Content

Peter Paic, Hypothesen zur Gründungsaktivität in:

Peter Paic

Gründungsaktivität und Gründungserfolg von Freiberuflern, page 120 - 127

Eine empirische Mikroanalyse mit dem Sozio-ökonomischen Panel

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4112-3, ISBN online: 978-3-8452-1348-4 https://doi.org/10.5771/9783845213484

Series: FFB - Schriften des Forschungsinstituts Freie Berufe der Leuphana Universität Lüneburg, vol. 17

Bibliographic information
120 Theorien der Gründungsforschung mit den Merkmalsausprägungen „Stattfinden einer freiberuflichen Gründungsaktivität“ und „keine freiberufliche Gründungsaktivität“. Die freiberuflichen Gründer werden über diesen Erfolgsindikator im Jahr vor ihrer Gründungen auf den Einfluss ihrer personenbezogen Determinanten auf die Wahrscheinlichkeit einer freiberuflichen Gründung auf der Datengrundlage des SOEP getestet. Im zweiten Untersuchungsmodell zum freiberuflichen Gründungserfolg wird auf der Datengrundlage des SOEP die Überlebensdauer der freiberuflichen Gründer als Erfolgsindikator genutzt. Vor dem Hintergrund eines fehlenden einheitlichen Kriteriums für den idealen Zeitraum eines Verbleibemaßes, soll die Überlebensdauer der freiberuflichen Gründungen über drei Jahre gemessen werden. Die beiden endogenen Variablen bilden das Messkriterium der Überlebensdauer dichotom mit den Merkmalsausprägungen „Überlebt“ und „nicht Überlebt“ über die beiden Perioden von drei Jahren ab. Mit diesen Modellen soll der Einfluss der Determinanten auf die Überlebenswahrscheinlichkeit einer freiberuflichen Gründung getestet werden. Beim dritten Untersuchungsmodell finden die Erfolgsindikatoren des freiberuflichen Einkommens Anwendung. Auf Datengrundlage der FFB-Onlineumfrage wird das freiberufliche Einkommen als Erfolgsindikator verwendet. Mittels einer den Daten angepassten ordinalskalierten endogenen Variable mit den Merkmalsausprägungen „niedrige Einkommen“, „mittlere Einkommen“ und „hohe Einkommen“ wird der Einfluss der Determinanten auf die Wahrscheinlichkeit eines höheren Einkommens getestet. Mit dem Querschnittsdatensatz der FFB-Onlineumfrage stehen zudem primär zu den Freien Berufen erhobene Daten des betrieblichen Umfeldes sowie zum Gründungszeitpunkt der Freien Berufe zur Verfügung. Die drei Untersuchungsmodelle ermöglichen einen weit reichenden Einblick über die verschiedenen Lebensphasen der freiberuflichen Gründungen. Diese reichen vom Vorfeld der Startphase bis ins höhere Alter und geben Auskunft zu den Einflussgrößen des freiberuflichen Gründungserfolges. 3.6 Hypothesenbildungen Im Vorfeld der empirisch-ökonometrischen Untersuchung werden Hypothesen über die Richtung der einzelnen personen- und betriebsbezogenen Einflussgrö- ßen gebildet. Aufbauend auf den gründungstheoretischen und empirischen Erkenntnissen der vorangegangenen Abschnitte werden nun einzelne Erklärungsansätze spezifisch auf die freiberufliche Gründungsaktivität und den freiberuflichen Gründungserfolg angewandt. Die Bildung der Hypothesen orientiert sich an den Untersuchungsmodellen zur Gründungsaktivität sowie den beiden Modellen des Gründungserfolges. Im Modell zur Gründungsaktivität werden Hypothesen zum Einfluss einzelner Determinanten auf die Wahrscheinlichkeit einer freiberuflichen Gründung gebildet. Theorien der Gründungsforschung 121 Dem schließen sich die beiden Modelle zum freiberuflichen Gründungserfolg an. Ähnlich wie im Modell der Gründungsaktivität werden im Untersuchungsmodell zur Überlebenswahrscheinlichkeit Hypothesen gebildet, um Aussagen über den Einfluss einzelner Determinanten auf die freiberuflichen Überlebenschancen zu treffen. Die Hypothesenbildung im Einkommensmodell trifft Aussagen zum Einfluss der Determinanten auf die Wahrscheinlichkeit eines höheren Einkommens aus freiberuflicher Tätigkeit. Die systematische Herleitung der Hypothesen wird, trotz sich teilweise überschneidender Inhalte, getrennt für die jeweiligen Untersuchungsmodellen vorgenommen. Dabei kommt es in den einzelnen Modellen bei der forschungsperspektivischen Einbettung der Determinanten bzw. Variablen zu einer abweichenden Terminologie in den Modellen. So wechselt beispielsweise die Determinante der subjektiven Arbeitszufriedenheit von der persönlichen Ebene im Modell der Gründungsaktivität in die betriebliche Ebene beim Modell zum Gründungserfolg. Dieser Wechsel der Ebenen ist zwar formal richtig, aber der Übersichtlichkeit und einem späteren Vergleich der Ergebnisse nicht dienlich. Daher wird die einmal vorgenommene Zuordnung der Variablen im Modell der Gründungsaktivität auch in den anderen Untersuchungsmodellen beibehalten. Davon betroffen sind die erklärenden Größen der Arbeitszufriedenheit und der geografischen Herkunft. Diese Zuordnungsfragen beziehen sich ausschließlich auf die formale Struktur der Darstellung. Von der Zuordnung unberührt bleiben inhaltliche aus den Thoerien abgeleitete Annahhmen (Hypothesen). Ein Überblick sämtlich gebildeter Hypothesen sowie ihre vermuteten Einflussrichtungen aus allen drei Untersuchungsmodellen schließen den Abschnitt der Hypothesenbildung ab. 3.6.1 Hypothesen zur Gründungsaktivität Hinsichtlich ihres Einflusses auf die Wahrscheinlichkeit einer freiberuflichen Gründungsaktivität werden zunächst die demografischen Merkmale aus den personenbezogenen Ansätzen behandelt. Als Erfolgsindikator einer Gründungsaktivität gilt dabei das Stattfinden einer freiberuflichen Gründung (vgl. Kap. 3.5). Aus den bisherigen empirisch gestützten Ergebnissen der Gründungsforschung ist bekannt, dass der Eintritt in die Selbständigkeit selten zu Beginn eines Berufslebens stattfindet (vgl. u.a. Merz und Paic 2003; Simon 2002; Pfeiffer 1994; Brüderl, Preisendörfer und Ziegler 1996). Diese Erkenntnis lässt sich durch die humankapitaltheoretischen Annahmen (vgl. Kap. 3.3.3), sowie den freiberuflichen Besonderheiten (vgl. Kap. 2.1 bis 2.3), stringenter konzeptualisieren und auf das Alter der Person zum Zeitpunkt einer freiberuflichen Gründung spezifizieren. Dies betrifft zentral die freiberuflichen Ausbildungscharakteristika und vorangegangenen Berufserfahrungen der freiberuflichen Gründer. So ist ein Hochschulabschluss die Voraussetzung für die Aufnahme vieler freiberuflicher Tätigkeiten. Andererseits hat sich in den 122 Theorien der Gründungsforschung vorhergehenden Studien gezeigt, dass ein überwiegender Teil der Gründer zunächst berufliche Praxis sammelt, bevor er eine Gründung vornimmt. Gestützt wird diese Annahme durch die Ergebnisse der Studie von Merz und Paic (2003). Die Ergebnisse der Logit-Schätzung ergaben für ein höheres Alter einen hochsignifikanten positiven und zugleich nichtlinearen Effekt auf die Wahrscheinlichkeit einer freiberuflichen Gründung (Merz und Paic 2003). Die bisherigen empirischen Ergebnisse, sowie humankapitaltheoretisch geleiteten Annahmen in Form eines Hochschulabschlusses und einer vorhergehenden Berufspraxis vor einer freiberuflichen Gründung, lassen auf ein höheres Alter der Personen zum freiberuflichen Gründungszeitpunkt schließen. Im Gegensatz dazu stehen die Annahmen von jüngeren und von älteren Personen. Ihnen wird ein negativer Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit einer freiberuflichen Gründung unterstellt. Jüngere Personen haben in der Regel noch keine, den Freien Berufen entsprechende, Ausbildungs- und Praxiszeiten absolviert. Womit ihnen der Weg zu vielen freiberuflichen Tätigkeiten zunächst noch nicht möglich ist. Gegen eine Gründungsaktivität von älteren Personen steht ein mit dem Alter abnehmender Effekt der Risikobereitschaft zur Gründung ebenso, wie eine mit steigendem Alter abnehmende physische Belastbarkeit. Grundsätzlich sind zwar auch Gründungen von jüngeren Personen, z.B. in den kammerlosen Freien Berufen, möglich und auch ältere Personen mit einem Erfahrungsschatz aus dem Berufsleben, einem entsprechenden Vermögenshintergrund und vorhandenen sozialen Kontakten, sind nicht ausgeschlossen, doch ist dies nicht für den überwiegenden Teil der freiberuflichen Gründungen anzunehmen. Vielmehr ist von einer konkaven Entwicklung des Altersprofils bei den freiberuflichen Gründern auszugehen. Die Annahme wird durch empirische Studien bestätigt. So zeigt sich ein nichtlinearer Effekt auf die Wahrscheinlichkeit einer selbständigen, aber auch freiberuflichen Gründung (vgl. Brüderl, Preisendörfer und Ziegler 1996; Merz und Paic 2003). Daraus kann im jüngeren Alter eine flach verlaufende Kurve angenommen werden, die mit einem höheren Alter ansteigt und schließlich nach überschreiten eines Grenzwertes wieder abnimmt. Dahinter steht die Vermutung einer konkaven Entwicklung des Altersprofils bei den freiberuflichen Gründern (vgl. Kap. 3.3.7). H1 Aktivität: Das Alter der Person hat einen nichtlinearen Einfluss auf die freiberufliche Gründungswahrscheinlichkeit. Demnach weißt ein mittleres Alter einen positiven, ein junges und ein hohes Alter einen negativen Einfluss auf. Wie aus den bisherigen empirischen Ergebnissen zu entnehmen ist, wird der Gang in die Selbständigkeit vornehmlich von männlichen Personen angetreten. Frauen zeigen sich bei den Unternehmensgründungen gegenüber den Männern als unterrepräsentiert (vgl. Uhly 2000). Zum Geschlechterverhältnis liegen primäre Studien zu den Gründungsaktivitäten in den Freien Berufen vor. In den Studien von Merz und Paic (2003) sowie Simon (2002) wird ein Übergewicht der männlichen Gründer auch in den Freien Berufen festgestellt. Allerdings liegt Theorien der Gründungsforschung 123 der Anteil der Frauen bei den freiberuflichen Gründern höher als bei den Unternehmensgründern (vgl. Merz und Paic 2003). Trotz des höheren Anteils weiblicher Gründer in den Freien Berufen gegenüber den Selbständigen insgesamt, überwiegen letztlich die männlichen Gründer auch in den Freien Berufen numerisch. Allerdings konnte kein Einfluss des Geschlechtes auf die Wahrscheinlichkeit einer freiberuflichen Gründung festgestellt werden (Merz und Paic 2003). Daher ist auch für diese Untersuchung nicht von einem positiven Einfluss des männlichen Geschlechts auf die freiberufliche Gründungswahrscheinlichkeit auszugehen. H2 Aktivität: Frauen haben gegenüber den Männern die gleiche freiberufliche Gründungswahrscheinlichkeit. Über den Einfluss der Staatsbürgerschaft einer Person lassen sich aus den vorliegenden empirischen Arbeiten kaum Erkenntnisse auf die Wahrscheinlichkeit einer Gründungsaktivität ableiten (vgl. Simon 2002; Uhly 2000). Vielmehr zeigen sich die Gründer mit einer ausländischen Staatsbürgerschaft in den zugrunde liegenden Stichproben als unterrepräsentiert (vgl. Uhly 2000). Ein positiver Einfluss zeigt sich in den Studien ausschließlich bei Merz und Paic (2003). Hier ergab sich eine höhere Wahrscheinlichkeit auf die freiberufliche Gründungsaktivität, sofern der Gründer eine ausländische Staatsbürgerschaft hatte und der Ehepartner im Ausland weilte. In den übrigen Studien konnten keine Effekte, bei einer isolierten Betrachtung der Staatsangehörigkeit, auf die Wahrscheinlichkeit einer Gründungsaktivität festgestellt werden. Vor diesem Hintergrund ist auch für die freiberufliche Gründungsaktivität kein Einfluss der Nationalität auf die Gründungswahrscheinlichkeit zu erwarten. H3 Aktivität: Die Nationalität hat keinen Einfluss auf die freiberufliche Gründungswahrscheinlichkeit. Nach der Hypothesenbildung zu den demografischen Merkmalen werden folgend zwei personenbezogene Hypothesen über die subjektive Einschätzung der Gesundheitszufriedenheit und Arbeitszufriedenheit von freiberuflichen Gründerpersonen gebildet. Ohne eine optimale physische Voraussetzung wird wohl keine Person die Herausforderung einer Gründung auf sich nehmen. Daher kann für die freiberuflichen Gründer angenommen werden, dass sie sich im Allgemeinen einer eher guten Gesundheit erfreuen und ihr subjektives Gesundheitsempfinden eher positiv beurteilen. Allerdings erweist es sich als äußerst fragwürdig einen solchen Gesundheitsstatus ausschließlich den freiberuflichen Gründern zuzusprechen. Weder Angestellte, Arbeiter oder Beamte dürften ihren Beruf ohne eine entsprechende physische Voraussetzung erfüllen (vgl. Merz und Paic 2003; Pfeiffer 1994). So ist sowohl bei den freiberuflichen Gründern als auch bei den übrigen Personen von einer subjektiv eher höheren Zufriedenheit mit der Gesundheit auszugehen. Vor diesem Hintergrund ist von einem subjektiv eher positiven 124 Theorien der Gründungsforschung Gesundheitsempfinden der Personen kaum ein entscheidender Einfluss auf die freiberufliche Gründungsaktivität zu erwarten. H4 Aktivität: Eine subjektiv positive Einschätzung der Gesundheitszufriedenheit hat keinen Einfluss auf die freiberufliche Gründungswahrscheinlichkeit. Landläufig wird als Motivation für eine Gründung eine gewisse Unzufriedenheit der Gründungsperson mit dem Status Quo vor der Gründung unterstellt (vgl. Simon 2002). Diese Unzufriedenheit äußert sich dennoch offensichtlich nicht in einer vorherigen Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen. Im Gegenteil, sowohl in den empirischen Ergebnissen der Studien zu den Selbständigen (Pfeiffer 1994) als auch zu den Freiberuflern (Merz und Paic 2003) konnte kein signifikanter Einfluss zwischen einer hohen Arbeitszufriedenheit und einer Gründungsaktivität festgestellt werden. So ergab sich für alle untersuchten berufstätigen Personen eine tendenziell höhere subjektive Zufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen. Zwar konnte primär zu den Freien Berufen im Jahr vor ihrer Gründung eine subjektiv höhere Arbeitszufriedenheit festgestellt werden, doch traf dieser Umstand auch auf die anderen erwerbstätigen Gruppen zu (Merz und Paic 2003). Demzufolge ist für die freiberufliche Gründungsaktivität eher von einem fehlenden Einfluss einer subjektiv positiven Arbeitszufriedenheit auf die Gründungswahrscheinlichkeit auszugehen. H5 Aktivität: Eine subjektiv positive Einschätzung der Arbeitszufriedenheit hat keinen Einfluss auf die freiberufliche Gründungswahrscheinlichkeit. Aus den personenbezogenen Annahmen folgt die Hypothesenbildung zum mikro-sozialen Umfeld der Gründerperson. Dies umschließt die Ableitung von Annahmen über den Einfluss des Familienstandes, der Kinder im Haushalt, der Personen im Haushalt sowie des jährlichen Haushaltseinkommens auf die Wahrscheinlichkeit einer freiberuflichen Gründungsaktivität. Aus den Ergebnissen der vorgestellten Studien konnte bisher kein Wirkungszusammenhang zwischen dem Familienstand und einer Gründungsaktivität nachgewiesen werden. Einzige Ausnahme ist die Studie von Simon (2002), welche einen positiven Einfluss eines ledigen Familienstandes auf eine freiberufliche Existenzgründung feststellte. Darüber hinaus sind aus dem mikro-sozialen Umfeld keine empirischen Nachweise über den Einfluss von Kindern oder der Anzahl von Personen im Haushalt auf das Gründungsverhalten bekannt (vgl. Merz und Paic 2003). Da diese Erkenntnisse aus den Ergebnissen einer primär auf die Freien Berufe ausgerichteten Studie stammen, werden diese Annahmen auf die vorliegende Untersuchung zur Gründungswahrscheinlichkeit übertragen. H6 Aktivität: Ein verheirateter Familienstand hat einen negativen Einfluss auf die freiberufliche Gründungswahrscheinlichkeit. Theorien der Gründungsforschung 125 H7 Aktivität: Kinder im Haushalt haben keinen Einfluss auf die freiberufliche Gründungswahrscheinlichkeit. H8 Aktivität: Die Anzahl der Personen im Haushalt hat keinen Einfluss auf die freiberufliche Gründungswahrscheinlichkeit. In der Studie von Merz und Paic (2003) konnte ein signifikanter Zusammenhang zwischen dem Haushaltseinkommen und einer freiberuflichen, als auch einer selbständigen, Gründungswahrscheinlichkeit festgestellt werden. Dabei beeinflusste ein höheres Haushaltseinkommen die Wahrscheinlichkeit für eine Gründungsaktivität positiv. Die empirischen Ergebnisse erscheinen plausibel, da sowohl eine originäre, als auch eine derivative Gründung einer gewissen Kapitalausstattung bedürfen. Den Haushalten mit einem höheren Einkommen sollte die Bereitstellung des erforderlichen Kapitals wesentlich leichterfallen als Haushalten mit einem geringeren Einkommen. Die Ergebnisse decken sich zudem mit den humankapitaltheoretischen Annahmen der Selektionseffekte (vgl. Kap. 3.3.3). Dabei wird Haushalten mit einem höheren Bildungsstand auch ein höheres Einkommen unterstellt. Vor diesem Hintergrund können freiberufliche Gründer ihr Vorhaben finanziell besser ausstatten aber auch besser umsetzten. Bestätigt werden diese Annahmen in den Untersuchungen von Simon (2002) und Pfeiffer (1994). In Verbindung mit den humankapitaltheoretischen Annahmen der Selektionseffekte erscheint ein höheres Haushaltseinkommen förderlich für die Wahrscheinlichkeit einer freiberuflichen Gründungsaktivität. H9 Aktivität: Ein höheres Haushaltseinkommen hat einen positiven Einfluss auf die freiberufliche Gründungswahrscheinlichkeit. Darüber hinaus werden in diesem Abschnitt, wenn auch formal eher dem Abschnitt der umfeldbezogenen Determinanten zuzuordnen, Hypothesen über den geografischen Einfluss gebildet. Aus den bisherigen Studien zum Zusammenhang des geografischen Umfeldes und einer Gründungsaktivität kann auf erste sich abzeichnende Regeln aus den Arbeiten von Simon (2002), sowie Merz und Paic (2003), zurückgegriffen werden. Demnach hat die geografische Herkunft aus den ostdeutschen Bundesländern einen negativen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit einer Gründung. Die These erscheint auch plausibel vor dem Hintergrund der schwächeren ostdeutschen Wirtschaftskraft und der damit verbundenen Nachfrage von Dienstleistungen der Freiberufler. So ist von einem negativen Einfluss auf die freiberufliche Gründungsaktivität bei einer regionalen Herkunft aus Ostdeutschland auszugehen. H10 Aktivität: Eine regionale Herkunft aus Ostdeutschland hat einen negativen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit einer freiberuflichen Gründung. Aus den humankapitaltheoretischen Überlegungen und empirischen Ergebnissen vorangegangener Studien werden Hypothesen zum allgemeinen spezifischen und unternehmerischen Humankapital gebildet. 126 Theorien der Gründungsforschung Unter der Annahme von Selektionseffekten vor der Gründung aus der Allgemeinen Humankapitaltheorie werden Personen mit einem höheren Humankapital bessere Erfolgsaussichten eingeräumt (vgl. Pfeiffer 1994), da sie zum einen über eine bessere finanzielle Ausstattung verfügen und zum anderen durch ihre vorherige berufliche Position wichtige Praxiserfahrungen gesammelt haben. Dadurch können sie ihre Gründung besser finanziell ausstatten und verfügen über Informationen in dem spezifischen Markt. Mit einer höheren Bildung kann es ihnen zudem leichter fallen die Gründung vorzubereiten und ihre Erfolgschancen besser abzuschätzen. Diese theoretischen Annahmen der Humankapitaltheorie werden durch mehrere empirische Untersuchungen bestätigt (Merz und Paic 2003; Simon 2002; Brüderl, Preisendörfer, Ziegler 1996; Pfeiffer 1994) und können daher als valide betrachtet werden. Angenommen wird ein positiver Einfluss einer höheren Schulausbildung, einer höheren Berufsbildung, sowie eines Hochschulabschlusses auf die Wahrscheinlichkeit einer freiberuflichen Gründung. H11 Aktivität: Eine höhere Schulausbildung hat einen positiven Einfluss auf die freiberufliche Gründungswahrscheinlichkeit. H12 Aktivität: Eine höhere Berufsbildung hat einen positiven Einfluss auf die freiberufliche Gründungswahrscheinlichkeit. H13 Aktivität: Ein Hochschulabschluss hat einen positiven Einfluss auf die freiberufliche Gründungswahrscheinlichkeit. Auf Grundlage der spezifischen Humankapitaltheorie lassen sich weitere Selektionseffekte im freiberuflichen Gründungsumfeld spezifizieren. So kann eine vorhergehende berufliche Tätigkeit die Umsetzung einer freiberuflichen Gründung erleichtern. Die Person verfügt neben einer finanziellen Basis über praktische Berufserfahrungen, wie beispielsweise aus kaufmännischen oder buchhalterischen Tätigkeiten. Ebenso kann angenommen werden, dass die Person aus dem vorhergehend ausgeübten Beruf über spezifische aktuelle Informationen zum Marktgeschehen verfügt oder Kenntnisse und Fähigkeiten zum Führungsverhalten sowie betriebliche Organisationserfahrungen gesammelt hat (vgl. Kap. 3.3.3, Brüderl, Preisendörfer und Ziegler 1996). Unter diesen Voraussetzungen kann die Umsetzung eines Gründungsvorhabens wesentlich erleichtert werden und sollte sich förderlich auf eine freiberufliche Gründungswahrscheinlichkeit auswirken. Gestützt wird diese Annahme zusätzlich durch die allgemeinen personenbezogenen Annahmen zum Alter der Gründer, wonach eine Gründung erst im höheren Alter nach einschlägigen praktischen Berufserfahrungen vorgenommen wird (vgl. H1Aktivität). In der Gesamtschau sollte von einer vorhergehenden Berufserfahrung ein positiver Effekt auf die Wahrscheinlichkeit einer freiberuflichen Gründung ausgehen. Diese Annahme, auf den Selektionseffekten des spezifischen Humankapitals beruhend, lässt sich noch gezielter auf die freiberufliche Gründungsaktivität konzeptualisieren. Der Einfluss einer vorhergehenden Berufserfahrung auf die Wahrschein- Theorien der Gründungsforschung 127 lichkeit einer freiberuflichen Gründung sollte sich verstärken, sofern die Berufserfahrung in einem Umfeld gesammelt wird, das dem der freiberuflichen Charakteristika sehr nahe kommt. So dürfte die Wahrscheinlichkeit bei einer vorhergehenden Angestelltentätigkeit für eine freiberufliche Gründung größer sein als bei einer vorhergehenden Tätigkeit als Arbeiter. Ebenso ist bei einer vorhergehenden Selbständigkeit von einem positiven Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit einer freiberuflichen Gründung anzunehmen, da die Person bereits über unternehmensspezifisches Humankapital verfügt (vgl. Kap. 3.3.3). Empirisch gestützt werden diese Annahmen aus den Ergebnissen von Merz und Paic (2003) sowie Fritsch (1994). Fritsch konnte in der für die Freien Berufe relevanten Gruppe der Dienstleistungen einen positiven Einfluss auf die Gründungsaktivität durch höher qualifizierte Angestellte feststellen (vgl. Fritsch 1994). Merz und Paic (2003) kommen in ihrer Studie zu einem signifikanten Wirkungszusammenhang einer freiberuflichen Gründung und einer vorhergehenden selbständigen Tätigkeit. Dabei wird die Wahrscheinlichkeit einer freiberuflichen Gründung durch eine vorhergehende Selbständigkeit begünstigt (vgl. Merz und Paic 2003). Vor dem Hintergrund der Qualifizierung und dem Sammeln erster Berufserfahrungen ist für die freiberuflichen Gründungen ein positiver Einfluss von einer vorhergehenden Tätigkeit als Angestellter oder Selbständiger bei den freiberuflichen Gründungen anzunehmen. Gegenteilig zeigen sich die Annahmen einer vorhergehenden Tätigkeit als Arbeiter. Letztlich lassen sich drei spezifisch auf das freiberufliche Gründungsumfeld bezogene Hypothesen ableiten. H14 Aktivität: Eine vorhergehende nicht Erwerbstätigkeit hat einen negativen Einfluss auf die freiberufliche Gründungswahrscheinlichkeit. H15 Aktivität: Eine vorherige berufliche Tätigkeit als Arbeiter hat einen negativen Einfluss auf die freiberufliche Gründungswahrscheinlichkeit. H16 Aktivität: Eine vorhergehende selbständige Tätigkeit hat einen positiven Einfluss auf die freiberufliche Gründungswahrscheinlichkeit. Insgesamt ergeben sich für das Untersuchungsmodell der Gründungsaktivität 16 Hypothesen. Eine Übersicht der Hypothesen zum Untersuchungsmodell der Gründungsaktivität und der vermuteten Einflussrichtungen findet sich zum Schluss des Kapitels. Es folgt die Hypothesenbildung zum Überlebensmodell des Gründungserfolgs der Freien Berufe. 3.6.2 Hypothesen zum Gründungserfolg des Überlebens Das Überleben einer freiberuflichen Gründung über eine Periode von drei Jahren gilt als Kriterium für den Erfolg (vgl. Kap. 3.5). Im Folgenden werden Hypothesen über den Einfluss der Determinanten auf die Wahrscheinlichkeit des Überle-

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Die Arbeit verfolgt die theoretische, methodische und empirisch fundierte Analyse des freiberuflichen Gründungsgeschehens. Um die Fragestellung “Welche Determinanten beeinflussen die Gründungsaktivität und den Gründungserfolg von Freiberuflern?“ wird das Spektrum über die Phasen vor der Gründung bis zur Etablierung der freiberuflichen Tätigkeit am Markt erfasst.

Auf Grundlage des SOEP-Panels und einer Onlineerhebung tragen die Ergebnisse zu einem Erkenntnisgewinn des freiberuflichen Gründungsgeschehens bei. Gewürdigt wird dabei insbesondere die Praxis mit vielen neuen Ergebnissen aus den empirisch neu gewonnenen Daten zum Gründungsgeschehen der Freien Berufe.

Dr. Peter Paic studierte BWL und Ökonomie in Hamburg. 2008 Promotion an der Leuphana Universität Lüneburg. Zurzeit ist er Referent im Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik (LDS NRW) in Düsseldorf.