Content

Peter Paic, Muster falscher Wechselangaben in:

Peter Paic

Gründungsaktivität und Gründungserfolg von Freiberuflern, page 157 - 161

Eine empirische Mikroanalyse mit dem Sozio-ökonomischen Panel

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4112-3, ISBN online: 978-3-8452-1348-4 https://doi.org/10.5771/9783845213484

Series: FFB - Schriften des Forschungsinstituts Freie Berufe der Leuphana Universität Lüneburg, vol. 17

Bibliographic information
Das Sozio-ökonomische Panel (SOEP) 157 die Branchenvariable naturgemäß zu allgemeine Angaben, um allein daraus auf eine selbständige Tätigkeit oder die Art der selbständigen Tätigkeit zu schließen. Die Branchenvariable kann daher nur als ergänzende Kontrollvariable, ebenso wie der Erwerbsstatus und die Angaben zum Hochschulabschluss gesehen werden, um im Zweifellsfall auf die Plausibilität der Angaben zu schließen. Problematisch ist auch die direkte Zuordnung einer selbständigen Tätigkeit in eine freiberufliche oder unternehmerische mittels der Angaben zur Berufsbezeichnung. Grundsätzlich wird keine Unterscheidung zwischen den berufstätigen Personen in einer abhängigen oder unabhängigen Beschäftigung in den Variablen der internationalen Berufsklassifikation (ISCO-88) und die Klassifizierung des Statistischen Bundesamtes (KldB) vorgenommen (vgl. SOEP-Gruppe 2002a). Da unser zu überprüfender Personenkreis ausschließlich aus Selbständigen ausgewählt wurde, steht vielmehr die Unterscheidung zwischen freiberuflicher und unternehmerischer Tätigkeit im Vordergrund. Hier bietet die KldB Vorteile bei der Unterscheidung beider Gruppen, da es die speziellen Besonderheiten in der Bundesrepublik Deutschland hinsichtlich der Struktur und Verteilung beruflicher Tätigkeiten berücksichtigt und sich die Einordnung der beruflichen Tätigkeit bei der KldB nach der Art der beruflichen Tätigkeit richtet (vgl. SOEP- Gruppe 2002a; Statistisches Bundesamt 1992). Die Struktur und besonderen nationalen Merkmale der KldB ermöglicht es, im Vergleich zu den anderen Berufsbezeichnungen, am weitestgehenden eine Unterscheidung zwischen der freiberuflichen- und der unternehmerischen Tätigkeit vorzunehmen. Aus diesem Umstand werden die Wechselangaben der ausgewählten Personen zunächst nach einer Bestätigung des Wechsels innerhalb der Selbständigen aus den Angaben in der Variablen zur beruflichen Veränderung überprüft. Wird der jeweilige Wechsel nicht durch diese Kontrollvariable bestätigt, werden die Angaben mit der KldB verglichen. Ist auch hier kein paralleler Wechsel von beruflicher Tätigkeit mit der Berufbezeichnung aufzufinden liegt ein nicht plausibler Wechsel vor. Erst in der Gesamtbetrachtung jeder dezidierten Einzelüberprüfung über die Zeit und den weiteren Kontrollvariablen lassen sich die Wechsel der Erwerbsform innerhalb der Selbständigengruppe plausibel nachvollziehen. Das folgende Kapitel geht auf die Muster falschen Antwortverhaltens ein. 4.2.3 Muster falscher Wechselangaben Nach der im Kapitel 4.4.2 beschriebenen Vorgehensweise zur Überprüfung der Plausibilität wurden alle 969 ausgewählten Personen über den Beobachtungshorizont von elf Jahren untersucht. Dabei konnten insgesamt fünf spezifische Muster, wahrscheinlich aus einem falschen Antwortverhalten heraus, festgestellt werden. Die Muster setzen sich hauptsächlich aus „Kritischen Wechsel“, d.h. nicht durch Kontrollvariablen bestätigte Wechsel zwischen einer freiberuflichen 158 Das Sozio-ökonomische Panel (SOEP) und unternehmerischen Tätigkeit sowie zwischen einer unternehmerischen und freiberuflichen Tätigkeit zusammen. Die folgende Aufzählung der Beispiele zu den einzelnen Mustern richtet sich nach der beruflichen Tätigkeit der selbständigen Personen. Die Musterbeispiele sind mit der Personennummer des SOEP chronologisch gelistet in der Tabelle 16 aufgeführt (in Klammern - in dieser Ausgabe gelöscht, da aus datenschutzrechtlichen Gründen keine personenbezogenen Einzeldatensätze des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) abgebildet werden dürfen. Um Einsicht auf die jeweiligen Personnummern oder die komplette Berichtigung der „Selbständigen-Variable“ im SOEP zu erhalten ist die Zustimmung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) erforderlich. Nähere Informationen erhalten Sie hierzu am Forschungsinstitut Freie Berufe (FFB) der Leuphana Universität Lüneburg). Im Anschluss an die Vorstellung der Muster werden die möglichen Ursachen der fehlerhaften Angaben diskutiert. Insgesamt fielen insbesondere sich häufig wiederholende Muster auf: 1. Einmalige „Kritische Wechsel“ zwischen der freiberuflichen und unternehmerischen Tätigkeit sowie zwischen der unternehmerischen und freiberuflichen Tätigkeit. Nach einer länger anhaltenden Tätigkeit in einer Erwerbsform als Freiberufler oder Selbständiger findet ein einmaliger Wechsel über eine Welle statt und im darauffolgenden Jahr wieder ein Wechsel zurück in die bereits zuvor ausgeübte selbständige Tätigkeit. Dies geschieht ohne eine parallele Angabe über eine neue selbständige Tätigkeit oder einer etwaigen Änderung der Berufsbezeichnung nach KldB. Musterbeispiele, die im SOEP-Datensatz als Unternehmer geführt sind: Fahrlehrer, Heilpraktiker, Rechtsanwälte, Hebammen, Zahnärzte, medizinische Masseure oder auch Fotografen. Musterbeispiele für klassische unternehmerische Tätigkeiten, die im SOEP unter den Freien Berufen geführt werden: Selbständige Klempner und Hausmeister, Gaststättenbetreiber und Taxiunternehmer. 2. Mehrmalige „Kritische Wechsel“ zwischen der freiberuflichen und unternehmerischen Tätigkeit sowie zwischen der unternehmerischen und freiberuflichen Tätigkeit. Diese Wechsel fanden keine Bestätigung durch Angaben zu einer neuen selbständigen Tätigkeit oder einer Änderung der Berufsbezeichnung nach KldB. Musterbeispiel für mehr als drei „Kritische Wechsel“ zwischen der Freiberuflichkeit und der Selbständigkeit im Beobachtungszeitraum, Rechtsanwalt und Immobilienmakler. 3. Ein weiteres Muster bestand aus „Kritischen Wechseln“ innerhalb der Selbständigkeit von Freiberuflern zu den Unternehmern, wenn die Zahl der Mitarbeiter/ Angestellten anstieg. Beispiel: Heilpraktiker, Unternehmensberater, Rechtsanwalt oder Musiklehrer. Das Sozio-ökonomische Panel (SOEP) 159 4. Zu Beobachten waren auch vermehrt Probleme im Antwortverhalten von selbständigen Personen im ersten Jahr ihrer Selbständigkeit. Hier gibt es offensichtlich Probleme bei der richtigen Interpretation ihrer Berufsangabe als Selbständiger im SOEP. Zum Beispiel ein Selbständiger Radio- und Fernsehtechniker gibt sich im ersten Jahr als Freiberufler aus und in den folgenden Jahren (Wellen) durchgehend als Selbständiger. 5. Mehrere klassische Fehlkodierungen oder auch ein fehlerhaftes Antwortverhalten konnten in der Unterkategorie der Landwirte festgestellt werden. Hier waren u.a. ein Schauspieler und ein Zahnarzt als Landwirte gekennzeichnet. Darüber hinaus fanden sich vereinzelt Selbständige, die nur über eine Welle eine Tätigkeit als Freiberufler oder Unternehmer ausübten und nicht korrekt ihrer beruflichen Tätigkeit als Freiberufler oder Unternehmer zugeordnet waren. Über die einzelnen vorgestellten Muster des Antwortverhaltens der befragten Personen hinaus, konnten Wechsel bestimmter Personengruppen vermehrt festgestellt werden. Im besonderen Maße von den Wechseln betroffen ist der Personenkreis aus dem Finanzdienstleistungssektor und dem wirtschaftlichen Beratungssektor. So sind beispielsweise Wechsel von Selbständigen aus der Versicherungsbranche in die Freiberuflichkeit oder die Selbständigkeit häufiger zu beobachten. Gleiches gilt für eine häufiger auftretende Wiederaufnahme einer punktuellen freiberuflichen Tätigkeit aus dem Ruhestand heraus. In der Gesamtschau ist bei ca. 10 Prozent aller 969 untersuchten Personen und ihrer beruflichen Wechsel innerhalb der Selbständigkeit die eindeutige Identifizierung der tatsächlichen beruflichen Ausübung nur schwer möglich. Dies beruht auf den unterschiedlichsten Gründen. Zum einen tritt bei einigen Personen das Problem der „nonsampling errors“ oder „nonresponse error“ auf. Diese äu- ßern sich durch gelegentliche „temporary nonresponse“ bei der Berufsbezeichnung und den anderen Kontrollvariablen. Fehlen diese Angaben zeitweilig ist es nur sehr schwer möglich oder auch überhaupt nicht möglich, diesen wechselnden Personenkreis einer selbständigen Tätigkeit korrekt zuzuordnen. Ein weiteres Problem tritt durch die verwendete unbalanced Panelstruktur auf und den damit verbundenen „permamant unit nonresponse“. Dies betrifft speziell Personen mit Wechseln in der ersten oder letzten beobachteten Welle, die durch das Fehlen vorheriger oder auch folgender Angaben nicht eindeutig zugeordnet werden können. Letztere Problematik lässt sich gut in der Tabelle 16 anhand der durch Punkte gekennzeichneten permamant unit nonresponse erkennen. (vgl. Variab. Nr. 1). Die Tabelle 16 gibt eine Übersicht der in den Beispielen aufgezeigten Muster über die einzelnen Wellen zwischen 1992 und 2002. Erschwerend hinzu kommt die eindeutige Identifizierung einer freiberuflichen oder unternehmerischen Tätigkeit. Wird ein Wechsel weder von der Kontrollva- 160 Das Sozio-ökonomische Panel (SOEP) riable zur beruflichen Veränderung noch durch die Kontrollvariable nach der KldB bestätigt, dann liegt, sofern die ergänzenden Kontrollvariablen nicht zu einer Bestätigung kommen, ein unplausibler Wechsel im Datensatz vor. Problematisch ist nun in einigen Fällen die richtige berufliche Zuordnung der Selbständigen Person in eine freiberufliche oder unternehmerische Tätigkeit. Dies betrifft insbesondere die mehrmaligen Wechsel im Beobachtungszeitraum bei denen auch die Berücksichtigung der einzelnen Wellen nicht weiterhilft. Eine abschließende Zuordnung der selbständigen Tätigkeiten auf alleiniger Basis der KldB ist nicht immer möglich, wie beispielsweise die folgenden nicht zu zuordenbaren Berufsangaben deutlich machen: Selbständig o.n.T, Kaufleute o.n.a., Diplom Betriebswirte oder Versicherungsfachleute. Tabelle 16: Übersicht der angeführten Wechsel aus den Musterbeispielen im SOEP von 1992-2002 Jahr 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 Variab. ip4802 jp4802 kp5102 lp4302 mp4102 np3502 op3502 pp3802 qp3602 rp4002 sp4002 1 2 2 2 2 2 4 2 2 2 2 2 2 4 3 2 2 2 4 . . . . . 3 3 2 3 3 2 3 4 4 4 4 4 4 3 2 3 3 3 5 5 4 2 2 2 5 . . . . . . 4 2 4 4 4 6 . . . . . . 2 4 3 -2 3 7 . . . . . . 2 4 4 . 3 8 . . . . . . . . 2 3 4 9 . . . . . . . . 4 2 2 10 . . . . . . . . 3 2 4 11 . . . . . . . . 2 5 2 12 . . . . . . . . 4 4 2 13 . . . . . . . . 2 1 2 14 . . . . . . . . 2 2 5 15 . . . . . . . . 2 5 3 16 . . . . . . . . 2 2 3 17 . . . . . . . . 4 4 2 18 . . . . . . . . 2 3 -2 19 . . . . . . . . 4 2 4 20 . . . . . . . . 4 4 2 21 . . . 2 2 4 3 2 1 . 2 Quelle: Eigene Tabelle. SOEP 1992-2002. Legende: 2=FB, 3=Selbst., 4=Selbst.,5=Selbst., 6=Mithef. Famil., -2=fehlende Angabe, Punkt=keine Angaben. Die Pers-Nr. wurden aus datenschutzrechtlichen Gründen durch die Nummern „1-21“ ersetzt. Insgesamt zeigt das Ergebnis der Überprüfung der SOEP-Daten, dass bei mehr als zwei Drittel der untersuchten 969 Personen kritische Wechsel vorliegen, d.h. in diesen Fällen die Wechsel innerhalb der Selbständigkeit mit den Kontrollvariablen nicht bestätigt werden können. Das Sozio-ökonomische Panel (SOEP) 161 4.2.4 Ursachen falschen Antwortverhaltens Eine Ursache für die falschen Angaben kann in der Fragestellung zur beruflichen Stellung der Selbständigkeit begründet sein. Neben dem relativ unübersichtlichen Fragenkomplex sind auch die Unterkategorien etwas unglücklich bezeichnet. Während die Freien Berufe mit dem Hinweis „selbständige Akademiker“ versehen sind, werden die Unternehmer weniger schmeichelhaft als „sonstige Selbständige“ tituliert. Hier sind nun vier Gründe vorstellbar, die zum Teil aus den vorgefundenen Mustern und der Fragestellung im Fragebogen eine Fehlangabe hervorrufen können: (1) Insgesamt erscheint die Formulierung der Fragestellung für die Befragten zu ungenau. Grundsätzlich zählen die Freiberufler definitorisch auch zur Gruppe der Selbständigen. Einem Freiberufler, der nun eine selbständige Tätigkeit angibt, kann nicht gänzlich ein falsches Antwortverhalten vorgeworfen werden. Vor dem Hintergrund der teilweise schwierigen Abgrenzung zwischen Freiberuflichkeit und Unternehmertum ist ein falsches Antwortverhalten nicht zuletzt auch durch Interpretationsprobleme der Fragestellung nachzuvollziehen. (2) Die abgefragten Informationen zur beruflichen Tätigkeit sind sehr gedrungen und komplex im Design dargestellt. Dies führt für den Befragten zu einer gewissen Unübersichtlichkeit der Fragestellung, woraus möglicherweise resultieren kann, dass die Angaben um eine Zeile nach oben oder unten verrutschen. (3) Die im Fragebogen gegenüber den „sonstigen Selbständigen“ sprachlich hervorgehobenen „Freiberufler“ könnten zu einer falschen Angabe animieren. (4) Bis zum Jahr 2000 hatten ausschließlich sonstige Selbständige die Möglichkeit die Anzahl ihrer Mitarbeiter anzugeben. Dies konnte Freiberufler mit Mitarbeitern zu einer Angabe bei den „sonstigen Selbständigen“ im Fragebogen veranlasst haben. Die Abbildung 13 stellt den Abschnitt zur Frage der beruflichen Stellung im originalen SOEP-Fragebogen 2002 dar. In der Frage 40 wird die berufliche Stellung in den Unterkategorien Arbeiter, Selbständige, Azubis, Angestellte und Beamte abgefragt. Weiterhin werden die Selbständigen in den Gruppen selbständige Landwirte, Freie Berufe, sonstige Selbständige und mithelfende Familienangehörige. Grundsätzlich ergab die Untersuchung der Wechsel innerhalb der Selbständigengruppe, dass es sich bei den fehlerhaften Angaben eher um falsches Antwortverhalten der befragten Personen als um eine Fehlcodierung innerhalb des Datensatzes handelt. Als ursächliche Quelle des falschen Antwortverhaltens wird insbesondere die Fehlinterpretation der Fragestellung vermutet. Vor dem Hintergrund, dass eine freiberufliche Tätigkeit auch definitorisch nicht abschließend festgelegt werden kann, verbunden mit einer dynamischen Entwicklung neuer Berufsbilder in der Praxis, macht es den Befragten nicht einfacher ihre Tätigkeitsbezeichnung korrekt zuzuordnen. Hinzu kommt die nahe liegende Vermutung, dass sich viele der Befragten selbständig Tätigen der bestimmenden Charakteristika einer freiberuflichen Tätigkeit nicht bewusst sind, wie die Beispiele der Taxifahrer oder Klempner zeigen.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Die Arbeit verfolgt die theoretische, methodische und empirisch fundierte Analyse des freiberuflichen Gründungsgeschehens. Um die Fragestellung “Welche Determinanten beeinflussen die Gründungsaktivität und den Gründungserfolg von Freiberuflern?“ wird das Spektrum über die Phasen vor der Gründung bis zur Etablierung der freiberuflichen Tätigkeit am Markt erfasst.

Auf Grundlage des SOEP-Panels und einer Onlineerhebung tragen die Ergebnisse zu einem Erkenntnisgewinn des freiberuflichen Gründungsgeschehens bei. Gewürdigt wird dabei insbesondere die Praxis mit vielen neuen Ergebnissen aus den empirisch neu gewonnenen Daten zum Gründungsgeschehen der Freien Berufe.

Dr. Peter Paic studierte BWL und Ökonomie in Hamburg. 2008 Promotion an der Leuphana Universität Lüneburg. Zurzeit ist er Referent im Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik (LDS NRW) in Düsseldorf.