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Moritz Veller, Signaling in:

Moritz Veller

Öffentliche Angebote zum Erwerb eigener Aktien, page 31 - 37

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4114-7, ISBN online: 978-3-8452-1692-8 https://doi.org/10.5771/9783845216928

Series: Schriften zum Gesellschafts-, Bank- und Kapitalmarktrecht, vol. 14

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31 erfährt, soll dies als Grundstein für Überlegungen de lege ferenda, dargestellt im abschließenden Teil 5 dieser Arbeit, herangezogen werden. II.) Signaling 1.) Allgemeine Grundlagen des signaling-Konzeptes Das Idealkonzept des signaling ist ein einfaches: Das Management signalisiert dem Markt durch die Ankündigung eines Rückerwerbs eigener Aktien indirekt, dass es glaubt, die Aktien der Gesellschaft seien zu niedrig bewertet. Der Markt versteht das Signal, und als Folge steigt der Kurs der Aktie. Ausgangspunkt für das signaling-Konzept sind die zwischen Management und Aktionären bestehenden Informationsasymmetrien. Der Umstand ungleicher Informationsverteilung in der Aktiengesellschaft hat seinen Ursprung in der Trennung von Eigentum und Kontrolle98. Die kapitalgebenden und damit risikotragenden Aktionäre tendieren aus Gründen der Risikodiversifikation regelmäßig dazu, ihr Kapital auf mehrere Unternehmen zu verteilen. Darüber hinaus sind sie regelmäßig weder willens, noch verfügen sie über das nötige Fachwissen, um eine wirksame laufende Kontrolle über das Unternehmen und das zur Verfügung gestellte Kapital auszu- üben99. Aus diesen Gründen werden die Entscheidungsbefugnisse an das Management delegiert100, welchem die Leitung der Gesellschaft obliegt und das somit naturgemäß einen deutlich besseren Einblick in die laufenden Geschäfte und das Erfolgspotential der Gesellschaft hat. Somit verfügt das Management oftmals über Informationen, die einerseits für den Wert des Unternehmens von Bedeutung, andererseits aber den Anlegern nicht bekannt sind101. Im Rahmen des signaling-Konzepts spielen diese Informationen eine Rolle, soweit sie geeignet sind, den Unternehmenswert positiv zu beeinflussen. Zwar ist in den hier näher betrachteten Rechtsordnungen regelmäßig durch bestimmte gesetzliche Mechanismen dafür gesorgt, dass ein wesentlicher Teil der Informationen, die für den Wert des Unternehmens von Bedeutung sind, an den Kapitalmarkt übermittelt wird102. Dennoch kann die Geschäftsleitung kraft ihrer Position über Informationen verfügen, die unter- bzw. außerhalb des Wirkungsbereichs dieser gesetzlichen Informationsmechanismen anzusiedeln sind103. Und möglicherweise können es gerade diese Informationen (soft 98 Vgl. Hampel, S. 31 ff. 99 Hefermehl/Semler, in: Münchener Kommentar zum AktG, vor § 76 Rn. 4. 100 Vgl. Hampel, S. 31. 101 Vgl. Schremper, S. 89; Buckley, 65 Ind L J, 493, 528 (1990); Barclay/Smith, 22 J Fin Econ, 61, 64 (1988). 102 Vgl. hierzu insbesondere noch die Ausführungen zu § 15 WpHG (S. 185 ff.). 103 Vgl. zu diesem Aspekt auch noch eingehender die Ausführungen auf S. 240 ff., dort im Zusammenhang mit der missbräuchlichen Ausnutzung von Informationsasymmetrien durch Insider. 32 information104) sein, die den Markt ein tatsächlich höheres Potential des Unternehmens nicht erkennen lassen. Will das Management nun dem Markt vermitteln, dass der Börsenpreis gemessen an dem tatsächlichen Unternehmenswert zu niedrig ist, so fragt sich auf den ersten Blick, warum es nicht einfach die kursrelevanten internen Informationen unmittelbar veröffentlicht, z.B. über eine Pressekonferenz oder die Tagespresse. Dies ist jedoch nicht immer ratsam oder überhaupt möglich105. Das mag etwa auf wettbewerbliche Gründe zurückzuführen sein, kann aber auch daran liegen, dass die Fakten, auf denen die Schlussfolgerungen der Geschäftsleitung basieren, zu kompliziert oder vielschichtig sind, als dass sie in geeigneter Weise an den Markt kommuniziert werden könnten106. In einem solchen Fall bietet sich die Übermittlung einer angenommenen Unterbewertung in Form eines indirekten Signals an: signaling. Eine besondere Bedeutung im Rahmen dieses Konzeptes nimmt die Glaubwürdigkeit des durch das Management ausgesendeten Signals ein. In diesem Zusammenhang ist entscheidend, ob das Aussenden eines falschen Signals für den Signalgeber mit dem Entstehen von Nachteilen bzw. Kosten verbunden ist107. Würde das Management beispielsweise einfach bekannt geben, dass es die Aktie für unterbewertet hält, würde der Markt dies kaum als glaubhaftes Signal ansehen; vielmehr müssten hierfür noch Umstände hinzutreten, die die Annahme rechtfertigen können, dass die im Falle einer unzutreffend behaupteten Unterbewertung entstehenden Nachteile so hoch wären, dass das Management von der (falschen) Signalsetzung absehen würde108. Als dementsprechende Nachteile kommen nun nicht nur solche der Gesellschaft, sondern auch und insbesondere solche des Managements selbst in Frage. Insoweit spielt es eine bedeutende Rolle, ob und in welchem Umfang der Erfolg des Unternehmens mit dem des Managements korreliert. Soweit die Unternehmensführung an der Gesellschaft beteiligt oder ihr Gehalt an den Unternehmenswert gekoppelt ist, ist sie von den durch ein falsches Signal zu Lasten der Gesellschaft entstehenden Nachteilen auch selbst betroffen; dies stützt grundsätzlich die Glaubhaftigkeit des Signals109. 104 Vgl. Song, 27 J Corp L, 425, 427 (2002). 105 Buckley, 65 Ind L J, 493, 537 (1990). 106 Fried, 2 Theoretical Inquiries L, 865, 873 (2001); Lawless/Ferris/Bacon, 23 J Corp L, 209, 217 (1998). 107 Vgl. Comment/Jarrell, 46 J Fin, 1243, 1249 (1991); Lawless/Ferris/Bacon, 23 J Corp L , 209, 214 (1998); Schremper, S. 90. 108 Fried, 67 U Chi L Rev, 421, 442 (2000); Buckley, 65 Ind L J, 493, 527 (1990). 109 Vgl. Vermaelen, 9 J Fin Econ, 139, 165 (1981); Comment/Jarrell, 46 J Fin, 1243, 1249 (1991). 33 2.) Signaling durch Erwerb eigener Aktien In den USA ist das Signalisieren einer Unterbewertung ein zentraler Hauptgrund, wenn es darum geht, eigene Aktien zurückzuerwerben110. Auch empirische Untersuchungen in Deutschland haben ergeben, dass Unternehmensführungen, nach den Motiven für den Erwerb eigener Aktien befragt, dem Signalisierungseffekt eine sehr wichtige Rolle beimessen111. Der Einsatz des Erwerbs eigener Aktien als Signalinstrument kann sich etwa anbieten, wenn die Geschäftsleitung Zugang zu Informationen hat, denen zufolge Langzeitprofite höher ausfallen als vom Markt angenommen112. Es kann beispielsweise auch Grund bestehen zu der Annahme, dass ein neues Produkt über besonders große Erfolgsaussichten verfügt oder dass die Gesellschaft bald einen bedeutenden Kunden gewinnen wird113. Ganz allgemein kann das Management die Wahrscheinlichkeitsverteilung bezüglich der Realisierung künftiger Erträge in aller Regel genauer einschätzen, als Außenstehende hierzu in der Lage sind114. Es mögen auch Anhaltspunkte darauf hindeuten, dass künftige cash flows - mit der Folge einer Anlagerisikoverringerung - weniger volatil sind, als dies die Anlegeröffentlichkeit annimmt115. Will die Unternehmensleitung nun dem Markt signalisieren, dass infolge eines solchen (oder auch eines anderen) Umstandes das Unternehmen über einen höheren Wert verfügt, als sich dies im Börsenkurs widerspiegelt, so sprechen gute 110 Vgl. Comment/Jarrell, 46 J Fin, 1243, 1243 f. (1991); Vermaelen, 9 J Fin Econ, 139, 140 (1981); Dann, 9 J Fin Econ, 113, 114 (1981); Buckley, 65 Ind L J, 493, 496 (1990); Ikenberry/Lakonishok/Vermaelen, 39 J Fin Econ, 181, 206 (1995); Nohel/Tarhan, 49 J Fin Econ, 187, 188 (1998); Asquith/Mullins, 15 J Fin Management, 27, 34 ff. (1986). In den USA wurde der Signaleffekt insbesondere auch in Krisenzeiten zu Zwecken einer Kursstabilisierung eingesetzt. Um den plötzlichen erheblichen Kursverlusten im Zusammenhang mit dem Börsencrashs von 1987 entgegenzutreten, kündigten Unternehmen in einem Zeitraum von 2 Tagen Aktienrückkäufe im Gesamtvolumen von etwa 6,2 Milliarden US-$ an, vgl. Song, 27 J Corp L, 425, 427 (2002). Auch nach den Terroranschlägen in New York am 11.09.2001 reagierten Großunternehmen nach Wiederaufnahme des Börsenbetriebes umgehend und versuchten, durch die Ankündigung und Durchführung von Aktienrückerwerben völlige Kurszusammenbrüche zu vermeiden, vgl. Buckley, 65 Ind L J, 493, 493 (1990); Song, 27 J Corp L, 425, 427 (2002). 111 Vgl. hierzu die Untersuchungen von Schremper, S. 96 ff., demnach 81 % der Befragten das signaling als wichtig oder sehr wichtig bezeichnen (S. 97) und das Motiv auch im direkten Vergleich zu den anderen Beweggründen als das wichtigste einstufen (S. 119), sowie von Kellerhals/Rausch, AG 2000, 222, 224, 225, die das signaling als das zweitwichtigste von 7 behandelten Motiven einordnen. Für das signaling als dem in Deutschland vorherrschenden Motiv auch Hackethal/Zdantchouk, S. 30. Allein die Befragung durch das DAI (Der Erwerb eigener Aktien in Deutschland, S. 5) weicht im Hinblick auf die Relevanz des Motivs Kurspflege/Unterbewertung in erheblichem Maße von diesem Resultat ab. 112 Fried, 2 Theoretical Inquiries L, 865, 872 (2001). 113 Fried, 67 U Chi L Rev, 421, 441 f. (2000). 114 Vgl. Hampel, S. 33. 115 Fried, 2 Theoretical Inquiries L, 865, 872 (2001). 34 Gründe dafür, dass der Markt in dem Erwerb eigener Aktien ein dementsprechendes Signal erblicken wird. Zunächst ist in diesem Zusammenhang das mit dem Erwerb eigener Aktien für die Gesellschaft selbst verbundene Risiko zu bedenken. Die Gesellschaft verringert durch die Entrichtung des Rückerwerbspreises ihren Bargeldbestand und damit den Bestandteil des Unternehmensvermögens, der dem geringsten Risiko unterliegt116. Durch den Erwerb der eigenen Aktien schafft sie zusätzliches Risikokapital. Zahlt die Gesellschaft darüber hinaus eine Rückerwerbsprämie (also einen Aufschlag auf den Börsenkurs), so wird das entstehende Risiko entsprechend erhöht, da die Gesellschaft in dem Umfang, in dem sie für die eigenen Aktien einen über deren tatsächlichen Wert hinausgehenden Preis bezahlt, ein Verlustgeschäft tätigt117. Zudem werden Aktienrückkäufe deshalb als ein glaubwürdiges Signal einer Unterbewertung verstanden, weil sie im Falle eigener Beteiligungen des Managements Auswirkungen auf dessen persönliche Vermögenssituation haben. Insbesondere in den USA ist es deshalb üblich, anzukündigen, dass das Management seine eigenen Aktien nicht an die Gesellschaft verkaufen wird118. Über ihre Beteiligung am Gesamtvermögen der Gesellschaft ist das Risiko der Gesellschaft auch ein solches der Manager: Erweist sich die behauptete Unterbewertung als unzutreffend und verkaufen Aktionäre ihre Aktien zu einem Preis an die Gesellschaft, der den tatsächlichen Aktienwert übersteigt, so erfahren alle Aktionäre, die ihre Aktien behalten, einen finanziellen Verlust119. Ist das Gehalt der Unternehmensleitung (zudem) an den Unternehmenswert gekoppelt, ist ein Verlust der Gesellschaft auch unter diesem Gesichtspunkt ein persönlicher Nachteil. Davon abgesehen ist zu bedenken, dass ein fälschlich ausgesendetes Signal der Unterbewertung auch dem Ruf der Gesellschaft - und dem des Managements im Besonderen - schaden kann. Die dargestellten Zusammenhänge verdeutlichen auch, dass der Erwerb eigener Aktien ein umso glaubhafteres Signal für eine Unterbewertung aussendet, je mehr Aktien zurückkauft werden und je größer die dabei gezahlte Rückkaufprämie ist, denn hierdurch nimmt auch automatisch das Risiko für die Gesellschaft zu120. Gleichzeitig steigt die Glaubwürdigkeit des Signals mit dem relativen Anteil des Managements an der Gesellschaft, da sich insoweit auch das Risiko für die Manager erhöht121. 116 Vgl. McNally, 28 Fin Management, 55, 56 (1999); Song, 27 J Corp L, 425, 445 (2002). Eine andere Betrachtung ist allerdings im Fall eines fremdfinanzierten Rückerwerbs geboten. 117 Vgl. Asquith/Mullins, 15 Fin Management, 27, 33; Song, 27 J Corp L, 425, 446 (2002). 118 Vgl. Comment/Jarrell, J Fin, 1243, 1245, 1249 (1991); vgl. auch Hampel, S. 49. 119 Vermaelen, 9 J Fin Econ, 139, 160 (1981); Comment/Jarrell, 46 J Fin, 1243, 1245 (1991); Fried, 67 U Chi L Rev, 421, 442 f. (2000). 120 Buckley, 65 Ind L J, 493, 539 (1990); Comment/Jarrell, 46 J Fin, 1243, 1245 (1991); McNally, 28 Fin Management, 55, 56 (1999). 121 Fried, 2 Theoretical Inquiries L, 865, 873 (2001); Song, 27 J Corp L, 425, 445 (2002). 35 Dass der Markt den Erwerb eigener Aktien regelmäßig tatsächlich als Signal einer Unterbewertung auffasst, wird durch einschlägige Markterfahrungen bestätigt. Die Tatsache, dass der Börsenkurs nach Ankündigung eines Aktienrückerwerbs in der Regel ganz erheblich (abnormal) ansteigt, unterstützt die Kernhypothese der signaling-Theorie, nach der eine angenommene Unterbewertung erfolgreich an den Markt kommunizierbar ist122. Nach Untersuchungen in den USA lassen sich häufig tatsächlich auch mittelfristig Kurssteigerungen feststellen, die auf die Richtigkeit der Signalisierung von Unterbewertungen hindeuten123. Darüber hinaus zeigen empirische Erhebungen in den USA, dass Insider im Rahmen öffentlicher Rückerwerbsverfahren tatsächlich nur selten ihre eigenen Aktien verkaufen124; der Markt mag diesen Umstand auf Basis der dargestellten Grundlagen als zusätzliches Zeichen dafür ansehen, dass die behauptete Unterbewertung zutreffend ist. 3.) Besondere Signaleignung öffentlicher Rückerwerbsverfahren Will das Management dem Markt durch einen Rückerwerb signalisieren, dass es die Aktien für unterbewertet hält, so stellt sich die Frage, für welche Methode des Rückerwerbs es sich entscheiden soll. Während zunächst ein privat ausgehandelter Paket-Rückkauf für die Signalisierung einer Unterbewertung offensichtlich ungeeignet ist125, mag das Management jedoch ggf. auf einen börslichen Rückerwerb zurückgreifen wollen. Bei Ankündigung eines solchen Rückerwerbs über die Börse steigt der Kurs der Aktie, wie bereits dargelegt, durchschnittlich um ca. 3 % an. Dieser Umstand stimmt mit der Hypothese, dass der Markt einen Aktienrückerwerb als Signal einer Unterbewertung versteht, überein. Ein signaling durch börslichen Rückerwerb kann insbesondere dann sinnvoll sein, wenn es darum geht, kurzfristi- 122 Indes können auch andere Gründe für das Ansteigen des Börsenkurses verantwortlich sein, wie bspw. der bereits beschriebene Preisdruckeffekt (die Gesellschaft kauft von den Aktionären mit den niedrigeren reservation values zurück, und als Folge wird die Aktie zu einem höheren Preis gehandelt). Auch die sog. free cash flow-Hypothese wird als Begründung genannt, vgl. dazu Fn. 1238 und begleitenden Text. 123 Vgl. Hampel, S. 49; Bezzenberger, Rn. 76 (jeweils m.w.N.); zudem Fried, 67 U Chi L Rev, 421, 441 f. (2000); Asquith/Mullins, 15 Fin Management, 27, 33 (1986). Lakonishok/Vermaelen, 45 J Fin, 455, 470 (1990) etwa stellen abnormale Kurssteigerungen von durchschnittlich 5 % über einen Zeitraum von 24 Monaten nach Durchführung der von ihnen untersuchten Festpreisangebote fest. 124 Nach der Analyse von Vermaelen, 9 J Fin Econ, 139, 160 (1981), haben im Rahmen der von ihm untersuchten Festpreisverfahren Insider in 18 von 131 Fällen eigene Aktien an die Gesellschaft verkauft, wobei der Erwerbsumfang nur trivial war; in einer Untersuchung von Festpreisverfahren durch Brown/Ryngaert, 65 J Bus, 529, 552 (1992) verkauften Insider 4,4, % ihrer eigenen Aktien (Untersuchungszeitraum: 1978-1986). Vgl. hierzu jedoch auch Fried, 67 U Chi L Rev, 421, 448 ff. (2000). 125 Nicht nur geschieht der Rückerwerb hier ohnehin vergleichsweise lautlos, da typischerweise der Großteil der Aktionäre von den Kaufverhandlungen ausgeschlossen ist. Der selektive prämierte Rückkauf dürfte auch vielfach mit dem Verdacht einer Verschanzung des - möglicherweise nicht optimal arbeitenden - Managements behaftet sein. 36 gen Kursrückgängen entgegenzuwirken, denn in diesem Fall können sich öffentliche Rückerwerbsverfahren als zu großumfänglich und schwerfällig erweisen126. Dennoch ist jedoch der Rückerwerb über die Börse aus mehreren Gründen regelmäßig kein so effektives Signalinstrument wie ein öffentliches Rückerwerbsverfahren, dessen Ankündigung letztendlich auch bedeutend höhere Kursanstiege hervorruft. So kann das Management, erstens, eine angenommene Unterbewertung durch ein öffentliches Rückerwerbsverfahren weitaus glaubhafter an den Markt übermitteln als durch einen Rückerwerb über die Börse127. Bei einem börslichen Rückkauf besteht nämlich kein Zwang, die eigenen Aktien auch in dem angekündigten Umfang zu kaufen. Tatsächlich werden empirischen Untersuchungen in den USA zufolge in manchen Fällen nur sehr wenige der angekündigten oder sogar überhaupt keine Aktien zurückerworben128. In Deutschland scheint nach den bisherigen Untersuchungen eine noch größere Diskrepanz zwischen angekündigtem und realisiertem Rückkaufvolumen zu bestehen129. Im Gegensatz dazu verpflichtet sich die Gesellschaft im Rahmen aller öffentlichen Rückerwerbsverfahren grundsätzlich von vornherein zum Erwerb der nachgefragten Menge an eigenen Aktien. Zweitens wird im Falle eines Festpreis- oder dutch auction-Verfahrens auf einen Schlag ein bedeutend größeres Aktienvolumen zurückerworben als beim Erwerb über die Börse, und wie dargestellt wurde, ist das Signal für eine Unterbewertung umso stärker, je mehr Aktien von der Gesellschaft zurückerworben werden. Im Falle von Festpreisverfahren und dutch auctions ist die Anstoßwirkung, die das Management durch die Ankündigung des Rückerwerbs initiiert, aus diesem Grund umso stärker130. Drittens zahlt die Gesellschaft nur im Falle öffentlicher Rückerwerbsverfahren eine durchaus beträchtliche Prämie für den Kauf der eigenen Aktien. Infolge des hierdurch noch erhöhten Risikos für Gesellschaft und beteiligte Manager ist hierin, wie gezeigt, ein zusätzliches starkes Anzeichen dafür zu sehen, dass das Management die Aktien tatsächlich für unterbewertet hält. Der Aspekt der Prämienzahlung verdeutlicht im Übrigen schließlich auch, dass das Festpreisangebot im Vergleich mit der dutch auction generell als das bessere Signalinstrument anzusehen ist131. Im Vergleich zum Festpreisangebot fällt die Rückkaufprämie bei einer Auktionierung infolge des gezielten Ansprechens der 126 Vafeas, 12 J Acct, Auditing & Fin, 101, 107 (1997). 127 Fried, 67 U Chi L Rev, 421, 443 (2000); Song, 27 J Corp L, 425, 446 f. (2002). 128 Stephens/Weisbach, 53 J Fin, 313, 314 (1998), die im Übrigen den Anteil der tatsächlich zurückgekauften Aktien mit 74-82 % beziffern. 129 Vgl. die Untersuchung von Schremper, S. 176 (s. jedoch auch dort Fn. 841). 130 Vgl. Song, 27 J Corp L, 425, 446 (2002). 131 Vgl. Comment/Jarrell, 46 J Fin, 1243, 1247 f. (1991); s. jedoch auch Lie/McConnell, 49 J Fin Econ, 161, 185 (1998). 37 Aktionäre mit den niedrigeren reservation values regelmäßig niedriger aus. Zudem wird die angenommene Unterbewertung beim Festpreisverfahren auch deshalb vorbehaltloser kommuniziert, weil der Rückerwerbspreis nicht erst von den Angeboten der Aktionäre abhängig gemacht und auf diese Weise tendenziell gedrückt wird. Zuletzt kann das Festpreisverfahren gegenüber der dutch auction auch insofern Vorteile bieten, als das Instrument der Prämienzahlung auch dazu genutzt werden kann, um dem Markt zu signalisieren, in welchem Maße eine Unterbewertung vermutet wird; hierzu kann das Management den (festen) Rückkaufpreis flexibel an den vermuteten Wert der Aktien anpassen132. Vor diesen Hintergründen erklärt sich, dass das signaling in den USA den am weitesten anerkannten Beweggrund für die Durchführung von Festpreisangeboten darstellt133, und dass auch in Deutschland die Vorstände das Festpreisverfahren als diejenige Rückerwerbsform anerkennen, die am besten zur Signalisierung einer Unterbewertung geeignet ist134. III.) Ausschüttung liquider Mittel 1.) Beweggründe für eine Ausschüttung im Allgemeinen Ein weiterer anerkannter wichtiger Beweggrund für den Erwerb eigener Aktien ist die Ausschüttung liquider Mittel an die Gesellschafter. In diesem Zusammenhang stellt sich zunächst die Frage, aus welchem Grund die Unternehmensleitung überhaupt liquide Mittel an die Aktionäre verteilen möchte. So sind zunächst verschiedene Beweggründe dafür denkbar, überschüssige Liquidität gar nicht an die Aktionäre auszuschütten, sondern vielmehr im Firmenvermögen zu belassen. Ein solcher Grund kann sein, dass die Ausschüttung von Überschussliquidität tendenziell als ein der Vergrößerung des Unternehmens gegenläufiger Vorgang zu betrachten ist. Oftmals tendiert aber das Management gerade dazu, Größen wie dem Marktanteil oder den Beschäftigungszahlen eine hohe Bedeutung beizumessen. Hintergrund hierfür kann die Erwartung sein, dass Außenstehende die Größe des Unternehmens mit einer guten Arbeit des Managements in Verbindung bringen und damit das Prestige des Managements wächst135. Ein weiterer Beweggrund, überschüssige Mittel nicht an die Aktionäre auszuschütten, kann darin liegen, dass das Management die Kontrolle über die finanziellen Mittel lieber selbst behalten möchte. Über den Aufbau solcher finanziellen Ressourcen kann etwa die Finanzierung zukünftiger Projekte oder anderer Investitionen gesichert werden, ohne insoweit auf eine zusätzliche Kapitalbeschaffung in Form von Krediten oder Kapi- 132 Vgl. Fried, 67 U Chi L Rev, 421, 443 (2000). 133 Vgl. Fried, 67 U Chi L Rev, 421, 422 (2000). 134 Vgl. Schremper, S. 121. 135 Vgl. Vafeas, 12 J Acct, Auditing & Fin, 101, 104 (1997); Song, 27 J Corp L, 425, 433 (2002).

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References

Zusammenfassung

Öffentliche Angebote zum Erwerb eigener Aktien erfreuen sich – dem US-amerikanischen Vorbild folgend – auch in Deutschland zunehmender Beliebtheit. Basierend auf der fortschreitenden Modernisierung des europäischen Gesellschafts- und Kapitalmarktrechts haben sich die rechtlichen Rahmenbedingungen in Deutschland in dieser Hinsicht in den letzten Jahren stetig weiterentwickelt.

Mit einem vergleichenden Blick in die USA, und angelehnt an die Erscheinungsformen und Hintergründe öffentlicher Rückkaufverfahren in der Wirtschaftspraxis, analysiert und hinterfragt die vorliegende Arbeit den geltenden Rechtsrahmen sowie die einschlägige Verwaltungspraxis. Einen Schwerpunkt stellt die vom Autor geforderte Anwendung des WpÜG auf öffentliche Rückerwerbsangebote dar. Zudem spricht sich der Autor unter Verweis auf Missbrauchspotentiale im Zusammenhang mit dem Erwerb eigener Aktien gegen eine Liberalisierung nach US-amerikanischem Vorbild, und dabei insbesondere gegen die An- bzw. Aufhebung der derzeit geltenden 10%-Bestandgrenze für eigene Aktien, aus.

Der Autor ist als Rechtsanwalt im Bereich M&A und Gesellschaftsrecht in einer international ausgerichteten Wirtschaftskanzlei in Stockholm tätig.