Leipziger Schriften zum Völkerrecht, Europarecht und ausländischen öffentlichen Recht, vol. 15

Bibliographic information
76 ziehenden normativen Implikationen bewusst ist. In dieser Differenziertheit unterscheiden sich gegenwärtige ethnologische Theorien zum Verhältnis von Menschenrechtsschutz und Kultur von der gegenwärtigen rechtswissenschaftlichen Debatte. Diese rechtswissenschaftliche Debatte, in der Einleitung kurz dargestellt, unterscheidet nicht zwischen der Kulturbedingtheit als empirischem Phänomen und den normativen Herausforderungen, die aus diesem empirischen Phänomen resultieren. Der dadurch entstehende Mangel an Trennschärfe erschwert, den Kulturbegriff als empirisches Faktum zu neutralisieren. Die gegenwärtige ethnologische Theoriendiskussion soll, um diese Trennung zwischen der empirischen Grundlegung und den normativen Implikationen deutlich zu machen, in einem Zweischritt analysiert werden: Zunächst hinsichtlich ihrer empirischen Dimension, d.h. ihre deskriptiv-analytischen Komponenten, und anschließend hinsichtlich ihrer normativen Schlussfolgerungen, die von rechtsdogmatischer Relevanz sein und insofern für die Rechtspraxis fruchtbar gemacht werden könnten. B. Das Verhältnis von Kultur und Menschenrechten aus gegenwärtiger ethnologischer Perspektive I. Empirische Dimensionen 1. Interdependenzen von Individuum, Gesellschaft, Kultur und Recht – empirische Dimensionen des Kulturrelativismus a) Kulturrelativismus, Enkulturation und internationaler Menschenrechtsschutz Eine Verständnisvariante des Kulturrelativismus erfasst die kognitive, moralische und emotionale Prägung des Individuums durch seine kulturelle Umgebung, d.h. die Internalisierung von Kategorien und Wertestandards der den Einzelnen umgebenden soziokulturellen Gemeinschaft256. Der so kurz umschriebene Prozess der Enkulturation wird von Vertretern der gegenwärtigen ethnologischen Haltung257, wie der amerikanischen Ethnologin Alison Dundes Renteln, als – in ihrer Richtigkeit fortbestehende – empirisch fundierte Kernaussage der von Boas und seinen Schülern begründeten Theorie des kulturellen Relativismus verstanden: „It is crucial to understand the extent to which the theory of cultural relativism is based on enculturation. Enculturation is the 256 Cohen, Human Rights and Cultural Relativism: The Need for a New Approach, in: American Anthropologist, Vol. 91, No. 4. (Dec., 1989), S. 1016. 257 Auch im ethnologischen Diskurs wird der Begriff „Cultural Relativism“ bisweilen als Einschränkung des Rechtsschutzes durch Rekurs auf antiquierte Kulturpartikularitäten verstanden; vgl. hierzu beispielweise die Ausführungen von Marie-Bénédicte Dembour: Dembour, Following the movement of a pendulum: between universalism and relativism, in: Cowan/Dembour/Wilson (Hrsg.), Culture and Rights – Anthropological Perspectives, S. 58 ff. 77 idea that people unconsciously acquire the categories and standards of their culture (…).”258 Indem diese das Phänomen der Enkulturation aufgezeigt hätten und Herskovits die Enkulturation mit dem internationalen Menschenrechtsschutz in Beziehung gesetzt habe, sei ein grundlegender Wissenschaftsbeitrag geleistet worden. Der empirische Kern der Theorie ginge über das bloße Aufzeigen kultureller Unterschiede in Gedanken, Wertsystemen und Verhaltensweisen hinaus, indem er den Prozess, in dem Evaluationen und Urteile zustande kämen, in den Mittelpunkt rücke259. Die amerikanische Ethnologin Ellen Messer stellt die These auf, dass in der gegenwärtigen Debatte um Kultur und Menschenrechte über dieses empirische Faktum der kulturellen Bedingtheit von Menschenrechtskonzepten Einigkeit herrsche: „(B)oth experts and policymakers now accept the idea that human rights concepts are culturally relative. The challenge is to identify commonalities and structure interpretations so that essential human rights are universally respected (…).“260 Auch nach Ansicht Ronald Cohens ist das Bewusstsein, dass das Individuum durch das „Kultureigene“ geprägt werde, zentraler Aspekt, der bei der gegenwärtigen Erarbeitung von zeit- und kulturüberdauernden Werten nicht vernachlässigt werden dürfe; ein Bewusstsein, das aus der ersten Etappe der Debatte um Kulturrelativismus und Menschenrechte resultiere261. Die so zum Ausdruck gebrachte Verständnisform des Kulturrelativismus entspricht einem kulturellen Kontextualismus262. Melville Herskovits selbst versuchte Ende der 1950er Jahre, mehr als zehn Jahre, nachdem seine Stellungnahme zur Allgemeinen Menschenrechtserklärung in den Fokus der Wissenschaftsdebatte geriet, eine klarere Trennlinie zwischen der empirischen Dimension des Kulturrelativismus und seinen philosophischen Implikationen zu ziehen. In seinem 1958 erschienenen Aufsatz „Some Further Comments on Cultural Relativism“ ruft Herskovits dazu auf, der Tendenz entgegenzuwirken, die Relativismusdebatte auf Fragen der Universalisierbarkeit von Moral, Ethik und Werten zu beschränken, weil hierdurch der Faktor der „Enkulturation“263, d.h. des kulturellen Lernens, vernachlässigt würde. Die Relativismusdebatte habe vielmehr auch eine nicht-ethische, empirische Dimension, die in den wissenschaftlichen Fokus zu rücken sei. Im Gegensatz zu ethischen Urteilen sei diese empirische Dimension, d.h. die 258 Renteln, Relativism and the Search for Human Rights, in: American Anthropologist, Vol. 90, No. 1. (Mar. 1988), S. 62. 259 Renteln, International Human Rights – Universalism Versus Relativism, S. 63. 260 Messer, Anthropology and Human Rights, in: Annual Review of Anthropology, 1993, 22, S. 227. 261 Cohen, Human Rights and Cultural Relativism: The Need for a New Approach, in: American Anthropologist, Vol. 91, No. 4. (Dec., 1989), S. 1016. Vgl. auch: Wilson, Human Rights, Culture and Context: An Introduction, in: Wilson (Hrsg.), Human Rights, Culture and Context – Anthropological Perspectives, S. 3. 262 Jennifer Schirmer spricht von Kulturrelativisten als „cultural diversivists” und „contextualists”: Schirmer, The Dilemma of Cultural Diversity and Equivalency in Universal Human Rights Standards, in: Downing/Kushner (Hrsg.), Human Rights and Anthropology, S. 91, S. 102. 263 Herskovits, Some Further Comments on Cultural Relativism, in: American Anthropologist, Vol. 60, No. 2., (Apr., 1958), S. 267. 78 menschliche Unterschiedlichkeit im Hinblick auf die Perzeption und Kognition der äußeren Welt, in messbaren Standards erfassbar264. Der Terminus Enkulturation als „Inbegriff des Lernens in der Kultur“ und des „Lernens von Kultur“265 wird somit erstmals von Herskovits im Zusammenhang mit seinen Re? exionen zum internationalen Menschenrechtsschutz in den amerikanischen ethnologischen Diskurs eingeführt. Wird im gegenwärtigen Wissenschaftsdiskurs der Kultur-, Sozial- und Erziehungswissenschaften auf die Enkulturation Bezug genommen, so ist damit in inhaltlicher und terminologischer Sicht die wissenschaftliche Grundlegung der angelsächsischen Ethnologie der 1940er und 1950er gemeint266. In der Fokussierung auf die empirische, deskriptive Dimension des Kulturrelativismus als Prozess der Kulturprägung distanziert sich die gegenwärtige Ethnologie zum einen von einem ethischen Relativismus, der sich mit dem normativ relevanten Phänomen beschäftigt, dass es moralische Meinungsunterschiede zwischen Menschen aus einer oder aus verschiedenen Gesellschaften gibt, die weder durch Verweis auf moralische oder nicht-moralische Tatsachen, noch durch rationale und verständige Argumentation überwunden werden können267 („Relativität moralischer Urteile“268), was die Frage nach der Gültigkeit und Zulässigkeit bestimmter Varianten moralischer Argumentation aufwirft. Zum anderen beziehen sich ethnologische Re? exionen zum Kulturrelativismus nicht auf alle Urteile und Formen der Wahrnehmung, sondern beschränken sich auf das Zustandekommen von Werturteilen und stellen daher die Existenz naturwissenschaftlicher Objektivität nicht in Frage269. Durch die Beschränkung auf Werturteile emanzipiert sich die Ethnologie aus der erkenntnistheoretischen Paradoxie, die Herskovits in den 1940er Jahren vorgeworfen wird, als sich dieser auf den lediglich relativen Wert jeglicher menschlicher Urteils? ndung bezieht270. Inhalt und Ablauf des Enkulturationsprozesses sollen erklärt werden, bevor die Implikationen, die der Enkulturationsprozess auf den internationalen Menschenrechtsschutz hat, aufgezeigt werden. 264 Ebenda: „Here we ? nd ourselves, for one thing, on a plane where differences in perception and cognition can be assessed in terms of measurable standards to a far greater degree than would ever be possible where only ethical judgments are taken into account.“ 265 Weber, Pädagogik – Grundfragen und Grundbegriffe (Band I, Teil 3), S. 108. 266 Weber, Pädagogik – Grundfragen und Grundbegriffe (Band I, Teil 3), S. 108. 267 Rippe, Ethischer Relativismus: Seine Grenzen, seine Geltung, S. 14. Vgl. zur Abgrenzung von philosophischen und ethnologischen Erwägungen zum Relativismus: Tilley, Cultural Relativism, in: Human Rights Quarterly 22 (2000), S. 501–547. 268 Rippe, Ethischer Relativismus: Seine Grenzen, seine Geltung, S. 17. Vgl. ferner die Ausführungen zum ethischen Relativismus von Hatch, Culture and Morality, New York 1983. 269 Vgl. die Ausführungen zur rein deskriptiven Dimension ethnologischer Erwägungen zum Kulturrelativismus: Renteln, Relativism and the Search for Human Rights, in: American Anthropologist, Vol. 90, No. 1. (Mar. 1988), S. 59. 270 Vgl. zum erkenntnistheoretischen Relativismus: Wendel, Moderner Relativismus – Zur Kritik antirealistischer Sichtweisen des Erkenntnisproblems. Tübingen 1990. 79 b) Prozess der Enkulturation Individuum, Gesellschaft und Kultur sind „korrelative Größen“271. Korrelativität bedeutet in diesem Kontext, dass Individuum, Gesellschaft und Kultur in einer Wechselbeziehung zueinander stehen, die bedingt, dass die Konstituierung der einen Größe nur im Zusammenwirken mit den anderen möglich ist. Kennzeichen der Wechselbeziehung ist also eine enge funktionelle Verknüpfung der einzelnen Größen, deren Konstituierung in einem „spannungsvollen einheitlichen Prozess“272 erfolgt. Die Einheitlichkeit des Entstehungsprozesses von Individuum, Gesellschaft und Kultur deckt deren Abhängigkeit von gegenseitiger Interaktion, also Interdependenz, auf273. Vereinfacht ausgedrückt, kann das Individuum nicht ohne seine Gesellschaft existieren, deren Fortbestand von dem Rahmen abhängt, den die Kultur als Organisationssystem der Gesellschaft schafft. Eine Betrachtung der wechselseitigen Abhängigkeiten ist aus der Perspektive des Individuums vorzunehmen, schafft das Individuum mit seinen Bedürfnissen und Möglichkeiten doch die originäre Grundlage für alle sozialen und kulturellen Erscheinungen274. Auf die Wahrnehmung und die Beurteilung der äußeren Welt, d.h. der natürlichen Umwelt und der menschlichen Umwelt (der Gesellschaft), auf das Verhalten und auf die Reaktion des Individuums auf seine Umwelten wirken zwei Dimensionen ein: Zum einen die psychisch-physische Dimension des Individuums, zum anderen die schematische Dimension des Individuums. Die erste Dimension beinhaltet das einmalige psychologische und physische Potential, das das Individuum ausmacht. Diese Dimension ist gleichzusetzen mit der Individualität der Person. Das Individuum hat als selbstständiger Organismus eigene Bedürfnisse und in unterschiedlichem Ausmaße die Fähigkeit zu unabhängigem Denken, Fühlen und Handeln275. Die einmaligen Erfahrungen, die die Person sammelt, beein? ussen den Prozess ihres „individuellen Werdens“276. Begabung, Veranlagung und gesammelter Erfahrungsschatz versetzen das Individuum in die Lage, zu agieren und gestaltend auf äußere Umstände einzuwirken. Im so skizzierten Prozess der Personalisation eröffnet sich jedem Menschen die Fähigkeit zur individuellen Entfaltung, d.h. zur „Selbstformung und -steuerung der eigenen Triebstrukturen“277 innerhalb des Gesellschafts- und Kultursystems. Dem Individuum ist dadurch eine aktive „sinngebende, koordinierende und verantwortlich gestaltende Rückwirkung“278 auf die Faktoren Gesellschaft und Kultur möglich. Die zweite, schematische Dimension des Individuums deckt die Doppelrolle des Einzelnen auf, der zum einen Individuum und dabei Träger unverwechselbarer Indi- 271 Wurzbacher (Hrsg.), Sozialisation und Personalisation, S. 12. 272 Ebenda. 273 Linton, Gesellschaft, Kultur und Individuum – Interdisziplinäre sozialwissenschaftliche Grundbegriffe, S. 12. 274 Ebenda. 275 Ebenda, S. 25. 276 Fend, Sozialisierung und Erziehung, S. 46. 277 Wurzbacher (Hrsg.), Sozialisation und Personalisation, S. 14 f. 278 Ebenda. 80 vidualität ist, zum andern aber auch integrative „Einheit der Gesellschaft“279. Individuen konstituieren die Gesellschaft, die ihrerseits als soziales Gebilde eine eigenständige Größe darstellt und einen den Mitgliedern der Gesellschaft gemeinsamen „Kooperationszusammenhang“280 schafft. Um die in diesem Kooperationszusammenhang de? nierte gesellschaftsspezi? sche Ziel- und Wertverwirklichung zu verfolgen und dadurch den Selbsterhalt der Gesellschaft abzusichern, ist jede Person mit einer Ein- und Unterordnungsforderung der Gesellschaft konfrontiert. Die Teilnahme am sozialen Leben der Gesellschaft und die grundsätzliche innergesellschaftliche Anerkennung begründen existenzielle Voraussetzungen für das menschliche Leben und setzen die Eingliederung des Individuums in die Einheit der Gesellschaft voraus281. Der Prozess der Identitätsbildung des Individuums, bestehend aus den Komponenten „Unterscheidung“, „Ausbildung eines Selbstbezugs und Selbstbildes“ und „Anerkennung durch andere“, ist also unter anderem von der „kollektiven Identität“282 der Gesellschaft geprägt. Diese Eingliederung erfolgt durch die meist unbewusste Inkorporierung von gesellschaftlich determinierten Geboten und Regeln. Die so umschriebene „Sozialisation“ oder „Vergesellschaftung“ des Individuums283 erfasst den „Vorgang der Führung, Betreuung und Prägung des Menschen durch die Verhaltenserwartungen und Verhaltenskontrollen seiner Beziehungspartner“284. Die Gesellschaft organisiert sich in Gestalt von verschiedenen sozialen Gebilden und Wirkungszusammenhängen, Rollen und Rollenträgern, um durch die Mittel der Belohnung oder Bestrafung die Eingliederung und das rollenadäquate Verhalten des Einzelnen zu veranlassen. Maßgeblich bei der daraus resultierenden Ausprägung des Individuums zu einer „soziokulturellen Persönlichkeit“ sind im Rahmen der in der kindlichen Frühphase statt? ndenden „primären Sozialisation“285 die innerfamiliären Beziehun- 279 Linton, Gesellschaft, Kultur und Individuum – Interdisziplinäre sozialwissenschaftliche Grundbegriffe, S. 25. 280 Wurzbacher (Hrsg.), Sozialisation und Personalisation, S. 13. 281 Vgl. zum sog. „Kulturaneignungskon? ikt“, d.h. zum Kon? ikt zwischen der kindlichen (heranwachsenden) sozialen Persönlichkeit einerseits sowie dem Primärmilieu und der von diesem repräsentierten Gesamtkultur andererseits, die Ausführungen von Toaspern, Der Kulturaneignungskon? ikt, S. 36 ff. 282 Vgl. zu der unbestimmten Anzahl an Identitäten des Individuums und der Gesellschaften und zu der hieraus resultierenden Unterscheidung zwischen „europäischen Identitäten“ und „Identitäten der Europäer“: Therborn, Die Gesellschaften Europas 1945–2000, S.236 ff. Grundlegend zum rechtswissenschaftlichen Diskurs um das Spannungsfeld von europäischer und nationaler Identität in Relation zu Verfassung und Verfassungsrecht: Bogdandy, Europäische und nationale Identität: Integration durch Verfassungsrecht?, in: VVDStRL 62 (2003), S. 156–188; Häberle, Verfassungsrechtliche Aspekte der kulturellen Identität, in: Jahrbuch des öffentlichen Rechts der Gegenwart (JöR), Band 55 (2007), S. 317–325; Korioth, Europäische und nationale Identität: Integration durch Verfassungsrecht?, in: VVDStRL 62 (2003), S. 118–152. 283 Von dem Prozess der Enkulturation ist der Prozess der Sozialisation nicht eindeutig abgrenzbar. 284 Wurzbacher (Hrsg.), Sozialisation und Personalisation, S. 12. 285 Weber, Pädagogik – Grundfragen und Grundbegriffe (Band I, Teil 3), S. 110, Bezug nehmend auf D. Claessens (1962). 81 gen, in der anschließenden „sekundären Sozialisation bzw. sozialen Fixierung“286, also jener Phase, in der die Kinder gesellschaftsbestimmte soziale Rollen über die Familie hinaus annehmen, andere soziale Situationen und Institutionen wie Schulen und sog. „peer groups“287. In einem weiteren Verständnis ist die Sozialisierung ein lebenslanger, über das Kindes- und Jugendalter hinausgehender Prozess, der „(…) alle Faktoren der sozio-kulturellen Umwelt, die zum Werden der Persönlichkeit beitragen“288, umfasst. Konsequenz der Sozialisation ist die Integration des Individuums in die Sozialstruktur seiner Gesellschaft – ein Integrationsprozess, der das bewusste oder unbewusste Erlernen des „sozial anerkannten Verhaltens“289 zur Folge hat. Was als „sozial anerkannt“ gilt, auf welche Art und Weise die Wahrnehmung und Beurteilung der Umwelt also „gewöhnlich“ erfolgt, hängt von der dritten Größe, der Kultur, und dem kulturellen Erbe des Menschen und seiner Gesellschaft ab und betrifft insofern die zweite, schematische Dimension des Individuums. Die Kultur ist das Organisationssystem, dessen sich die Gesellschaft bedient, um ihren Selbsterhalt zu sichern und die spezi? sche Ziel- und Wertverwirklichung voranzutreiben. Ist die Gesellschaft als sich organisierende Gruppe von Individuen zu verstehen, so begründet die Kultur die besondere „Lebensform“290, die für diese Gruppe von Individuen charakteristisch ist. Die Auswirkung der angesprochenen Interdependenzen zwischen Individuum, Gesellschaft und Kultur wird deutlich: „Die Interaktion des Individuums mit diesen beiden Faktoren ist es, die für die Bildung der meisten seiner Verhaltensmuster verantwortlich ist, selbst für seine tiefsitzenden emotionalen Reaktionen.“291 Das Kultursystem dient dem Individuum als Verhaltensregulativ und -anleitung, indem es ihm die in seiner Gesellschaft als normal empfundene und erwartete Reaktion auf eine bestimmte Lebenssituation suggeriert. Der Begriff „patterns of culture“292, Kulturmuster, zeigt insofern auf, dass sich jedes Kultursystem aus einer Vielzahl an Mustern, d.h. an Übereinstimmungen über gesellschaftlich adäquate Verhaltensweisen und Meinungen, zusammensetzt, die Ausdruck des gesellschaftlichen Normen- und Wertesystems sind. Neben der psychisch-physischen Konstitution des Individuums und der situativen Begebenheit beein? usst die Kultur das menschliche Verhalten als regulative Variable und übernimmt dabei die Funktion einer „(…) selektiven Instanz, die aus der großen Variationsbreite möglicher Verhaltensweisen spezi? sche ‚auswählt’, ‚vorschlägt’ und be- 286 Weber, Pädagogik – Grundfragen und Grundbegriffe (Band I, Teil 3), S. 110. Vgl. insbesondere die hier diskutierten kritischen Anmerkungen Wurzbachs, der vor einer Überbetonung der Primärgruppe „Familie“ warnt und die lebenslange Dauer des Sozialisationsprozesses betont. 287 Ebenda. 288 Fend, Sozialisierung und Erziehung, S. 34. 289 Schlegel, Socialization, in: Schweizer/Schweizer/Kokot (Hrsg.), Handbuch der Ethnologie, S. 199. 290 Linton, Gesellschaft, Kultur und Individuum – Interdisziplinäre sozialwissenschaftliche Grundbegriffe, S. 23. 291 Ebenda, S. 17. 292 Der Ausdruck „patterns of culture“ wurde von der Boas-Schülerin Ruth Benedict geprägt; vgl. Benedict, Patterns of Culture, Boston 1959. 82 sonders betont.“293 Das Kultursystem gibt dem Individuum Orientierung durch das Aufzeigen von allgemein anerkannten Verhaltensstereotypen. Hängt der Fortbestand einer Gesellschaft von der sozialen Organisiertheit ihrer Mitglieder ab, so ermöglichen Existenz und Internalisierung der Kulturmuster, dass das Verhalten des Individuums zu einem hohen Grad an Wahrscheinlichkeit für die anderen Mitglieder vorhersehbar und insofern berechenbar wird; ein Umstand, der unerlässliche Bedingung für jegliche Form organisierten sozialen Lebens und für die Integration des Individuums ist294. Das Kultursystem als Organisationssystem „(…) verwandelt die Gruppe von Individuen, die die Gesellschaft bilden, aus einer bloß amorphen Masse in einen Organismus.“295 Dieser Prozess der Internalisierung von Kulturmustern wird als Enkulturation, d.h. als kulturelles Lernen, bezeichnet. Der Prozess der Enkulturation vermittelt dem Menschen im Rahmen eines bisweilen bewusst, bisweilen unbewusst ablaufenden Lernvorgangs die notwendigen Kompetenzen zur gesellschaftlichen Integration. Kurz de- ? niert bedeutet Enkulturation somit „(…) eine gruppen- wie personspezi? sche Aneignung und Verinnerlichung von Erfahrungen, ‚Gütern’, Maßstäben und Symbolen der Kultur zur Erhaltung, Entfaltung und Sinndeutung der eigenen wie der Gruppenexistenz.“296 Das Lernen der adäquaten Verhaltens- und Reaktionsmuster erfolgt im engen Kontext der das Individuum umgebenden Sozialgruppe und im weiteren Kontext des gesamtgesellschaftlichen Kultursystems, in dem das Individuum aufwächst und lebt. Detaillierter Lerngegenstand des enkulturativen Lernens ist „(…) das Erlernen der kulturentsprechenden Symbole und Sprache, der Gedanken, Gefühle und Ausdrucksweisen, Kenntnisse und Fertigkeiten, der Praktiken des Produzierens und Konsumierens, der Formen des Spielens und Feierns, des Herstellens und Gebrauchens von Maschinen, der Methoden und Strategien der Daseinserhaltung und -bereicherung, des Alltagswissens und der Wissenschaften, der sozialen, rechtlichen und politischen Ordnungen und Handlungen, der moralischen Verhaltensmuster und Normen, der Wertvorstellungen und Sinnhorizonte, der Sitten und Bräuche, der Gestaltungs- und Erlebnisweisen der Künste und Kulte, der Lebenspläne, -wege und -gehäuse, der Emotionen, Motivationen und Interessen, des ‚Bildes’ von sich selbst und des ‚Umgangs mit sich selbst’.“297 Das Individuum internalisiert und inkorporiert das, was von den Mitgliedern seiner Gesellschaft als „kulturelle Selbstverständlichkeit“298 empfunden wird. Korrelativität, Interdependenzen und Interaktionen zwischen Individuum, Gesellschaft und Kultur bedeuten demzufolge, dass das Individuum von der Integration in 293 Fend, Sozialisierung und Erziehung, S. 112. 294 Linton, Gesellschaft, Kultur und Individuum – Interdisziplinäre sozialwissenschaftliche Grundbegriffe, S. 23. 295 Ebenda, S. 22. 296 Wurzbacher (Hrsg.), Sozialisation und Personalisation, S. 14. 297 Weber, Pädagogik – Grundfragen und Grundbegriffe (Band I, Teil 3), S. 109. 298 Kohl, Ethnologie – die Wissenschaft vom kulturell Fremden, 2. Au? age, S. 149. 83 die ihm umgebende Gesellschaft abhängt, die sich, um ihren Zusammenhalt und Fortbestand abzusichern, der Kultur als gemeinsamen Rahmen, d.h. als Organisationsstruktur, bedient. Indem es hierfür eines Lernprozesses bedarf, wird der Ein? uss der externen Umwelt auf das Individuum deutlich, das nicht von Geburt an mit jenen „kulturellen Selbstverständlichkeiten“ ausgestattet ist: „We become what we are by growing up in a particular cultural setting; we are not born that way.”299 Das Individuum ist Geschöpf und zugleich Schöpfer der Kultur300 – ein Zusammenspiel, das eine kritische Distanz zum eigenen Kultursystem, eine Bewertung ihrer Muster und ein Aufdecken kultureller Implikationen erschwert („(…) Wer keine Kultur als seine eigene kennt, kann auch die eigene nicht wirklich kennen.“)301 Wird nun die Brücke zur Ausgangsfrage nach der Relevanz des Rechts im Prozess der menschlichen Enkulturation geschlagen, so ist festzuhalten: Recht ist zentrales Mittel zur Aufrechterhaltung von Ordnung und Organisation in menschlichen Gesellschaften302. Die Kultur im Allgemeinen dient in der Trias „Individuum, Gesellschaft und Kultur“ als Organisationssystem der menschlichen Gesellschaft und als Garant für deren Zusammenhalt und für die Integration des Individuums. Das Recht begründet im Speziellen die „normative Dimension gesellschaftlicher Organisation“303 und das „zentrale Strukturelement jedweder Form menschlicher Vergesellschaftung“304, indem es soziale, wirtschaftliche und politische Organisationsformen einer Gesellschaft installiert und legitimiert305. Recht ist spezi? scher Bestandteil des Ordnungssystems der Kultur und steht ebenso wie die Kultur im interdependenten und interaktiven Spannungsfeld zwischen Individuum, Gesellschaft und Kultur. Das so anhand des Enkulturationsprozesses skizzierte Grundmuster der Beziehung von Individuum, Gesellschaft, Kultur und Recht baut zunächst, zur Erklärung, auf einer kohärenten Beschaffenheit der einzelnen Größen auf. Die Betrachtung der gegenseitigen Abhängigkeiten bedarf daher, die konkrete Beschaffenheit der einzelnen Grö- ßen berücksichtigend, einer Differenzierung. Im Folgenden soll die Betrachtung von Interdependenzen und Interaktionen aus der spezi? schen Perspektive der einzelnen Größen vorgenommen werden. 299 Kuper, Culture – The Anthropologists’ Account, S. 13 f. 300 Mit weiteren Literaturverweisen derart bezeichnet in: Weber, Pädagogik – Grundfragen und Grundbegriffe (Band I, Teil 3), S. 108. 301 Linton, Gesellschaft, Kultur und Individuum – Interdisziplinäre sozialwissenschaftliche Grundbegriffe, S.102. 302 Raum, Rechtsethnologie, in: Schweizer/Schweizer/Kokot (Hrsg.), Handbuch der Ethnologie, S. 287. 303 Benda-Beckmann, F. von, Rechtsethnologie, in: Fischer/Beer (Hrsg.), Ethnologie, 5. Au? age, S. 179. 304 Veddeler, Rechtstheorie versus Kulturtheorie?, in: Krawietz (Hrsg.), Rechtstheorie, 29. Band (1998), Konvergenz oder Konfrontation? Transformation kultureller Identität in den Rechtssystemen an der Schwelle zum 21. Jahrhundert, S. 454. 305 Benda-Beckmann, F. von und K. von, State, Religion and Legal Pluralism: Changing Constellations in West Sumatra (Minangkabau) and Comparative Issues (Max Planck Institute for Social Anthropology Working Paper No. 19, 2001), S. 2, S. 3. 84 2. Individuum und Gesellschaft im Spannungsfeld Die Mehrdimensionaliät des Individuums, das neben der schematischen, d.h. gruppengeprägten und -abhängigen, Dimension eine individualistische Dimension aufweist, beein? usst das Zusammenspiel von Individuum, Gesellschaft und Kultur. Gesellschaftliche Integration durch Kulturadaption bedeutet nicht den Verlust von Individualität oder Selbstre? exivität. Im Rahmen der gesellschaftlichen Interaktionen lernt sich der Einzelne selbst als Mitglied und als Mitträger des sozialen Gebildes kennen und verstehen. „Indem er die Rollenerwartungen und -kontrollen seiner Beziehungspartner auf die sachlichen Anforderungen des Kooperationsgefüges hin untersucht, interpretiert und verinnerlicht, wird er fähig, soziale Abhängigkeiten auf die Ebene personunabhängiger sachlicher kultureller Gesetzlichkeiten zu heben. Er erhält damit zugleich kritische Maßstäbe, an denen er – in unterschiedlicher und wechselnder Bewusstheit und Klarheit – die Forderungen seiner Partner wie aber auch seine eigenen zu messen vermag.“306 Die Fähigkeit des Individuums zur kritischen Analyse seiner Umwelt verbleibt trotz enkulturationsbedingter Integration und wird durch einen sog. soziokulturellen Pluralismus innerhalb seiner Gesellschaft gefördert. Pluralismus bedeutet in diesem Kontext das Nebeneinander und die potentielle Unterschiedlichkeit und Gegensätzlichkeit von Wertesystemen, Sozialbereichen, Sozialpartnern, Mehrheitskulturen und Subkulturen sowie das Spannungsverhältnis zwischen abstrakten, kulturell erwarteten Werten und der Variabilität an Reaktionsmöglichkeiten in konkreten Situationen307. Globalisierung, Migration und die Internationalisierung von Arbeitsmärkten haben eine innergesellschaftliche Pluralität zur Folge, durch die die ursprüngliche Mehrheitsgesellschaft mit Minderheitsgesellschaften und deren spezi? schen kulturellen Ordnungsmustern konfrontiert wird. Gesellschaften nehmen in Abkehr zu einer auf gemeinsamer Nationalität aufbauenden Zugehörigkeit die Gestalt von sog. „multikulturellen Kon? gurationen“308 an, die sich „(…) als interethnische Systeme de? nieren (lassen, P.W.), die durch die Präsenz von ethno-sozialen Disparitäten und daraus resultierenden ethnischen Spannungen charakterisiert sind.“309 Wurden die Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Gemeinschaft und zu einer ethnischen Identität in der Vergangenheit maßgeblich territorial bestimmt, so bedingt die zunehmende Migration, dass sich jene Zugehörigkeit zu einer „Wir“-Gruppe auf die Zugehörigkeit zu einer Kommunikations- und Kooperationsgemeinschaft bezieht, die nicht zwangsläu? g räumlich begrenzt ist310. 306 Wurzbacher (Hrsg.), Sozialisation und Personalisation, S. 14. 307 Ebenda, S. 15. 308 Giordano, Monoethnisches Ideal und multikultureller Regenbogen. Zwei Wege, mit der Differenz zu leben, in: Giordano/Patry (Hrsg.), Multikulturalismus und Multilingualismus – Ein Symposium, S. 97. 309 Ebenda. 310 Beer, Ethnos, Ethnie, Kultur, in: Fischer/Beer (Hrsg.), Ethnologie, 5. Au? age, S. 54. 85 Gesellschaften teilen sich auf nationaler Ebene in ethno-soziale Subgruppen auf311, zwischen denen eine klare Grenzziehung und Identi? zierung unmöglich ist: „Schließlich sind die Grenzen zwischen den unterschiedlichen Gemeinschaften unscharf, so dass sich um die Grenzen herum soziale Interstitien und Grauzonen variabler Breite bilden, in denen sich Prozesse der Mestizierung und Hybridisierung abspielen.“312 Auf internationaler Ebene ist das Entstehen von globalen und regionalen Aktionsnetzwerken, Institutionen und Vereinigungen Ausdruck staatlicher und gesellschaftlicher Interaktionen und trägt zur Schaffung einer „Weltgesellschaft“313 bei, die ihrerseits nationalgesellschaftlich de? nierte kulturelle Ordnungsmuster und das damit verbundene lokal verankerte Verständnis des sozial Anerkannten aufweichen lässt und stattdessen trans- bzw. internationale kulturelle Orientierung (sog. „transnational ? ow“314) schafft. Die Kultur wurde im Zusammenhang mit dem Enkulturationsprozess als gesellschaftlicher Kooperationszusammenhang de? niert, in dem die gesellschaftsspezi? sche Ziel- und Wertverwirklichung vorangetrieben wird. Je pluralistischer die Gesellschaftszusammensetzung gestaltet ist, desto pluralistischer und uneinheitlicher sind auch die Varianten von innergesellschaftlich verfolgten Zielen und Werten. Hängt nun das Individuum von gesellschaftlicher Integration ab und dient das kulturell adäquate Verhalten dieser Integration, so sind die Bezugsgrößen von Identi? zierung und anschließender Integrierung ebenso pluralistisch und variabel wie die Gesellschaftszusammensetzung selbst. Das oben gezeichnete Bild der Kultur als Ordnungsrahmen einer Gesellschaft und als „Grundpfeiler gesellschaftlicher Lebensfähigkeit“315 verliert dadurch nicht an Schlüssigkeit; es wird jedoch deutlich, dass nur eine uniforme Gesellschaft auf uniformen Grundpfeilern stehen könnte – jene kulturellen Grundpfeiler jedoch, der Beschaffenheit der Gesellschaft entsprechend, vielgestaltig sind. Infolge dessen sind Identi? zierung und Identitätsbildung des Individuums von Kontingenz, d.h. grundsätzlicher Offenheit, geprägt und verlaufen nicht in uniformen Bahnen. Die Anzahl möglicher Identitäten, die der Einzelne anerkennt und übernimmt, ist variabel316. Gesellschaftliche Pluralität und Heterogenität, verstanden als ein „Neben-, Mit- und Gegeneinander veränderlicher Faktoren“317 für Identi? kation und Referenz, 311 Rouland, Anthropologie juridique (1988), S. 80 ff. 312 Giordano, Monoethnisches Ideal und multikultureller Regenbogen. Zwei Wege, mit der Differenz zu leben, in: Giordano/Patry (Hrsg.), Multikulturalismus und Multilingualismus – Ein Symposium, S. 98. 313 Grundlegend zur soziologischen Perspektive auf Globalisierung und Weltgesellschaft: Beck, Generation Global, Frankfurt am Main 2007; Beck, Weltrisikogesellschaft, Frankfurt am Main 2007. 314 Am Beispiel des “transnational ? ow” durch die Internationalisierung und Globalisierung von Recht: Benda-Beckmann, F. von und K. von, The Dynamics of Change and Continuity in Plural Legal Orders, in: Woodman (Hrsg.), The Journal of Legal Pluralism and Unof? cial Law, Nr. 53 – 54, 2006, S. 3. 315 Giordano, Inkompatibilität von Normen – Der Ethnologe als forensischer Gutachter, in: Institut für Ethnologie der Universität Hamburg (Hrsg.), ETHNOSCRIPTS Jahrgang 2, Heft 2, S. 20. 316 Therborn, Die Gesellschaften Europas 1945–2000, S. 243. 317 Wurzbacher (Hrsg.), Sozialisation und Personalisation, S. 15. 86 schaffen durch diese Variabilität die Möglichkeit zur Selektivität und versetzen das Individuum in die Lage, seine Umwelt aktiv zu beobachten, zu unterscheiden, kritisch zu bewerten und nach seinem eigenen Willen zu verändern. Das Zusammenspiel von individualistischer Dimension des Einzelnen und pluralistischer Dimension der den Einzelnen umgebenden Gesellschaft hat weitere Konsequenzen: Je offener und ungeklärter die Zugehörigkeit des Einzelnen zu einem bestimmten und bestimmbaren – d.h. abgrenzbaren – Kulturkreis ist, desto problematischer ist auch die generalisierende Erklärung menschlichen Verhaltens anhand von Kulturmustern318. Der Begriff des „Forum shopping“319 macht die Wahlfreiheit des Einzelnen und dessen individueller Vorstellung von angemessenem Verhalten deutlich. In Ermangelung eines allgemeingültigen sozialen Gesetzes320, das das menschliche Verhalten strukturell uniform determiniert und lenkt, besteht für den Einzelnen in jeder Entscheidungssituation je nach sozialer Konstellation und sozialem Raum eine „variable Vielfalt an Referenzmöglichkeiten“321 bei der Wahl des normativen Bezugssystems als Erklärung und Rechtfertigung seines Verhaltens. So verstanden ist der gesellschaftsspezi? sche kulturelle Ordnungsrahmen lediglich eine „soziale Ressource“322 unter vielen, auf die sich das Verhalten des Einzelnen situationsorientiert stützt. Die Zugehörigkeit zu einer kulturellen Gemeinschaft zerstückelt sich in die multiplen Zugehörigkeiten des Individuums, in interethnische soziale Kategorien, die eine Gruppenzugehörigkeit schaffen, die auf dem Alter, der Sprache, dem Beruf, der Abstammung, etc. aufbauen, – Zugehörigkeiten, die dem Individuum weitere Referenzmöglichkeit und Handlungsorientierung aufzeigen. Die Gruppenzugehörigkeit des Individuums lässt sich nicht im Ausschließlichkeitsverhältnis bestimmen, ist der Einzelne doch gleichzeitig Mitglied vieler Gruppen („post-plural hybrid forms, the millions of mixed ‘neither-nor’ or ‘both-and’ individuals inhabiting both global megacities and rural outposts in many countries”323). 318 „Jemand handelt in einer spezi? schen Weise nicht nur, weil er zu einem bestimmten ‚Kulturkreis’ gehört oder weil er blind einem ‚Kulturmuster’ folgt. Der Migrant aus einer fremden Kultur begeht eine Straftat in der Residenzgesellschaft nicht so sehr, weil er Mohammedaner, Buddhist, Albaner, Sizilianer usw. ist, sondern weil er befürchtet, dass er im Kontext seiner ‚signi? kanten Anderen’ seine Reputation verliert, was zu schwerwiegenden, ja sogar zu verheerenden, sozialen und nicht selten auch öknonomischen Folgen führen kann.“, so Giordano, Inkompatibilität von Normen – Der Ethnologe als forensischer Gutachter, in: Institut für Ethnologie der Universität Hamburg (Hrsg.), ETHNOSCRIPTS Jahrgang 2, Heft 2, S. 20. 319 Am Beispiel des strategischen Referenz auf unterschiedliche Rechtsformen: Benda-Beckmann, F. von, Rechtspluralismus – Wissenschaftliche und politische Herausforderungen, in: Institut für Ethnologie der Universität Hamburg (Hrsg.), ETHNOSCRIPTS Jahrgang 2, Heft 2, S. 50. 320 Hoekema, European Legal Encounters between Minority and Majority Culture: Cases of Interlegality, in: Woodman (Hrsg.), The Journal of Legal Pluralism and Unof? cial Law, Nr. 51, 2005, S. 12. 321 Giordano, Inkompatibilität von Normen – Der Ethnologe als forensischer Gutachter, in: Institut für Ethnologie der Universität Hamburg (Hrsg.), ETHNOSCRIPTS Jahrgang 2, Heft 2, S. 21. 322 Ebenda. 323 Eriksen, A critique of the UNESCO concept of culture, in: Cowan/Dembour/Wilson (Hrsg.), Culture and Rights – Anthropological Perspectives, S. 135. 87 Die gleichzeitige Zugehörigkeit des Individuums zu verschiedenen Gesellschaftsgruppen deckt deren gegenseitige Vernetzung auf324. Die so verdeutlichte Selektivität des Verhaltens des Individuums in seiner Gesellschaft verbietet die Idee einer Gefangenschaft des Individuums in seiner Kultur325. Ungeachtet der prägenden Wirkung der kulturellen Umgebung auf den Einzelnen ist die primäre Erklärung für menschliches Verhalten nicht in der Kultur, sondern beim Individuum selbst zu suchen326. 3. Kultur im Spannungsfeld Die Funktion der Kultur als Ordnungssystem im Zusammenspiel mit Individuum und Gesellschaft wurde im Rahmen des Enkulturationsprozesses aufgezeigt. Inhalte und Kennzeichen des Kulturkonzepts sollen, nach Maßgabe gegenwärtiger ethnologischer Kulturtheorien, konkretisiert und mit den einführend skizzierten Kulturtheorien des 19. und 20. Jahrhundert kontrastiert werden. a) Inhalte des Kulturkonzepts Der Kulturbegriff der gegenwärtigen Ethnologie grenzt Erscheinungsformen sichtund messbarer (systems of action/social practices) von Erscheinungsformen nicht sichtbarer Art (systems of beliefs) ab und unterscheidet sich diesbezüglich nicht grundlegend von vergangenen kulturtheoretischen Überlegungen. Zu den sozialen Praktiken zählen die sichtbaren Aspekte des Kultursystems327, wie beispielsweise soziale, politische und rechtliche Ordnungen, der Stand der Wissenschaft, Praktiken des Produzierens und Konsumierens, Methoden und Strategien der Daseinserhaltung sowie sichtbar offenes Verhalten in der Gesellschaft wie die Sprache und Ausdrucksformen, Formen des Spielens und Feierns, Sitten und Bräuche etc. Die nicht-sichtbaren Aspekte des Kultursystems beinhalten Symbolbedeutungen, moralische Verhaltensmuster und Normen, Wertvorstellungen und Sinnhorizonte. Kultur drückt sich demnach in Gestalt von Kulturpraktiken und Kulturkonzeptionen aus. 324 Rouland, Anthropologie juridique (1988), S. 74, S. 75. 325 „Individuals are not the prisoners of their own supposedly integrated and homogeneous culture, but shop forums (…).”, so Hoekema, European Legal Encounters between Minority and Majority Culture: Cases of Interlegality, in: Woodman (Hrsg.), The Journal of Legal Pluralism and Unof? cial Law, Nr. 51, 2005, S. 11. 326 „It is as an individual that I have the right to go to the church or mosque or synagogue or not, to speak my mother-tongue or another language of my choice, to relish the cultural heritage of my country (…). As an individual I have the right to attach myself to a tradition and the freedom to choose not to.”, so Eriksen, A critique of the UNESCO concept of culture, in: Cowan/Dembour/Wilson (Hrsg.), Culture and Rights – Anthropological Perspectives, S. 142. 327 Vgl. zur Unterscheidung von sichtbaren und nicht-sichtbaren Kulturerscheinungen: Linton, Gesellschaft, Kultur und Individuum – Interdisziplinäre sozialwissenschaftliche Grundbegriffe, S. 37. 88 Diese Unterscheidung zwischen sichtbaren und nicht-sichtbaren Kulturerscheinungen liegt auch dem Evolutionismus des 19. Jahrhunderts zugrunde: Die sichtbaren Kulturerzeugnisse dienen im evolutionistischen Denkmodell als Maßstab für den kulturellen Entwicklungsstand, d.h. den Grad der intellektuellen Entwicklung und den zivilisatorischen Standort, einer Gesellschaft auf der gesetzmäßigen Entwicklungslinie der Menschheit. Die evolutionskritische Haltung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts lehnt die Idee einer Kategorisierbarkeit der Kultur anhand ihrer sichtbaren Erzeugnisse ab und erkennt das Zusammenspiel aus sozialen Praktiken und geistigseelischen Kulturaspekten als Ausdruck des Kultursystems, das eine unverwechselbare Einheit und einen isolierten Bereich des menschlichen Zusammenlebens konstituiert328. Jedes Wertesystem ist, um seiner Unverwechselbarkeit Rechnung zu tragen, als in sich kohärente Einheit zu betrachten. Eine isolierte Betrachtung des Kultursystems, die zur Folge hat, dass sonstige Aspekte des Sozialsystems aus der Betrachtung ausgeblendet werden329. Eine derartige Trennung von Kultursystem und sonstigen Determinanten des Sozialsystems lehnen gegenwärtige Kulturtheorien ab: Das Verständnis dessen, was zu Kulturpraktiken und Kulturkonzeptionen zu zählen, und was als Quelle für Kultur zu verstehen ist, im Vergleich zum holistischen Kulturbegriff des frühen 20. Jahrhunderts, insofern weit. Ein zentrales Novum der gegenwärtigen ethnologischen Re? exionen zum Kulturbegriff ist insbesondere die „allmähliche ‚Entdeckung’ des Staats“330, und dessen Ein? uss auf das Kultursystem. In Abgrenzung zu einem Verständnis von Kultur als vom sonstigen Sozialsystem abgrenzbares System, beinhalten Kulturpraktiken im gegenwärtigen Verständnis auch die Praktiken und Konzeptionen, die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Institutionen hervorbringen und prägen331. Kultursystem, Sozialsystem, Politiksystem, Wirtschaftsystem und Rechtssystem sind keine nebeneinander existierenden geschlossene Einheiten, sondern eine untrenn- 328 Merry, Human Rights Law and the Demonization of Culture (And Anthropology Along the Way), in: Political and Legal Anthropology Review 26/1 (May 2003), S. 65. 329 Vgl. hierzu Merrys Ausführungen zu Talcott Parsons Systemtheorie und der darin aufgeworfenen Trennung von Sozial- und Kultursystem, ebenda. 330 Benda-Beckmann, F. von, Rechtspluralismus – Wissenschaftliche und politische Herausforderungen, in: Institut für Ethnologie der Universität Hamburg (Hrsg.), ETHNOSCRIPTS Jahrgang 2, Heft 2, S. 43. 331 Merry, Changing rights, changing culture, in: Cowan/Dembour/Wilson (Hrsg.), Culture and Rights – Anthropological Perspectives, S. 46: „The important question about culture is, therefore, how cultural practices are introduces, appropriated, deployed, reintroduced and rede? ned in a social ? eld of power over a historical period. Through historical processes, particular cultural conceptions and practices become embedded in politically and economically powerful institutions such as legal systems. Appropriation replaces ideas of imposition with an analysis of the negotiated and partial nature of transformation, but any appropriation is constrained by political and economic factors embedded in world historical changes.” 89 bare Gesamtheit332. Die Art und Weise, in der das soziale Feld, also das gesellschaftliche Zusammenleben, ausgestaltet, organisiert und institutionalisiert ist, hat maßgeblichen Ein? uss auf die sozialen Praktiken und Repräsentationsformen. Wertvorstellungen und normative Überzeugungen sind deshalb nicht von jenen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Institutionen abzusondern, die durch ihre Praxis das gesellschaftliche Zusammenleben und die Lebensverhältnisse des Individuums organisieren, lenken und dadurch prägen. Kulturmodelle werden in sozialen Austauschprozessen verhandelt und insofern aktiv geschaffen333. Soziale Institutionen (wirtschaftlicher, politischer oder rechtlicher Art, Schulen, etc.), in denen das Individuum mitgestaltendes und repräsentiertes Mitglied ist, begründen den Rahmen für Austausch- und Verhandlungsprozesse und damit auch für die Zuweisung von Bedeutungsinhalten und für die Ausgestaltung von Kulturkonzepten334. Fällt die Ausgestaltung, Organisation und Institutionalisierung des sozialen Felds in großem Umfang in den Verantwortungs- und Aufgabenbereich des Staates, so wird dessen zentrale Bedeutung in der Wechselbeziehung von „Individuum, Gesellschaft und Kultur“ deutlich. In enger Konnexität zur Dimension des Staates stehen Überlegungen zu Macht und zu Machtverteilung innerhalb einer Gesellschaft335. Richtet sich der Fokus auf die Analyse und Beurteilung von Kulturpraktiken, so kann diese Beurteilung nicht nach Maßgabe der inhärenten Logik des Kultursystems angestellt werden, sondern muss vielmehr die Analyse innerstaatlicher Machtverteilung, der Ausgestaltung staatlicher Legalität und sozialer Regulation als Ausdruck für das Zustandekommen von Kulturkonzeptionen und -praktiken einbeziehen. Die Idee einer inhärenten Logik des Kultursystems, losgelöst von der regulativen und disziplinierenden Praxis des Staates und gesellschaftlicher Institutionen, ist insofern im gegenwärtigen ethnologischen Verständnis eine Fiktion. „Multikulturelle Kon- ? gurationen sind heutzutage in der Regel in ein nationalstaatliches Ordnungsgefüge 332 Hierzu sind im rechtswissenschaftlichen Diskurs die Ausführungen von Ulrich Haltern zum kulturellen Kontext des Rechts und zu kulturtheoretischen Ansätzen in der Rechtswissenschaft grundlegend: Haltern, Europarecht und das Politische, Tübingen 2005. Haltern setzt sich insbesondere mit den kulturtheoretischen Re? exionen zum Verständnis der Rechtswissenschaft und der rechtswissenschaftlichen Forschung, die Paul Kahn anstellt, auseinander (vgl. beispielsweise Kahn, The Cultural Study of Law: Reconstructing Legal Scholarship, Chicago/ London 1999; Kahn, Freedom, Autonomy, and the Cultural Study of Law, in: Yale Journal of Law and the Humanities, Spring 2001, S. 141 ff.). 333 Plaut, Cultural Models of Diversity in America: The Psychology of Difference and Inclusion, in: Shweder u.a. (Hrsg.), Engaging Cultural Differences, S. 370. 334 Ebenda. 335 „Where anthropologists take a critical view of the de? nition or operation of rights, this critique now seems more based in analyses of power, discipline and social regulation, rather than the inherent logic of cultures. The criticism that rights ? x social categories that are in reality unbounded and permeable, or that rights isolate out acts that are embedded in wider contexts are more criticism of state legality than cultural difference. States all operate, at least formally, though law and law has a propensity to essentialize social practices.”, so Wilson/Mitchell, Introduction: The social life of rights, in: Wilson/Mitchell (Hrsg.), Human Rights in Global Perspectives – Anthropological studies of rights, claims and entitlements, S. 4. 90 eingegliedert. Vom ethno-soziologischen Standpunkt her gesehen, ist aber der Nationalstaat ein politischer Verband von Staatsbürgern, die aufgrund einer Reihe spezi? scher, zugeschriebener oder erworbener, Merkmale als Mitglieder eben dieses Staates anerkannt sind.“336 Der Staat tritt in verschiedener Gestalt als Regulativ innerhalb der sozialen Organisation auf. Zum einen durch die Zuweisung von Staatsbürgerschaft und Nationalität und der damit Mitwirkung an nationalstaatlichen Meinungsbildungsprozessen: „Diese regulierende und beschränkte Öffnung führt notwendigerweise zur Bildung rechtlich-institutioneller Mechanismen der sozialen Siebung, die Zugehörigkeit und Ausschluss der Fremden, d.h. der ethnisch Anderen festlegen. Staatsbürgerschaft und Nationalität stellen die zwei grundlegenden, legal garantierten Instrumente dar, die de? nieren, wer das Zugehörigkeitsrecht zu einem Nationalstaat besitzt und wer von dieser Berechtigung ausgeschlossen ist. Multikulturelle Kon? gurationen als interethnische Systeme bestehen daher im Kontext hoch mobiler Gesellschaften nicht selten aus politisch Einbezogenen und Ausgeschlossenen. Die nationalstaatliche Ordnung bildet dabei (…) den politischen Rahmen, in dem der Multikulturalismus gegenwärtiger interethnischer Systeme inkorporiert ist.“337 Staatliche Ordnungskonzepte entscheiden über das dialektische Verhältnis von Exklusion oder Inklusion des Individuums. Zum anderen bedient sich der Staat durch die Ausgestaltung seiner Verfassung338 und seines einfachen Gesetzesrechts einer Erscheinungsform von Kultur und produziert und prägt dadurch nicht-sichtbare Aspekte des Kultursystems, d.h. Ideale, Werte sowie gesellschafts- oder geschlechtsspezi? sche Rollenbilder. Schafft der Staat, exemplarisch, im Rahmen seiner Gesetzgebung ein ? nanzielles Versorgungssystem zur Kinderbetreuung, das Müttern neben der Mutterrolle die Berufstätigkeit ermöglicht, so wird mit anwachsender Quote berufstätiger Mütter in der Gesellschaft ein geschlechtsspezi? scher Rollenwandel provoziert, der immaterielle Aspekte des Kultursystems verändert und prägt. Im Gegenzug wirkt sich das Untätigbleiben des Staates auf ein Gleichbleiben traditioneller Geschlechter- und Rollenbilder aus339. Das staatliche Rechtssystem ist Ausdruck von sozialer Praxis zur Gestaltung des sozialen Felds und demnach Bestandteil und Quelle des Kultursystems, das als Ordnungssystem dieses sozialen Feldes dient340. Recht wirkt nicht „von außen“, als ein von Staat, Gesell- 336 Giordano, Monoethnisches Ideal und multikultureller Regenbogen. Zwei Wege, mit der Differenz zu leben, in: Giordano/Patry (Hrsg.), Multikulturalismus und Multilingualismus – Ein Symposium, S. 98. 337 Ebenda. 338 Im rechtswissenschaftlichen Diskurs prägt Peter Häberle die dementsprechende programmatische Folgerung, wonach die Verfassung als Kultur, die Verfassungslehre als Kulturwissenschaft zu verstehen seien; vgl. Häberle, Verfassungslehre als Kulturwissenschaft, 2. Au? age, S. 578 ff. 339 Sally Merry vergleicht in diesem Zusammenhang die Frauen- und Familienpolitik in Uruguay – als Beispiel für ein staatliches Untätigbleiben – und in Dänemark – als Beispiel für eine staatliche Unterstützung berufstätiger Mütter: Merry, Human Rights and Gender Violence – Translating International Law into Local Justice, S. 15, S. 24. 340 Wilson/Mitchell, Introduction: The social life of rights, in: Wilson/Mitchell (Hrsg.), Human Rights in Global Perspectives – Anthropological studies of rights, claims and entitlements, S. 4. 91 schaft und kulturellem System trennbarer Faktor, in diese, sondern ist deren Produkt und somit integrativer Bestandteil des Kultursystems341. Rechtsetzungsprozesse sind, indem sie eine Variante von Wertestandards zum Ausdruck bringen, Kulturquellen: „The last decade has witnessed an intensi? cation of a global process that might best be termed a ‘legalization of culture’, implying that the law is becoming the predominant and most articulate standard of value in many societies. Consequently, ever more social, political and cultural values are expressed in or measured by legal terms at the expense of other normative systems and public moral debates.”342 Im Rahmen der staatlichen Gesetzgebung wird Kultur einem Legalisierungsprozess unterworfen. Fungiert Recht gleichzeitig als „zentrales Strukturelement jedweder Form menschlicher Vergesellschaftung“343, so ist die Analyse von Recht und Rechtssystem für die Deutung und die Erklärung von normativen Integrationsfaktoren bei der Herausbildung kultureller Identität grundlegend. Das Rechtssystem deckt, als Kulturquelle perzipiert, einen Aspekt des Kultursystems auf, weshalb die Analyse des Rechts der Analyse der Kultur dient. Am Beispiel des staatlichen Rechts als institutionalisierter Kulturquelle wird deutlich, dass Wandel oder Stagnation von Ideen, Idealen, Werten und Rollenbildern untrennbar mit institutionellem, rechtlichem, politischem und ideologischem Wandel oder Stagnation in Gesellschaft und Staat verbunden ist. Kultur, in Form von Kulturpraktiken und Kulturkonzeptionen, ist in ihrer Funktion als gesellschaftliches Organisationssystem in politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Institutionalisierungsprozesse eingebettet, die Kulturquellen konstituieren und durch die gestalterisch auf das soziale Feld eingewirkt wird. b) Kennzeichen des Kulturkonzepts Diese Einbettung zeigt die dynamische Dimension der Kultur auf: Die Kultur dient der Gesellschaft in ihrer pluralistischen Gestalt als stützender und organisierender Grundpfeiler. Die Kultur selbst schöpft aus den Quellen, die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Institutionalisierungsprozesse schaffen. Diese Prozesse sind ihrerseits abhängig von der Beschaffenheit und staatlichen Organisiertheit der Gesellschaft und insofern ebenso pluralistisch und heterogen wie die Gesellschaft selbst. Die Beschaffenheit des Gesellschaftssystems bedingt die Beschaffenheit des Kultursystems. Globalisierung und weltweite Vernetzung von wirtschaftlichen, politischen und sozialen Lebensräumen provozieren Durchdringungs- und Überschneidungssituationen 341 Veddeler, Rechtstheorie versus Kulturtheorie?, in: Krawietz (Hrsg.), Rechtstheorie, 29. Band (1998), Konvergenz oder Konfrontation? Transformation kultureller Identität in den Rechtssystemen an der Schwelle zum 21. Jahrhundert, S. 467 f. 342 Hastrup, Representing the common good – The limits of legal language, in: Wilson/Mitchell (Hrsg.), Human Rights in Global Perspectives – Anthropological studies of rights, claims and entitlements, S. 16. 343 Veddeler, Rechtstheorie versus Kulturtheorie?, in: Krawietz (Hrsg.), Rechtstheorie, 29. Band (1998), Konvergenz oder Konfrontation? Transformation kultureller Identität in den Rechtssystemen an der Schwelle zum 21. Jahrhundert, S. 454. 92 von Kultursystemen, was zur Folge hat, dass innerhalb eines sozialen Raums eine Vielzahl von kulturellen Ordnungen ko-existiert344. Dem Prozess der „Enkulturation“ ist insofern der Prozess der „Akkulturation“ anbei zu stellen, in dem Kulturelemente verschiedener Kultursysteme von Gesellschaften und Individuen übernommen und angeglichen werden, was eine „Kulturanpassung bzw. Kulturverschmelzung“345 zur Folge hat. Kultursysteme sind globalen Austauschprozessen ausgesetzt, überlappen einander und sind dementsprechend komplex. Demzufolge de? niert, in Anbetracht der Durchmischung von Gesellschaftsgruppen und des Netzes globalisierungsbedingter Abhängigkeiten des Nationalstaats, weder der Nationalstaat, noch die in sich abgeschlossene Kulturgemeinschaft die Grenzen eines Kultursystems. Grenzen und Inhalte von Kultursystemen sind angesichts innergesellschaftlicher Pluralität und intergesellschaftlicher Durchmischung offen, ? ießend, unbegrenzt und unbestimmt und insofern nicht im Rekurs auf eine bestimmte soziale Gruppe, einen bestimmten Zeitpunkt und einen bestimmten geographischen Raum abschließend de? nierbar346. Entstehen Kulturpraktiken und Kulturkonzepte im sich wandelnden, nicht fassbaren Kontext spezi? scher Ereignisse und sozialer Interaktionen, so erschwert diese Abhängigkeit eine generalisierende Erklärung und genaue De? nition von Kulturpraktiken und Kulturkonzepten. Kultur ist das Produkt eines andauernden historischen Wandels und dementsprechend dynamisch. Eine Folge der mit Offenheit und Wandel verbundenen Diversität von Kultur ist, dass innerhalb einer Gesellschaft über die Bewertung von Kulturkonzepten und -praktiken eine Meinungsvielfalt vorherrscht. So groß wie die Anzahl von Lebensmodellen, Identitätsreferenzen und sozialen Ressourcen innerhalb einer pluralistischen Gesellschaft, so umstritten ist die Bewertung des jeweils Fremden innerhalb der Gesellschaft. Kultur selbst ist insofern ein umstrittenes Konzept347. Gehen vergangene Kulturtheorien von der Kultur als „in sich abgestimmten Gefüge eigener Ordnung“348 und als „geschlossenes Ensemble spezi? scher und unverwechselbarer Lebensformen“349 aus, dem ein Kanon geteilter Werte und Normen zugrunde liegt, so stellen gegenwär- 344 Preis, Human Rights as Cultural Practice: An Anthropological Critique, in: Human Rights Quarterly, 19 (1996), S. 289: „The contemporary globalization of economic, political, and social life has resulted in cultural penetration and overlapping, the coexistence in a given social space of several cultural traditions, and in a more vivid interpenetration of cultural experience and practice due to media and transportation technologies, travel, and tourism. In order to capture this more ? uid character of present-day relationships between center and peripheries and the realization that cultural ? ows are no longer territorially bounded, notions like “creolization”, “hybridity”, and “cultural complexity” have emerged in anthropological vocabulary.” 345 Weber, Pädagogik – Grundfragen und Grundbegriffe (Band I, Teil 3), S. 110. 346 Handwerker, Universal Human Rights and the Problem of Unbounded Cultural Meanings, in: American Anthropologist, Vol. 99, No. 4 (Dec., 1997), S. 806. Vgl. auch Merry, Human Rights and Gender Violence – Translating International Law into Local Justice, S. 15. 347 Merry, Changing rights, changing culture, in: Cowan/Dembour/Wilson (Hrsg.), Culture and Rights – Anthropological Perspectives, S. 42. 348 Kohl, Ethnologie – die Wissenschaft vom kulturell Fremden, 2. Au? age, S. 148. 349 Ebenda, S. 147. 93 tige Kulturtheorien die Annahme eines generellen innergesellschaftlichen Konsenses über Kultur in Frage. Im Zusammenhang mit dem Enkulturationsprozess wurde aufgezeigt, dass das Kultursystem aus einer Vielzahl an Mustern, d.h. an Übereinstimmungen über gesellschaftlich adäquate Verhaltensweisen und Meinungen, zusammengesetzt ist, die Ausdruck des gesellschaftlichen Normen- und Wertesystems sind. Gegenwärtige ethnologische Kulturtheorien erweitern dieses Erklärungsmuster, indem sie aufzeigen, dass das Verständnis des gesellschaftlich Adäquaten der Komplexität des gesellschaftlichen Normen- und Wertesystems entsprechend variabel und uneinheitlich ist. Diese Uneinheitlichkeit hat verschiedene Konsequenzen: Problematisch ist zum einen ein Auftreten „im Namen“ eines Kultursystems, d.h. das Formulieren von generellen Aussagen über das Kultursystem, das Erklären von Kulturmustern und das Wirken im Namen der Kultur. Die Uneinheitlichkeit des Kultursystems wirft die Frage auf, wer legitimiert ist, Aussagen über „das Kultursystem“ in seiner Gesamtheit zu formulieren („Who speaks for culture?“350) Wird ein solches Agieren im Namen der Kultur nur „internen Angehörigen“ des Kultursystems zugesprochen, so wird in einem holistischen Verständnis von einer Greifbarkeit, Einheitlichkeit und Fassbarkeit von Kultursystem und seinen Angehörigen ausgegangen, die dem gegenwärtigen Kulturkonzept widersprechen351. Die Offenheit, Komplexität, Umstrittenheit und ? ießende Natur von Kultursystemen und die Austauschprozesse zwischen Gesellschaften erschweren die Zuordnung von Kulturinternen und -externen, Angehörigen und Außenstehenden352. Ebenso problematisch wie die Frage, wer als „Vertreter“ eines Kultursystems auftreten kann, darf und soll, ist der Gegenstand der Aussage über das Kultursystem selbst – baut jede Aussage über Erscheinungsformen des Kultursystems doch notwendigerweise auf Generalisierungen auf, die nicht der Gesamtheit des innerkulturellen Meinungsspektrum entsprechen können. Kritisieren beispielsweise nigerianische Menschenrechtsaktivistinnen, die ihre Ausbildung im Ausland absolviert haben, die Behandlung, die in dör? ichen Gemeinschaften Witwen zukommt, als menschenrechtsverletzende Kulturpraxis, so entspricht diese Einschätzung nicht notwendigerweise 350 Merry, Human Rights and Gender Violence – Translating International Law into Local Justice, S. 16. 351 Eriksen re? ektiert in diesem Zusammenhang die besonderen Schwierigkeiten, die sich bei Kulturdialogen stellen und wirft die Frage auf, ob ein Kulturdialog nur auf einem holistischen Kulturkonzept aufbauen könne: „These assertions stand in a mechanical, external relationship to the basic view of cultures as bounded and unique. Cultures need to talk to each other, as it were, and tolerate but they remain bounded cultures nonetheless.”, Eriksen, A critique of the UNESCO concept of culture, in: Cowan/Dembour/Wilson (Hrsg.), Culture and Rights – Anthropological Perspectives, S. 134. 352 Merry, Human Rights and Gender Violence – Translating International Law into Local Justice, S. 16: „Is there a clear boundary between who is inside and outside a culture? In practice, these boundaries are ? uid and shifting. Is a person born in one country who has been educated and works in another country an insider in the nation of his or her birth? Does the person born in one country who has spent her life living in another have less right to speak in her adopted country? The boundaries around cultures are never clear and unambiguous.” 94 der Meinung aller Betroffenen353. Aussagen über Kultursysteme sind insofern auf ihre Urheberschaft zu hinterfragen, wobei erneut der Urheber als Einzelperson, dessen individualistische und schematische Dimension, in den Fokus der Betrachtung zu rücken ist. Die Kultur entzieht sich als Allgemeinbegriff aufgrund dieser Dynamik der eindeutigen De? nierbarkeit, der quantitativ messbaren Vereinheitlichung und der räumlichen Abgrenzbarkeit354. Hat das Fehlen einer statischen Dimension der Kultur somit zur Folge, dass Kultursysteme in ihrer Gesamtheit schwer greifbar und einer Vereinheitlichung zu unterwerfen sind, so hat diese Dynamik zudem zur Folge, dass Kultursysteme wandelbar sind. Ein zentrales weiteres Kennzeichen von Kultur ist angesichts ihrer Offenheit und Wandelbarkeit die aktive Gestaltbarkeit von Kulturkonzepten und -praktiken355. Grundlegend ist die produktive, erschaffende, kreative Komponente, mit der Menschen auf Gemeinschaft, Lokalität und kulturelle Identität einwirken können. Staatliche, politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Institutionen wurden als Kulturquellen aufgezeigt. Kultur ist insofern in Machtstrukturen und Hegemoniekonzeptionen eingegliedert und in gleichem Umfang verhandelbar und konstruierbar wie jene Instituionalisierungsformen selbst356. Kultursysteme sind nicht statisch, sondern „produzierbar“ und angesichts ihrer Offenheit einer Aktualisierung zugänglich. Es kann festgehalten werden: Gegenwärtige ethnologische Kulturtheorien widerlegen den „Mythos von kultureller Homogenität“357, indem sie den Kulturbegriff einer Dekonstruktion unterwerfen. Kultur ist keine integrative, in sich harmonische, konsensuale und eingrenzbare Einheit, sondern fragmentarisch. Kultursysteme sind in ihrer Abhängigkeit von Institutionalisierungsformen der Gesellschaft historisch produziert und daher zukünftig gestaltbar und wandlungsfähig. Kultursysteme sind lokalen, nationalen und internationalen Veränderungsprozessen ausgesetzt und deshalb offen, unbegrenzt und angesichts ihres Pluralismus innergesellschaftlich umstritten. 353 Ebenda, S. 18. 354 Preis, Human Rights as Cultural Practice: An Anthropological Critique, in: Human Rights Quarterly, 19 (1996), S. 294. 355 Merry, Human Rights Law and the Demonization of Culture (And Anthropology Along the Way), in: Political and Legal Anthropology Review 26/1 (May 2003), S. 67. 356 „This conception emphasizes the active making of culture, society, and institutions and the grounding of this action in speci? c places and moments. Cultures consist not only of beliefs and values but also practices, habits, and commonsensical ways of doing things. They include institutional arrangements, political structures, and legal regulations. As institutions such as laws and policing change so do beliefs, values, and practices. Cultures are not homogeneous and ‘pure’, but produced through hybridization or creolization. The way culture is conceptualized determines how social change is imagined. If culture is ? xed and unchanging, it is simply a barrier that needs to be removed through education. If culture is a set of practices and meanings shaped by institutional contexts, it is both malleable and embedded in structures of power.”, so Merry, Human Rights and Gender Violence – Translating International Law into Local Justice, S. 15. 357 Hoekema, European Legal Encounters between Minority and Majority Culture: Cases of Interlegality, in: Woodman (Hrsg.), The Journal of Legal Pluralism and Unof? cial Law, Nr. 51, 2005, S. 25. 95 4. Recht im Spannungsfeld Im Zusammenspiel der Größen Individuum, Gesellschaft, Kultur und Staat erfüllt das Recht die Funktion, als normative Dimension gesellschaftlicher Organisation zu dienen. Recht konstituiert das System sozialer Kontrolle358 innerhalb einer Gesellschaft und ist insofern Mittel zur Aufrechterhaltung von Ordnung in menschlichen Gesellschaften. Fungiert das Kultursystem im Allgemeinen als gesellschaftliches Organisationssystem, so ist das Rechtssystem spezi? scher Bestandteil dieses Organisationssystems. Es wurde aufgezeigt, dass das Rechtssystem als eine sicht- und messbare Erscheinungsform des Kultursystems verstanden werden kann, auf das der Staat durch die Rechtsetzung und die Errichtung eines staatlichen Gerichtssystems unmittelbaren Ein? uss ausübt; ein Einwirken, das Erscheinungsformen des nicht sichtbaren Kultursystems, d.h. moralische Verhaltensmuster, Wertvorstellungen und Sinnhorizonte, prägt. Aus der Perspektive des Kultursystems kann Recht, weil es eine Ausdruckform der Kultur ist, als analytisches Konzept für die Betrachtung der Kultur herangezogen werden. Bislang nicht thematisiert sind die Wechselbeziehungen von Individuum, Gesellschaft, Kultur, Staat und Recht aus der Perspektive des Rechtssystems, was insbesondere die Fragen aufwirft, welche Ein? ussgrößen neben dem Staat auf die Rechtsverfassung einer Gesellschaft einwirken, was also aus ethnologischer Sicht als „Recht“ erkannt wird und welche Kennzeichen diese Rechtsformen in der Wechselbeziehung zu Individuum, Gesellschaft, Kultur und Staat aufweisen. a) Inhalte des Rechtskonzepts – Rechtspluralismus Die gegenwärtige ethnologische Forschung versteht unter „Recht“ die Gesamtheit an objektivierten kognitiven und normativen Konzeptionen, d.h. an Regeln, Prinzipien, Kategorien, Standards, Begrif? ichkeiten und Bedeutungsinhalten, deren Geltung für einen bestimmten sozialen Verband autoritativ festgestellt und erklärt wird359. Kognitive Konzeptionen bauen auf der Beschreibung und der Erklärung des sozialen Ist- Zustands auf, währenddessen normative Konzeptionen Soll-, Darf- und Muss-Zustände vorschreiben360. Durch die Etablierung derartiger Rechtskonzeptionen werden die soziale und die natürliche Umwelt des Menschen (Personengruppen, Organisationen, natürliche Ressourcen, soziale Beziehungsge? echte, Verhaltensformen und Vorkommnisse) in rechtlich bedeutungsvolle Kategorien eingeordnet und dadurch in einem rechtlichen Sinne originär konstituiert und konstruiert. Diese Konstituierung und Kon- 358 Rouland, L’Anthropologie Juridique, S. 7. 359 Benda-Beckmann, F. von und K. von, The Dynamics of Change and Continuity in Plural Legal Orders, in: Woodman (Hrsg.), The Journal of Legal Pluralism and Unof? cial Law, Nr. 53 – 54, 2006, S. 12 f.: „We consider law the summary indication of those objecti? ed cognitive and normative conceptions (that is rules, principles, categories, concepts, standards, notions, schemes of meaning, P.W.) for which validity for a certain social formation is authoritatively asserted.“ 360 Ebenda. 96 struktion wird in Gestalt von Aussagen über Gültigkeiten, Zulässigkeiten und Sanktionsmechanismen sichtbar361. Im Konkreten sind verschiedene Ausdrucksformen von Recht zu unterscheiden: In seiner institutionalisierten Variante beinhaltet Recht einen Katalog allgemeingültiger Regeln und Prinzipien, anhand derer – im Sinne eines Wenn-Dann-Schemas – festgelegt wird, aus welchen vorab typi? zierten Situationen welche vorab typi? zierten Konsequenzen resultieren. In seiner nicht-institutionalisierten Variante ist Recht Gegenstand ideologischer Forderungen oder ideologischer Darstellungsweisen, d.h. Medium für die Manifestation einer Weltanschauung oder eines Systems von Wertvorstellungen. Diese nicht-institutionalisierte Dimension des Rechts wird im Rahmen der Konkretisierung des institutionalisierten Rechts sichtbar: Erst im Rahmen der Anwendung des institutionalisierten Rechts auf einen konkreten Problemkomplex und auf ein soziales Beziehungsge? echt wird einer zunächst rein sozialen Beziehung Rechtsstatus, rechtliche Bedeutung und rechtliche Relevanz beigemessen, aus dem (im Sinne des Wenn-Dann-Schemas) rechtsrelevante Konsequenzen resultieren. Der Schritt der Konkretisierung eines zunächst rein sozialen Lebenskomplexes in einen rechtlich relevanten Komplex ist interpretatorisch und in dieser Interpretierbarkeit offen für die ideologische, d.h. wertende Dimension von Recht362. Recht ist in diesem Verständnis ein Allgemeinbegriff, der eine Vielfalt sozialer Phänomene (Konzepte, Regeln, Prinzipien, Regularien) auf verschiedenen Ebenen der sozialen Organisation umfasst363. Aus einer funktionellen Perspektive de? niert, dient Recht der innergesellschaftlichen Kohärenz und sozialen Interaktion als Ordnungsrahmen, in dem Rechtsp? ichten und -verbote den Einzelne zu Aktion und Interaktion aufrufen oder von Aktion und Interaktion abhalten364. Bei der Konstituierung des Rechtsbegriffs nimmt die Ethnologie demnach keine Trennung von Recht und sozialem Kontext vor, sondern erkennt Recht als einen Teil der allgemeinen sozialen Praxis innerhalb eines sozialen Milieus. Recht ist eingebettet in einen sozialen Kontext, in eine Gesellschaft365. Der ethnologische Rechtsbegriff wird aus der Beschaffenheit des sozialen Kontextes, des sozialen Milieus, abgeleitet und setzt sich aus den verschiede- 361 Benda-Beckmann, F. von und K. von, The Dynamics of Change and Continuity in Plural Legal Orders, in: Woodman (Hrsg.), The Journal of Legal Pluralism and Unof? cial Law, Nr. 53 – 54, 2006, S. 12, S. 13: „Through legal conceptions elements of the social and natural world (persons, organisations, natural resources, social relationships, behaviour, occurrences) are constituted and constructed as meaningful categories, evaluated in terms of permissibility and/or validity, and given relevance by attaching consequences (sanctions) to such evaluations.” 362 So nähme beispielsweise der ideologische Bedeutungsgehalt von immateriellen Gütern wie Denkmälern erst durch die Zuweisung eines Rechtsstatus Gestalt an. 363 Benda-Beckmann, F von. und K. von, The Dynamics of Change and Continuity in Plural Legal Orders, in: Woodman (Hrsg.), The Journal of Legal Pluralism and Unof? cial Law, Nr. 53 – 54, 2006, S. 13, S. 24. 364 Rouland, Aux con? ns du droit, S. 138 : „Le droit, à travers la diversité des expériences qu’en ont faites les sociétés humaines, serait ce que chaque société, ou certains de ses groupes considèrent comme indispensable à sa cohérence et à sa réproduction.“ 365 Moore, Enforceable Rules Inside and Outside the Formal Law – General Introduction, in: Moore (Hrsg.), Law and Anthropology – A Reader, S. 245. 97 nen Arten von institutionalisierten Wenn-Dann-Schemata zusammen, die innerhalb des sozialen Milieus als Ordnungsmuster existieren366. Von diesem Rechtsbegriff ausgehend, ist ein „Rechtssystem“ im ethnologischen Verständnis ein Korpus an rechtlichen Regeln und Vorschriften, das von einer Gruppe sozialer Akteure als normative Ordnung konzipiert wird und das (nicht notwendigerweise) den Anspruch erhebt, auf interner Systematisierung und Kohärenz aufzubauen. Diese normativen Ordnungen stellen materielle und häu? g prozedurale Regeln und Prinzipien für das Funktionieren und die Kontrolle sozialer, wirtschaftlicher oder politischer Organisationen zur Verfügung. Oftmals werden Personen oder Organisationen legitimiert, auf autoritative Weise Problemlösungen zu erarbeiten, die auf dem Regelwerk der normativen Ordnung aufbauen und die für einen bestimmten sozialen Verband Verbindlichkeit entfalten367. Rechtsbegriff und Rechtssystem konstituieren sich aus der Praxis sozialer Verbände, was verdeutlicht, dass die Ethnologie eine Dichotomie von Recht und Gesellschaft ablehnt, diese beiden Größen vielmehr als Einheit betrachtet („law and society“368). Sind Rechtsinhalte und -systeme somit aus der Perspektive der Gesellschaft festzulegen, so ist zur Beschaffenheit der Gesellschaft das zu wiederholen, was zum Spannungsfeld, in dem Individuum und Gesellschaft stehen, erarbeitet wurde: Gesellschaften setzen sich aus einer Vielzahl von sozialen Verbänden – politischen Verbänden, Religionsgruppen, Altersgruppen, Sprachgruppen, Abstammungsgruppen, etc. – zusammen369. Diese Vielheit von ethnischen und interethnischen Verbänden innerhalb einer Gesellschaft wird durch die migrations- und globalisierungsbedingte Öffnung und Durchmischung von Nationalstaaten und Gesellschaften intensiviert. Infolge dessen existieren auf lokaler, regionaler und globaler Ebene eine Vielzahl an sozialen Netzwerken und Verbänden nebeneinander und konstituieren in unterschiedlicher Ausprägung für die Mitglieder des spezi? schen sozialen Verbandes verbindliche Steuerungssysteme, „regimes of governance“370, die nach Maßgabe des ethnologischen Begriffsverständnisses als Rechtssysteme perzipiert werden371. Neben der Zugehörigkeit zu einem Nationalstaat ist der Einzelne gleichzeitig Mitglied verschiedener nicht-staatlicher 366 Vgl. die Ausführungen zum Recht als soziale Praxis in: Goodale, Introduction to „Anthropology and Human Rights in a New Key“, in: American Anthropologist, Vol. 108, No. 1 (March 2006), S. 4. 367 Benda-Beckmann, F. von und K. von, The Dynamics of Change and Continuity in Plural Legal Orders, in: Woodman (Hrsg.), The Journal of Legal Pluralism and Unof? cial Law, Nr. 53 – 54, 2006, S. 18. 368 Moore, Enforceable Rules Inside and Outside the Formal Law – General Introduction, in: Moore (Hrsg.), Law and Anthropology – A Reader, S. 246. 369 Hoekema, European Legal Encounters between Minority and Majority Culture: Cases of Interlegality, in: Woodman (Hrsg.), The Journal of Legal Pluralism and Unof? cial Law, Nr. 51, 2005, S. 8, S. 9. 370 Benda-Beckmann, F. von und K. von/Grif? th, Mobile People, Mobile Law: An Introduction, in: Benda-Beckmann, F. von und K. von/Grif? th, A. (Hrsg.), Mobile People, Mobile Law, S. 1. 371 Rouland, Aux con? ns du droit, S. 72. 98 Gemeinschaften („distinct sub-state communities“372), die institutionalisierte Regelsysteme zur Lösung interner Kon? ikte bereitstellen, anhand derer sich der nicht-institutionalisierte, d.h. ideologische Rechtsgehalt (Weltanschauung und Wertvorstellungen), den eine soziale Gruppe teilt, ableiten lässt. Derart abgeleitet, existiert Recht in geschriebener und ungeschriebener Form373. Das staatliche Gesetzesrecht, bestehend aus national und international verankertem Recht, konstituiert ein Rechtssystem, neben dem nicht-staatliche normative Systeme als sog. unter-staatliche Rechtssysteme, „ordres juridiques infra-étatiques“374, parallel existieren. Dieses Nebeneinander setzt sich zusammen aus religiösen Rechte- und P? ichtenkanones (Bsp. Islamisches Recht bzw. Kanonisches Recht der römisch-katholischen Kirche), nicht-of? ziellem, in die Gegenwart tradiertem Gewohnheitsrecht und sozialen Verhaltenskodizes gesellschaftlicher Gruppen (Berufsgruppen, Familien, Freizeitvereinigungen, Sportvereine, etc.375), deren Einhaltung durch sozialen Druck eingefordert werden376. Begründen insbesondere staatliche und religiöse Rechtssysteme konkret benennbare, „große Rechtskategorien“, die größtenteils in Schriftform vorliegen, so zählen zahlreiche sozial verankerte Rechtsregeln und Sanktionsmechanismen, die keinem dieser großen Systeme zugeordnet werden können, zum System des sog. „namenlosen Rechts“377. Wurden im Rahmen der Ausführungen zu Kulturinhalten moralische Verhaltensmuster und soziale Normen, Wertvorstellungen und Sinnhorizonte zu den nicht sichtbaren Erscheinungsformen des Kultursystems gezählt, so sind diese bei Vorliegen einer normativen, regulativen Dimension Bestandteile des weiten ethnologischen Rechtsbegriffs. Diese Vielheit an Rechtssystemen wird in staatlich institutionalisierten formellen Gerichtsinstanzen oder im Rahmen informeller, außerhalb staatlicher Gerichte praktizierter Verfahren zur Streitbeilegung durchgesetzt. Bei einem Fehlen formaler Gerichtsinstanzen zur Durchsetzung von Recht existiert eine umfassende (von Gespräch bis Gewalt reichende) Bandbreite an Kon? iktlösungsmechanismen378. In den verschiedenen Verfahren zur Streitbeilegung werden unterschiedliche Rechtspraktiken und Bräuche sichtbar, die über die Bedeutung von geschriebenen und unge- 372 Hoekema, European Legal Encounters between Minority and Majority Culture: Cases of Interlegality, in: Woodman (Hrsg.), The Journal of Legal Pluralism and Unof? cial Law, Nr. 51, 2005, S. 25, S. 9. 373 Vgl. zum Inhalt des ethnologischen Rechtsbegriffs: Benda-Beckmann, F. von, Rechtsethnologie, in: Fischer/Beer (Hrsg.), Ethnologie, 5. Au? age, S. 179. 374 Rouland, Aux con? ns du droit, S. 135. 375 Diesem Verständnis nach begründen auch die Verhaltenskodices, die in der organisierten Kriminalität, wie beispielsweise in Ma? aorganisationen, vorherrschen, normative – insofern rechtliche – Systeme. 376 Moore, Enforceable Rules Inside and Outside the Formal Law – General Introduction, in: Moore (Hrsg.), Law and Anthropology – A Reader, S. 246, S. 247. 377 Benda-Beckmann, F. von und K. von, State, Religion and Legal Pluralism: Changing Constellations in West Sumatra (Minangkabau) and Comparative Issues (Max Planck Institute for Social Anthropology Working Paper No. 19, 2001), S. 3. 378 Kokot, W., „Forensische Ethnologie“ – Zum Themenschwerpunkt dieser Ausgabe, in: Institut für Ethnologie der Universität Hamburg (Hrsg.), ETHNOSCRIPTS Jahrgang 2, Heft 2, S. 1. 99 schriebenen Rechtsregeln und die Gewichtung sozialer, religiöser, gewohnheitsrechtlicher und staatlicher Rechtsnormen Aufschluss geben379. Zur Verdeutlichung: Der Einzelne kann in ein Ge? echt an Rechten und P? ichten eingebunden sein, das sich neben seiner Eigenschaft als Staatsbürger auch aus seiner Eigenschaft als gläubiger Muslim, als Arbeitnehmer, als Ehemann, als Mitglied eines Fußballvereins, etc. zusammensetzt, wobei die Einhaltung der aus diesen Eigenschaften resultierenden P? ichtenprogrammen in unterschiedlichen Institutionalisierungsformen durchgesetzt wird. Resultat hiervon ist, dass jeder Mensch (auf unausweichliche Weise) einer rechtlichen Mehrfachkontrolle ausgesetzt ist380. Die Ethnologie diskutiert diese Vielheit von Rechtssystemen und Rechtsdurchsetzungsmechanismen seit den 1970er Jahren unter dem Begriff des „Rechtspluralismus”381: „The concept of legal pluralism draws attention to the possibility that within the same social order, or social or geographical space, more than one body of law, pertaining to more or less the same set of activities, may co-exist. Rules and principles generated and used by the state organisation appear as one variation besides law generated and maintained by other organisations and authorities with different legitimations such as religion or tradition.”382 Das Konzept des Rechtspluralismus formuliert keine Aussagen über das tatsächliche Parallelbestehen von normativen Systemen innerhalb eines Staates, sondern deckt die theoretische, empirisch erforschbare Möglichkeit auf, dass innerhalb einer sozialen Ordnung, innerhalb einer politischen Einheit und innerhalb eines geographisch abgrenzbaren Raums eine „Multiplizität“383 an Rechtssystemen ko-existiert, die auf denselben Lebenssachverhalt Anwendung ? nden. Das staatlich gesetzte und durchgesetzte Rechtssystem begründet die Variante von „of? ziellem Recht“, das um die Dimensionen des „nicht-of? ziellen, versteckten Rechts“ zu ergänzen ist („droits of? ciels/droits of? cieux (cachés)“384). Der rechtsplu- 379 Rouland, L’Anthropologie Juridique, S. 7. 380 Rouland, Aux con? ns du droit, S. 135 f.: „(…) Plus encore que la constatation de la pluralité des ordres juridiques compte celle de leur interaction: ces ordres ne sont pas des monades. Ils s’enchevêtrent dans le fonctionnement concret des divers systèmes de régulation. (…) C’est à partir de cette interaction que peut s’élaborer un double contrôle. Celui de l’État sur les ordres infra-juridiques, qu’il tolère, encourage ou combat.“ 381 Benda-Beckmann, F. von, Rechtsethnologie, in: Fischer/Beer (Hrsg.), Ethnologie, 5. Au? age, S. 180. Neben der Erforschung des Rechtspluralismus in ehemaligen Kolonialstaaten, in denen das ehemals kolonialstaatlich gesetzte Recht im offensichtlichen Nebeneinander zum lokal verankerten Gewohnheitsrecht steht, konzentriert sich die gegenwärtige ethnologische Forschung auch auf den Rechtspluralismus in westlichen Industriestaaten. Vgl. hierzu: Benda-Beckmann, F. von, Rechtspluralismus – Wissenschaftliche und politische Herausforderungen, in: Institut für Ethnologie der Universität Hamburg (Hrsg.), ETHNOSCRIPTS Jahrgang 2, Heft 2, S. 45. 382 Benda-Beckmann, F. von und K. von, The Dynamics of Change and Continuity in Plural Legal Orders, in: Woodman (Hrsg.), The Journal of Legal Pluralism and Unof? cial Law, Nr. 53 – 54, 2006, S. 14; S. 17. 383 Moore, Enforceable Rules Inside and Outside the Formal Law – General Introduction, in: Moore (Hrsg.), Law and Anthropology – A Reader, S. 247. 384 Rouland, Aux con? ns du droit, S. 149. Vgl. zu den pluralistischen Rechtsquellen auch: Renteln, The Cultural Defense, S. 14. 100 ralistische Rechtsbegriff hebt dadurch die Gleichschaltung von staatlichem Gesetz und Recht auf385. Nicht-staatliche Rechtsetzungs- und Rechtsdurchsetzungsorgane konstituieren, aufbauend auf der Religion oder der Tradition als Legitimationsgrundlage, parallel existierende normative Systeme, die den Anspruch erheben, Teilaspekte der gesellschaftlichen Organisation zu regeln und die innerhalb von Verbänden als rechtlich, d.h. vorschreibend und verbindlich, angesehen und anerkannt werden. Der Rechtspluralismus deckt insofern die Variabilität von Recht hinsichtlich der Struktur, der Form, des Inhalts und der Signi? kanz im sozialen Leben auf. Die Vielheit von Recht hat neben einer nationalen auch eine globale Dimension. Der Begriff des „globalen Rechtspluralismus“386 weist auf das Nebeneinander von lokal, national und international verankertem Recht hin, wobei diese verschiedenen Ebenen ihrerseits pluralistisch, d.h. von einem Nebeneinander von staatlichen, religi- ösen und gewohnheitsrechtlichen Rechtssystemen geprägt sind387. Global betrachtet ist Recht daher das vielschichtige Zusammenspiel dieser verschiedenen Recht erzeugenden und durchsetzenden Ebenen (Recht als “(…) multi-layered amalgam of United Nations resolutions, national law, and local categories and customs.”388) Auf keiner dieser Ebenen sind Rechtsetzung und Rechtdurchsetzung aus ethnologischer Sicht ausschließlich an den Staat und dessen Institutionalisierung von Rechtsetzung und gerichtlicher Rechtsdurchsetzung gekoppelt, sondern entsprechen in ihrer pluralistischen Beschaffenheit der pluralistischen Beschaffenheit der sozialen Wirklichkeit. Neben dem politisch organisierten Willen des Volkes, dienen unter anderem göttliche Offenbarung, tradierte Überlieferungen oder Gewohnheiten als Geltungsgrund für Recht, dessen Inhalt von – innerhalb des sozialen Verbands – legitimierten Instanzen autoritativ erklärt und durchgesetzt wird. b) Kennzeichen des Rechtskonzepts Geht die Ethnologie von einer Pluralität von Rechtssystemen mit unterschiedlicher Legitimationsgrundlage innerhalb eines sozialen Verbands aus, so kennzeichnen die Wechselbeziehungen, in denen diese Systeme zueinander stehen, die Beschaffenheit des ethnologischen Rechtskonzepts. Die einzelnen Rechtssysteme sind keine voneinander isolierbaren Einheiten, sondern stehen im interdependenten Spannungsfeld. Wechselseitige Beein? ussung und Durchdringung von Rechtssystemen mit unterschiedlichem Geltungsgrund begründen innerhalb eines sozialen Verbands eine Form 385 „Le pluralisme juridique met l’accent sur un phénomène d’occultation du droit, auquel excellent les sociétés modernes : Seul existerait le droit of? ciel, celui de l’Etat, postulat inspirer la fameuse équitation droit = loi.“, so Rouland, Anthropologie juridique (1988), S. 74. 386 Snyder, Governing Economic Globalization: Global Legal Pluralism and European Law, in: Moore (Hrsg.), Law and Anthropology – A Reader, S. 318. 387 Merry, Human Rights and Global Legal Pluralism: Reciprocity and Disjuncture, in: Benda- Beckmann, F. von und K. von/Grif? th, A. (Hrsg.), Mobile People, Mobile Law, S. 215. 388 Merry, Legal Pluralism and Transnational Culture: The Ka Ho’Okolokolonui Kanaka Maoli Tribunal, Hawai’I, 1993, in: Wilson (Hrsg.), Human Rights, Culture and Context – Anthropological Perspectives, S. 29. 101 von „Interlegalität“389, d.h. ein Verständnis von Rechtmäßigkeit, das auf dem Zusammenspiel einer Vielzahl normativer Ordnungen aufbaut. Diese Interlegalität wirkt sich auf den verschiedenen Ebenenen des Rechtspluralismus aus: Aus der Perspektive des staatlichen Gesetzesrechts betrachtet, wurde bereits im Zusammenhang mit dem Inhalt des Kultursystems ausgeführt, dass das staatliche Recht eine Sozialpraxis und sichtbare Ausdrucksform des Kultursystems ist und durch die im Rahmen der staatlichen Rechtsetzung und -durchsetzung erfolgende „Legalisierung von Kultur“ nicht sichtbare Kulturwerte (wie moralische Verhaltensmuster, soziale Normen, Wertvorstellungen und Sinnhorizonte) entscheidend prägt. Das staatliche Gesetzesrecht begründet eine dominante Variante von artikuliertem Wertestandard390 und vermag, nicht-staatliche normative Systeme und Wertestandards zu durchdringen und zu beein? ussen391. Die Ausgestaltung des staatlichen Rechts und das Verhalten von sozialen und ethnischen Minderheiten, basierend auf einem System nicht-staatlicher Normativität, stehen im Spannungsfeld. Das staatliche Recht schafft in unterschiedlicher Intensität gegenüber ethnischen und sozialen Gruppen rechtlichen Druck zur Assimilation an Wertestandards der Mehrheit oder der dominierenden Gruppe392. Ein weiteres Indiz für die dynamische Wechselbeziehung zwischen Ideologien, staatlichem und nicht-staatlichem Recht ist, dass Wertungen von inhaltlich gewandeltem Gesetzesrechts, nach einer Änderung des positiven Rechts, in Form von Gewohnheitsrecht fortbestehen können (am Beispiel des wiedervereinigten Deutschlands: „(…) (E)arlier state law no longer of? cially valid may turn out to have been appropriated by the East German population and become their ‘customary’ law in a process 389 Hoekema, European Legal Encounters between Minority and Majority Culture: Cases of Interlegality, in: Woodman (Hrsg.), The Journal of Legal Pluralism and Unof? cial Law, Nr. 51, 2005, S. 11. 390 Neuhaus, Rechtspluralismus in Papua-Neuguinea, in: Institut für Ethnologie der Universität Hamburg (Hrsg.), ETHNOSCRIPTS Jahrgang 2, Heft 2, S. 73. 391 Shweder u.a. (Hrsg.), Engaging Cultural Differences, Introduction, S. 12: „More important than any of these variations (in the implementation and universal enforcement of formal laws, P.W.) is the fact that any liberal constitutional arrangement does inevitably take a position on the relationships between religion and state, public and private, individual and group, thereby setting highly particular stages for enacting con? icts and negotiations of cultural differences. As a result, constitutional and legal frameworks affect the room available for expressing and maintaining cultural differences, while also arranging how con? icts between mainstream and minority groups will be identi? es, addressed and resolved.” 392 Shweder u.a. (Hrsg.), Engaging Cultural Differences, Introduction, S. 12: „Thus, most fundamentally, legal systems differ in the extent to which they try to curb, or instead, try to intensify the imposition and inculcation of the substantives beliefs and values of a particular cultural group, whether majority or simply dominant. These differences in legal pressure to assimilate profoundly shape the experiences of cultural minorities, and must be taken into account to understand both processes of conformity and the reasons for resistance to mainstream cultural beliefs and practices. Understanding the relation between these stances and the treatment of particular groups and con? icts requires attention to history but also to the dynamic interaction between groups, ideologies, and formal and informal norms.” 102 in which they distinguish themselves from their West German co-citizens.”393) Neben dieser nationalstaatlichen Ebene betrifft Interlegalität im Sinne einer gegenseitigen Durchdringung von Rechtssystemen die globale Ebene, auf der sich der Rechtspluralismus abspielt. Internationales Gesetzesrecht beein? usst auf unterschiedliche Weise nationalstaatliche Rechtsordnungen und prägt dadurch mittelbar das nicht sichtbare Kultursystem und nicht-gesetzliche normative Systeme auf lokaler Ebene394. Die Durchdringung normativer Systeme ist jedoch insofern wechselseitig, als dass auch nicht-staatliche normative Systeme die Ausgestaltung und Anwendung des Gesetzesrecht und des judiziären Verfahrens prägen. Diese Durchdringung „from the bottom up“ ist vielgestaltig und wird maßgeblich sichtbar, wenn die Rechtsanwendung Wertungsfragen aufwirft und dadurch die Manifestation einer Weltanschauung oder eines Systems von Wertvorstellungen, also das Bekenntnis zu einem System nichtstaatlich determinierter Normativität und sozialer Repräsentation, voraussetzt. Dies ist beispielsweise im Rahmen der Auslegung von unbestimmten Rechtsbegriffen, im Rahmen von Angemessenheitsprüfungen oder im Rahmen der Festlegung von Regelungszwecken der Fall. Besonders augenscheinlich wird die Pluralität normativer Systeme und deren gegenseitige Beein? ussung innerhalb einer rechtlichen Ordnung am Beispiel der migrationsbedingten Mehrheiten-Minderheiten-Problematik, wenn innerhalb eines gerichtlichen Verfahrens von der Rechtskultur der Mehrheit unter expliziter Bezugnahme auf ein minoritäres normatives System abgewichen wird und diese sich dadurch gegenüber fremden normativen Systemen und deren inhärenten Logiken öffnet395. Eine mögliche Konsequenz der Interlegalität von Rechtssystemen ist somit, dass die Elemente eines Rechtssystems unter dem Ein? uss eines anderen Rechtssystem einem Wandel unterworfen werden, wodurch neue, hybride oder synkritische Rechtsformen entstehen, in staatlichen Gerichtsverfahren oder nicht-staatlichen gerichts- ähnlichen Verfahren institutionalisiert werden und dadurch andere Rechtsformen überholen, ersetzen oder neben diesen existieren. Diese Rechtsverschmelzung und 393 Vgl. ausführlich die Forschung zum west- und ostdeutschen Familienkonzept in: Thelen, Law and Mutual Assistance in Families: A Comparison of Socialist Legacies in Hungary and Eastern Germany, in: Woodman (Hrsg.), The Journal of Legal Pluralism and Unof? cial Law, Nr. 53 – 54, 2006, S. 177–209; zusammengefasst in: Benda-Beckmann, F. von und K. von, The Dynamics of Change and Continuity in Plural Legal Orders, ebenda, S. 20. 394 Die Wechselbeziehung von nationalem und internationalem Recht wird im 3. Teil der Dissertation ausführlich diskutiert. 395 Hoekema, European Legal Encounters between Minority and Majority Culture: Cases of Interlegality, in: Woodman (Hrsg.), The Journal of Legal Pluralism and Unof? cial Law, Nr. 51, 2005, S. 2, S. 6. Hoekema exempli? ziert diese Durchdringung: Ein Marokkaner, der seit 17 Jahren in Holland lebt, lässt sich von seiner aus Holland stammenden Frau scheiden und heiratet eine Frau marokkanischen Ursprungs, die er nach lokalen marokkanischen Sitten zur Hochzeit mit Schmuck ausstattet. Weil er sich dadurch verschuldet, ist er zur Unterhaltszahlung an die Kinder der ersten Ehe nicht in der Lage. Die Berücksichtigung marokkanischer Ehe-Sitten wird beim Streit um die Höhe seiner Unterhaltsp? icht zum Beschäftigungsgegenstand der staatlichen Gerichte. 103 Rechtsanpassung ist Ausdruck einer „Rechtsakkulturation“396: Die Koexistenz von Rechtssystemen bedingt deren gegenseitige Durchmischung und dadurch mittelbar die Transformation von Recht; eine Transformation, die, ist der Prozess der durch Interlegalität provozierten gegenseitigen Durchmischung von Rechtssystemen nicht offengelegt, nicht nach einem uniformen Muster, sondern vielmehr ungleichförmig verläuft. Eine Folge der fehlenden Transparenz von Interlegalität kann das Parallelbestehen verschiedener Versionen normativer Systeme, staatlich-gesetzlicher, religiöser und gewohnheitsrechtlicher Art, sein397. Der so skizzierte Überschneidungs- und Transformationsprozess kehrt ein produktives Element des interdependenten Spannungsfeldes, in dem die normativen Ordnungen stehen, hervor. Normative Systeme beein? ussen einander und füllen sich in dieser Beein? ussung auf dynamische Weise gegenseitig inhaltlich aus398. Der Begriff der Interlegalität erfasst somit einen Prozess gegenseitiger Durchdringung und Vermischung und zugleich das Ergebnis dieses Prozesses, die Entstehung hybrider und dynamischer Rechtssysteme399. Die derart zum Ausdruck kommende Produktivität ist nur eine mögliche Konsequenz der Überschneidungs- und Durchdringungssituationen von Rechtssystemen. Aus jener gegenseitigen Durchdringung können, wenn ein sozialer Lebenssachverhalt in den Regelungsrahmen mehrerer normativer Systeme fällt, Kon? ikte zwischen Rechtssystemen entstehen. Dies ist dann der Fall, wenn die verschiedenen Rechtssysteme bei der rechtlich relevanten Subsumption eines identischen sozialen Sachverhalts zu unterschiedlichen handlungsrelevanten Ergebnissen kommen: Während das staatliche Recht die Zuweisung von Rechtspositionen beispielsweise nicht an die soziale oder ethnische Herkunft oder an die religiöse Zugehörigkeit des Rechtsinhabers, sondern an abstrakte Gleichheitsprinzipien oder die Staatsangehörigkeit koppelt, können Rechtssysteme, die auf Gewohnheitsrecht oder religiösem Recht aufbauen, in einem gegensätzlichen Sinne jene Herkunft oder Zugehörigkeit zur Vorbedingung für die Rechtsinhaberschaft des Einzelnen machen400. Das Nebeneinander von Rechtssystemen bringt insofern eine Heterogenität, d.h. Verschiedenartigkeit von Rechtskonzepten und Regelungsinhalten, mit sich. Indem nicht-staatliche Rechtssysteme zudem nicht zwangsläu? g den Anspruch erheben, auf innerer Kohärenz aufzubauen, sondern 396 Vgl. zur „Acculturation juridique” u.a. am Beispiel der Durchmischung von traditionellem und kolonial-staatlichem Recht die Ausführungen von Rouland, Anthropologie juridique (1988), S. 337 ff. 397 Benda-Beckmann, F. von und K. von, The Dynamics of Change and Continuity in Plural Legal Orders, in: Woodman (Hrsg.), The Journal of Legal Pluralism and Unof? cial Law, Nr. 53 – 54, 2006, S. 18 f. 398 Rouland, Aux con? ns des droits, S. 149 ff. 399 Hoekema, European Legal Encounters between Minority and Majority Culture: Cases of Interlegality, in: Woodman (Hrsg.), The Journal of Legal Pluralism and Unof? cial Law, Nr. 51, 2005, S. 11. 400 Benda-Beckmann, F. von und K. von, State, Religion and Legal Pluralism: Changing Constellations in West Sumatra (Minangkabau) and Comparative Issues (Max Planck Institute for Social Anthropology Working Paper No. 19, 2001), S. 4. 104 vielmehr in sich pluralistisch gestaltet sind, hat dies zur Folge, dass der zwischen den Rechtssystemen bestehende Pluralismus von einem systeminternen Pluralismus begleitet wird, der bei gleichzeitiger Regelung von sozialen Sachverhalten durch verschiedenartige Normen rechtssysteminterne Kon? ikte provozieren kann401. Das Individuum kann durch die Heterogenität der Rechtssysteme bei einem Divergieren der Regelungsinhalte in eine „durch Bilateralität der Referenzen geprägte ‚Zwischenwelt’, die sich durch eine kon? iktuelle Ambivalenz zwischen staatlicher Legalität und sozio-kultureller Legitimität auszeichnet“402, versetzt werden. Eine Variante der Kon? iktlösung ist, aus der Perspektive des Individuums betrachtet, das Entstehen sog. „semiautonomer Gesellschaftsbereiche“403, d.h. von Personengruppen innerhalb eines Staates, die sich in ihren Handlungen an eigenen, staatsfremden Regeln und Normen orientieren und für die dieses spezi? sche Rechtssystem von größerer handlungsanleitender Bedeutung ist als das staatlich legitimierte Recht. Wird der Kultur, ein Recht auf freie Kulturausübung postulierend, durch das Individuum Vorzug eingeräumt, so kann dies den Bruch des staatlichen Rechts zur Folge haben: „The privileging view of free exercise of culture requires a monolithic, binary judgment: if you are in the grip of culture in the right way, you are entitled to respond to its commands, even at the cost of violating laws that would otherwise bind you.”404 Die Frage, auf welche Art und Weise die Kon? iktsituation zwischen divergierenden Rechtssystemen aufgelöst wird, kann ebenso aus der Perspektive des Staates beantwortet werden. Der Staat ist, wie oben ausgeführt, im Rahmen seiner Gesetzgebung und seiner Gerichtspraxis mit der Aufgabe der Geltungsanerkennung nicht-staatlicher Rechtssysteme und mit der Abgrenzung der Geltungssphären dieser Rechtssysteme konfrontiert und de? niert im Rahmen dieser Grenzziehung die of? zielle rechtliche Bedeutung von nicht-staatlichem Recht im öffentlichen Raum405. Diese Grenzziehung wirkt sich auf das Praktizieren des nicht-staatlichen Rechts im öffentlichen Raum aus und beein? usst dadurch mittelbar Rolle und Bedeutung des nicht-staatlichen Rechts innerhalb eines sozialen Verbands. Ausgehend von der Art der Kon? iktlösung 401 Benda-Beckmann, F. von und K. von, The Dynamics of Change and Continuity in Plural Legal Orders, in: Woodman (Hrsg.), The Journal of Legal Pluralism and Unof? cial Law, Nr. 53 – 54, 2006, S. 18. 402 Am Beispiel von Migranten: Giordano, Inkompatibilität von Normen – Der Ethnologe als forensischer Gutachter, in: Institut für Ethnologie der Universität Hamburg (Hrsg.), ETH- NOSCRIPTS Jahrgang 2, Heft 2, S. 12. 403 Der Begriff der „semiautonomen Gesellschaftsbereiche“ ist geprägt von Moore (1973); vgl. Moore, S. F., Law and Social Change: The Semi-Autonomous Social Field as an Appropriate Subject of Study, 1973, S. 745, diskutiert in: Neuhaus, Rechtspluralismus in Papua-Neuguinea, in: Institut für Ethnologie der Universität Hamburg (Hrsg.), ETHNOSCRIPTS Jahrgang 2, Heft 2, S. 73. 404 Am Beispiel von Migranten: Sager, The Free Exercise of Culture: Some Doubts and Distinctions, in: Shweder u.a. (Hrsg.), Engaging Cultural Differences, S. 174. 405 Benda-Beckmann, F. von und K. von, The Dynamics of Change and Continuity in Plural Legal Orders, in: Woodman (Hrsg.), The Journal of Legal Pluralism and Unof? cial Law, Nr. 53 – 54, 2006, S. 26. 105 zwischen ko-existierenden normativen Systemen unterscheidet die Ethnologie zwischen sog. „schwachem“ und „starkem Rechtspluralismus“406. Der schwache Rechtspluralismus besteht in pluralistischen Rechtskomplexen, in denen das Recht des Staates in seiner Rechtsetzung oder Rechtsprechung die Geltung nicht-staatlicher Rechtssysteme anerkennt und die Grenzziehung der Geltungsspären de? niert. Ungeachtet dieser normativen Entscheidung des Staates bei der selektiven Hierarchisierung der Bedeutungssphären und Teilanerkennung von Rechtssystemen, erfasst der starke Rechtspluralismus die tatsächliche Komplexität von Rechtskonstellationen407 und weist darauf hin, dass das Recht des Staates über Existenz und Praxis nicht-staatlicher Rechtssysteme nur in begrenztem Maße Kontrolle ausüben kann408. Der materielle Gehalt von Recht ist eine Referenzgröße bei der Identitätsbildung des Individuums. Im Rahmen dieser Identitätsbildung können nicht-staatliche Rechtssysteme als dem staatlichen Rechtssystem vorrangige Bezugsgrößen fungieren und das Verhalten des Individuums durch das Aufzeigen von Regeln und Werteordnungen lenken. Als Referenzgröße und Identi? zierungsrahmen verstanden, besteht aus ethnologischer Sicht keine „natürliche“, d.h. zwangsläu? ge und klare Hierarchie zwischen den pluralistischen Rechtssystemen: „(…) There is no necessary or permanent hierarchy among these legal regimes and no necessary or permanent hierarchy among the particular identities priviledged by these regimes in any particular individual’s life. Each person is forever deciding and redeciding which regime provide the optimal symbol structure for evaluating assertions about law and for making claims about identity in any given situation. Each person is forever deciding the relative weight of rules, processes, and values amongst the multiple legal regimes that attract, invite, or demand loyalty and commitment.”409 Kulturspezi? sch ist somit nicht nur der Inhalt eines Normen- und Wertekanons, sondern auch die Art und Weise, mit der Kon? ikte zwischen pluralistischen Rechtssystemen geregelt werden – d.h. die Bedeutung, die dem nicht-staatlichen Recht und den nicht-gerichtlichen Streitbeilegungsinstanzen innerhalb des staatlichen Systems eingeräumt wird sowie das funktionierende Nebeneinander dieser Systeme410. Erfüllt das staatliche Rechtssystem, so betrachtet, gegenüber innerstaatlichem Rechtspluralismus eine regulative Funktion im öffentlichen Raum, so tritt neben die regulative eine repräsentative Funktion – ? ndet das staatliche Recht seine Legitima- 406 Ebenda, S. 25 ff. 407 Benda-Beckmann, F. von, Rechtspluralismus – Wissenschaftliche und politische Herausforderungen, in: Institut für Ethnologie der Universität Hamburg (Hrsg.), ETHNOSCRIPTS Jahrgang 2, Heft 2, S. 48. 408 Neuhaus, Rechtspluralismus in Papua-Neuguinea, in: Institut für Ethnologie der Universität Hamburg (Hrsg.), ETHNOSCRIPTS Jahrgang 2, Heft 2, S. 78. 409 Macdonald, Legal Republicanism and Legal Pluralism: Two Takes on Identity and Diversity, in: Bussani/Greziadei (Hrsg.), Human Diversity and the Law – La diversité humaine et le droit, S. 50. 410 Kokot, W., „Forensische Ethnologie“ – Zum Themenschwerpunkt dieser Ausgabe, in: Institut für Ethnologie der Universität Hamburg (Hrsg.), ETHNOSCRIPTS Jahrgang 2, Heft 2, S. 1, S. 2. 106 tionsgrundlage doch (zumeist) im „politisch organisierten Willen des Volkes“411. Wird diese Legitimationsgrundlage jedoch, auf der Beschaffenheit sozialer Verbände als Ausgangslage aufbauend, um die Legitimationsgrundlagen der göttlichen Offenbarung, der tradierten Überlieferungen und der Gewohnheit erweitert, so wird deutlich, dass das staatliche Recht und seine Institutionalisierungsformen lediglich einen Teil der Bevölkerung und einen Teilaspekt des Interessenspektrums der Bevölkerung repräsentieren412. Der heterogenen Gesellschaftsbeschaffenheit entsprechend sind Rechtssysteme untereinander und systemintern heterogen und, als Korrelat zur innergesellschaftlichen Meinungsvielfalt, umstritten. Die Umstrittenheit des staatlichen Rechtssystems, die sich aus dem Spannungsfeld zwischen politisch repräsentierter Mehrheit und nichtrepräsentierter Minderheit ergibt, wird im rechtspluralistischen Sinne um die Umstrittenheit erweitert, die aus der gegenseitigen Konfrontation mit und Bewertung von nicht-staatlichen normativen Systemen – religiöser oder gewohnheitsrechtlicher Art – resultiert. In dieser Umstrittenheit wird die Dynamik von Rechtssystemen deutlich, ein Kennzeichen, das bereits im Zusammenhang mit der Beschaffenheit von Kultursystemen aufgezeigt wurde: Rechtssysteme sind soziale Reproduktionen und stehen im Abhängigkeitsverhältnis zu sozialem Wandel413. Historische Produzierbarkeit und Offenheit von Rechtssystemen werden in der Veränderung geschriebener oder ungeschriebener Rechtsinhalte und Rechtsdurchsetzungsverfahren sichtbar. Bei einem Gleichbleiben des geschriebenen, insbesondere des staatlichen Rechts, schlägt sich der soziale Wandel in einer „Neu-De? nition“414 des fortbestehenden Rechts und in einem Wandel der Wirkungsweisen der Rechtssysteme in den verschiedenen Lebensbereichen nieder. Die ethnologische Dekonstruktion der „Mythen von individueller, gesellschaftlicher und kultureller Homogenität“ erstreckt sich auf die Dekonstruktion des „Mythos von rechtlicher Homogenität“, indem Rechtssysteme und Rechtsdurchsetzungssysteme, die von einem „Nebeneinander, Gegeneinander und Ineinander“415 geprägt sind, als pluralistisch erkannt werden. Dieser Pluralismus, der – wie im Vorangegangenen aufgezeigt – auch Individen, Gesellschaftssysteme und Kultursysteme charakterisiert, 411 Benda-Beckmann, F. von, Rechtspluralismus – Wissenschaftliche und politische Herausforderungen, in: Institut für Ethnologie der Universität Hamburg (Hrsg.), ETHNOSCRIPTS Jahrgang 2, Heft 2, S. 49. 412 Moore, Enforceable Rules Inside and Outside the Formal Law – General Introduction, in: Moore (Hrsg.), Law and Anthropology – A Reader, S. 246. 413 Vgl. zum „changing social life of legal pluralism”: Benda-Beckmann, F. von und K. von, The Dynamics of Change and Continuity in Plural Legal Orders, in: Woodman (Hrsg.), The Journal of Legal Pluralism and Unof? cial Law, Nr. 53 – 54, 2006, S. 24. 414 Am Beispiel der Anpassung und Neude? nition von internationalen Menschenrechten an lokale Begebenheiten: Merry, Legal Pluralism and Transnational Culture: The Ka Ho’Okolokolonui Kanaka Maoli Tribunal, Hawai’I, 1993, in: Wilson (Hrsg.), Human Rights, Culture and Context – Anthropological Perspectives, S. 30. 415 Benda-Beckmann, F. von, Rechtspluralismus – Wissenschaftliche und politische Herausforderungen, in: Institut für Ethnologie der Universität Hamburg (Hrsg.), ETHNOSCRIPTS Jahrgang 2, Heft 2, S. 50. 107 erklärt sich aus der ethnologischen Ablehnung einer Dichotomie von Gesellschaft, Kultur, Recht und Staat. Recht ist kein „kulturfreier Raum“416: „Recht und Gesellschaft“ sind, ebenso wie „Gesellschaft und Kultur“ und „Recht und Kultur“ komplementäre Größen, die sich erst im dynamischen Zusammenwirken und hybriden Ineinanderverschmelzen konstituieren. Diese Dynamik und Offenheit provoziert die Fragmentierung der einzelnen Größen, eine Fragmentierung, die zum einen eine Produzierbarkeit und Wandlungsfähigkeit aufzeigt, zum anderen jedoch eine Fassbarkeit der einzelnen Größen in ihrer Gesamtheit erschwert. 5. Internationaler Menschenrechtsschutz im Spannungsfeld Die Kulturbedingtheit von Menschenrechten wurde eingangs als empirische Kernaussage der Re? exionen zum Verhältnis von Kultur und Menschenrechten im gegenwärtigen ethnologischen Diskurs benannt. Das Zustandekommen dieser Kulturbedingtheit wurde anhand des Prozesses des kulturellen Lernens, der Enkulturation, erklärt, der das Spannungsfeld, in dem die Dimensionen Individuum, Gesellschaft, Kultur und Recht zueinander stehen, begründet. Um den „Kreis zu schließen“ und von diesen allgemeinen Zusammenhängen zum konkreten Beschäftigungsgegenstand des Menschenrechtsschutzes zu gelangen, soll das Spannungsfeld, in dem Recht steht, anhand des internationalen Menschenrechtsschutzes konkretisiert werden. a) Gegenstand des internationalen Menschenrechtssystems Quellen des internationalen Menschenrechtssystems sind im Verständnis der gegenwärtigen Ethnologie das kodi? zierte internationale Menschenrecht, d. h. völkerrechtsverbindliche Verträge und unverbindliche Deklarationen zum Schutz der Menschenrechte sowie jene nicht-staatlichen Rechtssysteme, die dem Individuum oder dem Kollektiv Rechte einräumen, die die politische, kulturelle, wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Menschen garantieren417. Soziale Gewohnheiten und Religion begründen als ungeschriebene Rechtssysteme menschenrechtliche Standards, was den evolutiven Charakter von Menschenrechten aufdeckt418. Die Konnexität von Recht und Gesellschaft bedingt, dass das, was als Menschenrecht zu garantieren ist, entsprechend der Weiterentwicklung von menschlichen Bedürfnissen, einem sozialen Wandel 416 Merry, Human Rights Law and the Demonization of Culture (And Anthropology Along the Way), in: Political and Legal Anthropology Review 26/1 (May 2003), S. 70. 417 Im Jahre 1999 nimmt die American Anthropological Association – erstmals nach der von Herskovits 1947 formulierten Stellungnahme zur Allgemeinen Menschenrechtserklärung – erneut zum internationalen Menschenrechtsschutz Stellung und bezieht sich bei den Ausführungen zum Verhältnis von Menschenrechten und Kultur explizit auf die AEMR, die im Fokus der kritischen Anmerkungen Herskovits stand: AAA, Declaration on Anthropology and Human Rights, Elektronisches Dokument, http://www.aaanet.org/stmts/humanrts.htm, abgerufen am 06.03.2007, S. 1. 418 Ebenda, S. 2. 108 unterliegt und sich einer statischen Fassbarkeit entzieht. Derart, aus staatlich-positivierten und nicht-staatlichen Rechtsquellen zusammengesetzt, ist das internationale Menschenrechtssystem fragmentarischer und pluralistischer Natur. Das staatlich fundierte internationale Menschenrechtssystem ist in sich fragmentarisch, setzt es sich doch aus einer Zusammenschau von rechtsverbindlichen, durchsetzbaren und rechtsunverbindlichen, rein deklaratorischen Erklärungen zum Schutz der Menschenrechte zusammen, die Individualrechte und Kollektivrechte als Konzeptionalisierungsformen zum Gegenstand haben419. Zudem verleiht das Nebeneinander von staatlichem Rechtssystem und nicht-staatlichen Rechtssystemen dem internationalen System zum Schutz der Menschenrechte seinen pluralistischen Charakter, der sich insbesondere in der Abhängigkeit von Recht und sozialer Wirklichkeit niederschlägt. Die Interessengruppen internationaler Menschenrechtsverbürgungen umfassen Staaten, politische Gemeinschaften, Individuen, ethnische und soziale Minderheiten und Mehrheiten, die ihr Handeln auf jeweils eigene normative Systeme gewohnheitsrechtlicher oder religiöser Art stützen und dadurch rechtfertigen. Der politische, institutionelle und gesellschaftliche Kontext, in den der international garantierte Menschenrechtsschutz auf nationaler Ebene eingebettet ist, der rechtliche Status und der politische Wert, der Menschenrechtsverbürgungen zukommt, variieren und sind im internationalen Vergleich uneinheitlich und heterogen420. Pluralismus und Fragmentierung als Kennzeichen des Rechts im Allgemeinen spiegeln sich im internationalen Menschenrechtssystem wider und sind insofern potenziert, als dass die soziale Wirklichkeit, bestehend aus Sozialsystem, Politiksystem, Wirtschaftsystem und staatlichem Rechtssystem, im internationalen Vergleich grundlegendere Divergenzen aufweist als auf nationalem Niveau. Der so verdeutlichte Menschenrechtspluralismus auf internationalem Niveau deckt auf, dass Dynamik, Offenheit, historische Produziertheit und Wandlungsfähigkeit von Rechtsregimen innergesellschaftliche und innerstaatliche, gleichzeitig aber auch zwischengesesellschaftliche und zwischenstaatliche Phänomene sind. b) Internationaler Menschenrechtsschutz im kulturellen Kontext Das Spannungsfeld, in dem internationaler Menschenrechtsschutz und Kultur stehen, lässt sich in seiner empirischen Dimension aus zwei Perspektiven, die in den allgemeinen Ausführungen bereits aufgeworfen wurden, re? ektieren: Aus der Perspektive des 419 Wilson, Afterword to „Anthropology and Human Rights in a New Key“: The Social Life of Human Rights, in: American Anthropologist, Vol. 108, No. 1 (March 2006), S. 77. 420 Ebenda: „(…) (B)eneath the formulation of policy and law in the international arena, human rights are situated in a diversity of institutional and societal contexts, from established liberal democracies such as France, where the state has a highly centralized and dirigiste bureaucracy, to the Democratic Republic of Congo, which inaugurated a new constitution replete with rights protections in 2005 but where state institutions barely function in considerable swathes of the national territory.“ 109 Rechts betrachtet, begründet das internationale Menschenrechtssystem eine Quelle für und eine Ausdrucksform von Kultur („rights as culture”421). Aus der Perspektive der Kultur betrachtet, ist das Menschenrechtssystem integrativer, nicht jedoch ausschließlicher Bestandteil des Kultursystems, weshalb das Kultursystem in seiner Gesamtheit als analytisches Konzept für die Betrachtung des Menschenrechtssystems herangezogen werden kann („culture as analytic to rights”422). Zur ersten Perspektive: Das menschenrechtliche Völkervertragsrecht mit universeller und regionaler Geltung sowie rechtsunverbindliche Erklärungen zum Schutz der Menschenrechte sind sichtbare Erscheinungsformen von Kultur, die ihrerseits nicht sichtbare Kulturerscheinungen, d.h. Weltanschauungen und Wertvorstellungen, verkörpern423. Durch die Erarbeitung und rechtliche Etablierung transnationaler Menschenrechtsstandards wird auf internationalem Niveau aktiv Kultur geschaffen, indem in konsensualen Rechtsetzungsprozessen, an denen eine Vielzahl von Nationalstaaten beteiligt sind, nationalstaatliche Grenzen überschreitende Problemkomplexe de? niert und normative Visionen von Menschenwürde und sozialer Gerechtigkeit artikuliert werden424. Das internationale Menschenrechtsschutzsystem zeigt insofern, aufbauend auf rechtlichen Konstruktionen der Rechtsinhaberschaft, des „menschlichen Selbst“ und dessen Schutzbedürfnis, eine mögliche Gestaltungsvariante des sozialen Feldes auf425. Indem internationale Gerichte in judiziären Verfahren Menschenrechtsstandards auf den Einzelfall anwenden, praktizieren sie jene internationale Kultur und übersetzen sie zurück in die soziale Wirklichkeit des betroffenen Nationalstaats, der betroffenen Gesellschaft, der betroffenen Gesellschaftsgruppe und des betroffenen Individuums. Die Spruchpraxis internationaler Gerichte ist selbst Kulturpraxis und erwächst deshalb zur international verankerten Kulturquelle426, die ebenso wie geschriebene internationale Menschenrechtskataloge das lokale Kultursystem und dessen Praktiken prägt und beein? usst427. Die Offenheit, die Menschenrechtssystem und Kultursystem 421 Vgl. Cowan/Dembour/Wilson, Introduction to Culture and Rights – Anthropological Perspectives, in: Cowan/Dembour/Wilson (Hrsg.), Culture and Rights – Anthropological Perspectives, S. 11 f. 422 Ebenda, S. 12 f. 423 Merry, Human Rights and Gender Violence – Translating International Law into Local Justice, S. 16. 424 Merry, Human Rights Law and the Demonization of Culture (And Anthropology Along the Way), in: Political and Legal Anthropology Review 26/1 (May 2003), S. 70. 425 Cowan/Dembour/Wilson, Introduction to Culture and Rights – Anthropological Perspectives, in: Cowan/Dembour/Wilson (Hrsg.), Culture and Rights – Anthropological Perspectives, S. 11 f. 426 Preis, Human Rights as Cultural Practice: An Anthropological Critique, in: Human Rights Quarterly, 19 (1996), S. 310. 427 Merry, Legal Pluralism and Transnational Culture: The Ka Ho’Okolokolonui Kanaka Maoli Tribunal, Hawai’I, 1993, in: Wilson (Hrsg.), Human Rights, Culture and Context – Anthropological Perspectives, S. 30: „(…) (H)uman rights is an open text, capable of appropriation and rede? nition of groups who are players in the global legal arena. The concept of culture has historically been a stumbling block to appreciating the extent to which transnational cultural systems such as human rights are vernicularised. As long as culture is seen as integrated, cohesive, bounded, and 110 gleichermaßen prägt, ermöglicht die Einbeziehung normativer Vorgaben und Wertvorstellungen internationalen Ursprungs in lokale Rechts- und Kulturpraktiken. Im Prozess dieser Einbeziehung erlebt der international de? nierte menschenrechtliche Standard seine Umdeutung und Anpassung nach Maßgabe lokaler Interessen, Bedürfnissen und Rechtsverständnisformen, die ihrerseits in Abhängigkeit zur sozialen Wirklichkeit des Betroffenen stehen. Zur zweiten Perspektive: Das Kultursystem in die Analyse des Rechtssystems einzubeziehen, ist Ausdruck einer kulturellen Kontextualisierung von Recht; eine Kontextualisierung im Sinne eines „In-Beziehung-Setzens“, die, wie eingangs aufgeworfen, als eine empirisch verankerte Form von Kulturrelativismus verstanden werden kann. Die analytische Einbettung von Recht in seine kulturelle Umgebung (Forschungsgegenstand der Rechtsethnologie) dient dazu, die kulturelle Logik hinter Rechtssystemen und Rechtspraktiken aufzudecken und dadurch die Beziehungen zwischen Recht und Kultur und zwischen Recht und Gesellschaft zu „rekonzeptionalisieren“428 (im Sinne einer „transmission du code culturel“429). Warum es dieser Einbettung bedarf, erklärt sich aus den Interdependenzen und Interaktionen zwischen Individuum, Gesellschaft, Kultur und Recht, die in den Ausführungen zum Enkulturationsprozess aufgezeigt wurden. Diese Interdependenzen und Interaktionen decken auf, dass Recht, im Speziellen Menschenrechte, zum einen rechtliche Konstrukte, zum anderen auch sozio-kulturelle und politisch-wirtschaftliche Phänomene sind430. Werden Evaluationen, Bewertungen, Beurteilungen, Perzeptionen und Kognitionen menschenrechtlicher Art als kulturbedingt bezeichnet, meint diese Kulturbedingtheit die „Beziehung zwischen Recht und Rechtsveränderung einerseits und sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Veränderungen andererseits.“431. Das, was das Individuum bei der Wahrnehmung und Beurteilung seiner äußeren Umwelt als „angemessen“, „adäquat“ und „richtig“ emp? ndet, ist bis zu einem gewissen Grad Ausdruck davon, was seine Gesellschaft in ihrer pluralistischen Gestalt als „kulturelle Selbstverständlichkeit“ emp? ndet, also davon, was innerhalb des gesellschaftsspezi- ? schen Kultursystems als „angemessen“, „adäquat“ und „richtig“ determiniert ist. more or less static, it is simple to perceive human rights as an intrusive, alien discourse. However, recognising that cultures are complex repertoires of systems of meanings extracted from myriad sources and reinterpreted through local understandings and interests provides a more ? uid way of considering how human rights might be incorporated into local cultural practices and understandings. Cultures consist of a wide assortment of signs and meanings in discrete locales.” 428 Cowan/Dembour/Wilson, Introduction to Culture and Rights – Anthropological Perspectives, in: Cowan/Dembour/Wilson (Hrsg.), Culture and Rights – Anthropological Perspectives, S. 13, S. 14. 429 Courtois, Gérard, Bilan et perspectives, in: Cahiers d’anthropologie du droit 2004, Revue Droit et Cultures, hors série 2004/4, S. 107–110, S. 107. 430 Messer, Anthropology and Human Rights, in: Annual Review of Anthropology, 1993, Vol. 22, S. 225. 431 Benda-Beckmann, F. von, Rechtsethnologie, in: Fischer/Beer (Hrsg.), Ethnologie, 5. Au? age, S. 180. 111 Verfolgt nun das internationale Menschenrechtssystem den Schutzzweck, die Respektierung der Personenwürde des Individuums zu sichern, so ist bei der De? nition dessen, was schützenswert ist, die wechselseitige Abhängigkeit von Individuum, Gesellschaft und Kultur zu berücksichtigen432. Werte und Maßstäbe über richtig oder falsch sowie über gut und schlecht stehen im Abhängigkeitsverhältnis zum gesellschaftlichen Kontext ihrer Entstehung. Folge des „kulturellen Erbes“ von Mensch und Gesellschaft ist, dass kein Mensch in der Wahl und im Verständnis von normativen Modellen frei und kulturell unvoreingenommen ist. Diese kulturelle Voreingenommenheit beein? usst und lenkt die De? nition der Menschenrechtsidee und die anschließende gegenseitige Bewertung und Beurteilung innerhalb der eigenen Gesellschaft und in der Außenbeziehung zu Organisationssystemen fremder Gesellschaften an menschenrechtlichen Standards. Die spezi? sche Menschenrechtsidee, verkörpert in Rechtsauslegung und -anwendung, ist – ungeachtet der pluralistischen Natur von Individuum, Gesellschaft, Kultur und Recht – Produkt des spezi? schen Zusammenwirkens von Individuum, Gesellschaft und Kultur und der ebenso spezi? schen Logik, die diesem Zusammenwirken eigen ist433. Der Prozess der Enkulturation „kanalisiert“434 die Beurteilung des Eigenen und des Fremden. Erfolgt der Prozess des kulturellen Lernens, wie aufgezeigt, als unwillkürliche, anpassungsbedingte Internalisierung des kulturellen Ordnungssystems der Gesellschaft, so provoziert dies, dass sich das Individuum des Kulturein? usses und der Kulturbedingtheit seiner Urteils? ndung weitgehend nicht bewusst ist („(C)ulture comes to be built into automatic, uncritical perceptions. Individuals are largely unaware that these judgments are culture-bound.“435) Kulturmuster sind derart verinnerlicht, dass sie bereits die erstmalige Betrachtung und Wahrnehmung des fremden Verhaltens bestimmen („Most important, we (die ethnologische Forschung, P.W.) were the ? rst to insist that we see the lives of others through lenses of our own grinding and that they look back to ours through ones of their own.“436) Die Linse, durch die die Betrachtung des Eigenen und des Fremden erfolgt, ist kulturell geschliffen. Im Emp? nden eines Beobachters ist sein Verständnis von erstrebenswertem Menschenrechtsschutz und seine daran gemessene Beurteilung einer Handlung oder eines Zustands häu? g 432 Upendra, The Future of Human Rights, S. 113. 433 Downing, Human Rights Research: The Challenge for Anthropologists, in: Downing/Kushner (Hrsg.), Human Rights and Anthropology, S. 9: „All cultures de? ne moral and ethical principles for proper human interaction. Such logics apply not only to their conduct with respect to one another, but also to those outside their culture. The logics, in their totality, represent a culture’s de? nition of human rights. The precise content of human rights logics varies between and within the same culture at different times.“ 434 Herskovits, Some Further Comments on Cultural Relativism, in: American Anthropologist, Vol. 60, No. 2., (Apr., 1958), S. 270. 435 Renteln, Relativism and the Search for Human Rights, in: American Anthropologist, Vol. 90, No. 1. (Mar., 1988), S. 62. 436 Geertz, Distinguished Lecture: Anti Anti-Relativism, in: American Anthropologist, Vol. 86, No. 2 (Jun., 1984), S. 276. 112 Ausdruck der objektiven Wirklichkeit und nicht bloßes Spiegelbild der subjektiven Eigeneinschätzung437. Prägen der soziale, der wirtschaftliche und der politische Kontext somit das Entstehen und die Praxis menschenrechtlicher Systeme auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene und verleihen diesen dadurch einen kulturbedingten Charakter, so ermöglicht diese Abhängigkeit, die Umstände der Kulturprägung von Menschenrechtsinterpretation und -praxis durch die Analyse von gesellschaftlichem, sozialem, wirtschaftlichem und politischem Kontext zurückzuverfolgen und dadurch zu rekonzeptionalisieren438. Ziel einer solchen Kontextualisierung ist die Offenlegung der Beziehung zwischen dem Rechtsverständnis, der Rechtspraxis und den verschiedenen Formen sozialer Verbände und deren sozialer Praxis439. Im Konkreten wirft der Versuch einer Rekonzeptionalisierung die Fragen auf, in welchem konkreten sozialen, politischen und wirtschaftlichen Kontext welcher soziale Verband und welches Individuum durch die Bezugnahme auf Menschenrechte welche Formen von Menschenrechtsinterpretationen zu implementieren versuchen und warum diese Implementierung in der gegebenen Situation den spezi? schen Interessen des sozialen Verbands/des Individuums dient440. So verstanden hat kulturelle Kontextualisierung eine Fokussierung auf den sozialen Akteur, der internationales Menschenrecht im lokalen Feld auslegt und anwendet, zur Folge. Eine solche akteursorientierte Herangehensweise, der sog. „actor-oriented approach”441, ermöglicht insbesondere bei der Analyse des politischen Kontextes, die doppelte Funktion menschenrechtlicher Forderungen und Praktiken aufzudecken, die einerseits gesellschaftlichen, politischen Mehrheiten oder dem Staat als Verhaltensregulativ und andererseits Minderheitengruppen als Mittel zur Durchsetzung von sozialem Wandel dienen können442. Der historischen Produziertheit von Menschenrechts- 437 Renteln, Relativism and the Search for Human Rights, in: American Anthropologist, Vol. 90, No. 1. (Mar., 1988), S. 63. 438 Schirmer, Universals and Sustainable Human Rights? Special Tribunals in Guatemala, in: Wilson (Hrsg.), Human Rights, Culture and Context – Anthropological Perspectives, S. 181: „If human rights are to play a sustaining role in protecting individuals from particularly dangerous kinds of harms and injustices, the human rights and legal communities must learn not only to contextualise the perceptions and practices of rights but also to understand that momentary actions may not be lasting victories. They must also recognise how legal structures and constitutional orders may be appropriated and rede? ned as instruments for repressive purposes.” 439 Cowan/Dembour/Wilson, Introduction to Culture and Rights – Anthropological Perspectives, in: Cowan/Dembour/Wilson (Hrsg.), Culture and Rights – Anthropological Perspectives, S. 13, S. 14: Ziel sei es, “(…) to tease out patterns and relationships of meaning and practice between different domains of social life.” 440 Merry, Anthropology and International Law, in: Annual Review of Anthropology, 2006, 35, S. 109. 441 Preis, Human Rights as Cultural Practice: An Anthropological Critique, in: Human Rights Quarterly, 19 (1996), S. 311. 442 Merry, Anthropology and International Law, in: Annual Review of Anthropology, 2006, 35, S. 109. 113 konzepten und Menschenrechtskulturen Rechnung tragend, liegt der ethnologische Fokus im Rahmen der Kontextualisierung von Menschenrechten und Kultur auf der „politischen Kultur“443, in der Menschenrechte auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene interpretiert und angewendet werden; d.h. auf innergesellschaftlicher und innerstaatlicher Machtverteilung sowie auf politischen Repräsentations-, Organisations- und Institutionalisierungsformen444. Das „In-Beziehung-Setzen“ von Menschenrechten und Kultur kann demnach auf deduktive Weise vom Großen zum Kleinen erfolgen: Vom internationalen Menschenrechtsschutz als Kulturquelle ausgehend, konkretisiert sich die Kontextualisierung in der Analyse lokaler menschenrechtlicher Bedeutungsmuster445. Die lokale gerichtliche Menschenrechtspraxis ist insofern von besonderer Relevanz, als sie offenlegt, wie die „Übersetzung“ international gesetzten Menschenrechts in lokale Interpretationsund Anwendungsformen von Menschenrechten geschieht und dadurch mittelbar über die Pluralität lokal verankerter Rechtssysteme, religiöser, ethischer und gewohnheitsrechtlicher Art, Aufschluss gibt. Gleichzeitig wird aufgedeckt, inwiefern diese lokalen normativen Systeme von transnationalen politischen und rechtlichen Diskursen über Menschenrechtsschutz beein? usst werden446. Die Kernaussage zu den empirischen Dimensionen des Verhältnisses von Kultur und Recht, im Speziellen zwischen Kultur und dem internationalen System zum Schutz der Menschenrechte, lässt sich zusammenfassen: Kognition und Verhalten des Menschen stehen, bedingt durch den Prozess der Enkulturation, dem jeder Mensch ausgesetzt ist, u.a. im Ein? uss der Kultur des Menschen. Im Speziellen ist das Recht (neben religiösen, politischen, wirtschaftlichen gesellschaftlichen Organisationsformen, etc.) eine Kulturquelle, die sich aus der sozialen Praxis des Menschen ableiten lässt, insofern pluralistischer Gestalt ist und sich aus staatlichem sowie nicht-staatlichen gewohnheitsrechtlichen oder religiösen Rechtssystemen zusammensetzt. Im Umkehrschluss stehen Kognition und Verhalten des Menschen auch im speziellen Ein? uss und Spannungsfeld des Rechts, das, ebenso wie die Kultur, pluralistischer Gestalt ist. 443 Schirmer, Universals and Sustainable Human Rights? Special Tribunals in Guatemala, in: Wilson (Hrsg.), Human Rights, Culture and Context – Anthropological Perspectives, S. 179. 444 Downing führt hierzu aus: „It follows that in the present multicultural, multiethnic and multinational world, varied ideologies coexist and compete at all levels in the hierarchy of human organizations. (…) At every level, people continuously codify and modify, clarify and obscure, adopt and reject, interpret and reinterpret propositions concerning what ought to be proper human interaction. Sorting out the hierarchies of logics concerning human rights proves a formidable task.“, so Downing, Human Rights Research: The Challenge for Anthropologists, in: Downing/Kushner (Hrsg.), Human Rights and Anthropology, S. 13. 445 Messer, Anthropology and Human Rights, in: Annual Review of Anthropology, 1993, Vol. 22, S. 240. 446 Wilson, Afterword to „Anthropology and Human Rights in a New Key“: The Social Life of Human Rights, in: American Anthropologist, Vol. 108, No. 1 (March 2006), S. 79. 114 II. Normative Dimensionen 1. Interdependenzen von Individuum, Gesellschaft, Kultur und Recht – normative Dimensionen des Kulturrelativismus Die so zusammengefasste Kernaussage deckt die empirischen Dimensionen des spannungsgeladenen Wechselverhältnisses zwischen Kultur und Recht auf. Kennzeichen empirischer Feststellungen ist deren deskriptive Natur, haben sie doch eine Zustandsbeschreibung der Realität zum Gegenstand, die ihrerseits einer erneuten Überprüfung mit anschließender Veri? zierung oder Falsi? zierung unterworfen werden kann. Mit der Schwierigkeit, ausgehend von der Deskription und der Kenntnis des Ist-Zustands der Realität den Schritt zur Präskription, zur Formulierung des Soll-Zustands der Realität zu machen, wird bereits Herskovits konfrontiert, als er sich in den 1940er Jahren zur Ausgestaltung einer menschenrechtlichen Weltordnung äußert. Die gegenwärtige ethnologische Forschung zieht aus dem empirischen Fundament zur Kulturbedingtheit des Rechts, auf dem die kulturtheoretischen Überlegungen basieren, verschiedenartige Schlussfolgerungen, formuliert Abgrenzungen, korrigiert Verständnisfehler und de? niert gestalterische Herausforderungen im rechtlichen und gerichtlichen Umgang mit Recht und Kultur. Die so entstehenden normativen Dimensionen zum Spannungsfeld, in dem Recht und Kultur stehen, unterscheiden sich jedoch in einem zentralen Punkt von der eingangs aufgeworfenen gegenwärtigen rechtswissenschaftlichen Debatte und von der ersten Etappe der ethnologischen Debatte, die in den 1940er Jahren stattfand: Die rechtswissenschaftliche Debatte beschäftigt sich, ohne die empirischen Grundlagen ihrer Re? exionen offenzulegen, ausschließlich mit der Präskription und der normativ relevanten Frage nach dem Zulassen oder Zurückweisen von Kultur im Kontext von internationalem Menschenrechtsschutz. Einem generellen „Ja“ zu Kultur und Kulturrelativismus als Bedingung für die Vermeidung von moralischem Chauvinismus unter dem Deckmantel des Menschenrechtsschutzes und für die Wahrung von kulturspezi? scher Entscheidungsautonomie wird ein generelles „Nein“ zu Kultur und Kulturrelativismus zum Schutz von Rechtsgleichheit und zur Vermeidung rechtsverletzender Kulturpraktiken entgegengesetzt. Auch in der ersten Etappe der ethnologischen Debatte stehen die Brisanz eines Toleranzpostulats und das damit verbundene Zugeständnis kultureller Partikularitäten im Vordergrund der Re? exionen um Kultur, Kulturrelativismus und internationalem Menschenrechtsschutz. Die so verkörperten normativen Erwägungen werfen die Überlegungen zum Verhältnis von Kultur und Menschenrechtsschutz auf die grundlegende Frage nach „Ja“ oder „Nein“ einer Berücksichtigung von Kultur und Kulturrelativismus im Allgemeinen zurück. Die gegenwärtige ethnologische Debatte befreit sich von der Relativitätsdebatte als „Glaubensbekenntnis“447, das eine Positionierung für oder wider die Kulturbedingt- 447 Cohen, Human Rights and Cultural Relativism: The Need for a New Approach, in: American Anthropologist, Vol. 91, No. 4. (Dec., 1989), S. 1014.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Der Kulturpluralismus, der gegenwärtige Gesellschaften prägt, stellt Staat, Individuum und EGMR vor Herausforderungen: Der Staat ist angehalten, das Spannungsfeld, das bisweilen zwischen staatlichem Recht und den Verhaltenspostulaten soziokultureller Normativität (Beispiel muslimisches Kopftuch) besteht, in seinem Rechtssystem zu lösen – ohne allein der ethnischen oder sozialen Mehrheit gerecht zu werden. Das Individuum befindet sich bei einem Widerspruch zwischen staatlichem Recht und „seiner Kultur“ in einem „Kulturkonflikt“, der notwendigerweise die Verletzung einer der anwendbaren Handlungsnormen – staatlicher oder nicht-staatlicher Art – bedingt. Der EGMR ist in derartigen Fällen herausgefordert, über den Konventionsschutz von Antragstellern zu entscheiden, deren Kulturwerte und -praktiken auf nationaler Ebene Restriktionen ausgesetzt sind.

Die Untersuchung zeigt systematisch verschiedene Formen kulturpluralistischer Konflikte nationaler und internationaler Natur auf. Sie erarbeitet, auf welche methodische Art und Weise der EGMR durch die Anwendung der EMRK eine „europäische Kulturordnung“ schafft, die das Zusammenspiel von staatlichem Recht und pluralistischer gesellschaftlicher Kultur auf nationaler Ebene prägt.