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Peter Paic, Hypothesen zum Gründungserfolg des Einkommens in:

Peter Paic

Gründungsaktivität und Gründungserfolg von Freiberuflern, page 134 - 138

Eine empirische Mikroanalyse mit dem Sozio-ökonomischen Panel

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4112-3, ISBN online: 978-3-8452-1348-4 https://doi.org/10.5771/9783845213484

Series: FFB - Schriften des Forschungsinstituts Freie Berufe der Leuphana Universität Lüneburg, vol. 17

Bibliographic information
134 Theorien der Gründungsforschung 3.6.3 Hypothesen zum Gründungserfolg des Einkommens Indikator für den Erfolg ist im Einkommensmodell ein höheres Einkommen aus freiberuflicher Tätigkeit. Das Einkommen der Freien Berufe wird in drei Gruppen unterteilt: einem „niedrigeren Einkommen“, einem „mittleren Einkommen“ und einem „höheren Einkommen“. Die Bildung der Hypothesen zum Einkommen beruht auf die Einflussrichtung der Determinanten zur Wahrscheinlichkeit einer höheren Einkommensgruppe anzugehören. Die Hypothesen werden zunächst für die demografischen Merkmale im personenbezogenen Umfeld gebildet. Zuerst wird aus dem personenbezogenen Umfeld der demografischen Merkmale der Einfluss des Geschlechts auf ein hohes freiberufliches Einkommen behandelt. Aus den vorliegenden empirischen Untersuchungen zum Einfluss des Geschlechts auf den Gründungserfolg stellte Wanzenböck (1998) eine geringere Überlebenswahrscheinlichkeit bei Gründungen von Frauen fest. Darüber hinaus kommt Heil (1999) in seiner Studie zu dem Ergebnis, dass Frauen gegenüber den Männern ein geringeres Wachstum unmittelbar nach der Gründung aufweisen. Überträgt man die Ergebnisse auf das freiberufliche Umfeld, so sollte auch das freiberufliche Einkommen der Frauen gegenüber den Männern geringer ausfallen. H1 Einkommen: Frauen haben gegenüber den Männern eine geringere Wahrscheinlichkeit auf ein höheres freiberufliches Einkommen. Aus den humankapitaltheoretischen Überlegungen heraus werden den freiberuflichen Gründern, wie zu den Überlebenschancen, mit einem höheren allgemeinen Humankapital bessere Chancen auf ein höheres freiberufliches Einkommen unterstellt. Die Theorie begründet diesen Einfluss des Humankapitals mit seinen Produktivitäts- und Selektionseffekten (vgl. Kap. 3.3.3). Die Produktivitätseffekte sprechen den Freiberuflern mit einer längeren Ausbildungszeit oder einem Hochschulabschluss eine bessere Umsetzung des Gründungsvorhabens zu. Indirekt lassen sich aus den Selektionseffekten bessere Startbedingungen zum Gründungszeitpunkt und damit auch bessere Erfolgsaussichten auf ein höheres Einkommen einräumen. Demnach sollten Freiberufler mit einem Hochschulabschluss oder einer längeren Ausbildungsdauer eine bessere Chance auf ein höheres freiberufliches Einkommen haben. H2 Einkommen: Eine längere Ausbildungsdauer hat einen positiven Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit eines höheren freiberuflichen Einkommens. H3 Einkommen: Ein Hochschulabschluss hat einen positiven Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit eines höheren freiberuflichen Einkommens. Theorien der Gründungsforschung 135 Neben dem Einfluss des allgemeinen Humankapitals lässt sich die Wahrscheinlichkeit für ein höheres freiberufliches Einkommen insbesondere durch die branchenspezifische- und das unternehmerische Humankapital spezifizieren. Freiberufliche Gründer die unmittelbar vor der Gründung branchenspezifische Erfahrungen gesammelt haben, werden bessere Chancen eingeräumt. Aufgrund ihrer spezifischen Informationen und Kenntnisse aus der Branche wird ihnen ein positiver Einfluss auf den Gründungserfolg unterstellt. Ein ähnlicher Effekt wird von einer längeren Berufserfahrung in der freiberuflichen Tätigkeit vermutet. Mit einer längeren Berufserfahrung steigen die Kenntnisse und Erfahrungen im ausgeübten Beruf. Der Freiberufler hat sich einen festen Kundenstamm aufgebaut und ist mit seiner Profession am Markt etabliert. Vor dem Hintergrund einer länger anhaltenden Berufserfahrung sind wirtschaftliche Fehlentscheidungen aufgrund einer falschen Markteinschätzung weniger wahrscheinlich. Mit steigendem Grad der Berufserfahrung sollte die Wahrscheinlichkeit auf ein höheres freiberufliches Einkommen steigen. Letztlich lassen sich beide aus der Humankapitaltheorie hergeleiteten Annahmen auf den freiberuflichen Erfolg eines höheren Einkommens übertragen H4 Einkommen: Eine vorhergehende Branchenerfahrung erhöht die Wahrscheinlichkeit eines höheren freiberuflichen Einkommens. H5 Einkommen: Eine längere Berufserfahrung erhöht die Wahrscheinlichkeit eines höheren freiberuflichen Einkommens. Der Ansatz des unternehmerischen Humankapitals umfasst die Kenntnisse und Fähigkeiten einer Person, welche für die Rolle als Unternehmer von Vorteil sind. Darunter fallen insbesondere Erfahrungen aus einer vorhergehenden selbständigen Tätigkeit. Vorhergehende Gründungserfahrungen, sowie Kenntnisse in der Umsetzung eines Gründungsvorhabens oder Erfahrungen in vorgesetzten Positionen, sollten die Erfolgsaussichten begünstigen. Dabei gelten auch negative Erfahrungen mit der Selbständigkeit als förderlich (vgl. Kap. 3.3.3). Die Erfolgsaussichten eines freiberuflich höheren Einkommens sollten mit einer vorhergehenden Selbständigkeitserfahrung steigen. H6 Einkommen: Eine vorhergehende Selbständigkeit erhöht die Wahrscheinlichkeit eines höheren freiberuflichen Einkommens. Nach der Bildung von Hypothesen zum personenbezogenen Umfeld folgt nun das betriebsbezogene freiberufliche Umfeld. Dazu werden Hypothesen für ein höheres freiberufliches Einkommen auf Grundlage der Berufsbilder, Gründungsform und Mitarbeiter gebildet. Empirische Ergebnisse über einen Erfolgsvergleich der vier Berufsgruppen sind dem Autor nicht bekannt. Bisherige Untersuchungsergebnisse zeigen auch innerhalb der jeweiligen Berufsgruppen große Unterschiede bei den Einkommen (vgl. Merz und Paic 2003). Eine grobe Differenzierung für die Erfolgsaussichten lässt sich nur aufgrund unterschiedlicher Charakteristika in den Berufsgruppen vermuten. So fällt auf die Freien künstlerischen, publizistischen und pädagogischen Berufe die geringste Anzahl von 136 Theorien der Gründungsforschung Kammerberufen. Dies könnte sich als ein Indikator für ein geringeres freiberufliches Einkommen erweisen, da keine einheitliche und festgelegte Preis- und Leistungsordnung existiert. H7 Einkommen: Freie künstlerische, publizistische und pädagogische Berufe haben einen negativen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit eines höheren freiberuflichen Einkommens. Direkt lassen sich aus dem organisationsökologischen Theorieansatz der „liability of newness“ keine Rückschlüsse auf den Erfolg neugegründeter Unternehmen ableiten (vgl. Kap. 3.3.7). Dennoch lassen sich indirekt aus der Annahme einer höheren Sterblichkeitsrate bei originär gegründeten Betrieben in der Startphase weiterreichende Annahmen ableiten. Handelt es sich um eine originäre freiberufliche Gründung sollte vor dem Hintergrund eines erhöhten Sterblichkeitsrisiko in den ersten Jahren mit einem geringeren Einkommen zu rechnen sein. Dagegen ist bei einer derivativen freiberuflichen Gründung von einem höheren Einkommen auszugehen. Letztlich erschein die Annahme plausibel da gerade in der derivativen Gründungsform auf bestehende Ressourcen wie Personal, Kenntnisse und bestehende Kundenbeziehungen aufgebaut werden kann. Dagegen starten die originären freiberuflichen Gründungen bei Null und müssen sich erst am Markt etablieren. H8 Einkommen: Eine derivative freiberufliche Gründung hat einen positiven Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit eines höheren freiberuflichen Einkommens. Speziell kleinbetrieblichen Gründungen, wie sie in den Freien Berufen vorherrschen, wird mit einer steigenden Anzahl von Mitarbeitern ein gewisser Erfolg unterstellt. Die Mitarbeiterzahl eines Selbständigen gibt zwar keine direkten Informationen zum wirtschaftlichen Betriebsstatus, hat sich aber in den zurückliegenden Studien als valider Erfolgsindikator erwiesen (vgl. Schulte 2002, Brüderl, Preisendörfer und Ziegler 1996, Heil 1997). Diese Annahme lässt sich auch auf die Freien Berufe übertragen. Ein Freiberufler wird zusätzliche Mitarbeiter nur dann einstellen, wenn die finanziellen Ressourcen ausreichen und die perspektivischen Aussichten für einen Geschäftserfolg günstig sind. Vor diesem Hintergrund kann den Freiberuflern mit beschäftigten Mitarbeitern eine günstigere Entwicklung unterstellt werden, die sich auch in einem höheren freiberuflichen Einkommen wiederspiegeln sollte. H9 Einkommen: Die Anzahl der beschäftigten Mitarbeiter hat einen positiven Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit eines höheren freiberuflichen Einkommens. Auf Grundlage der Annahmen des „organizational imprinting“ aus dem betriebsbezogenen Ansatz wird den strukturellen Setzungen zum Gründungszeitpunkt ein dauerhafter Einfluss auf die weitere Entwicklung eines Betriebes zugesprochen (vgl. Kap. 3.3). Der „liability of smallness“ Ansatz aus der Orga- Theorien der Gründungsforschung 137 nisationsökologie konkretisiert die Annahme und spricht Gründungen mit Mitarbeitern zum Gründungszeitpunkt eine günstigere Entwicklung ihrer Erfolgsund Einkommenschancen zu. Speziell auf die Freien Berufe übertragen, sollten demnach Freiberufler mit Mitarbeitern zum Gründungszeitpunkt eine größere Wahrscheinlichkeit für ein höheres freiberufliches Einkommen aufweisen. H10 Einkommen: Mitarbeiter zum Gründungszeitpunkt haben einen positiven Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit eines höheren freiberuflichen Einkommens. Der Ansatz des unvollständigen Wettbewerbs aus der Industrieökonomie trifft Annahmen über die Auswirkungen von Barrieren bei einem Marktzutritt. Selbständigen, die diese Barrieren überwunden haben, wird eine größere Chance für einen Gründungserfolg zugesprochen, da sie durch Zulassungsbeschränkungen vor anderen Marktteilnehmern geschützt werden (vgl. Kap. 3.3.6). Das Modell des unvollständigen Wettbewerbs ist im Besonderen dazu geeignet, die standesrechtlichen Strukturen der Freien Berufe mit den durch die Kammerorganisationen regulierten Märkten abzubilden. Als problematisch erweist sich die empirische Erfassung der Freien Berufe, da die zuständigen Kammerorganisationen mit einer differierenden Intensität zu den einzelnen Berufsbildern in den Markt eingreifen. Trotz dieser unterschiedlichen Intensität der Marktzutrittsbarrieren in den Freien Berufen kann generell von einem positiven Effekt für die Kammerberufe ausgegangen werden, da sie durch die Marktzutrittsbarrieren von anderen Konkurrenten geschützt werden. Übertragen auf die Wahrscheinlichkeit eines höheren freiberuflichen Einkommens ist daher ein positiver Effekt von den Kammerberufen gegenüber den kammerlosen Berufen zu erwarten. H11 Einkommen: Gründungen in den Kammerberufen haben einen positiven Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit eines höheren freiberuflichen Einkommens. Wie schon im Abschnitt zum Überlebensmodell behandelt, ergab sich aus den vorangegangenen Studien ein Zusammenhang zwischen dem geografischen Umfeld und dem Gründungserfolg (Simon 2002; Heil 1997). Die empirisch gestützten Ergebnisse zeigen dabei einen negativen Einfluss auf die Überlebenswahrscheinlichkeit einer Gründung in Ostdeutschland. Die Annahmen lassen sich auch auf die Wahrscheinlichkeit eines höheren freiberuflichen Einkommens übertragen. H12 Einkommen: Gründungen in Ostdeutschland haben einen negativen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit eines höheren freiberuflichen Einkommens. So sollte vor dem Hintergrund einer schwächeren ostdeutschen Wirtschaftskraft und der damit verbundenen geringeren Nachfrage von Dienstleistungen ein negativer Einfluss auf ein höheres freiberufliches Einkommen von ostdeutschen Gründungen erwartet werden. Insgesamt wurden 12 Hypothesen zur freiberuflichen Einkommenswahrscheinlichkeit gebildet. 138 Theorien der Gründungsforschung 3.6.4 Fazit Auf der Grundlage des aktuellen Standes in der Gründungsforschung wurden Hypothesen für die Gründungsaktivität und dem Gründungserfolg von Freiberuflern gebildet. Dazu wurden theoretische und empirische Erkenntnisse aus dem Gründungsumfeld der Unternehmen auf ihre Anwendung im freiberuflichen Gründungsumfeld geprüft, übertragen und gegebenenfalls weiterentwickelt. Diese Operationalisierung mit den insgesamt 35 gebildeten Hypothesen zum freiberuflichen Gründungs-, Überleben- und Einkommenserfolg geben den empirischen Untersuchungen den formalen Rahmen. Die Tabelle 13 gibt eine zusammenfassende Übersicht zu den Determinaten und ihrer vermuteten Einflussrichtungen. Auf der linken Seite der Tabelle sind senkrecht die übergeordneten Theorielinien aufgeführt. Diese werden ergänzt durch die jeweils spezifischeren Theorieansätze. In wagerechter Position folgen die einzelnen Determinanten. Oben waagerecht aufgeführt sind die drei Untersuchungsmodelle mit den Hypothesen und ihrer vermuteten Einflussrichtungen. Ein Plus steht für eine positive, ein minus für eine negative Einflussrichtung. Ein Kreis steht für einen fehlenden Einfluss der Determinante auf die abhängige Variable. Die meisten aus der Gründungsforschung ins freiberufliche Umfeld abgeleiteten Hypothesen sind bekannt. Sie sind in ihrer Natur eher rudimentärer Art, da sie als Gegenstand der Alltagserfahrung fest im allgemeinen Bewusstsein verankert sind. Dazu zählt beispielsweise die Annahme positiver Effekte auf den Gründungserfolg bei einer vorhergehenden selbständigen Tätigkeit. Allerdings entspricht dabei die Verbreitung solcher Annahmen oftmals nicht ihrer empirischen Validität. Eine Erweiterung der theoretischen Perspektive wird durch die Zusammenführung einzelner theoretischer Erklärungsansätze verfolgt. Gewonnene Erkenntnisse aus der Verknüpfung von z.B. psychologischen und humankapitaltheoretischen Ansätzen bekämen eine neue Qualität. Vor dem Hintergrund eines fehlenden geschlossenen Theorieansaztes in der Gründungsforschung zeigt dieser Ansatz mögliche Entwicklungsperspektiven in der theoriegeleiteten Gründungsforschung auf. Bei aller Vertiefung in die theoriegeleitete Gründungsforschung gilt es die beiden zentralen Fragestellungen dieser Untersuchung im Auge zu behalten: „Welche Determinanten beeinflussen die freiberufliche Gründungsaktivität und den Gründungserfolg?“ Letztlich wird erst die abschließende empirische Überprüfung der in diesem Kapitel entwickelten Hypothesen eine Antwort darauf geben.

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Zusammenfassung

Die Arbeit verfolgt die theoretische, methodische und empirisch fundierte Analyse des freiberuflichen Gründungsgeschehens. Um die Fragestellung “Welche Determinanten beeinflussen die Gründungsaktivität und den Gründungserfolg von Freiberuflern?“ wird das Spektrum über die Phasen vor der Gründung bis zur Etablierung der freiberuflichen Tätigkeit am Markt erfasst.

Auf Grundlage des SOEP-Panels und einer Onlineerhebung tragen die Ergebnisse zu einem Erkenntnisgewinn des freiberuflichen Gründungsgeschehens bei. Gewürdigt wird dabei insbesondere die Praxis mit vielen neuen Ergebnissen aus den empirisch neu gewonnenen Daten zum Gründungsgeschehen der Freien Berufe.

Dr. Peter Paic studierte BWL und Ökonomie in Hamburg. 2008 Promotion an der Leuphana Universität Lüneburg. Zurzeit ist er Referent im Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik (LDS NRW) in Düsseldorf.