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Peter Paic, Zwischenfazit zu den empirischen Untersuchungen in:

Peter Paic

Gründungsaktivität und Gründungserfolg von Freiberuflern, page 112 - 115

Eine empirische Mikroanalyse mit dem Sozio-ökonomischen Panel

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4112-3, ISBN online: 978-3-8452-1348-4 https://doi.org/10.5771/9783845213484

Series: FFB - Schriften des Forschungsinstituts Freie Berufe der Leuphana Universität Lüneburg, vol. 17

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112 Theorien der Gründungsforschung der hohen Gründungsrate der Freiberufler aus der Selbständigkeit. Dieser Aspekt soll im Kapitel zur SOEP Datenbasis aufgenommen und vertieft werden. 3.4.2 Zwischenfazit zu den empirischen Untersuchungen Betrachtet man die Auswahl der vorgestellten empirisch gestützten Studien aus der letzten Dekade, so überzeugen insbesondere die jüngeren Studien zum Gründungsgeschehen mit einer theoretischen und empirischen Fundierung, sowie methodisch gehaltvollen statistischen Auswertungsverfahren. Wenn auch in der Gesamtschau, neben den hier vorgestellten Untersuchungen, doch noch die empirisch akzentuierten Arbeiten gegenüber den theoretisch fundierten Arbeiten überwiegen, so ist doch in den jüngsten Studien ein deutlicher Trend zu einer theoriegeleiteten Auseinandersetzung in der Gründungsforschung erkennbar. In den vorgestellten Studien werden unterschiedlich anspruchsvolle statistische Analyseverfahren der modernen Mikroökonomie eingesetzt. Das Repertoire reicht von einfachen und multivariaten Regressionen über Logit- und Probit- Modelle bis hin zu panelökonometrischen Ansätzen (vgl. Tab. 12). Dennoch stellen im Gesamtbild der Forschungsdisziplin schlichte Grundauszählungen und bivariate Analysen, welche Zusammenhänge zwischen zwei Variablen isoliert von den sonstigen Variablen betrachten, keine Seltenheit dar (vgl. Brüderl, Preisendörfer und Ziegler 1996). Darüber hinaus sind viele Untersuchungen auch von methodischen Mängeln wie heterogene Populationen oder kleinen nicht repräsentativen Stichproben geprägt (vgl. Schulte 2002). Insgesamt ist in der deutschsprachigen Gründungsforschung ein verstärkter Trend zur theoriegeleiteten Auseinandersetzung festzustellen. Als problematisch erweist sich dabei eine oftmals fehlende „konzeptionell“ geführte theoriegeleitete Auseinandersetzung. Dies führt auch bei einem großen Teil der vorgestellten Studien zu Problemen, da sich die Ergebnisse der Studien nur schwer miteinander vergleichen lassen oder sogar zu untereinander widersprechenden Aussagen führen. Die Tabelle 12 gibt einen Überblick zur Auswahl empirischer Untersuchungen im Zeitraum zwischen 1994 und 2003. Die Studien werden nach ihrem Datensatz und der Stichprobe, den endogenen Variablen, den exogenen Variablen und der ökonometrischen Methode verglichen. Eine Übersicht vorhergehender empirischer Studien zur Existenzgründung findet sich bei Pfeiffer (1994), eine Übersicht aktueller Studien bei Schulte (2002). Aus den Ergebnissen der vorliegenden Studien lassen sich zahlreiche wiederkehrende Regeln zur Gründungsaktivität und zum Gründungserfolg erkennen. Einige dieser empirisch belegten Regelhaftigkeiten lassen sich plausibel auf das freiberufliche Gründungsgeschehen übertragen. Darüber hinaus kann insbesondere auf die Erkenntnisse der beiden freiberuflichen Studien zum Gründungsgeschehen zurückgegriffen werden. Folgend werden die für das freiberufliche Gründungsgeschehen übertragbaren Erkenntnisse aus den vorgestellten Studien zusammengefasst. Theorien der Gründungsforschung 113 Tabelle 12: Übersicht und Vergleich empirischer Studien zum Gründungsgeschehen von 1994 bis 2003 Autor Zeitraum/ Zeitpunkt Datensatz, Stichprobe Endogene Variable der ökometrischen Methode Exogene Variablen der ökometrischen Methode Ökometrische Ansätze Fritsch (1994) 1986- 1989 Beschäftigungsstatistik Bundesanstalt für Arbeit Westdeutschland Relative Bedeutung für die Gründungsrate Anzahl der Beschäftigten zum Gründungszeitpunkt, Humankapital der Gründer Korrelation, Regression Pfeiffer(1996) 1984- 1989 SOEP, Westdeutschland (deutsch, 25 bis 60 Jahre und männlich) Gründungsaktivität, Wahrscheinlichkeit einer selbst. Tätigkeit, Vergleiche zw. Selbständigen und abh. Beschäftigten Alter, Arbeitszufriedenheit, Berufserfahrung, Schulausbildung, Berufsausbildung Likelihood- Ansatz Brüderl, Preisendörfer, Ziegler (1996) 1985- 1986 (1990 befragt) Münchner Gründerstudie, Gewerbeanmeldungen der IHK München/ Oberbayern Überlebenswahrscheinlichkeit, Beschäftigtenentwicklung, Wiederholungsabsicht Alter, Schulausbildung, Branchenerfahrung, Anzahl der Beschäftigten Korrelation, Probit- Modell Heil (1997) 1992- 1995 Eigene Befragung, Daten der DtA- Panelerhebungen Entwicklung der Gründungen, Gründungserfolg differenziert nach Geschlecht, Branche und Region Umsatz, Beschäftigung Umsatzproduktivität, Investitionen Deskription, Korrelation, Regression Wanzenböck (1998) 1990- 1995 Telefonische Befragung 363 österreichischer Unternehmen (gegr.1990) Wachstumsentwicklung, Überlebenswahrscheinlichkeit, Beschäftigte Geschlecht, Alter, Branchenerfahrung, Standort, Kammerbezirk, Gründungsart Cox- Regression, multivariate Regression Heil (1999) 1992- 1996 Eigene Befragung, Daten der DtA- Panelerhebungen wachstumsstärke der Unternehmen Gewinn, Geschlecht, Partner, Familie, Nutzung von Informationstechniken Deskription. Korrelation, Regression Uhly (2000) 1984- 1997 SOEP 1.Ein- und Austrittschancen in die Selbständigkeit 2.Stabilität der Selbständigkeit 1. Alter, vorh. Arbeitslosigkeit, berufliche Stellung des Vaters 2. Alter, vorherige Tätigkeit, Berufsabschluss Logistische Regression Simon (2002) 1990- 1997 SOEP Wahrscheinlichkeit der Existenzgründung Alter, Arbeitszeit, Geschlecht, Familienstand, Humankapital, Zufriedenheit Korrelation, Regression Merz, Paic (2003) 1991- 2001 SOEP, 1500 Selbständige davon 459 Freiberufler Wahrscheinlichkeit und Bestimmungsfaktoren einer Existenzgründung von Freiberuflern und Selbständigen Merkmale der Person, mikro-soziales Umfeld, Humankapital. Deskription, multivariate Regression Quelle: Eigene Tabelle. 114 Theorien der Gründungsforschung Im Kontext der freiberuflichen Gründungsaktivität ist aus den demografischen Erkenntnissen von einem mittleren Alter der Gründerperson auszugehen. Dies begründet sich insbesondere durch eine längere schulische Ausbildung und grö- ßere Berufserfahrung der freiberuflichen Gründer aus den vorliegenden Studien (vgl. Merz und Paic 2003; Simon 2002; Pfeiffer 1994; Brüderl, Preisendörfer und Ziegler 1996). Dieser Effekt zeigt sich sowohl in den Studien zu den selbständigen als auch bei den freiberuflichen Gründern. Gründungsaktivitäten werden überwiegend von männlichen Gründern vollzogen. Dies gilt sowohl für die Unternehmensgründungen als auch für die freiberuflichen Gründungen (vgl. Merz und Paic 2003; Simon 2002; Uhly 2000). Deutlich unterpräsentiert zeigen sich in den Studien die Anteile ausländischer Gründer. Mit einer Ausnahme von Merz und Paic (2003) konnten keine Effekte auf die Gründungsaktivität festgestellt werden (vgl. Simon 2002; Uhly 2000; Heil 1999; Wanzenböck 1998). Ohne signifikanten Einfluss auf die Gründungsaktivität zeigte sich in den bisherigen Studien (mit Ausnahme von Simon 2002) die Arbeitszufriedenheit. Vielmehr konnte bei den Erwerbstätigen als auch bei den Gründern eine relativ hohe Arbeitszufriedenheit festgestellt werden (vgl. Merz und Paic 2003; Pfeiffer 1994). Ein positiver Effekt für die Wahrscheinlichkeit einer Gründungsaktivität zeigte sich in einigen Studien bei einem ledigen Familienstatus (vgl. Merz und Paic 2003; Simon 2002). Weitere Einflüsse des Familienstandes auf die Gründungsaktivität wurden in den vorliegenden Studien nicht festgestellt. Dies gilt auch für die Anzahl der Kinder und Personen im Haushalt. Empirisch gefestigt wurden die theoretischen Annahmen aus der Humankapitaltheorie (vgl. Kap. 3.3). Ein Großteil der empirischen Studien bestätigt die Annahmen der Selektionseffekte aus dem allgemeinen Humankapital bis hin zum Modell des branchenspezifischen Humankapitals (vgl. Merz und Paic 2003; Simon 2002; Uhly 2000; Brüderl, Preisendörfer und Ziegler 1996; Pfeiffer 1994; Fritsch 1994). Bei der regionalen Differenzierung zwischen West- und Ostdeutschland wurden signifikante Ergebnisse auf die Wahrscheinlichkeit einer Gründungsaktivität in den Studien von Merz und Paic (2003) sowie Heil (1997) festgestellt. Demnach beeinflusst die wirtschaftliche Prosperität Westdeutschlands die Gründungsaktivitäten positiv, während für Ostdeutschland ein negativer Einfluss festgestellt wurde. Neben den wiederkehrenden Einflussgrößen zur Gründungsaktivität weisen die Studien auch auf eine Reihe von Regelhaftigkeiten zum Gründungserfolg im freiberuflichen Umfeld hin. Demnach wird der Gründungserfolg insbesondere durch Gründerinnen negativ beeinflusst, dies äußerte sich in einer geringeren Überlebenschance der Gründerinnen (vgl. Wanzenböck 1998) oder einem geringeren Wirtschaftswachstum der Unternehmen im Vergleich zu den Männern (vgl. Heil 1999). Theorien der Gründungsforschung 115 Bestätigt werden aus den Ergebnissen der vorliegenden Studien die Annahmen aus der Humankapitaltheorie für den Gründungserfolg. So werden Gründern mit einer höheren Humankapitalausstattung bessere Chancen auf einen Gründungserfolg unterstellt. Als positive Einflussgröße auf das Überleben einer Gründung zeigt sich u.a. eine langjährige Branchenerfahrung (vgl. Brüderl, Preisendörfer und Ziegler 1996). Wanzenböck (1998) kommt gar zu dem Schluss, dass die Überlebenswahrscheinlichkeit in der Frühentwicklung des Unternehmens ausschließlich durch das personenbezogene Humankapital bestimmt wird. Bestätigt werden die Annahmen zum Gründungserfolg aus der Organisations- ökologie. In der Studie von Heil (1999) weisen derivative Gründungen einen höheren, aber weniger stark wachsenden, Ertrag als originäre Gründungen auf. Der Zenit der Unternehmensaufgaben ist nach drei Jahren erreicht (vgl. Wanzenböck 1998). Wie zur Gründungsaktivität gibt es auch für die Wahrscheinlichkeit des Gründungserfolges regional signifikante Einflussgrößen. So weisen die ostdeutschen Gründer gegenüber den westdeutschen Gründern einen negativen Effekt auf die Erfolgschancen einer Gründung auf (Heil 1997). Insgesamt finden die Freien Berufe als ein Teil der Selbständigengruppe bisher nur eine geringe Beachtung in den wissenschaftlichen Untersuchungen der Gründungsforschung. Empirische Studien zu diesem Themenbereich sind bisher die Ausnahme. Als eine Teilgruppe der Selbständigen werden die Freien Berufe in dem überwiegenden Teil der Untersuchungen nicht weiter differenziert. Meist werden die Selbständigen als homogene Gruppe verstanden (mit Ausnahme von Uhly (2002), welche die Selbständigen in Sub-Gruppen nach der Qualifikation der Tätigkeit und Selbständige als Arbeitgeber unterteilt). Explizit theoretisch und empirisch fundierte Untersuchungen zum Gründungsgeschehen der Freien Berufe gibt es bis auf die Arbeiten von Simon (2002) und Merz und Paic (2003) nicht. D.h. für eine dementsprechende Analyse müssen auch Kriterien für den Gründungserfolg und der Gründungsaktivität auf die Situation der Freien Berufe übertragen und entwickelt werden. Dennoch zeigten sich aus den vorgestellten Untersuchungen erste Regelhaftigkeiten und Ergebnisse, welche sich auch auf das freiberufliche Gründungsgeschehen übertragen lassen. Insbesondere die Ergebnisse zu den personenbezogenen Regelhaftigkeiten helfen die theoriegeleiteten Annahmen zum freiberuflichen Gründungsgeschehen zu ergänzen. Darüber hinaus zeichnet sich aus den Arbeiten von Simon (2002) sowie Merz und Paic (2003) ein erstes Bild freiberuflicher Charakteristika ab. 3.5 Erfolgsindikatoren Die Messung des Erfolges von freiberuflichen Gründungsaktivitäten und des Gründungserfolges wird in diesem Kapitel zu den Erfolgsindikatoren spezifi-

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Zusammenfassung

Die Arbeit verfolgt die theoretische, methodische und empirisch fundierte Analyse des freiberuflichen Gründungsgeschehens. Um die Fragestellung “Welche Determinanten beeinflussen die Gründungsaktivität und den Gründungserfolg von Freiberuflern?“ wird das Spektrum über die Phasen vor der Gründung bis zur Etablierung der freiberuflichen Tätigkeit am Markt erfasst.

Auf Grundlage des SOEP-Panels und einer Onlineerhebung tragen die Ergebnisse zu einem Erkenntnisgewinn des freiberuflichen Gründungsgeschehens bei. Gewürdigt wird dabei insbesondere die Praxis mit vielen neuen Ergebnissen aus den empirisch neu gewonnenen Daten zum Gründungsgeschehen der Freien Berufe.

Dr. Peter Paic studierte BWL und Ökonomie in Hamburg. 2008 Promotion an der Leuphana Universität Lüneburg. Zurzeit ist er Referent im Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik (LDS NRW) in Düsseldorf.